Written by: Buddha-boy & Liz Evans


Was bisher geschah:


„Die haben Jesse…“

- „Das ganze Zimmer ist weiß. Der Boden, die Wände, die Decke… alles. Und es gibt keine Fenster und Türen… ich weiß nicht mal welche Tageszeit draußen herrscht.“

- „Es ist dieselbe Situation, Maria, nur dass wir diesmal Jesse holen gehen. Ich werde zu dir zurückkommen, so wie ich es immer mache.“

- „Wir werden Cal um Hilfe bitten.“

- „Utah? Er ist in Utah?“

- „Also schön. Dann packen wir besser zusammen. Auf nach Utah.“





Der Himmel schimmerte blutrot, als die Sonne im Westen von Utah unterging. Auch der 14. Januar ging langsam dem Ende zu. Die Dunkelheit hüllte den SUV und die Insassen schnell ein. Weder die untergehende Sonne, noch die frischere Luft wurden von den Mitfahrern registriert. Eben hatten sie die Staatsgrenze von Idaho nach Utah überquert und näherten sich immer mehr ihrem Ziel. Müde, hungrig und erschöpft saßen sie zusammengekauert auf ihren Plätzen und schwiegen die meiste Zeit. Angst schimmerte in ihren Augen. Jeder hatte andere Gründe… Isabel sorgte sich um ihren Ehemann, weil er gefangen war. Liz sorgte sich um ihren, weil er gefangen genommen werden konnte. Maria wollte ihren Freund in Sicherheit wissen. Jeden plagte ein anderer Gedanke, doch keiner äußerte ihn, zumindest nicht im Moment.

„Was denkst du wie weit es noch ist?“ wollte Michael von Max wissen, der neben ihm saß und den Wagen steuerte. Weit und breit war nichts weiter zu erkennen, als die Steppe. Die Umgebung erinnerte sie an Roswell und löste einen bekannten Herzschmerz aus. Ihr zu Hause war nur eine Grenze weiter und ihre Familien ebenfalls. Auf dem Weg nach Hause hätten sie theoretisch sogar das Four Corners überqueren können. ´

„Wir müssten bald den Great Salt Lake erreichen, Cal meinte der Stützpunkt sei nicht weit von ihm entfernt.“ Sie fuhren nun schon seit dem Morgen auf dem Highway in Richtung Süden. Sie hatten innerhalb von zehn Stunden nur zweimal gehalten. Zwei Pausen um auf die Toilette zu gehen und den Tank des Wagens zu füllen. Sie hatten noch nicht einmal so lange gehalten, dass sie sich die Beine vertreten konnten. Maria schmerzten die Füße und Ava bekam Rückenschmerzen von dem dauernden aufrecht Sitzen. Wieder saß sie vorne zwischen den zwei Männern und fühlte sich unwohl.

„Der See ist noch etwa 55 Meilen von uns entfernt. Und er sieht etwa…“, Michael studierte die Karte etwas aufmerksamer, „…80 Meilen lang aus. Wie brauchen also noch eine Weile“, stellte er fest und legte die Karte zur Seite. „Es wird Nacht sein, wenn wir ankommen.“

Sie schwiegen für eine ungewisse Zeit. Inzwischen waren die Temperaturen unter den Gefrierpunkt gefallen und ließen ab und zu einen Schauer durch den Wagen fahren. Liz warf einen Blick auf ihre Uhr und stellte plötzlich fest, dass Maria in einer Woche Geburtstag haben würde. Wo sie wohl sein würden und ob sie ihren Geburtstag feiern konnten? Sie schüttelte leicht den Kopf und versuchte etwas in ihrer Umgebung zu erkennen. Sie konnte nur aus der Windschutzscheibe sehen und sah nicht viel mehr als die dünnen Schneeflocken, die nun zu Boden fielen.

„Wie sollen wir vorgehen?“ meinte Max schließlich zu Michael, als sie am Salt Lake vorbeifuhren. Er wollte diesmal nichts beschließen ohne seinen Rat hinzuzuziehen.

„Du weißt, wie ich vorgehen will“, erwiderte dieser und ignorierte das Schnauben von Isabel auf dem Rücksitz.

„Michael, wir haben abgestimmt. Wir sollten uns auf die Rettung konzentrieren“, forderte Max ihn auf. Seine Stimme klang zwar ruhig, besaß aber gleichzeitig auch einen bestimmenden Ton. Es war keine Zeit für Zweifel und er musste sich bei dieser Aktion auf seinen besten Freund verlassen können. „Ich muss auf dich zählen können.“

„Das kannst du“, versicherte Michael ihm und zeigte in die Ferne. In der Dämmerung konnte man kaum etwas erkennen, aber Max fuhr langsam, da sie glaubten die Scheinwerfer eines Wagens sehen zu können.

„Könnte das Cal sein?“ fragte Ava und verengte die Augen zu dünnen Schlitzen. „Theoretisch müsste er schon längst da sein.“

„Wir sollten trotzdem vorsichtig sein“, warnte Max. Er löschte seine Lichter und fuhr immer langsamer auf das Objekt zu. „Kannst du einen Mindwarp aufstellen? Für alle Fälle“, wollte Max wissen und warf einen kurzen Blick zu ihr.

Ava schloss daraufhin die Augen und konzentrierte sich auf ihre Kräfte. Sie wusste nicht wie viele Personen sich in der Ferne aufhielten, also musste sie sich auf alles gefasst machen. Sie beugte sich etwas vor und fasste an das Armaturenbrett. Ihren Augenbrauen schob sie konzentriert zusammen.

„Was machst du da?“ meldete sich Isabel diesmal zu Wort.

„Ich lassen den Wagen für alle in der Umgebung unsichtbar werden“, erklärte Ava schlicht. Nach wenigen Minuten, waren sie am Ziel angekommen und erkannten Cal, der an der Wagenhaube lehnte und eine Zigarre rauchte.

„Die Luft ist rein Ava, du kannst aufhören“, äußerte sich Kyle, der sich mit Avas Kräften noch immer nicht anfreunden konnte.

Alle stiegen aus. Es hatte schon längst wieder aufgehört zu schneien und die letzte dünne Schicht schmolz weg.

„Schätzchen, deine Kräfte lassen nur meine Kopfhaut jucken, aber mehr nicht“, war das erste was Cal von sich gab.

„Cal, wir haben keine Zeit dafür“, mahnte ihn Max. Cal, der sowieso die Sache so kurz und schmerzlos wie möglich machen wollte, gab seine Informationen preis. Er erzählte ihnen, dass er vermutete dass Jesse im linken Flügel des Gebäudes sei. Er übergab Max ein Fernglas und ließ ihn die entfernte Basis studieren. Die Aliens standen auf einem Hügel, von dem man direkt hinunter sehen konnte. Cal hatte sich einen guten Observierungspunkt ausgesucht.

Die Basis war in einem Tal errichtet worden, und war mitten in den Bergen gut versteckt. Aber dadurch konnten sich die Aliens auch unentdeckt auf dem nebeligen Hügel aufhalten und ihre Beobachtung durchführen. Der Stützpunkt sah so ziemlich aus wie ein Rechteck. Große, helle Gebäude schlossen sich um einen Hof und kennzeichneten bestimmt eine Fläche von etwa 1500 Quadratmetern. Fenster konnte man kein einziges erkennen, nur graue große Tore an der Außenseite der Gebäude.

„Wie kommst du auf die Idee, er könnte im linken Flügel sein? Ich sehe keinen Unterschied zu den anderen Teilen des Gebäudes.“ Max übergab das Fernglas Michael, der zur selben Meinung gelangte.

„Ich bin schon ein wenig länger da, als ihr. Warum habt ihr so lange gebraucht? Mussten unsere Püppchen dauernd halten und pinkeln?“ fragte Cal mit einem Grinsen, doch ließ niemanden antworten. „Die einzigen Bewegungen, finden im linken Teil statt. In der letzten Stunde haben 5 Agenten das Gebäude betreten, an den anderen Stellen keiner.“

„Okay, also werden wir dort hineingehen?“ erkundigte sich Liz.

„Wir?“ ahmte Cal sie nach. „Entschuldigt Eure Hoheit, aber wir machen gar nichts.“

„Was soll denn das bedeuten?“ Sie klang etwas irritiert und verärgert. Ihr Ehemann studierte erneut mit dem Fernglas die Basis und ignorierte das Gespräch bisher.

„Du kannst nicht mit“, meinte Cal. „Genauso wie die da es nicht können“, mit der Hand deutete er auf Kyle und Maria. „Wir brauchen so wenig Ballast wie möglich.“

„Wir sind doch kein…“

„Und wie ihr das seid, meine Königin“, die Ironie in Cals Stimme war kaum zu überhören, wurde aber von niemandem kommentiert.

„Okay, dann gehen wir eben allein. Aber könnten wir das vielleicht sofort tun? Mein Ehemann ist da drin und leidet“, ertönte Isabels Stimme zum ersten Mal, seit sie angekommen waren.

