Written by: Buddha-boy & Liz Evans


Specials: Max/Liz Auskopplung: Der Kuss der mehr verspricht. (Adult)

Was bisher geschah:


- „Jeder schnappt sich was er tragen kann. Wir haben keine Zeit, um noch lange zu packen. Nehmt alles an Bargeld mit, was ihr finden könnt und die Ausweise und Dokumente, die Cal uns gegeben hat. Ihr habt zwei Minuten. Wir treffen uns draußen am Wagen.”

- „Connor. Wir gehen zu Connor.“

- „Sie haben ihn angeschossen! Wir müssen zurück! Wir müssen ihm helfen!”

- „Und dann kontaktieren sie Carter in Boston. Ich will, dass Jesse Ramirez verhaftet wird. Wenn einer uns etwas über die Aliens sagen kann, dann er.“

- „Zur Grenze. Wir sollten raus aus den Staaten und das so schnell und unauffällig wie möglich.“

- „Ich will wissen, wo sie sind. Wenn Sie mir das nicht sagen, Mr. Ramirez, dann sterben Sie hier.“

*~*~*~*~*


Roch es nach Schweiß? Er versuchte zu schnüffeln, versuchte seine Augen zu öffnen, aber er konnte nichts sehen. Waren seine Augen offen? Konnte er sich überhaupt noch bewegen? Wieder stieg ihm dieser Schweißgeruch in die Nase, den er nicht verbannen konnte. Er konnte seinen Mund nicht öffnen und war gezwungen durch seine Nase zu atmen. Sein Kopf dröhnte und er kniff seine Augen fest zusammen. Vielleicht war es nur ein Alptraum und er würde gleich aufwachen.

Seine Nase lief ununterbrochen. Konnte es sein, dass es Blut war? Er konnte es nicht beurteilen, da er nichts schmecken konnte. Wo bin ich?, fragte er sich. Und mit einem Mal kamen ihm all die Erinnerungen zurück. Das FBI hatte ihn mitgenommen. Dieser kleine Widerling hatte ihm einige Fragen gestellt, an mehr konnte sich Jesse Ramirez im Moment nicht erinnern.

Seine Hände waren an seinen Sitz gefesselt oder zumindest vermutete Jesse das, denn er konnte seine Finger nicht mehr fühlen. Konnte es sein, dass sie ihm die Arme amputiert hatten? Nein, so krank konnte auch dieser Carter nicht sein. Seine Hände mussten eingeschlafen sein, das war es. Seine Finger waren taub, wie auch seine Arme.

Das Licht ging plötzlich an und Jesse schloss gequält die Augen. Also konnte er doch noch sehen. Er versuchte soviel wie möglich um sich zu erkennen, aber das war nicht leicht, da er seinen Kopf nicht drehen konnte. Aber eins wusste er, niemand war in seiner Nähe, also roch er sich selber. Und als würde die Erkenntnis etwas an seinen Sinnen ändern, hatte er das Gefühl, dass etwas an seinem Körper kleben würde. Nass und widerlich. Er wusste, als sie ihn hergebracht hatten, hatte er nur Shorts getragen, aber vielleicht hatten sie ihm etwas übergezogen? Er glaubte Feuchtigkeit unter seinen Armen zu spüren.

Wie lange bin ich schon hier?, dachte Jesse. Er konnte die Zeit nicht einschätzen. Das Licht war seiner Meinung nach stundenlang aus gewesen, aber vielleicht waren es nur ein paar Minuten gewesen? Und durch das Nichtstun war es ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Er wurde in seinen Gedanken unterbrochen, als sein Verhörer von der rechten Seite in seinen Blickwinkel trat.

„Hallo Mr. Ramirez“, zischte die Stimme und Jesse hätte ihn angespuckt wenn er gekonnt hätte. Er sah noch immer genauso aus, wie vorher. Die wenigen Haare waren zur selben Seite gekämmt und klebten an seinem Kopf. Die Farbe seiner Krawatte war noch immer dieselbe und der Anzug schien sich auch nicht geändert zu haben. Dann kann es gar nicht so lange gewesen sein, dachte Jesse und stöhnte unter dem Klebeband. Das hieß, dass wahrscheinlich noch nicht einmal seine Abwesenheit bemerkt worden war. Wie denn auch, er hatte noch bis Mitte der Woche Urlaub.

„Wie geht es Ihnen denn heute?“, fragte Carter Jesse und musterte ihn. Sie hatten mit Absicht in verschiedenen Intervallen den Raum erleuchtet und verdunkelt. Sie wollten unbedingt, dass ihr Häftling sein Zeitgefühl verlor und Panik bekam. Nachdem er sich geweigert hatte ihnen etwas zu sagen, hatte er nicht gleich zu blutigen Methoden gegriffen, sondern ihm zunächst einmal eine Spritze gegeben. Danach hatte Jesse Ramirez ein paar Stunden geschlummert, aber jetzt war die schöne Zeit seiner Träume vorbei. „Ach, Sie können mir ja nicht antworten.“ Carter riss seinem Häftling das Klebeband herunter. „Aber jetzt.“

„Mir geht es blendend“, erwiderte Jesse. Wenn er hier je lebend rauskommen würde, dann wusste er wer als nächstes vor ihm vor Gericht stehen würde. Aber er glaubte nicht mehr daran, dass er es lebend hier raus schaffen würde. Isabel wollte ihn erst in ein paar Tagen traumwandeln und seine Kollegen würden seine Abwesenheit auch nicht bemerken. Außerdem wusste er nicht einmal wo er war. Das einzige war er sah, war die weiße Wand vor sich und diesen Schmutzfleck Carter, der sich in seine klare Sicht stellte.

„Erzählen Sie mir, Jesse, warum ist Ihre Frau zurückgekommen?“, fragte Carter und verschwand aus dem Blickfeld. Sekunden später kam er mit einem Stuhl wieder und setzte sich vor Jesse. „Hat sie Ihre Hilfe benötigt?“

„Meine Frau und ich waren zerstritten. Wir haben versucht unsere Eheprobleme zu lösen“, erklärte Jesse gepresst und fühlte dass seine Lippe geschwollen war. Hatten sie ihm bei Bewusstsein auf die Lippe geschlagen oder erst danach? Jesse konnte sich nicht mehr erinnern und inzwischen war es ihm auch gleichgültig.

„Haben Sie sich gestritten, weil sie kein Mensch ist?“, wollte Carter noch immer in einer ruhigen Stimme wissen. Sie kam Jesse schon zu ruhig vor.

„Isabel ist ein Mensch, wie jeder andere auch. Oder nach was sieht sie Ihrer Meinung nach aus?“, fragte Jesse, der diesem Mann nicht die völlige Kontrolle überlassen wollte.

„Ich muss schon gestehen, Mr. Ramirez, Ihre Frau ist sehr hübsch. Und wenn ich sie in die Hände bekommen würde und sie kein Alien wäre, dann würde ich sie auf der Stelle vögeln.“

„Sie Schwein!“, rief Jesse aus und kämpfte gegen die Riemen, die ihn festhielten, aber es war sinnlos.

Carter blieb unbeeindruckt und setzte seine Rede fort. „Unter Ihrem rechten Zeigefinger befindet sich ein Sensor, der an einen Lügendetektor angeschlossen ist.“ Carter lächelte etwas und zeigte dann auf seinen Kopfhörer. „Und durch dieses winzige Teil hier, höre ich ob Sie mich anlügen oder nicht.“ Er lehnte sich zurück und sein kleiner Bauch vergrößerte sich durch seine Position. Er verschränkte die Arme vor sich und atmete laut. „Sie haben gelogen, als Sie sagten, Ihre Frau und Sie hätten sich gestritten. Auch haben Sie gelogen, als Sie behaupteten, dass sie ein Mensch sei.“

Jesse blieb stumm für einen Moment, danach straffte er sich und sah seinem Peiniger direkt in die Augen. „Ich dachte diese Tests funktionieren nur bei ‚Ja‘ und ‚Nein‘ Antworten“, meinte er leise und bildete sich ein, eine Ader an Carters Stirn pochen zu sehen.