„Nicht so schnell“, entgegnete Cal nur und stellte sich neben Max und Michael. „Wir brauchen einen Plan. Ich bin es leid euch zu helfen. Und wenn noch einer von euch geschnappt wird stecke ich hier noch länger fest.“

„Ava stellt einen Mindwarp auf, wenn wir reingehen“, informierte Max ihn. „Sobald wir Jesse gefunden haben hauen wir wieder ab“, beendete er seinen Plan. „Was?“ äußerte er, als er die hochgezogenen Augenbrauen von Cal sah. „Wenn du einen besseren Plan hast, solltest du uns vielleicht aufklären.“

„Ava wird nicht so lange durchhalten. In dem Gebäude sind zu viele Agenten, es wird sie zu viel Kraft kosten. Reingehen können wir mit ihrer Hilfe, aber das Entkommen wird ohne Gewalt nicht funktionieren. Ihr müsst euch darauf gefasst machen, Menschen zu töten. Wenn ihr das nicht könnt, können wir dort nicht rein. Ich kann nicht jede Drecksarbeit für euch erledigen.“

„Gehen wir. Wir tun was nötig ist um Jesse zu retten“, sagte Isabel fest entschlossen. Sie hatten bereits Rath und Lonnie auf dem Gewissen, also würde sie nun keine Hemmungen haben ihren Ehemann aus den Fängen des FBI zu retten. Sie hatten für Ava getötet, also würde sie es für Jesse erneut tun.

Max musterte seine Schwester von der Seite und schüttelte leicht den Kopf. Am liebsten würde er auch sie nicht mitnehmen, da ihre Emotionen verrückt spielten, aber sie brauchten ihre Hilfe bei der Rettung.

„Ihr bleibt hier“, rief Michael in die Richtung von Kyle und Maria.

„Aber ich gehe mit“, meinte Liz und sah Max dabei an. „Ich kann euch helfen, ich will euch helfen.“

„Du bleibst hier. Cal hat Recht, ihr würdet uns nur ablenken.“

„Du meinst wohl, sie würden uns im Wege stehen“, korrigierte ihn Cal und erntete einen wütenden Blick.

„Ich will nicht hier bleiben. Nimm mich mit, ich steh dir bestimmt nicht im Weg“, protestierte Liz und funkelte ihren Mann an, der seine Hände an ihre Wangen legte.

„Du musst hier bleiben und dich um Maria kümmern. Ihr geht es nicht so gut“, stellte Max fest und warf einen Blick in die Richtung seines besten Freundes, der Maria im Arm hielt. Er sah die Zweifel in seinen Augen und den Selbsthass, weil er seine Freundin wieder einmal zurücklassen musste.

„Ich werde nicht weinen“, meinte Maria und lächelte etwas. „Du hast mir bereits versprochen, dass du wiederkommst, also brauche ich nicht zu weinen. Du kommst ja wieder…ich meine, du hast versprochen…“

„Maria, bitte“, unterbrach Michael sie und küsste sie auf die Wange. „Was haben wir besprochen?“

„Keine Tränen“, erinnerte sich Maria, aber eine löste sich bereits von ihrem Auge. „Ich kann meine Versprechen wohl nicht so gut halten…“, stellte sie fest und wischte sich über die Wangen. „Ich weine doch so selten, ich weiß nicht was das jetzt soll.“

„Ist schon gut“, beruhigte er sie und drückte sie kurz an seine Brust. „Du kannst vielleicht deine Versprechen nicht halten, aber ich werde es tun. Also, du bleibst hier mit Kyle und Liz und bevor du es bemerkst sind wir wieder da.“

Währenddessen sprach Kyle ein paar Worte mit Ava. Isabel war nicht ansprechbar und stand bereit zum Aufbrechen neben Cal. „Am Wochenende kommt wieder ein Football-Spiel, das können wir uns dann zusammen ansehen.“

„Können wir, ja“, erwiderte Ava und lächelte etwas. Beim letzten Mal hatte sie richtigen Spaß gehabt und sie würde den Abend gerne wiederholen, nur wo? Jeder schien nur an die kommende Rettung zu denken, doch was hatten sie danach vor? Womöglich konnte ihr niemand diese Frage beantworten. Ava trat einen Schritt auf ihn zu und er streckte seine Hand aus um ihre zu nehmen. Doch kurz bevor er ihre Haut berühren konnte, machte er einen Rückzieher und sah in ihre Augen.

„Ich passe auf die anderen auf“, versprach Ava und lächelte etwas.

„Und auf dich“, meinte er und versuchte auch etwas zu lächeln. „Sei vorsichtig.“

„Okay“, erwiderte sie und beugte sich vor. Sie drückte Kyle einen Kuss auf die Wange und trat dann neben Michael. Nun fehlte nur noch Max auf der Aufbruchseite.

„…das kann ich nicht verantworten, Liz“, erklärte Max gerade. „Wenn du da bist, werde ich mir dauernd Sorgen machen und nach dir sehen. Und das kann ich mir diesmal nicht leisten.“

„Max…“

„Liebes“, unterbrach Max sie.

Cal stand ein paar Meter entfernt und ahmte ihn nach. Er zog das Gesicht zusammen, streckte die Arme wie bei einem Gebet aus und presste ein ‚Liebes‘ hervor. „Gott wie kitschig“, hängte er hinterher und drehte sich weg.

„Du musst mir vertrauen, Liz.“

„Ich vertraue dir, Max. Daran hat es nie gefehlt…“

„Nein, Liz. Ich muss wissen, dass du mir vertraust. Verstehst du? Es gibt nun keine eigenständigen Entscheidungen mehr, diesen Fehler haben wir bereits oft genug gemacht. Du mit Future-Max und ich in Sachen Tess.“

Liz nickte nur zur Antwort. Sie wollte ihn berühren… seine Hand, oder nur seinen Arm. Einfach nur einen Teil von ihm berühren, damit sie eine Erinnerung für die nächsten Stunden haben würde. Sie wollte nicht, dass er ging. Vorsichtig machte sie einen Schritt auf ihn zu. Er war etwas wütend, sie konnte es spüren. Sie hatte ihm vor allen anderen widersprochen – insbesondere vor Cal.

„Okay“, erwiderte sie sanft und legte ihre Hand an seine Wange. „Okay. Ich vertraue dir und bleibe hier.“ Sie stellte sich auf ihre Zehenspitzen und drückte einen Kuss auf seine Lippen.

Er erwiderte ihn kaum, strich kurz durch ihr Haar und schob sie zur Seite. „Wir können gehen“, meinte er zu den anderen.

„Kyle, du passt auf Liz und Maria auf. Wir fahren nun alle zusammen mit dem Wagen etwas näher an die Basis heran. Ihr bleibt außer Reichweite und wir gehen zu Fuß weiter.“

Die anderen nickten und alle stiegen in den SUV ein. Cal fuhr mit seinem eigenen Wagen vor.

Die Spannung in dem Geländewagen war so hoch, dass Kyle ununterbrochen etwas wahrnahm. Gleichgültig wie sehr er versuchte die Emotionen aus seiner engsten Umgebung zu blockieren, es gelang ihm nicht. Denn die Gefühle der anderen ähnelten seinen zu sehr, sodass er sie nicht auseinander halten konnte.

*****

Cal hatte Recht, dachte Ava. Der Mindwarp würde nicht lange halten. Sie waren noch nicht einmal im Gebäude und schon fühlte sie sich erschöpft. Sie hatte die Wachposten an der Zufahrt der Basis gemindwarpt, damit sie unbehelligt das Gelände betreten konnten - eigentlich keine besonders anstrengende Tätigkeit - doch da es um den Stützpunkt herum von Patrouillen nur so wimmelte, musste Ava den Mindwarp, der sie und die anderen unsichtbar machte, auch weiterhin aufrecht erhalten. Und ihre Kräfte ließen schnell nach.

Zügig huschten die vier Aliens und Cal auf den Gebäudekomplex zu. Es gab mehrere Eingänge, die alle schwer bewacht wurden. Cals Rat folgend, wandten sie sich dem linken Flügel zu. Vier bewaffnete Posten flankierten eine schlichte Metalltür. Zwei Soldaten und zwei Agenten in Anzügen.

„Schaffst du es, uns an den Kerlen vorbei zu bringen, ohne dass sie was merken?“ wisperte Max Ava ins Ohr.

„Ja… wenn wir uns beeilen“, presste diese angestrengt hervor. Sie konzentrierte sich auf die vier Männer, drang in ihre Köpfe ein... „Okay. Jetzt!“ gab sie das Startzeichen, als sie sicher war, dass der Mindwarp stark genug war, um sie unsichtbar erscheinen zu lassen.

Max und Michael waren die ersten, die an den Wachposten vorbei huschten und die Tür erreichten. Auf den Gesichtern der Agenten war nicht die kleinste Regung zu sehen und wachsam starrten sie gradewegs durch die Aliens hindurch. Ava fühlte ihre Kräfte noch schneller schwinden, als Max mehrere Sekunden brauchte, um den komplizierten Öffnungsmechanismus an der Tür mit seinen Kräften zu umgehen.

„Beeil dich!“ flüsterte sie heiser. Schweißtropfen standen ihr trotz der kalten Nachtluft auf der Stirn. Lange konnte sie nicht mehr durchhalten. Es waren einfach zu viele Personen, die sie mindwarpen musste. Was würde passieren, wenn ihre Kräfte sie verlassen würden, bevor Max es geschafft hatte, die Türe zu öffnen? Die Wachposten standen nicht einmal zwei Meter von ihnen entfernt. Keine Chance, dass sie sie nicht sehen würden.

„Max… ich kann nicht mehr lange durchhalten…“

Funken sprühten aus der elektrischen Konsole neben der Tür, als Max einen weiteren schwachen Energieblast hineinschickte und die Tür sprang endlich auf. Ava bemühte sich sämtliche Geräusche von den Wachposten fernzuhalten, als Max die Tür aufstieß und er und Michael vorsichtig das Gebäude betraten. Weitere endlose Sekunden verstrichen. Ava war kurz davor aufzugeben, als Michael schließlich den Kopf hinausstreckte und ihnen ein Zeichen gab, dass die Luft rein war. Isabel und Cal verschwanden ebenfalls durch die Tür. Ava stolperte vorwärts und mit ihren allerletzten Kräften schaffte sie es, den Mindwarp solange aufrecht zu erhalten, bis auch sie im Gebäude verschwunden und die Tür wieder geschlossen war. Mit einem erschöpften Stöhnen beendete sie den Mindwarp und lehnte sich kraftlos gegen die Wand.

„Alles klar?“ fragte Max besorgt.

„Ja… gebt mir nur einen Augenblick, um Durchzuatmen.“

„Wir müssen weiter. Wir können nicht hier stehen bleiben“, mahnte Michael und schaute sich wachsam in dem dämmrigen Korridor um, in dem sie standen. Scheinbar endlos schien er sich vor ihnen hinzuziehen. Zu beiden Seiten befanden sich Türen in den grauen Wänden, flackerndes blaues Neonlicht tauchte den Gang in ein ungemütliches, unwirkliches Licht. Keine Menschenseele war zu sehen, doch das konnte sich schnell ändern. Schließlich konnte jederzeit ein Agent aus einer der vielen Türen treten und sie entdecken. Und Ava war nicht in der Verfassung ihre Kräfte so schnell wieder einzusetzen

„Michael hat Recht. Wir müssen uns beeilen“, raunte Isabel in die Stille.

„Okay… Michael, Cal, ihr geht vor. Isabel, wir beide bilden das Schlusslicht und Ava nehmen wir in die Mitte. Sie ist zu schwach, um sich groß verteidigen zu können“, ordnete Max an.

„Es geht schon wieder“, meinte Ava und stieß sich mühsam von der Wand ab. Jeder konnte die Anstrengung und Erschöpfung auf ihrem Gesicht sehen. Hoffentlich würde sie sich schnell genug erholen, um ihnen den Rückweg aus der Basis frei zu mindwarpen, ansonsten sah es verdammt düster für sie alle aus.

Wie Max befohlen hatte, setzten Cal und Michael sich in Bewegung. Max stützte Ava mit einem Arm, den anderen hatte er halb erhoben, um einen möglichen Angreifer sofort attackieren zu können. Neben Isabel her laufend hielt er den Korridor hinter ihnen im Auge und die vielen Türen, die sie passierten.

Zu ihrem Glück befanden sich in allen Türen kleine Glasfenster. Die meisten dieser Fenster waren dunkel, die Räume dahinter also leer. Die wenigen, deren Fenster erleuchtet waren, waren ein Risiko. Ein flüchtiger Blick zeigte ihnen, dass sich hauptsächlich Büros zu beiden Seiten des Korridors befanden.

„Ich wette irgendwo hier haben sie auch all die Akten über uns“, meinte Michael leise, als sie sich unter einem weiteren erleuchteten Fenster vorbei duckten. Max konnte seinem Gesicht deutlich ansehen, dass Michael nur zu gerne nach ebendiesen Akten gesucht und sie zu Asche vernichtet hätte. Der Gedanke war verlockend, doch Max wusste, dass sie für solche Aktionen keine Zeit hatten. Ihre oberste Priorität war Jesse. Ihn in diesem gewaltigen Gebäudekomplex zu finden und ihn unbemerkt hier herauszuschaffen, war schon schwierig genug. Nach irgendwelchen Akten zu suchen, war vergleichbar mit der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Es war schlichtweg unmöglich.

„Wir hätten uns die Baupläne besorgen sollen, dann hätten wir gewusst, wohin wir müssen“, murmelte Isabel angespannt vor sich hin. Der Korridor schien kein Ende zu nehmen. Von Innen sah das Gebäude viel größer aus, als sie von Außen den Anschein erweckt hatte.

„Gute Idee Prinzessin. Aber wir mussten ja Hals über Kopf hier hereinstürmen und nach deinem Ehemann suchen“, schnaubte Cal. „Von ausreichender Vorbereitung und einem gut durchdachten Plan wolltet ihr ja nichts hören…“

„Schluss! Das ist wohl kaum der richtige Ort und Zeitpunkt um sich zu streiten“, fuhr Max dazwischen, als er sah, wie Isabels Gesicht rot vor Zorn wurde.

„Es wäre schon hilfreich, wenn diese FBI-Heinis Hinweisschilder anbringen würden“, presste Michael heraus.

„Was hast du erwartet? Ein Schild auf dem steht: Weißes Zimmer - dritte Tür links?“ fragte Cal sarkastisch. Dann schnappte er jedoch Max‘ drohenden Blick auf und verstummte fürs erste.

Der Korridor endete in einer weiteren Tür. Diese sah jedoch ganz anders aus, als die anderen Türen, die zu den Büros rechts und links führten. Sie war aus solidem Metall, hatte kein Fenster und keine Klinke. Ein elektronisches Display neben dem Rahmen forderte dazu auf, einen Code einzugeben und den Daumen auf einen Fingerabdruckscanner zu legen. Ohne diese Überprüfung gab es keinen Einlass.

„Ich wette Jesse ist hinter dieser Tür“, äußerte Isabel. Ihr Herz, das schon die ganze Zeit aufgeregt geklopft hatte, verdoppelte seinen Takt noch einmal, bei dem Gedanken ihrem Ehemann so nahe und gleichzeitig doch so fern zu sein.

Max war gewillt seiner Schwester zuzustimmen. Die Tür sah so aus, als ob sich etwas sehr Wichtiges und Geheimes dahinter verbergen würde. Aber genauso gut konnten sie gradewegs in die Arme von ein paar Dutzend Agenten laufen, wenn sie hindurchgingen.

„Worauf wartest du noch?“ flüsterte Isabel drängend. Max warf noch einen Blick zurück, den Korridor entlang. Bisher hatte man sie noch nicht entdeckt, doch jede Sekunde, die sie hier herumstanden - ohne die geringste Deckung - erhöhte das Risiko gesehen zu werden. Andererseits wollte Max auch nicht so einfach in die Höhle des Löwen marschieren, ohne zu wissen, was ihn erwartete. Immer noch unschlüssig blickte er von der Tür zu den anderen und dann wieder den Gang hinunter. Er musste eine Entscheidung treffen. Wieder einmal. Und Leben hingen von dieser Entscheidung ab…

„Großer Gott, ihr seid die reinsten Dilettanten“, schnaubte Cal. Max wirbelte zu ihm herum und wollte ihn schon zurechtweisen, als ihm die Worte im Hals stecken blieben. Unter den geschockten und leicht angewiderten Blicken der anderen, begann Cal seinen Körper zu verändern. Von einem blauen Licht eingehüllt, begannen sich seine Gesichtsknochen zu verformen und neu zu bilden. Sein Körper wurde größer, schlanker, athletischer. Sein Gesicht jünger, kantiger. Auf seinem kahlen Schädel wuchsen in Lichtgeschwindigkeit dunkle Haare und über der Oberlippe entstand ein dünner Schnurrbart. Innerhalb von Sekunden war die Verwandlung abgeschlossen und ein komplett neuer Mensch stand vor ihnen. Mit einer lässigen Handbewegung veränderte Cal nun noch seine schwarze Hose und seinen Rollkragenpullover in einen dunklen Anzug. Mit der veränderten Kleidung glich er nun einem der Agenten, die draußen den Eingang bewachten. Max brauchte einen Augenblick, um sich wieder zu fangen. Er wusste zwar, dass Cal ein Formwandler war, doch genauso wie die anderen um ihn herum auch, war er nun zum ersten Mal Zeuge von Cals besonderer Fähigkeit geworden. Es war faszinierend und abstoßend zugleich.

„Wenn Euer Hoheit fertig ist mich anzustarren, können wir vielleicht endlich weitermachen“, entgegnete Cal sarkastisch und trat vor das Display neben der Tür. Wie ausgereift die Kräfte des Formwandlers waren, zeigte sich, als er es innerhalb von Sekundenbruchteilen schaffte, die komplizierten Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen und die Tür zu öffnen. Max war augenblicklich auf der Hut. Er wusste zwar, dass Cal über gewaltige Kräfte verfügte, doch wie mächtig er wirklich war, hatte er nie herausfinden können. War er am Ende vielleicht sogar mächtiger, als er selbst? In diesem Falle war es nicht gut, ihn zum Feind zu haben, schoss es Max durch den Kopf.