Dieser schoss aus seinem Stuhl und ließ ihn nach hinten umkippen. „Sie denken wohl, Sie sind ganz gerissen“, zischte er und spuckte Jesse dabei ins Gesicht. Er war nur wenige Millimeter von ihm entfernt und drückte seine Waffe gegen Jesses Brust.

„Wollen Sie mich umbringen?“, fragte Jesse. „Dann tun Sie es. Ich weiß nämlich nichts über die anderen.“

„Ach ja?“, meinte Carter, der langsam ungeduldig wurde. Er ließ seine Waffe an Jesses Schulter hinunter streifen und dann an seinem Arm entlang. Bevor er auf Jesse Ramirez schießen würde, würde er noch das ängstliche Zittern seines Körpers genießen. Alle seine Häftlinge schienen am Anfang entschlossen und stark, doch je mehr Zeit verging, desto schwächer wurde sie. Und auch wurde Mr. Ramirez‘ Körper durch ein Zittern erschüttert und dies löste in Carter ein Machtgefühl aus. Ja doch, manchmal glaubte er ein Sadist zu sein.

Unerwartet schrie Jesse auf und alle Muskeln in seinem Körper verkrampften sich. Keuchend versuchte er aus den Augenwinkeln die Herkunft des Schmerzes zu kristallisieren. „Sie verdammter Bastard“, murmelte er und biss die Zähne zusammen. Er konnte nur das rote Schimmern des Blutes sehen und schloss gequält die Augen. Sein Blut, denn dieser abstoßende Mistkerl hatte in seine Hand geschossen.

„Wollen Sie mir noch immer nicht antworten, Mr. Ramirez?“, fragte Carter und kam noch näher. „Vielleicht wollen Sie noch weiter angeschossen werden, bis Sie verbluten? Sind Sie religiös Mr. Ramirez? Ich könnte Ihnen auch noch in die Füße schießen“, äußerte er sich weiter und lachte über sich selbst.

Jesse spürte wie der Schmerz immer größer wurde. Inzwischen fühlte er ihn im ganzen Arm. Sein Schädel pochte und sein Kiefer tat ihm weh. Er hatte zu fest zugebissen. Doch er glaubte noch immer widerstehen zu können. Er liebte Isabel und er würde diesen Männern nicht einmal das Wenige sagen, was er wusste. Doch mit dem kommenden hatte er nicht gerechnet.

„Ahhh…“, schrie er und wurde ohnmächtig. Carter saß neben ihm und schüttete ihm ein Glas Wasser ins Gesicht. Jesse kam wieder zu sich und verzog schmerzvoll das Gesicht. Was war es, dass ihm diese Qualen zubereitete? Er fühlte sich, als würde sein Körper in Flammen aufgehen. Vielleicht war es das? Vielleicht versuchte dieser Carter ihn wirklich zu verbrennen?

„Eine Säure, Mr. Ramirez“, erklärte Carter die unausgesprochene Frage. „Direkt in Ihre Wunde.“

Nach dem dritten Mal bat Jesse um eine Pause. Er bat Isabel innerlich um Vergebung und hoffte, dass sie schon lange Alaska verlassen hatten. Aber wie sollte er sich sicher sein, dass sie überhaupt wussten in welcher Gefahr sie schwebten? „Sie sind in Alaska. Ich schwöre mehr weiß ich nicht“, keuchte Jesse und wünschte, sie würden ihn losmachen. Er fühlte die Erschöpfung seines Körpers, aber dennoch musste er in dieser aufrechten Position sitzen.

„Wissen Sie wirklich nicht mehr?“, fragte der FBI-Agent, der befürchtete, dass alles umsonst gewesen war. Denn, dass diese verdammten Aliens in Alaska waren wussten sie schon lange. Nur leider waren sie nicht mehr dort.

„Ich weiß wirklich nicht mehr“, gestand Jesse. Danke Isabel, danke, dass du dich geweigert hast mir mehr zu sagen. Mit Isabels lächelndem Gesicht vor Augen wurde Jesse erneut ohnmächtig.

„Der ist zu nichts zu gebrauchen“, beschwerte sich Carter und verließ das Zimmer. Durch seinen Kopfhörer hatte man ihm gesagt, dass der Gefangene die Wahrheit sagte und ihnen keine Hilfe war. „Wir haben unsere Zeit verschwendet. Was sollen wir jetzt mit ihm machen?“

*****

„Max…“

„Schh… schlaf weiter“, flüsterte Max und streichelte Liz‘ Arm. Sie hatten ein weiteres Mal, nach dem Überqueren der Grenze, gehalten und die Plätze gewechselt. Michael hatte die Aufgabe des Fahrens übernommen und Kyle die des Beobachters vorne.

Und Max war da, wo er sein wollte. Er saß hinten im Kofferraum und hatte seine Beine quer über die Ladefläche gestreckt und Liz lag zwischen ihnen, sodass ihr Rücken an seiner Brust lehnte. Sie schlief, doch er glaubte, dass sie Alpträume hatte, denn wirklich ruhig schien sie nicht. Immer wieder wand sie sich unter seiner festen Umarmung und flüsterte seinen Namen.

Und er versuchte durch das Reiben ihrer Arme, oder das Küssen ihres Hinterkopfes sie in ihrem Schlaf zu beruhigen, aber es nutzte nichts. „Vielleicht solltest du sie wecken?“, flüsterte Maria, als sie nach hinten sah. Ihre beste Freundin sah etwas blass aus und das Gemurmel machte Maria Sorgen. Vielleicht war sie in einem Traum gefangen und konnte nicht aufwachen?

„Maria, sie muss etwas schlafen. Genauso wie du auch, versuch etwas Schlaf zu bekommen“, widersprach er ihr und wandte sich wieder an Liz. Er legte seine Wange auf ihr Haupt und schloss seine Augen. Auch er musste sich etwas Ruhe gönnen, wenn er bei klarem Verstand bleiben wollte. Er fragte sich immer wieder was sie tun sollten. Schon bald würde die anderen die wichtigste Frage an ihn richten. Wo gehen wir jetzt hin, oder besser und schwieriger zu beantworten: Was machen wir jetzt? Auch wenn Max durch seine Anwesenheit versuchte Liz Ruhe zu übermitteln, suchte er in ihrer Nähe Zuflucht. Er hatte einen schrecklichen Fehler begangen, eine falsche Entscheidung getroffen. Und wenn Liz bei ihm war schienen seine Schuldgefühle nicht die Überhand zu gewinnen. Denn er konnte in ihren liebevollen Augen keine Schuldzuweisungen sehen.

Max wollte auch den anderen keinen Vorwurf machen, denn sie hielten sich alle sehr gut. Nur die Augen seines besten Freundes blickten ihn im Rückspiegel mit einem Funken Enttäuschung an und verstärkten seine Misere.

„Max…Max…“, hörte er die Stimme seiner Ehefrau und beschloss sie diesmal wirklich zu wecken. Doch bevor er sie wach rütteln konnte, schoss sie hervor und verfehlte nur beinahe sein gebeugtes Haupt mit ihrem.

„Liz, was ist mit dir?“, fragte er schockiert, als er ihre schnelle Atmung hörte.

„Die haben Jesse…“




Der Geländewagen stand mit ausgeschaltetem Motor, aber brennenden Scheinwerfern auf dem ausgefahrenen Forstweg, in den Michael ihn gesteuert hatte. Ringsum war nur die Stille der kanadischen Winternacht zu hören. Vereinzelte Schneeflocken rieselten träge vom Himmel hinunter und die hohen Tannen neben dem Weg sahen aus wie schwarze Riesen.

In Connor McKenzies Geländewagen war es jedoch keineswegs so ruhig wie draußen. Aufgeregtes Stimmengewirr war zu hören, weil alle sieben Insassen gleichzeitig durcheinander redeten. Erst als Isabel sich mit einem schrillen Schrei Gehör verschaffte, verstummten die anderen.

„Haltet endlich den Mund! Ich will wissen was mit meinem Ehemann los ist!“ fuhr sie ihre sechs Mitreisenden an.

Zusammen mit fünf anderen Augenpaaren richtete sie ihren Blick auf Liz, die immer noch in Max‘ Armen saß und langsam wieder zu Atem kam. Die Visionen waren zwar nicht mehr schmerzhaft, wie noch vor der Siegelübertragung, doch sie waren anstrengend und für Liz‘ zierlichen Körper bedeuteten sie jedes Mal eine Strapaze.