„Ihr bleibt zurück. Ich sondiere erst einmal die Lage“, erklärte Cal nicht ohne eine Spur Angeberei in der Stimme und verschwand durch die Tür. Endlos zogen sich die Sekunden dahin. Max konnte die Anspannung der anderen förmlich spüren. Blicke huschten über die vielen Türen, aus denen jederzeit ein Agent treten und sie entdecken konnte. So ausgeliefert und völlig ohne Deckung hatte Max sich bisher nur selten in seinem Leben gefühlt. Und was war, wenn Cal nicht wiederkam? Der Formwandler war alles andere als vertrauenswürdig. Max hatte ihm nicht einmal befohlen ihnen zu helfen… was also, wenn er sich absetzte und sie allein ließ?

Je mehr Zeit verging, desto mehr begann Max an Cal zu zweifeln. Warum war er so schnell einverstanden gewesen ihnen bei Jesses Befreiung zu helfen? Ganz ohne Zank, ganz ohne Zwang. Konnte es vielleicht sein, dass Cal sie in eine Falle gelockt hatte? Er hatte immerhin schon mehr als einmal gedroht die königlichen Vier umzubringen, sollten sie ihn weiterhin belästigen. Max‘ Kehle wurde trocken und er schaute sich noch panischer um. Cal konnte genau in diesem Augenblick sämtliche Agenten, die sich auf dem Stützpunkt befanden auf sie hetzen. Wie hatte er nur so dumm sein können, dem Formwandler so uneingeschränkt zu vertrauen? Wie hatte er nur…

„Alles klar, die Luft ist rein!“

Max zuckte zusammen, als er Cals Stimme vernahm. Unbemerkt hatte der Formwandler den Kopf durch die Tür gesteckt und winkte ihnen zu, ihm zu folgen. Max‘ Misstrauen war noch nicht ganz verklungen, doch er erkannte, dass ihnen im Augenblick kaum eine andere Wahl blieb, als Cal zu vertrauen.

Hinter der so schwer gesicherten Tür, befand sich eine einfache nackte Betontreppe, die in die Tiefe hinunter führte. Angespannt folgten die Aliens Cal die Stufen hinunter, alle vier in höchster Alarmbereitschaft. Mehrere Stockwerke schraubte sich die Treppe abwärts und endete dann in einem weiteren grauen Korridor, der Abzweigungen in alle Richtungen hin hatte. Und wieder zahllose Türen zu beiden Seiten.

„Mein Gott, wie sollen wir Jesse nur in diesem Labyrinth finden?“ stöhnte Isabel verzweifelt. Ihnen allen wurde schnell klar, dass sich der Hauptteil die Basis wohl unterirdisch befand und sie keine Ahnung hatten, wie groß der Komplex in Wirklichkeit war.

„Ihr wartet hier bei der Treppe, ich sehe mich ein bisschen um“, erklärte Cal.

„Nein!“ widersprach Max augenblicklich, dessen Misstrauen gegen den Formwandler immer noch in ihm nagte. Er wollte nicht ein zweites Mal in eine Situation wie vorhin kommen und auf Cals Vertrauen hoffen. „Ich begleite dich.“

Cal zog die Augenbrauen hoch und beäugte Max von Kopf bis Fuß. Selbst, als Max seine Kleidung ebenfalls in einen dunklen Anzug verwandelte, behielt er den belustigt sarkastischen Blick bei. „Diese Verkleidung wird dir nichts nützen. Falls Ihr es vergessen haben solltet Euer Hoheit, wir sind hier im Hauptquartier der Special-Unit. In diesem Gebäude wird es wahrscheinlich nicht einen Menschen geben, der nicht weiß wie du aussiehst.“

„Mag sein, aber ich traue dir nicht. Lieber gehe ich das Risiko ein, dass mich jemand erkennt, als auf deine Loyalität zu vertrauen.“

Michael, Ava und Isabel tauschten einen überraschten Blick, sagten jedoch nichts. Cals sarkastischer Gesichtsausdruck verschwand und es machte sich beinahe so etwas wie Bewunderung auf seinen Zügen breit.

„Alle Achtung. Das ist das erste Mal, dass du dich wie ein Anführer benimmst und nicht wie ein dummer Junge“, gab er von sich. Das Kompliment ließ Max völlig kalt. Er hatte keine Zeit und keine Lust mit Cal über irgendetwas zu diskutieren, was nicht mit der Befreiung Jesses zu tun hatte.

„Was sollen wir machen, solange du auf Entdeckungstour gehst?“ fragte Michael trocken.

„Ihr bleibt hier und wartet. Versucht möglichst unsichtbar zu bleiben…“

„Ich will dich begleiten Max“, fiel Isabel ihm sofort ins Wort. „Ich muss dabei sein, wenn ihr Jesse findet.“

„Und ich werde auch nicht hier sitzen bleiben und Däumchen drehen, während du als Agent verkleidet durch die Katakomben der Special-Unit spazierst. Deshalb bin ich nicht mitgekommen“, stellte Michael klar und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Nein, du bist mitgekommen, um mich zu unterstützen. Ich dachte ich kann dir vertrauen“, fuhr Max ihn leise an.

„Natürlich kannst du mir vertrauen“, entgegnete Michael beleidigt.

„Dann tu, was ich dir sage. Wir können nicht zu fünft hier herumlaufen und nach Jesse suchen, ohne Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Sobald Cal und ich herausgefunden haben, wo er ist, holen wir euch und wir befreien ihn zusammen.“

„Aber…“

„Kein Aber Isabel! Das hier ist kein Spiel. Also hör auf, dich wie eine sture Prinzessin zu benehmen.“ Isabels Augen wurden groß und Cal kicherte leise vor sich hin. Niemand wagte mehr einen Widerspruch, als Max und der Formwandler den Korridor entlang schritten und die erstbeste Tür öffneten.

„Wirklich… heute scheinst du über deine Grenzen hinauszuwachsen“, lachte Cal. Max ignorierte ihn und öffnete die nächste Tür. Lagerräume, Laboratorien, weitere Büros… Zusammen arbeiteten sie sich den Gang entlang. Hin und wieder warf Max eine Blick zurück, doch Isabel, Michael und Ava waren nicht mehr zu sehen. Offensichtlich hielten sie sich unter der Treppe versteckt. Zufrieden, dass die drei seinen Anweisungen Folge geleistet hatten, öffnete Max eine weitere Tür und erstarrte augenblicklich, als sich mehrere Gesichter in seine Richtung drehten.

„Maria, wie sagt Buddha so schön? Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“

„Das ist ein ganz normales Sprichwort.“

„Du hast doch keine Ahnung.“

„Was ist, wenn das eine Falle war? Was ist, wenn wir schon erwartet wurden?“

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Mach dir…“

Liz versuchte die Stimmen um sich herum auszuschalten. Kyle und Maria saßen auf der Rückbank und sie auf dem Beifahrersitz. Sie waren so nahe an die Basis heran gefahren, dass sie den Eingang gut erblicken konnten. Wenn alles nach Plan laufen würde, würden die anderen wieder dort hinaus kommen. Ab und zu führte sie das Fernglas an ihre Augen und versuchte etwas Ungewöhnliches zu erkennen. Irgendetwas nagte an ihr, aber sie konnte nicht genau bestimmen was es war. Die Angst, sagte sie sich. Die Sorge um meinen Ehemann und meine Freunde. Das musste es sein, was anderes konnte sie sich nicht vorstellen.

„Ich will hinterher“, rief Maria auf einmal aus und riss Liz aus ihren Gedanken. Sie warf einen Blick auf die Uhr: Fünf Minuten. Die anderen waren erst seit fünf Minuten weg, also konnten sie noch nicht zurück sein. „Ich hyperventiliere sonst!“

„Maria, sie sind eben erst gegangen. Beruhige dich“, meinte Kyle und strich ihr über den Rücken.

„Kyle hat Recht“, stimmte Liz ihm zu und wand sich nach hinten. „Wir können nicht reingehen.“

„Aber du wolltest doch auch gehen“, widersprach Maria aufgeregt. „Macht ihr euch denn keine Sorgen? Michael wollte nicht gehen…vielleicht ist er abgelenkt, oh Gott, was mache ich nur“, klagte sie und roch an ihrem Beruhigungsduft. Der Wagen füllte sich mit einem Vanilleduft.

„Kannst du Max spüren, Liz?“ wollte sie dann wissen. Manchmal fragte sie sich warum sie diese Verbindung zu Michael nicht aufbauen konnte. Aber im Moment glaubte sie seine Präsenz in der Entfernung spüren zu können, aber das konnte auch ihre Einbildung sein. Vielleicht wollte sie ihn nur spüren, konnte es aber in Wirklichkeit gar nicht.

„Ich denke schon“, erwiderte Liz und schlang die Arme noch fester um ihren Körper. Es fröstelte sie, auch wenn sie einen dicken Pullover und einen Mantel trug. Ein Schal lag um ihre Schultern und sie hielt den Mantel von Max in ihrem Schoß. Bevor sie zur Basis gerannt waren, hatten sie ihre überflüssigen Winterkleider ausgezogen um sich im Gebäude freier bewegen zu können. Ihre Sorge wuchs von Sekunde zu Sekunde, aber sie versuchte ruhig zu bleiben.

„Kommt schon, Mädels, es wird alles wieder gut. Bisher ist doch immer alles gut gegangen.“

„Unser Glück kann uns auch einmal verlassen, Kyle.“

„Maria, hör auf! Du strahlst ja regelrecht negative Energie aus.“

Ein lautes Geräusch erklang, als die kleine Lampe am Himmel des Geländewagens zersprang. Liz schob schützend die Arme vor das Gesicht und Maria und Kyle duckten sich. „Was war denn das?“ fragte Maria panisch und sah sich um. „War das ein Schuss?“ ihre Stimme wurde mit jedem Wort panischer.

„Es war die Lampe“, klärte Kyle sie auf und verdrehte die Augen, während Liz die kleinen Splitter von ihrem Wintermantel strich. „Nichts weiter.“

„Bist du das etwa gewesen?“ erklang die empörte Antwort von Maria. „Du bringst uns mit deinen Kräften noch um.“

„Und du mit deinem Mundwerk“, brachte Kyle entgegen. „Ich weiß nicht ob ich das gewesen bin. Riech an deinem Duft und sei für ein paar Minuten leise.“

„Ich habe nichts mehr. Entschuldige, dass ich in dem Stress nicht mehr Vorrat mitgenommen habe“, sagte Maria sarkastisch und drehte sich dann zum Fenster.

Liz entschuldigte sich und verließ den Wagen. Kyle wollte sie hindern und meinte es sei zu gefährlich. „Ich brauche etwas Ruhe, Kyle. Ich fühle mich nicht besonders“, hängte sie an, damit er sie wirklich alleine lassen würde. Er nickte nur zur Antwort und lehnte sich dann zurück. Maria platzierte ihren Kopf an seiner Schulter und atmete hörbar ein.

Liz lief ein Schauer über den Rücken, als sie die Türe des SUV hinter sich schloss. Der eiskalte Wind ließ ihr Gesicht schmerzen und sie zog ihren Schal fester um sich. Auch in der Kälte, pochte vor Sorge das Blut in ihren Adern. Sie warf einen Blick durch das Fernglas und hoffte auf irgendetwas. Eine Bewegung, ein Zeichen, aber nichts. Sie konnte nichts erkennen. Max? Sie bekam keine Antwort.

Sie warf erneut einen Blick auf die Uhr: Neun Minuten.

Sie sah sich erneut um und bemerkte, dass jeglicher Schnee geschmolzen war. Der trockene, sandige Boden kam zum Vorschein und erinnerte sie an Roswell. Was ihre Eltern wohl im Moment machten? Es war kurz nach 10 Uhr abends und vielleicht waren sie noch im CrashDown und räumten auf. Erneut spürte sie das Nagen in ihrem Herzen.

Zwölf Minuten. Liz‘ Augen füllten sich mit Tränen und sie entfernte sich noch weiter vom Wagen.


„Kyle, du magst Ava, oder?“ meinte Maria und lächelte Kyle etwas an.

„Ich mag dich auch, Maria.“ Ava war das allerletzte worüber er im Moment sprechen wollte, denn allein der Gedanke an sie – da drin – drohte ihn aus der Fassung zu bringen.

„Ja, aber nicht so wie du Ava magst, oder etwa doch? Das würde ich Michael aber nicht erzählen, wenn ich du wäre“, scherzte sie und versuchte sich selbst aufzuheitern.

„Maria…ich…“

„Was ist denn?“ Sie legte den Kopf schief, als Kyle sie verwundert und überrascht ansah.

„Ich…du…“ er zeigte auf sie und Maria öffnete geschockt den Mund.

„Bist du etwa wirklich in mich verliebt? Oh mein Gott! Wie konnte das passieren? Michael bringt dich um! Liz, oh mein Gott, ich muss es Liz erzählen…“

„Maria!“ unterbrach Kyle sie harsch, der nicht sie anstarrte, sondern ihre Hände, die im Moment nicht sehr normal aussahen. „Ich müsste lebensmüde sein, um in dich verliebt zu sein“, meinte er und zeigte auf ihre Hände in ihrem Schoß.

„Was ist…“ Sie unterbrach sich selber, als sie sie in die Luft hob. Ihre Hände leuchteten in einem grellen grün und erinnerten an die Zeit, als Liz ihre Kräfte bekommen hatte.

„Gott, ich mutiere zu einem Alien!“ schrie Maria und der Airbag auf der Fahrerseite ging plötzlich auf. Sie fächelte sich Luft zu und atmete ein und aus. „Ich glaube ich werde ohnmächtig“, meinte sie und rieb sich die Hände aneinander. „Das muss weg! Es muss weg, hilf mir doch du Idiot.“

„Das sieht gar nicht gut aus“, stellte Kyle fest. „Gar nicht gut.“

18 Minuten.

*****

Für einen unendlich lang erscheinenden Augenblick blieb Max das Herz stehen. Gut ein Dutzend Agenten befanden sich in dem Raum, dessen Tür er so unvorsichtig geöffnet hatte. Ein Dutzend harte unfreundliche Gesichter, die ihn anblickten, wie den größten Staatsfeind aller Zeiten. Das Blut wich Max aus dem Gesicht und er war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Nur eins wusste er: er konnte sich unmöglich gegen alle diese Agenten wehren. Sie waren ganz eindeutig in der Überzahl und ganz bestimmt bewaffnet, wie die ausgebeulten Jacketts vermuten ließen. Er war gradewegs in die Höhle des Löwen getappt und hatte keine Ahnung, wie er da wieder heraus kommen sollte.

Zitternd wich Max einen haben Schritt zurück. Er hatte nur sein Schutzschild, mit dem er sich verteidigen konnte. Ängstlich fixierte er die Agenten und wartete darauf, dass sie ihre Waffen ziehen würden. Soweit kam es jedoch nicht. Max spürte, wie Cal neben ihn trat und schaute verständnislos zu, wie sich die harten, verschlossenen Gesichter vor ihm entspannten.

„Wir sollen uns bei Agent Carter melden“, erklärte Cal mit fester Stimme. Die meisten Agenten im Zimmer verloren daraufhin das Interesse an Max und Cal. Einer von ihnen erhob sich und trat auf die beiden zu.

„Agent Carter ist noch bei den Gefangenen auf der Krankenstation. Zugang nur für autorisiertes Personal.“ Cal lächelte den Agenten an. Max hielt die Luft an und war immer noch unfähig sich zu bewegen. Warum hatte ihn noch niemand erkannt? Was war hier los? Cal fixierte den Agenten immer noch lächelnd und dieser trat plötzlich zur Seite und gab die Sicht auf eine weitere Tür im Hintergrund des Zimmers frei. „Sie können passieren!“

Fassungslos starrte Max den Agenten an und glaubte sich verhört zu haben. Dann spürte er Cals Hand an seinem Arm, die ihn vorwärts schob. Vorbei an den Agenten, die sich nicht länger für sie interessierten, durch die Tür in einen weiteren leeren Korridor. Sobald die Tür sich hinter Max geschlossen hatte, wirbelte er zu Cal herum.

„Was ist da drinnen gerade passiert?“ Cal grinste ihn an. Obwohl sein Gesicht nun aussah, wie das des Agenten am Eingang, so war es doch ein typisches sarkastisches Cal-Grinsen.

„Was glaubst du denn, was passiert ist?“

„Was hast du mit den Agenten gemacht?“

„Gemindwarped, was sonst“, antwortete Cal gelassen. Max starrte ihn an.

„Was?“ Cal ignorierte ihn und marschierte zur nächst besten Tür, doch Max war schneller, packte ihn an der Schulter und wirbelte ihn zu sich herum.

„Du kannst mindwarpen? Wieso hast du das nicht früher schon gesagt?“ fuhr Max ihn an. Cal zuckte die Schultern und grinste weiter. „Du hast zugelassen, dass Ava sich beinahe zu Tode anstrengt, ohne ihr zu helfen, obwohl du die Kraft dazu hast? Was zum Teufel kannst du noch alles, von dem wir keine Ahnung haben?“

„Ich kann alles was ihr auch könnt. Aber keine Angst, ich bin so programmiert, dass ich meine Kräfte nicht gegen die königlichen Vier einsetzen kann“, entgegnete Cal ruhig. „Und jetzt ist die Fragestunde vorbei. Wir haben eine Aufgabe zu erfüllen Majestät. Muss ich Euch erst noch daran erinnern? Und es sieht ganz so aus, als ob wir endlich gefunden hätten, wonach wir suchen.“

Max‘ Wut auf Cal blubberte heiß in ihm auf, er hatte doch gewusst, dass er dem Mistkerl nicht vertrauen konnte. Doch als er sah, was hinter der Tür lag, die Cal geöffnet hatte, vergaß er seine Wut. Das Zimmer jenseits der Tür war groß und leer. An der gegenüberliegenden Wand lag eine weitere Tür. Max‘ Aufmerksamkeit war jedoch ganz und gar von den beiden Fenstern in Anspruch genommen, die sich jeweils in der linken und rechten Wand befanden und durch die man in weitere Zimmer schauen konnte. Grelles weißes Licht flutete aus diesen. Max trat zögernd näher. Sein Magen zog sich zusammen und eine Woge irrationalen Grauens überfiel ihn urplötzlich, als er durch das linke Fenster blickte.