„Was hast du gesehen?“ forderte Isabel von ihrer Schwägerin.

„Nicht viel…“ entgegnete Liz erschöpft.

„Aber du hast Jesse gesehen, oder?“ ließ Isabel nicht locker.

„Ja… aber…“

„Was ist mit ihm? Du hast gesagt SIE hätten Jesse. Wer ist SIE Liz?“

„Ich… ich bin mir nicht sicher…“

„Das FBI? Ist es das FBI? Wurde Jesse von ihnen gekidnapped?“

„Wie wäre es, wenn du sie ausreden lassen würdest“, schnappte Michael irritiert vom Fahrersitz aus und erntete dafür missbilligende Blicke der anderen.

„Ich will auf der Stelle wissen, was mit meinem Ehemann los ist“, begehrte Isabel leicht hysterisch auf.

„Isabel… bitte beruhige dich“, versuchte Max seine Schwester ein wenig zu besänftigen, doch er hätte genauso gut gegen eine Wand reden können.

„Ich will mich aber nicht beruhigen! Ich will wissen was sie gesehen hat! Ich will… ich…“ Isabel verstummte mitten im Satz und fing herzzerreißend an zu schluchzen. „Oh Gott… Jesse…“

Kyle kletterte zwischen den Vordersitzen nach hinten und nahm Isabel sanft in die Arme, während sie gegen seine Schulter weinte. Keiner der anderen sagte ein Wort, bis Isabels harte Schluchzer halbwegs verstummt waren.

„Was hast du genau gesehen Liz?“ fragte Kyle.

„Nur Bruchstücke… ich habe gesehen wie Jesse von Männern in dunklen Anzügen aus dem Bett geholt wurde. Er wird irgendwo gegen seinen Willen festgehalten. Er hat Angst und er hat Schmerzen. Mehr konnte ich nicht erkennen…“

„Dunkle Anzüge? Das klingt verdammt nach FBI“, meinte Michael düster.

„Oh Gott… das ist alles meine Schuld…“ fing Isabel wieder an zu weinen.

„Konntest du erkennen, wo man ihn gefangen hält?“ fragte Max seine Frau sanft.

Liz schüttelte bedauernd den Kopf. Isabels Schluchzer gingen ihr entsetzlich nahe. Sie hatte in ihrer kurzen Vision Jesses Verzweiflung und Furcht deutlich spüren können. Nicht auszudenken wenn sie an Isabels Stelle wäre und Max wäre…

„Wir müssen sofort zurück“, unterbrach Isabel Liz‘ schwarze Gedanken. Hektisch befreitet sie sich aus Kyles Umarmung und wandte sich an Michael auf dem Fahrersitz. „Dreh um. Wir fahren zurück.“

Michael reagierte nicht, wich aber ihrem Blick aus.

„Worauf wartest du noch? Fahr schon!“ fuhr Isabel ihn an.

„Wir können nicht zurück“, sprach Maria das aus, was alle anderen in diesem Augenblick dachten. „Wir sind dem FBI nur um Haaresbreite entkommen. Wir können doch jetzt nicht wieder zurück fahren. Das wäre glatter Selbstmord…“

„Natürlich fahren wir zurück! Die haben Jesse in ihrer Gewalt“, schrie Isabel.

„Wir wissen ja nicht einmal wo sie ihn festhalten. Er könnte überall sein“, warf Max hilflos ein. Seine Schuldgefühle hatten sich mittlerweile verdoppelt. Hätte er Isabel doch nur nicht nach Boston fliegen lassen. Wie hatte er nur so dumm sein können. Und wer würde noch alles für diesen Fehler bezahlen müssen? Erst Connor… jetzt Jesse…

„Wir müssen irgendetwas unternehmen. Wir können nicht so tun, als wäre nichts“, fauchte Isabel. „Jesse ist kein Fremder, der uns nichts angeht. Er ist einer von uns.“

„Und was sollen wir tun? Max hat Recht. Wir wissen nicht wo er ist, also können wir ihm auch nicht helfen“, meinte Ava, die sich nur zu gut daran erinnern konnte, wie sie von Lonnie und Rath gekidnapped und gefoltert worden war. Es war die Hölle auf Erden gewesen und auch wenn Ava Isabels Ehemann nie kennen gelernt hatte, wünschte sie doch niemandem etwas derartiges erleiden zu müssen. Sie wollte Jesse helfen, doch im Augenblick, wo sie so wenige Informationen über seine Situation hatten, war es aussichtslos.

„Dann müssen wir eben versuchen herauszufinden wo er ist“, entgegnete Isabel prompt. „Du musst versuchen eine weitere Vision von ihm zu bekommen Liz.“

„Das ist nicht so einfach…“ wehrte ihre Schwägerin ab.

„Versuch es!“ forderte Isabel hysterisch.

„Isabel, das hat so keinen Zweck“, mischte Max sich ein und zog Liz enger an sich. „Liz ist erschöpft… wir sind alle erschöpft von den Strapazen der letzten Stunden. Wir brauchen erst einmal ein bisschen Zeit um uns auszuruhen…“

„Jesse hat auch keine Zeit, um sich auszuruhen,“ schrie Isabel ihren Bruder an. „Wenn das FBI ihn gefangen hält, weißt du was sie mit ihm machen werden. Jede Minute die wir hier tatenlos herumsitzen bedeutet weitere Qual für ihn.“

„Das weiß ich“, entgegnete Max leise. „Aber es ist weder ihm noch uns damit gedient, wenn wir jetzt durchdrehen. Wir müssen vor allem die Nerven behalten.“

„Du hast gut reden. Es geht ja nicht um deine wunderbare Liz, sondern nur um Jesse“, brach es bitter aus Isabel heraus.

„Das hat damit nichts zu tun.“

„Hört auf! Das bringt doch nichts“, mischte sich Maria in den Streit ein und wenigstens Max verstummte.

„Schön, wenn ihr mir nicht helfen wollt, werde ich es eben allein versuchen“, verkündete Isabel entschlossen.

„Was hast du vor?“ wollte Kyle wissen.

„Ich werde Jesse traumwandeln. Vielleicht finde ich so heraus wo er ist. Und dann werde ich ihn da heraus holen, egal ob mir eurer Hilfe, oder ohne.“

Keiner der anderen wagte einen Widerspruch, Max sagte lediglich: „Aber nicht hier. Jemand könnte uns sehen. Michael fahr zurück auf die Straße und bis in die nächste Stadt. Wir suchen uns einen Ort, wo wir ungestört sind.“

*****

„Also das nenne ich wirklich einen ungestörten Ort“, murmelte Maria, als Michael auf den Parkplatz eines abgelegenen, ziemlich heruntergekommenen Motels steuerte.

In einiger Entfernung schimmerten die Lichter einer kleinen Stadt, ansonsten war weit und breit nur dunkler Wald und Schnee zu sehen. Maria fing bereits an Kanada gründlich satt zu haben.

Das Motel war ein lang gestrecktes Gebäude, das den Parkplatz von drei Seiten umschloss und dessen Mauern mit billigem Holzimitat verkleidet waren und so den Anschein einer romantischen Berghütte vortäuschen sollte. Außer dem Büro und der flackernden Neonreklame war nur noch ein weiteres Fenster im ganzen Gebäude erleuchtet. Und nur drei andere Fahrzeuge standen auf dem Parkplatz.

„Also gut… Kyle, Ava, ihr beide geht rein und besorgt uns ein Zimmer. Michael, park den Wagen dort drüben hinter den Büschen. Es ist besser, wenn uns niemand sieht“, übernahm Max wie gewohnt die Organisation. Niemand der anderen widersprach. Sie waren es mittlerweile gewohnt, dass Max in Situationen wie dieser in seine Anführerrolle schlüpfte. Und wenn sie ehrlich waren, wollte niemand von ihnen wirklich mit ihm tauschen.

Nach wenigen Minuten kamen Kyle und Ava aus dem Motel-Büro zurück, gerade als Isabel die Untätigkeit nicht länger aushalten konnte und nervös mit den Fingern auf das Sitzpolster neben sich trommelte.

„Okay, hier sind die Schlüssel,“ erklärte Kyle, als er mit Ava zurück in den Truck kletterte. „Ich dachte nur ein Zimmer für uns alle wäre ein bisschen klein, also habe ich zwei Familienzimmer mit Verbindungstür für uns gebucht und ein Einzelzimmer für Isabel, falls sie Ruhe braucht…“

„Und? Irgendwelche Probleme?“ wollte Max wissen.

„Nein, keine. Dem Typ an der Rezeption haben wir gesagt, dass wir auf dem Weg nach Montreal ans College sind.“

„Ans College?“ fragte Maria stirnrunzelnd.

„Ja, das ganze war Avas Idee,“ meinte Kyle bewundernd. „Die Neujahrsferien sind in ein paar Tagen vorbei und überall sind jetzt Studenten unterwegs zurück an die Colleges, weil sie die Feiertage bei ihren Familien verbracht haben.“

„Davon abgesehen habe ich den Typ gemindwarped, damit er unsere Gesichter vergisst“, fügte Ava hinzu.

Kyles bewundernder Gesichtsausdruck verschwand schlagartig, doch bevor er etwas sagen konnte platze Isabel aufgebracht heraus: „Können wir dann endlich rein gehen!“

So unauffällig wie möglich huschte die kleine Gruppe hinüber zu den Zimmern. Sie hätten sich jedoch keine Sorgen machen brauchen, dass sie jemand sah. Es war viel zu kalt für neugierige Passanten. Davon abgesehen, dass es mitten in der Nacht war.

„Du hast ihn gemindwarped?“ flüsterte Kyle Ava erregt ins Ohr, als er hinter ihr her lief. „Warum hast du mir nichts davon gesagt?“

„Ich hab‘s dir doch eben gesagt,“ raunte Ava zurück und wusste nicht, wo Kyles Problem lag.

„Ja, nachdem du ihn gemindwarped hast. Ich hätte gerne vorher gewusst, was du planst…“

„Kyle! Den Schlüssel!“ forderte Isabel und unterbrach die Diskussion der beiden.

„Isabel, willst du das wirklich tun?“ fragte Liz und legte ihrer Schwägerin eine Hand auf den Arm.

Das wenige was sie von Jesse in ihrer kurzen Vision gespürt hatte, hatte ihr mehr als gereicht. Und für Isabel würde es noch viel schlimmer sein, weil sie Jesse viel näher stand. Liz wollte nicht, dass sie auch noch leiden musste, doch wie zuvor Max schon, hätte sie genauso gut gegen eine Wand reden können. Isabel reagierte nicht einmal auf ihre Frage.

„Is… du solltest vielleicht nicht allein sein“, versuchte Max es ebenfalls noch einmal. „Wenn du willst bleibe ich bei dir, während du…“

„Ich bleibe bei dir“, unterbrach Kyle schnell und trat neben Isabel. Avas verwunderten und leicht verletzten Blick ignorierte er und folgte Isabel in ihr Zimmer.

Ohne auf das schäbige Mobiliar, den fleckigen Teppich und die abgewetzten Vorhänge zu achten, zog Isabel ihre Jacke aus und legte sich auf das Bett in der Mitte des Zimmers. Kyle schloss leise die Tür, zog sich einen Sessel neben das Bett und machte es sich bequem.

„Hey… erinnerst du dich noch daran, wie ich dich damals überredet habe mit mir dieses Playmate zu traumwandeln?“ versuchte Kyle die angespannte Atmosphäre mit einem Scherz aufzuheitern.

Er biss sich jedoch sogleich auf die Zunge, als er Isabels drohenden Blick auffing. „Wenn du nicht ruhig sein kannst, dann gehst du besser gleich wieder. Ich kann jetzt keine Ablenkung gebrauchen.“

„Schon gut, ich bin schon still. Buddha sagt: In einer Zeit größter Not, braucht man Stille, um…“

„KYLE!“

*****

Jesse wusste nicht mehr ob er wach war, oder schlief. Die Schmerzen aus seiner angeschossenen Hand kletterten wie Messerklingen seinen Arm hinauf und breiteten sich in seinem ganzen Körper aus. Der Raum um ihn herum verschwamm immer mehr. Mehrmals hatte er schon das Bewusstsein verloren. Carter war nicht wieder gekommen, dafür andere. Sie hatten ihm etwas gespritzt, ihm Blut abgenommen und mehrere Hautproben entfernt. Was das alles sollte wusste Jesse nicht und er war zu erschöpft um seine Peiniger zu fragen. Antworten bekam er sowieso keine.

Er wollte nur schlafen. Er war so müde… aber er hatte Angst, dass sie im Schlaf irgendetwas mit ihm anstellten. Dass er vielleicht ungewollt Informationen über Isabel preisgab.

„Jesse?“

„Isabel?“

„Ja… ich bin‘s Liebling…“

„Träume ich?“

„Ja.“

Jesse blinzelte angestrengt, doch der Nebel am Rand seines Sichtfeldes wurde dichter. Er konnte Isabel nicht sehen. „Isabel… ihr müsst verschwinden. Sie wissen wo ihr seid. Ich… ich habe es ihnen gesagt… ich wollte nicht, aber sie haben… sie…“ Er unterbrach sich, als die Tränen aus seinen Augen quollen.

„Es ist okay… es ist nicht deine Schuld“, versuchte Isabel ihn zu beruhigen. Jesse konnte hören, dass auch sie weinte.

„Es tut mir so leid Isabel. Ich wollte euch nicht verraten… das musst du mir glauben…“

„Ich glaube dir mein Schatz… vergiss es einfach, das ist nicht wichtig. Wir sind in Sicherheit.“

„Gott sei Dank.“

„Jesse, weißt du wo sie dich hingebracht haben?“ fragte Isabel drängend.

„Nein… sie sind mitten in der Nacht gekommen… ich war bewusstlos… ich kann mich nicht erinnern…“

„Streng dich an Schatz! Bitte, es ist wichtig. Wir müssen herausfinden, wohin sie dich gebracht haben, damit wir dich so schnell wie möglich da heraus holen können.“

„Das ist zu gefährlich Isabel. Ich will nicht, dass sie dich auch noch schnappen…“

„Das lass nur meine Sorge sein. Sag mir lieber, ob du irgendetwas von deiner Umgebung erkennen konntest.“

„Nein… hier ist alles so kalt… und alles ist weiß…“

„Weiß?“ fragte sie ihn und Jesse glaubte Entsetzen in ihrer Stimme zu hören.

„Das ganze Zimmer ist weiß. Der Boden, die Wände, die Decke… alles. Und es gibt keine Fenster und Türen… ich weiß nicht mal welche Tageszeit draußen herrscht.“

„Das weiße Zimmer“, flüsterte Isabel mit Grauen, riss sich dann jedoch halbwegs zusammen. „Was weißt du noch Jesse? Versuch dich zu erinnern. Jede Kleinigkeit kann uns vielleicht helfen dich zu finden.“

„Da ist ein Agent… ein Doktor, glaube ich. Sein Name ist Carter.“

„Und weiter?“ drängte Isabel.

„Ich weiß nicht… ich bin so müde… ich kann mich nicht erinnern…“

„Hast du Schmerzen?“

„Nein.“

„Du Lügner!“ schluchzte Isabel. Ihre Stimme wurde bei jedem Wort leiser.

„Isabel? Nein, geh nicht weg… lass mich nicht allein bitte…“

„Ich liebe dich Jesse. Wir holen dich da raus. Versprochen.“

„Bitte bleib hier… geh nicht weg… ich liebe dich…“

Der Nebel vor seinen Augen wurde dichter und mit einem Ruck wachte Jesse auf. „Isabel?“

Ein mitleidsloses Gesicht beugte sich über ihn. Eine weitere Spritze wurde aufgezogen. Eine weitere Runde Experimente. Jesse schloss die Augen wieder. Isabel würde kommen und ihn hier rausholen, dachte er. Hoffentlich kam sie schnell.

*****

„Das weiße Zimmer?“

Jeder in dem schrecklichen Motelzimmer war blass und still geworden, als Isabel und Kyle mit den Neuigkeiten über Jesses Aufenthaltsort hereingeplatzt waren. Nur Ava, die nicht wusste, was mit dem Ausdruck gemeint war, wunderte sich über die anderen und fragte ahnungslos drauflos.