Weiß

Hinter dem Fenster war alles weiß. Decke, Wände, Boden… Max prallte instinktiv zurück und das Atmen fiel ihm plötzlich schwer. Erinnerungen stiegen in ihm auf. Erinnerungen an seinen kurzen, doch unbeschreiblich schrecklichen Aufenthalt in einem ebensolchen Zimmer. Erinnerungen an Pierce, Erinnerungen an die furchtbaren Dinge, die dieser Unmensch mit ihm angestellt hatte…

„Hmmm… entweder bin ich falsch informiert, oder der Mann deiner Schwester hat sich ziemlich verändert. Ich dachte sie hätte einen Latino geheiratet.“ Cals Stimme drang nur langsam in Max‘ Gehirn. Zu sehr war er gefangen in den schrecklichen Bildern in seinem Kopf.

„Was?“ fragte er orientierungslos und blinzelte ein paar Mal kräftig. Der dunkle Fleck in dem schreiend weißen Raum vor ihm verwandelte sich in eine menschliche Gestalt, die halbnackt mit Gurten an einen Stahltisch gebunden und offensichtlich bewusstlos war. Max brauchte einen Augenblick um zu erkennen was und wen er da sah und Cals Worte zu verstehen. Der Formwandler hatte Recht. Das dort auf dem Tisch war nicht Jesse. Zu seinem Erstaunen erkannte er Connor McKenzie. Max‘ Augen nahmen innerhalb von Sekundenbruchteilen alles in sich auf. Die blutige und nur notdürftig verbundene Schusswunde in der Schulter des Wildhüters, die raue, aufgeschürfte Haut an Handgelenken und Knöcheln, wo er sich gegen die Fesseln gewehrt haben musste, die erschreckend blasse Gesichtsfarbe, das kaum merkliche Heben und Senken des Brustkorbes…

„Ah… der sieht schon eher nach Vilandras Liebstem aus“, verkündete Cal, als er durch das andere Fenster schaute. Max konnte sich nur schwer von Connors Anblick losreißen und trat dann neben Cal. Wieder musste er sich zusammenreißen, als er das weiße Zimmer jenseits der Scheibe sah, doch dann blieb sein Blick gleich an seinem Schwager hängen. Jesse war ähnlich wie Connor auf einen Metalltisch geschnallt, auch er halbnackt, auch er blass. Seine Hand zierte ein blutiger Verband und auch sonst war sein Körper mit Blessuren und kleinen Wunden übersät. Im Gegensatz zu Connor war Jesse jedoch nicht bewusstlos. Er bewegte sich so weit die Fesseln es zuließen und drehte ab und zu den Kopf von einer Seite zur anderen. Es war deutlich zu sehen, dass er entsetzliche Schmerzen hatte und dagegen ankämpfte. Max war sprachlos von dem Grauen jenseits der Glasscheibe.

„Also, was machen wir jetzt? Holen wir die anderen?“ riss ihn Cals Stimme zurück in die Wirklichkeit. Max wusste, was er Isabel versprochen hatte, doch der Gedanke noch einmal durch den Raum mit den vielen Agenten zu müssen, versetzte ihn in Panik.

„Nein, wir holen die beiden alleine raus“, entschied er dann.

„Die beiden? Wer ist der Kerl da drüben überhaupt?“ fragte Cal und deutete hinüber zu Connor.

„Ein… Freund“, antwortete Max. Connor McKenzie war eigentlich kein Freund, jedenfalls nicht für ihn - Liz sah das vielleicht anders - aber egal wer, oder was er war, er hatte es nicht verdient in diesem Zimmer zu sein. Niemand hatte so etwas verdient. Max musste nicht einmal eine Sekunde darüber nachdenken, ob er Connor ebenfalls befreien sollte, oder nicht.

„Wir können nicht beide hier herausschaffen. Und der Kerl sieht sowieso schon mehr tot als lebendig aus…“

„Wir lassen ihn auf keinen Fall zurück!“ Max‘ Stimme war härter und kälter, als jemals zuvor. Cal blinzelte verblüfft, doch dann nickte er.

„Also schön… du übernimmst deinen neuen Freund und ich Vilandras Liebsten.“

Max blieb keine Zeit zum Widersprechen, da hob Cal auch schon die Hand und eine Explosion erschütterte das Zimmer. Staub erfüllte die Luft, das Bersten von Glas und Stein war zu hören, dann tat sich ein großes Loch in der Wand auf, wo eine Sekunde vorher noch das Fenster zu Jesses Folterzelle gewesen war.

Max hustete und rieb sich den Staub aus den Augen, als eine zweite Explosion den Raum erschütterte und auch der Zugang zu Connors Zimmer frei gesprengt war. Fast augenblicklich ertönte von irgendwoher das laute Schrillen einer Alarmglocke. Die Tür zwischen den weißen Zimmern flog auf und einige verdutzte Agenten in weißen Laborkitteln stolperten heraus.

„Was zum…“

Wider hatte Max keine Zeit zum Reagieren. Cal hob ein weiteres Mal die Hand, schleuderte wahllos Energieblasts durch den Staub. Schreie, Blut, leblose Menschen… vor Max‘ entsetzten Augen attackierte Cal die Agenten, die nicht einmal Zeit hatten ihre Waffen zu ziehen. Menschen starben und Max stand hilflos dabei. Eine Stimme in seinem Inneren schrie ihn an Cal aufzuhalten, doch dann dachte er an Connor und Jesse. Und an sich selbst. Was hatten diese Menschen ihnen angetan? Waren es überhaupt Menschen, die zu so etwas fähig waren? Waren es nicht herzlose, barbarische Unmenschen, die nichts anderes als den Tod verdienten?

„Was ist mit dir? Ich habe doch gesagt, es geht nicht ohne Opfer! Du hast eben selbst gesagt, dass das kein Spiel ist!“ schrie Cal ihn an und kümmerte sich um einige weitere Agenten. Max schloss die Augen vor dem Blut, doch dann riss er sich zusammen und stürzte durch das Loch in Jesses Zimmer.

„Jesse!“

„Max?“

Ein hoher Schrei ertönte hinter Max und er sah grade noch, wie seine Schwester durch das Loch in der Wand kletterte und dann ihre Arme um ihren Ehemann schlang. Hinter ihnen hatten sich Ava und Michael mittlerweile zu Cal gesellt und kümmerten sich mit Energieblasts um die Agenten, die durch beide Türen ins Zimmer stürzten.

„Schnell, wir haben keine Zeit“, drängte Max und half Isabel Jesses Fesseln zu lösen.

„Kannst du aufstehen? Kannst du gehen?“ wollte Isabel von ihrem Ehemann wissen.

„Ich denke schon…“

Max hörte schon gar nicht mehr zu, hastete zurück zu den anderen, durch Staub, Blut, Blast und Schüsse ins andere weiße Zimmer. Conner war immer noch bewusstlos. Schnell löste er die Fesseln, hievte den schlaffen Körper des Wildhüters in seine Arme und wankte unter dem Gewicht zurück.

„Wir müssen hier raus!“ schrie Michael ihm entgegen. „Der Alarm hat bestimmt sämtliche Agenten aufgescheucht. Die werden in null Komma nichts hier sein und dann sehen wir alt aus.“

„Okay… dann nichts wie raus!“ schrie Max.

*****

Er schloss seine Augen und konzentrierte sich auf seine Kräfte. Aus bestimmter Entfernung sah sie dabei zu, wie ein Grinsen sich auf seinem Gesicht ausbreitete. „Halt“, wollte sie rufen, aber es kam kein Laut aus ihrer Kehle. Sie hob die Hände und sah auf sie hinab.

Sie schien sich nicht bewegen zu können, aber wusste nicht woran es lag. Wann bin ich in das Gebäude gelaufen? fragte sich Liz und sah sich um. Sie befand sich in der Nähe von Cal, aber er schien sie nicht wahrzunehmen. Wo waren die anderen?

Plötzlich befand sie sich auf einem anderen Gang und sah wie Max und die anderen an ihr vorbeiliefen. Sie hatten Jesse und seltsamerweise auch noch Connor bei sich. „Beeilt euch, Cal wird das Gebäude bald sprengen“, rief Max.

Oh Gott, sagte Liz, aber niemand nahm sie wahr. Sie dachte wieder an Cal und das teuflische Grinsen auf seinem Gesicht. Erneut stand sie neben ihm und spürte die Kraft, die sich um ihn herum bildete und die er gegen die Gasrohre an der Decke richtete. Sie wollte unbedingt wissen, was er dachte und im nächsten Moment glaubte sie seine Gedanken lesen zu können. „Diesmal werde ich euch für die Ewigkeit los.“

Liz schrie, aber konnte sich selbst nicht hören.