Die Augen der anderen richteten sich alle auf Max, der noch viel blasser aussah, als der Rest der Gruppe und sich langsam auf das durchgelegene Doppelbett sinken ließ. Liz setzte sich augenblicklich neben ihn und nahm seine Hand, die mit einemmal ganz kalt geworden war, in die ihre.

„Was hat es mit diesem Zimmer auf sich und warum schaut ihr alle drein, als ob Isabels Ehemann in der Hölle gelandet wäre?“ wollte Ava wissen.

„Weil es die Hölle ist“, flüsterte Max kaum hörbar.

„Ich dachte Tess hätte es zerstört“, meldete Michael sich zu Wort. „Sie hat die ganze Militärbasis in die Luft gesprengt, also auch das weiße Zimmer. Soll das heißen, die haben das in der kurzen Zeit alles wieder aufbauen können?“

„Das glaube ich nicht“, meinte Kyle. „Sowas dauert länger als ein paar Monate.“

„Dann hast du dich geirrt Isabel“, entschied Michael beinahe schon erleichtert.

„Ich habe mich nicht geirrt. Jesse hat gesagt, das ganze Zimmer ist weiß. Der Boden, die Wände, die Decke. Und es gibt keine Fenster und Türen…“

„Hör auf“, unterbrach Max seine Schwester gequält.

„Kann mir vielleicht endlich jemand sagen, was es mit diesem blöden Zimmer auf sich hat?“ meldete Ava sich leicht angesäuert zu Wort.

„Das ist die Folterkammer des FBI für jemanden wie uns“, antwortete Michael.

„Folterkammer?“

„Der Raum, in dem sie ihre kranken Experimente durchführen. In dem wir alle landen werden, wenn sie uns schnappen.“

„Michael!“ mahnte Liz, die Max‘ Zittern spüren konnte.

„Woher wisst ihr das?“ fragte Ava. „Ist jemand von euch schon mal dort gewesen?“

Wieder richteten sich alle Augen auf Max.

„Können wir bitte über etwas anderes sprechen?“ bat Liz, die fühlen konnte, wie sehr Max unter der Erinnerung litt.

„Max war dort? Oh Himmel… das wusste ich nicht“, platzte Ava heraus.

„Nur einen Tag lang… aber es war der schlimmste Tag meines Lebens“, flüsterte Max. Liz drückte mitfühlend seine Hand.

„Wir haben Max damals dort heraus geholt. Dieses Zimmer war in Eagle Rock, der Militärbasis, die Tess im Sommer in die Luft gesprengt hat, bevor wir Roswell verlassen mussten“, erklärte Michael.

„Aber wenn dieses Zimmer nicht mehr existiert, wie kann dann Isabels Mann dort sein?“

„Ich sagte ja, dass sie sich geirrt haben muss…“

„Und ich sage, ich habe mich nicht geirrt“, konterte Isabel durch zusammen gebissene Zähne. „Wo immer Jesse festgehalten wird, es sieht genauso dort aus, wie damals bei Max.“

„Und wenn das FBI mehrere solcher Zimmer besitzt?“ fragte Ava. „Es gibt unzählige Stützpunkte überall in den Staaten. Wer sagt uns, dass es nicht auch überall solche Zimmer gibt?“

Die anderen schwiegen auf diese logische Schlussfolgerung.

„Das bringt uns nicht wirklich weiter. Wir wissen immer noch nicht, wo genau Jesse festgehalten wird“, meinte Kyle niedergeschlagen.

„Er hat mir noch einen Hinweis gegeben. Es gibt einen Agenten dort, der offensichtlich die Experimente durchführt. Sein Name ist Carter. Können wir damit nicht irgendetwas anfangen?“ fragte Isabel verzweifelt in die Runde.

„Wozu?“ unterbrach Michael sie. „Selbst wenn wir durch irgendein Wunder herausfinden sollten, wo Jesse festgehalten wird, was bringt uns das?“

„Was soll das heißen? Wenn wir wissen wo er ist, können wir ihn da raus holen“, entgegnete Isabel.

„Weißt du auch was du da sagst? Wir sollen einfach so in die Höhle des Löwen marschieren und uns selbst in Gefahr bringen?“

„Das haben wir doch damals schon einmal getan und es ist alles glatt gegangen“, erwiderte Isabel, die nicht glauben konnte, was Michael da sagte.

„Glatt gegangen? So würde ich das aber nicht sehen“, schnappte Michael. „Wenn du dich richtig erinnerst, ist damals jede Menge schief gelaufen. Falls dein Gedächtnis dich im Stich lassen sollte, frag doch Kyle. Ich bin sicher er kann dich aufklären.“

Kyle hob automatisch die Hand und massierte die Stelle auf seiner Brust, an der ihn damals die Kugel aus der Waffe seines Vaters getroffen hatte. Bei Max‘ Befreiungsaktion war er damals zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und hatte die Konsequenzen tragen müssen.

„Was hat das mit der ganzen Sache zu tun? Hier geht es um Jesse!“ schrie Isabel. „Max, sag doch auch mal was dazu!“

Liz drückte seine Hand noch einmal aufmunternd und Max schluckte einmal schwer. Die unnatürliche Blässe auf seinem Gesicht war immer noch dort und seine Augen blickten wie die eines gequälten Tieres.

„Isabel hat Recht. Wir müssen ihn da raus holen Michael. Es ist die Hölle.“

„Nein!“ unterbrach Michael sofort. „Das entscheidest du diesmal nicht allein. Darf ich dich daran erinnern, was wir besprochen haben? Von nun an hörst du auf mich.“

„Das ist doch nicht dein ernst, oder? Du willst ihn dort lassen?“ fragte Isabel ihn fassungslos.

„Wir haben keine Wahl. Es ist zu gefährlich. Und diesmal haben wir nicht einmal Nasedo, oder Valenti an unserer Seite, die uns helfen könnten. Ja, wir haben nicht einmal Tess und ihre Kräfte…“

„Ava kann auch mindwarpen,“ fauchte Isabel.

„Ja, aber können wir ihr trauen? Bei einer Sache wo es um Leben und Tod für uns geht?“

„Hey! Natürlich können wir ihr trauen“, protestierte Kyle aufgebracht und trat zwei Schritte auf Michael zu.

Ava schaute ihn verblüfft, aber auch dankbar an.

„Ich kann nicht glauben, dass du ihm nicht helfen willst“, fuhr sie ihn an und rauschte an Kyle vorbei auf Michael zu. „Er ist mein Mann!“

„Es ist nicht so, dass ich ihm nicht helfen will Isabel. Aber ich kann es nicht verantworten. Wir geraten alle in Gefahr, wenn wir Jesse befreien wollen. Mal davon abgesehen, dass wir immer noch nicht wissen, wo er ist.“

„Du bist ein Verräter!“ beschimpfte Isabel ihn, halb wahnsinnig vor Zorn. Ihre Fäuste hämmerten gegen Michaels Brust, doch er ließ es ohne Regung über sich ergehen. „Und du willst mein Bruder sein, du egoistischer Mistkerl. Wie kannst du nur!“

„Michael… Isabel hat Recht. Wir können ihn nicht dort lassen“, sagte Max noch einmal.

„Doch, das können und das werden wir. Das ist mein letztes Wort. Es ist mir egal ob ihr mich für ein herzloses Monster haltet, oder nicht. Ich werde nicht mein und euer Leben aufs Spiel setzen für eine Befreiungsaktion, die nur schief gehen kann. Und Max, wenn du clever bist, wirst du das genauso sehen wie ich. Du warst selber in diesem Zimmer. Willst du, dass man dich oder Liz dort einsperrt, wenn sie uns schnappen?“

„Natürlich will ich das nicht. Allein der Gedanke daran…“

„Dann hör auf mich! Hör nur dieses eine Mal auf mich. Beim letzten Mal hast du es schon vergeigt Maxwell. Wenn du dort schon auf mich gehört hättest, dann müssten wir heute diese Diskussion gar nicht führen. Und ich bin nicht bereit diesmal wieder Zugeständnisse zu machen. Mein Entschluss steht.“ Und mit diesen Worten rauschte Michael aus dem Zimmer. Die anderen blickten ihm mit unterschiedlichen Emotionen nach.

„Das kann nicht wahr sein… das glaube ich nicht“, schluchzte Isabel. „Wie kann er mir das nur antun?“

„So ungern ich es sage, aber ich finde Michael hat Recht,“ meldete sich Maria zu Wort und ignorierte die mörderischen Blicke, die Isabel auf sie abfeuerte. „Es ist zu gefährlich. Ich will nicht zusehen müssen, wie einer von euch vom FBI gekidnapped wird, oder vielleicht sogar stirbt bei dieser Befreiungsaktion.“

Niemand sagte ein Wort, als Maria Michael aus dem Zimmer folgte, nur Isabels Schluchzer waren zu hören.

„Sollen sie doch gehen!“ schrie sie ihnen wütend hinterher. „Wir brauchen sie nicht. Wir können Jesse auch ohne ihre Hilfe befreien, nicht wahr Max?“

Max erhob sich langsam vom Bett und schloss seine Schwester in seine Arme. „Wir holen ihn da raus, das verspreche ich dir“, redete er ihr gut zu. Er konnte Jesse nicht in dieser Hölle zurücklassen. Nicht nachdem er daran Schuld war, dass er überhaupt dort gelandet war.

Isabel sank dankbar gegen ihren Bruder, als alle Kraft sie verließ und fing hemmungslos an zu weinen. Max bugsierte sie sanft zurück zum Bett und drückte ihre von Schluchzern geschüttelte Gestalt auf die Matratze.

Kyle war währenddessen kurz im Bad verschwunden und hatte ein Glas mit Leitungswasser gefüllt, das er Isabel nun fürsorglich an die Lippen hielt. „Schhhh… es wird alles wieder gut. Michael beruhigt sich schon wieder“, sagte er leise und strich ihr ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, während Liz eine Decke über Isabel ausbreitete.

Nur Ava stand reglos in der Zimmerecke und beobachtete das Treiben um Isabel. Als sie sah, wie Kyle ihr eine Handvoll Papiertaschentücher reichte, hielt sie es nicht mehr aus und stürmte mit einem Schnauben aus dem Zimmer. Max, Liz und Kyle schauten ihr überrascht nach, als sie die Tür hinter sich ins Schloss donnerte.

„Was hat sie denn?“ fragte Kyle verwirrt, der mit seinen empathischen Kräften neben Isabels Sorge und Angst um Jesse plötzlich auch einen feinen, aber kleinen Stich von Eifersucht aufschnappte.

„Ich weiß es nicht“, schüttelte Max den Kopf und setzte sich neben seine Schwester aufs Bett. „Kyle, kannst du die die anderen bitte zurückholen? Wir müssen über die Sache sprechen und uns irgendwie einigen.“

„Du willst dich mit Michael einigen, wenn er in dieser Laune ist?“ meinte Kyle sarkastisch.

„Geh einfach und hol sie zurück.“

„Alles klar El Presidente“, salutierte Kyle und verließ das Zimmer.

*****

Die eisige Luft schnitt ihr ins Gesicht und Ava wünschte sich, sie hätte ihre Jacke mitgenommen. Der Parkplatz des Motels war immer noch verlassen und es hatte wieder angefangen zu schneien. In einiger Entfernung konnte sie Michael und Maria sehen, die wie zwei schwarze Schatten an der Außenwand lehnten und sich leise unterhielten.

Plötzlich fiel ein goldenes Rechteck aus Licht neben sie auf den Schnee, als jemand die Tür des Motelzimmers öffnete und dann wieder schloss. Gleich darauf trat Kyle neben sie. „Was ist los mit dir?“ fragte er sie irritiert.

„Mit mir? Mit mir ist gar nichts los“, antwortete sie knapp und unfreundlich.

„Sicher. Und warum kann ich dann spüren, dass du mehr als angepisst bist?“

Ava wirbelte zu ihm herum und schaute ihn zornig an. „Spiel keine Spielchen mit mir Kyle. Ich kann sehen was los ist.“

Verblüfft starrte er sie an. „Bist du etwa sauer auf mich?“ wollte er wissen. „Was habe ich denn getan?“

„Vergiss es einfach,“ entgegnete Ava.

Kyle wollte schon weiter in sie dringen, als ihm Max‘ Auftrag wieder einfiel. „Hör zu, ich weiß nicht welche Laus dir über die Leber gelaufen ist, aber wir haben keine Zeit für Streitereien. Max will, dass wir alle wieder reinkommen, um vernünftig über die Sache zu reden. Denkst du, du kriegst das hin?“

„Klar“, antwortete Ava knapp.

„Schön“, schnaubte Kyle irritiert über ihren unfreundlichen Tonfall und drehte sich zur Seite, um mit Maria und Michael zu sprechen.

Drei Minuten später hatte er es tatsächlich geschafft die drei Ausreißer wieder zurück ins Zimmer zu lotsen. Isabel lag immer noch wie ein Häufchen Elend auf dem Bett, Max und Liz hielten auf beiden Seiten von ihr Wache und redeten beruhigend auf sie ein. Die anderen vier verteilten sich irgendwie im Zimmer und versuchten die angespannte Atmosphäre zu ignorieren. Erst nach einer Weile räusperte Max sich und ergriff das Wort.

„Bevor wir weiter über die Sache diskutieren will ich deutlich sagen, dass ich zwar durchaus dafür bin Jesse zu befreien, aber diesmal keine alleinige Entscheidung treffen werde.“ Max schaute Michaeln nun direkt an. „Ich habe einen Fehler gemacht und uns alle in Gefahr gebracht damit. Ich will den gleichen Fehler nicht noch einmal machen, also werde ich nicht über eure Köpfe hinweg entscheiden was wir in der Sache unternehmen werden.“

„Heißt im Klartext, du hörst endlich einmal auf meinen Rat?“ fragte Michael mir deutlicher Verwunderung in der Stimme.

„Nein, es heißt im Klartext, dass jeder seine Meinung zu der Situation äußern soll und wir abstimmen.“

„Abstimmen?“ regte Michael sich sogleich auf.

„Wir stimmen über das Leben meines Mannes ab? Das ist kein Spiel Max!“ ereiferte sich auch Isabel.

Max ignorierte beide, als er sagte: „Das ist mehr als fair, schließlich geht es nicht nur um Jesses Leben, sondern um das Leben und die Sicherheit von jedem einzelnen hier im Zimmer.“

„In Ordnung, lasst uns abstimmen“, warf Maria schnell ein, bevor Michael noch etwas sagen konnte und es erneut zum Streit kam.

„Meine Meinung kennt ihr“, antwortete Michael prompt, hatte aber soviel Anstand Isabels Blick auszuweichen.

„Ich schließe mich Michael an. Ich bin der Meinung es ist zu gefährlich,“ sagte Maria. „Es tut mir leid Isabel.“

„Verräter“, knallte Isabel ihnen an den Kopf. „Ich bin dafür wir holen Jesse so schnell wie möglich da raus und jeder, der das nicht so sieht ist in meinen Augen ein Verräter.“

„Kyle? Ava? Was ist eure Meinung?“ wollte Liz von den beiden wissen, die die Diskussion bisher schweigend verfolgt hatten.

„Ich will ihm helfen“, sagte Kyle nach kurzem Zögern. „Ich war zwar damals nicht dabei, aber wenn Max sagt, dass dieser Ort so schrecklich ist, dann müssen wir Jesse dort heraus holen. Das sind wir ihm schuldig.“

Isabel schaute ihn dankbar an und Kyle schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.

„Ich will ihm auch helfen“, unterbrach Ava schnell. „Ich weiß wie das ist irgendwo gefangen gehalten und gefoltert zu werden. Wenn ihr mich nicht aus Lonnies und Raths Fängen befreit hättet, wäre ich jetzt wahrscheinlich tot, also bin ich die letzte, die sich dagegen aussprechen wird, Isabels Ehemann zu retten.“

„Drei dafür, zwei dagegen,“ zählte Maria zusammen. „Max? Liz? Wie entscheidet ihr euch?“

„Ich bin dagegen“, entgegnete Liz und sechs Augenpaare starrten sie überrascht an.