„Maaax“, rief Liz aus und kam zu sich. „Eine Vision“, keuchte sie und sah sich um. Sie lehnte an Cals Wagen, was womöglich die Vision hervorgerufen haben könnte. „Es war von Anfang an geplant“, stellte sie fest und rannte zum Wagen.

„Liz“, sagte Kyle, der eben die Türe öffnete. „Maria…“

„Kyle, irgendwas stimmt nicht“, unterbrach Liz ihn panisch, während sie ihren Wintermantel auszog.

„Ich weiß, was…“

„Ich muss da rein“, erklärte Liz und warf ihre Jacke auf den Beifahrersitz. „Was ist mit dem Airbag passiert?“, registrierte sie.

„Darüber…“

Doch Liz war zu hektisch und ließ Kyle nicht ausreden. „Ich hatte eine Vision. Cal versucht Max und die anderen zu töten. Ich muss rein und sie sofort warnen.“

Auch Kyle schob den Gedanken an Maria beiseite, die geschockt im Wagen saß und vor sich hin murmelte. „Was meinst du damit? Wie, er will sie töten?“ fragte er.

„Ich weiß es nicht. Cal will das Gebäude in die Luft sprengen, aber bevor die anderen es verlassen.“ Sie band sich die Haare zu einem strengen Pferdeschwanz.

„Würde er dabei nicht auch sterben?“ wollte Kyle wissen. „Ich komme mit, du kannst nicht alleine gehen“, sagte er entschlossen und wollte sich ebenfalls ausziehen.

„Nein, du musst bei Maria bleiben“, rief Liz und war schon dabei auf den Stützpunkt zu zulaufen. „Sie kann nicht alleine zurückbleiben.“

„Aber Liz…“

„Ich kann auf mich aufpassen, Kyle. Bleib bei ihr“, mit diesem letzten Satz drehte sich Liz um und rannte auf die Basis zu. Kyle verlor sie aus dem Blickwinkel, als sie in ihrer schwarzen Hose und ihrem schwarzen Rollpullover im Dunkeln verschwand. Kurz vor der Basis erschien sie dann wieder im Licht und lief langsamer.

„Was macht Liz?“, ertönte Marias geschockte Stimme, als sie die Seitentür des Wagens öffnete.

„Sie hatte eine Vision“, klärte Kyle sie auf. Er wollte ihr nicht die Wahrheit sagen, weil er fürchtete, dass noch mehr in die Luft gehen würde, aber in solch einer Situation blieb ihm keine andere Wahl. „Cal will das Gebäude in die Luft sprengen, sie geht um Max und die anderen zu warnen.“

„Oh Gott“, wisperte Maria und ein weiterer Scheinwerfer ging kaputt.

„Shit, Maria! Könntest du das lassen, sonst ist der Wagen irgendwann nicht mehr fahrtüchtig“, sagte Kyle genervt. „Liz wird es schon rechtzeitig schaffen.“

„Ich habe auch solch eine Kontrolle darüber, Kyle!“ fauchte sie zurück. „Denn, wenn ich sie hätte würdest du in die Luft gehen und nicht der verdammte Schweinwerfer.“

Kyle verdrehte die Augen und nahm das Fernglas in die Hand. Er beobachtete den Eingang des Gebäudes. Liz war in der Zwischenzeit verschwunden. Er hoffte, dass sie rechtzeitig auf die anderen treffen würde.

„Worauf wartest du noch?“ wollte Maria wissen und stampfte ein paar Schritte vor.

„Was machst du da?“

„Wir gehen hinterher. Komm jetzt“, meinte Maria und inspizierte ihre Hände. Sie atmete erleichtert aus, als sie feststellte, dass sie wieder normal waren. Vielleicht war es nur etwas Vorübergehendes gewesen, dachte sie sich.

„Wir können… warte, ich glaube sie kommen“, rief Kyle aus und warf das Fernglas zur Seite. Er rannte los und Maria folgte ihm dicht auf den Fersen. „Sie haben es geschafft“, meinte er voller Freude.


*****

Wie sie es schafften den Weg nach draußen zu finden wusste später niemand mehr von ihnen. Und wie viele Agenten sie niedergeschlagen, gemindwarped und über den Haufen gerannt hatten auch nicht. Und auch nicht, wie viele tot geblieben waren. Sicher einige. Max, Michael, Ava und Isabel hatten sich noch bemüht ihre Gegner nur bewusstlos werden zu lassen, wenn sie sie mit Energieblasts attackierten, Cal hatte da weniger Skrupel gehabt. Blut und reglose Gestalten säumten die Korridore der Militärbasis. Und immer wieder tauchten neue Agenten auf. Max, der Connor immer noch trug, war mehrmals dazu gezwungen worden, sein Schutzschild zu benutzen vor herumfliegenden Kugeln. Seine Kräfte gingen ihm langsam aber sicher aus. Und Connor wurde von Sekunde zu Sekunde schwerer in seinen Armen.

Der Rückweg schien sich viel länger hinzuziehen, als der Hinweg, jeder Meter musste hart erkämpft werden. Als sie schließlich die Treppe erreichten, die nach oben zum Ausgang führte, hätte Max heulen können vor Erleichterung. Jetzt war es nicht mehr weit. Stufe für Stufe schleppten sie sich hinauf. Michael und Cal feuerten Energieblasts auf die paar noch stehenden Agenten ab, die ihnen folgen wollten.

Sie hatten das Ende der Treppe beinahe erreicht, als die Tür über ihren Köpfen aufflog und eine weitere Horde Agenten hindurch stürmte. Max ließ Connors bewusstlosen Körper zu Boden gleiten und aktivierte grade noch rechtzeitig sein Schutzschild, als die ersten Kugeln von oben auf sie hinunter pfiffen.

„Es sind zu viele, das schaffen wir nicht“, schrie Michael über den Lärm hinweg. Seine Kräfte schwanden ebenfalls und seine Blasts richteten kaum noch irgendwelchen Schaden an, hielten die Agenten nur kurzfristig auf. Auch Cal schien müde zu werden. Max erkannte, dass sie schnellstens von hier verschwinden mussten, bevor es den Agenten gelang sie zu überwältigen. Nur wie sollten sie das anstellen…

„Zurück. Wir müssen zurück!“ brüllte Michael, als die Agenten von oben die Stufen hinunter drängten. Max‘ Schutzschild würde nicht mehr lange standhalten.

„Aber da oben ist der Ausgang!“ erklärte Ava panisch. Sie war von dem Mindwarp so erschöpft, dass sie kaum etwas tun konnte, um die Agenten aufzuhalten.

„Dann müssen wir eben einen anderen Ausgang finden“, schrie Max. „Michael hat Recht, hier kommen wir nicht raus, wir müssen zurück.“

Isabel, die Jesse gestützt hatte, griff zusammen mit Ava nach Connor und schleifte ihn die Treppe wieder hinunter. Cal und Michael folgten, Max bildete das Schlusslicht und hielt weiterhin sein Schutzschild aufrecht. Sie hasteten so schnell sie konnten den Korridor entlang, während ihnen die Kugeln um die Ohren pfiffen. Mit allerletzter Kraft flüchteten sie durch die Tür, die zu den weißen Zimmern und Laboratorien führte. Michael schlug die solide Metalltür zu und schmolz dann mit seinen kaum noch vorhandenen Kräften das Türschloss und die Scharniere. Von der anderen Seite schlugen die Agenten gegen die Tür, doch sie bewegte sich nicht. Vorerst hatten sie ihre Verfolger abgehängt.

„Und was jetzt?“ keuchte Ava, für deren zierliche Gestalt Connors Gewicht beinahe zu viel war.

„Es muss noch einen anderen Weg raus geben. Wir müssen ihn nur finden“, keuchte Max ebenso atemlos wie sie.

„Und dann? Was nützt uns das? Die werden jedes Mauseloch, das hier rausführt bewachen“, schnaubte Michael. „Warum zum Teufel musstet ihr auch unbedingt den Alarm auslösen? Hättet ihr Jesse und McKenzie nicht ein bisschen weniger auffällig da raus holen können?“

„Sieh nicht mich an“, rechtfertigte Max sich und blickte hinüber zu Cal.

„Ich habe getan, was getan werden musste.“

„Ja und jetzt haben wir ein ganzes Bataillon von bewaffneten FBI-Agenten auf den Fersen und keine Ahnung wie wir hier wieder heil raus kommen sollen“, konterte Michael.

„Wir finden schon einen Weg… irgendwie“, meinte Isabel zuversichtlich. Seit sie Jesse wieder in den Armen halten konnte, war ihre Welt wieder in Ordnung.

„Dann los, lange hält diese Tür nicht mehr durch“, drängte Michael, packte Connor und setzte sich in Bewegung. Max, Isabel, Jesse und Ava folgten. Nach wenigen Metern bemerkten sie, dass Cal zurück geblieben war.