„Was?“ fragte Isabel fassungslos. Von Liz hätte sie diese Entscheidung niemals erwartet.

„Es tut mir sehr leid für dich Isabel und das hat auch nichts mit Jesse zu tun, aber die Erinnerung an das letzte Mal, als wir Max befreit haben, ist noch zu frisch. Ich habe nicht vergessen, in welchem Zustand er war, als wir ihn dort rausgeholt haben. Und du siehst, dass selbst heute, Jahre später, allein die Erwähnung dieses Ortes ausreicht, um die alte Panik wieder in ihm aufleben zu lassen. Ich will ihn deshalb nicht einmal in der Nähe dieses Zimmers wissen.“

„Liz, hier geht es nicht um mich…“ versuchte Max ihr sanft zu widersprechen. Er schämte sich für seine Schwäche, doch er konnte nichts dagegen tun. Die schrecklichen Bilder von damals würden ihn wahrscheinlich sein ganzes Leben lang verfolgen und seine Frau womöglich ebenso. Dieses schreckliche weiße Zimmer… Agent Pierce‘ diabolisches Gesicht…

„Doch, hier geht es auch um dich Max. Um uns alle.“

„In erster Linie geht es um Jesse! Um meinen Mann!“ wütete Isabel.

„Ich kann deine Sorge um ihn verstehen Isabel, aber die Sorge um meinen Mann ist für mich im Augenblick größer. Max steht für mich an erster Stelle. Davon abgesehen ist Jesse ein Mensch. Sobald das FBI herausgefunden hat, dass er nicht anders ist, als andere Menschen lassen sie ihn sicherlich wieder laufen“, fuhr Liz fort.

„Das glaubst du doch selber nicht“, schrie Isabel ihre Schwägerin an. „Das FBI hat noch nie einen Zeugen laufen lassen. Sie werden Jesse umbringen, wenn sie erkennen, dass er wertlos für sie ist.“

„Es tut mir leid, aber meine Meinung steht fest“, ließ Liz sich auf keine weiteren Diskussionen ein.

„Ein Patt“, sagte Maria. „Drei dagegen, drei dafür. Max, mit deiner Stimme fällst du die Entscheidung. Das kommt mir irgendwie bekannt vor.“

Maria spielte mit dieser Äußerung auf die Ereignisse im letzten Sommer an, als sie darüber abgestimmt hatten, was mit Tess geschehen sollte. Damals hatte es auch ein Unentschieden gegeben und Liz‘ Stimme hatte den Ausschlag gegeben.

Max hatte keine Ahnung, dass Maria auf dieses Ereignis anspielte. Für ihn schienen ihre Worte zu bedeuten, dass die endgültige Entscheidung doch wieder an ihm hängen blieb. Egal wie er es drehte und wendete, immer musste er über das Schicksal der Gruppe entscheiden. Und langsam hatte er es fürchterlich satt.

Bevor er antwortete, schaute er alle im Zimmer noch einmal an. Isabel schien ihn geradezu anzuflehen mit ihrem Blick. Und Liz schaute ihn nur ganz ruhig an. Max fühlte sich innerlich wie in zwei Teile zerrissen. „Ich… ich bin dafür,“ sagte er schließlich.

Isabel gab einen erstickten Freudenschluchzer von sich und schlang ihre Arme um ihn. Michael schnaubte einmal sehr laut und Liz schaute ihn weiterhin nur ganz ruhig an.

„Nicht einmal meinem ärgsten Feind würde ich wünschen wollen im weißen Zimmer zu landen und einem Mitglied meiner Familie ganz bestimmt nicht. Ich bin der einzige von euch, der wirklich beurteilen kann, wie schlimm der Aufenthalt dort ist. Ich kann verstehen, dass ihr Angst habt und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass es gefährlich ist Jesse dort rauszuholen, aber ich könnte nicht weiterleben mit der Gewissheit, ihn dort zurück gelassen zu haben.“

„Das heißt dann wohl, wir sind überstimmt“, meinte Michael. Seltsamerweise klang kaum Wut aus seiner Stimme. Nur Resignation.

„Sieht so aus“, zuckte Max mit den Schultern. „Ich stelle jedoch eine Bedingung an meine Entscheidung. Wir überstürzen nichts. Das ganze muss sorgfältig geplant werden, sonst enden wir alle neben Jesse in diesem Zimmer. Bevor wir nicht genau wissen wo er ist, unternehmen wir nichts. Verstanden?“

„Ich versuche noch einmal ihn zu traumwandeln“, erklärte Isabel aufgeregt. „Vielleicht finde ich noch etwas heraus, was uns weiterhelfen kann.“

„Ja, mach das“, nickte Max und griff dann nach Liz‘ Hand. „Wenn ihr uns kurz entschuldigen wollt… meine Frau und ich haben etwas zu besprechen.“

Liz‘ gelassener Blick machte Max nervös. Er wollte ihr klarmachen, dass er keine andere Wahl gehabt hatte, als für Jesses Befreiung zu stimmen, auch wenn er sich damit gegen sie stellte. Sie ließ sich widerstandslos von ihm zur Verbindungstür des Nachbarzimmers führen, während Isabel es sich auf dem Bett bequem machte und versuchte Jesse erneut zu erreichen. Die anderen standen mit unterschiedlichen Emotionen im Zimmer herum und schauten ihr dabei zu.

*****

Die Kameras und Mikrofone zeichneten jeden Atemzug des Gefangenen auf, jedes kleinste Heben und Senken des Brustkorbes, jedes Stöhnen, sogar das leise, gleichmäßige Tropfen des Blutes, das aus der Schusswunde an Jesse Ramirez‘ Hand auf den weißen Boden fiel.

Carter stand im Nebenraum und beobachtete alles über eine ganze Wand voller Monitore. Mehrere seiner Assistenten standen abwartend um ihn herum.

„Sir, er verliert sehr viel Blut. Wenn wir die Wunde nicht bald verbinden bekommt er einen anaphylaktischen Schock und sein Gehirn könnte ernsthaften Schaden nehmen“, warf ein junger Mitarbeiter im weißen Kittel schließlich ein.

Carter reagierte nicht und starrte weiter auf die Monitore.

„Sir, er wird sterben, wenn wir ihn nicht behandeln.“

Carter reagierte immer noch nicht. Im Gegensatz zu seinen Mitarbeitern sah er kein menschliches Wesen mit Schmerzen auf den Monitoren, sondern einzig eine Informationsquelle. Er hatte gehofft durch Jesse Ramirez endlich an die Aliens zu gelangen, doch wieder waren sie einen Tick zu schnell für ihn und seine Leute gewesen. Von McCarthy hatte er erfahren, dass sie ihnen praktisch unter der Nase entwicht waren. Demzufolge war Jesse Ramirez, was seine Rolle als Informant betraf, völlig wertlos für ihn geworden. Und wertlos bedeutete in seinem Beruf eigentlich genauso viel wie überflüssig. Er war ein überflüssiges Ding, das man eigentlich nur noch so schnell und so lautlos und sauber wie möglich loswerden wollte. Eine kleine Spritze, ein ungekenntzeichneter Leichensack, ein einsames Grab draußen in der Wüste… und niemand würde je wieder etwas von Jesse Ramirez hören. Trotzdem zögerte Carter, diesen letzten Befehl zu geben. Es ärgerte ihn, dass er aus seinem Gefangenen nicht mehr hatte herauspressen können. Wenn schon nicht den Aufenthaltsort der Aliens, so musste der Mistkerl doch wenigstens zu etwas anderem gut sein.

„Sir… wenn sie das Testobjekt am Leben erhalten wollen, sollten sie den Befehl zur medizinischen Versorgung geben“, drängte der junge Assistent weiter.

Testobjekt! Genau das war Jesse Ramirez. Und bevor sie ihn töten und entsorgen würden, würden sie ihn tatsächlich testen. Immerhin hatte er eine ganze Weile in enger Beziehung zu einem Alien gelebt. In einer intimen Beziehung sogar. Carter wurde aufgeregt. Wieso hatte er nicht schon früher daran gedacht. In Jesse Ramirez hatte er das beste Beispiel, wie Aliensex den menschlichen Körper verändern konnte. Er würde ihn auseinander nehmen und scheibchenweise durchleuchten um heraus zu finden, ob und was an ihm anders war.