„Cal, wir haben keine Zeit mehr für…“

„Geht ohne mich“, unterbrach der Formwandler Max.

„Was?“

„Ich habe noch was zu erledigen.“

„Was soll das heißen?“ fragte Max misstrauisch. Cal grinste ihn an.

„Hast du dich gar nicht gewundert, warum ich so schnell bereit gewesen bin, euch bei dieser Mission zu helfen? Ich habe meine eigenen Gründe hier zu sein und die haben nichts mit Vilandras Liebstem zu tun.“

„Rede nicht in Rätseln, dazu haben wir keine Zeit!“ herrschte Max ihn an.

„Also schön. Reden wir Klartext. Ich bin hier, weil ich dieser Mischpoke ein für alle Mal das Handwerk legen will. Keine weitere Bedrohung mehr durch die Special-Unit. Nicht für euch und auch nicht für mich. Ihr Dilettanten schafft es ja anscheinend nicht euch Ärger vom Hals zu halten und kommt jedes Mal zu mir gerannt, damit ich euch helfe. Es ist deshalb nur eine Frage der Zeit, bis das FBI auch mich ins Visier nimmt. Und glaubt mir, ich habe nicht die geringste Lust wegen euch in irgendwelche Ermittlungen gezogen zu werden. Also mache ich Schluss, bevor mein Name in irgendwelchen Akten steht.“

„Was hast du vor?“ wollte Isabel wissen.

„Den Laden in die Luft sprengen. Alles vernichten. Alle Akten, alle Aufzeichnungen, alle Laborergebnisse…“

„Alle Menschen, die sich in diesem Gebäude befinden“, vervollständigte Max den Satz anklagend.

„Tu nicht so edelmütig Max. Ich weiß ganz genau, dass du alles dafür tun würdest, um nicht mehr im Visier der Special-Unit zu stehen. Um endlich das spießige normale Leben leben zu können, dass du dir so wünschst. Mit deinem kleinen Frauchen, einer Horde Kinder und einem Haus mit weißem Gartenzaun. Ihr alle wollt das und ich tue euch nur einen Gefallen.“

„Auf Kosten von Menschenleben.“

„Auf Kosten von Menschen, die uns alle foltern und umbringen wollen, wenn sie unserer habhaft werden. Es ist sozusagen Notwehr, falls das dein Gewissen beruhigt. Im Übrigen frage ich nicht nach deiner Erlaubnis. Ich bin einzig und allein aus dem einen Grund hier, Schluss mit der Special-Unit zu machen. Einige haben es schon vor mir versucht und haben versagt… Nasedo, Tess… aber mir wird es gelingen. Und es wäre besser, du würdest mich nicht versuchen daran zu hindern. Das gilt für euch alle.“

„Lass ihn Max! Wir haben keine Zeit für Diskussionen“, mischte sich Michael ein, als er sah, dass Max ein weiteres Mal widersprechen wollte. „Außerdem denke ich, dass er ausnahmsweise einmal Recht hat.“ Das nahm Max den Wind aus den Segeln und als Isabel und Ava auch noch nickten und damit signalisierten, dass sie auf Cals Seite standen, gab er auf.

„Tu was du nicht lassen kannst, aber ich will nichts damit zu tun haben“, blockte Max ab.

„Natürlich nicht, Euer Hoheit. Ihr wollt Euch ja nie die Finger schmutzig machen“, erklärte Cal und verbeugte sich. „Ich denke fünf Minuten sollten euch reichen, um einen Ausgang zu finden, bevor ich den Laden in die Luft gehen lassen, oder?“

„Alles klar, dann sollten wir uns besser beeilen“, drängte Michael.

Cal schaute den fünfen nach, dann breitete sich ein breites, gemeines Grinsen auf seinem Gesicht aus. „Diesmal werde ich sämtliche Probleme auslöschen… und euch auch Euer Hoheit“, raunte er ihnen noch leise nach.

Sobald Max und die anderen verschwunden waren richtete Cal seine Aufmerksamkeit auf die Gasrohre, die unter der Decke verliefen. Seine Hand glühte auf und er begann die Rohre stetig zu erhitzen, bis das Metall anfing zu Glühen und Blasen zu werfen.


*****

„Machen Sie schon! Öffnen Sie endlich die Tür!“ herrschte Carter Agent McCarthy ungeduldig an.

McCarthy und zwei weitere Agenten feuerten mit ihren Pistolen auf das Türschloss und warfen sich dann gegen das Metall. Die Tür bewegte sich kaum.

„Sie müssen das Schloss manipuliert haben…“ keuchte McCarthy.

„Ist mir egal. Öffnen sie diese Tür! Sofort! Es war Evans. Haben Sie ihn nicht erkannt? Evans ist auf der anderen Seite dieser Tür und ich will ihn haben…“

Carter hatte keine Gelegenheit mehr seinen Satz zu beenden. Kein weiteres Wort würde jemals wieder über seine Lippen kommen, als eine gewaltige Explosion das Gebäude erschütterte. Die Metalltüre wurde aus dem Rahmen gerissen und schleuderte die Agenten gegen die Wand des Korridors. McCarthy war augenblicklich tot, als sein Genick brach. Carter und die anderen Agenten hatten nicht so viel Glück. Eine Wand auf Feuer bewegte sich rasend schnell auf sie zu, innerhalb von Sekundenbruchteilen standen die Kleider und Haare der Männer in Flammen.

Carters Todesschrei war nicht zu hören, als um ihn herum die gesamte Basis in Flammen aufging und langsam in sich zusammenstürzte. Sein Körper wurde unter Tonnen von brennenden Trümmern begraben und er würde niemals wieder ein anderes Lebewesen quälen können.

*****

Als Kyle und Maria bei den anderen ankamen, lagen Jesse und Connor schon am Boden. Max kniete sich zunächst neben Jesse. „Liebling, geht es dir gut?“ murmelte eine weinende Isabel und stützte seinen Kopf, der in ihrem Schoß lag. Jesse hatte keine tödlichen Verletzungen und Max wusste, dass er noch zu schwach war sie zu heilen, aber dennoch wollte er sich vergewissern, dass ihre Wunden sie nicht in der nächsten Stunde umbringen würden. Als nächstes begab er sich zu Connor.

In der Zwischenzeit schlang Maria die Arme um Michael und hielt ihn fest. „Schon gut“, sagte Michael leise, aber drückte sie ebenso fest. Maria drückte ihr Gesicht an seine Brust und krallte ihre Hände in seinen Rücken.

Kyle stellte sich vor Ava und sagte zunächst nichts. „Hey…“, flüsterte diese und lächelte. „Siehst du, uns ist nichts passiert“, fuhr sie fort, als Kyle nicht reagierte. Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, aber er kam ihr zu vor. Er presste plötzlich seine Lippen auf ihre und zog sie an sich. Er seufzte leise, als ihr Körper gegen seinen stieß und er bemerkte wie klein und zierlich sie eigentlich war.

Ava hob überrascht die Hände und erwiderte den sanften Druck auf ihren Lippen nicht. Sie kam zu sich, als er ihren Pferdeschwanz löste und durch ihre Haare fuhr. Vorsichtig küsste sie ihn zurück und legte ihre kleinen Hände an seine Hüfte. Er fuhr mit seiner Zunge über ihre vollen Lippen und bat sie stumm…

Ein weiteres lautes Geräusch durchbrach die Stille. Noch bevor sie sich erschrecken konnten, wurden sie von einer Druckwelle erreicht und zu Boden geschleudert. Isabel hielt sich an Jesse fest und die anderen versuchten auch einen Halt zu finden. Maria rutschte als einzige mehrere Meter auf dem nassen Boden entlang. Sekunden später wurden sie alle durch ein loderndes Feuer erleuchtet. Der Stützpunkt hinter ihnen brannte lichterloh.

Michael half Maria auf die Beine und drückte sie an seine Brust. „Das ist verdammt heiß, lasst uns verschwinden.“ Alle sahen auf das einstürzende Gebäude, über welches eine bedrohliche Rauchwolke schwebte. Menschen befanden sich darin und verloren in diesem Moment ihr Leben. Stück für Stück stürzte die Basis hinter ihnen ein.

„Wo zum Teufel ist Liz?!“ brüllte Max, über den lauten Krach hinweg und sah sich um. Er sah in Richtung des Wagens, aber Liz war nirgends zu entdecken. Und er wusste, dass sie in dieser Situation niemals am Wagen stehen bleiben würde.

„Ich…ich…“, begann Maria, die sich das lodernde Feuer ansah. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie an das Mögliche dachte.

Max drehte sich zu Kyle. Er schien wahnsinnig geworden zu sein, als er die Hände zu Fäusten ballte. Das Feuer spiegelte sich in seinen Augen wieder und ließ ihn noch gefährlicher aussehen. Er senkte seine Stimme und fragte mit scheinbarer aber gefährlicher Ruhe: „Wo. Ist. Meine. Frau?“ Er betonte jedes Wort einzeln und erwartete eine Antwort.

„Ist sie nicht bei euch gewesen?“ entgegnete Kyle etwas panisch.