„Verbinden sie seine Wunde und stoppen sie die Blutung“, gab er deshalb Anweisung an seine Mitarbeiter. „Und dann will ich umfangreiche Untersuchungen sämtlicher Körperflüssigkeiten, der Haut, des Muskelgewebes, und der Knochen. Außerdem Röntgenaufnahmen, Computertomographie, EKG, EEG, eine Endoskopie… das ganze Programm.“

„Ja Sir“, antworteten die Assistenten und verließen geschäftig den Raum.

Carter starrte wieder auf die Monitore. „Wenn du irgendein Geheimnis hast Jesse Ramirez, werde ich es herausfinden, das schwöre ich.“

„Möchtest du noch etwas?“

„Ja, dass du dich beruhigst“, erwiderte Liz ihrem Ehemann und streichelte ihm über die Brust. Nach der langen und erschöpfenden Diskussion hatte Max sie in das Zimmer nebenan gebracht und sich mit ihr zusammen hingelegt.

„Ich weiß, dass du erschöpft bist“, sagte er und strich über ihre Stirn. Er war froh, dass die Visionen ihr keine Schmerzen mehr zubereiteten, aber ganz ohne waren sie in ihrer Lernphase noch nicht. Die Anstrengung meilenweit entfernte Tatsachen zu sehen erschöpfte seine Frau und das immer in den unpassendsten Momenten. Nie hatte sie die Gelegenheit sich auszuruhen und diesmal wollte er sie dazu zwingen. Sie würden liegen bleiben, bis sich die anderen melden oder ihnen ein guter Plan einfallen würde. Er selber konnte die Ruhe genauso gebrauchen… denn der Gedanke an das weiße Zimmer wollte ihn noch immer nicht verlassen.

„Isabel braucht dich“, wisperte Liz und atmete den Duft ihres geliebten Mannes ein. Ihre Vision hatte Gefühle aufgewühlt, die sie schon lange verdrängt gehabt hatte. Ihr fiel der schreckliche Tag ein, an dem Max gefangen gehalten wurde. Und zugleich war es doch irgendwo der schönste Tag für sie gewesen, denn Max hatte ihr zum ersten Mal gesagt, dass er sie liebte. Sie erinnerte sich noch genau an seine Worte, an sein kleines Lächeln, an seine Hände die sie gestreichelt und festgehalten hatten. Und am nächsten Tag die fatale Trennung…sie konnte das Schütteln ihres Körpers nicht verhindern, als sie an Max‘ Schicksal erinnert wurde.

„Ich habe für Isabel gestimmt und gegen dich“, erwiderte Max und brachte sie zurück in die Gegenwart. „Ich habe getan was ich tun konnte. Um weiter zu handeln brauchen wir einen Plan und einen Anhaltspunkt wo Jesse sein könnte.“

„Du solltest ihr beistehen“, protestierte Liz, die ganz genau wusste wie Isabel sich im Moment fühlte. Und sie konnte spüren, dass es bei ihr noch schlimmer war, denn in dieser Beziehung war sie der Alien und Jesse nicht und dennoch war er gefangen. Und sie gab sich selber die Schuld.

„Und wer steht dir bei?“, fragte Max leise und küsste Liz auf die Stirn, als sie ihr Haupt zurücklehnte um ihn anzusehen.

„Warum mir? Mein Ehemann ist hier, aber Jesse…“

Max stillte ihren Einwand mit einem zärtlichen Kuss. Er wusste, dass sie an seine eigene Gefangennahme erinnert wurde. Er wollte sich nicht vorstellen was für schreckliche Bilder sie damals gesehen haben musste, als sie sich kurz nach seiner Flucht geküsst hatten. Wenn es ihm möglich wäre, würde er ihr diese Erinnerungen nehmen und ihr Herz erleichtern. Doch diese Gabe war ihm nicht vergönnt und er und seine Freunde hatten schwere Lasten zu tragen.

„Ich möchte nicht, dass jemand in Gefahr kommt, aber wie es scheint werden wir gehen…“, seufzte Liz. Sie wollte ihren Ehemann und ihre Freunde nicht erneut in ummittelbaren Schwierigkeiten wissen, aber sie musste sich mit dem Ergebnis des Gesprächs abfinden. Und wenn sie sich schon alle in Gefahr begeben mussten, so hoffe sie wenigstens, dass alles gut enden würde und sie Jesse befreien konnten. Eine sinnlose Aktion, die sie ja sowieso nicht verhindern konnte, war weniger Wert.

Liz holte noch einmal tief Luft, bevor sie auf ein schwieriges Thema kam. „Werden wir ihn finden, Max? Du weißt nach Alex…“, sie verstummte, als sie diesen allbekannten Schmerz in ihrem Herzen spürte. Ihr bester Freund. Alex. Tränen füllten ihre Augen, als sie an witzige Momente mit ihm zurückdachte. Alex hatte sie immer zum Lachen gebracht und auch wenn sie Kyle als den Humorvollen nun unter sich hatten, konnte sie doch den Alex-Humor nicht vergessen. Sie vermisste ihn schrecklich und kein Tag verging ohne, dass sie auch nur kurz an ihn dachte. Meist waren es vage Erinnerungen, wenn sie sich nur vorstellte, was er in dem Moment getan hätte. Oder was er wohl geantwortet hätte. Doch manchmal, wie eben in diesem Moment wurde sie an seinen schrecklichen Tod erinnert und ihre Tränen drohten sie zu überwältigen.

„Ich weiß. Jesse darf nichts passieren, ich glaube nicht, dass Isabel noch einen Verlust verkraften kann“, äußerte sich Max und verfestigte seine Arme um seine Frau.

„Max, wie lange werden wir unterwegs sein? Ich meine, wenn wir Jesse befreit haben und ich bin mir sicher, dass wir das schaffen, auch wenn ich gegen diese Rettungsaktion bin. Wie lange sind wir dann wieder auf der Flucht bis wir uns niederlassen können?“, fragte sie mit einer leisen Stimme.

„Ich weiß es nicht, Liz. Ich hoffe nur nicht allzu lange.“ Sie nickte nur und schob ihre Hand unter sein Shirt. Sanft streichelte sie Max‘ Haut und versuchte Kraft von ihm zu schöpfen. Allein der Gedanke an ihrem ehemaligen besten Freund laugte sie aus, doch Max deutete ihre schweren Seufzer anders.

„Keine Angst, Liebes, es wird uns nichts passieren“, versuchte er sie zu beruhigen und streichelte über ihren Rücken. Ihr Körper passte perfekt an seine Seite und er wünschte sie beide an einen anderen Ort zu einer anderen Zeit.

„Ich möchte nicht, dass du denkst ich sei herzlos“, äußerte sich Liz. „Natürlich verstehe ich Isabel und ihre Sorgen. Aber weißt du noch, als wir uns damals in dem Bus versteckt haben?“ Sie bekam keine Antwort, aber sie wusste, dass Max an den selben Moment dachte. „Die Bilder, die ich gesehen habe… die Qualen, die du erlitten hast. Ich kann mir nicht vorstellen…“

Max unterbrach seine Ehefrau mit einem Kuss - einem sanften, zärtlichen Kuss. Etwas war anders und das spürte er, als Liz sich an ihm festhielt und den Kopf in den Nacken lehnte. „Halt mich fest“, flüsterte sie und weckte alte Erinnerungen. Denselben Moment, nur unter anderen Umständen, hatten sie schon einmal erlebt.

„An dem Tag, als du mir das Leben gerettet hast, da war dein Leben zu Ende.“

„Liz, was ist los? Hast du eine Vision?“ wollte Max von Liz wissen, die sich an ihm festhielt und leise seufzte.

„Nein erst da hat mein Leben begonnnen. Liz, als ich in diesem Raum war… und als sie mir das alles angetan haben…da hast du mich am Leben erhalten. Der Gedanke an dich… daran wie deine Augen in meine schauen… dein Lächeln… deine Haut zu berühren… deine Lippen. Erst durch dich bin ich zu einem Menschen geworden. Ob ich heute oder in 50 Jahren sterbe ich habe nur eine Bestimmung und zwar dich…ich will mit dir zusammen sein. Ich liebe dich.“

Liz öffnete ihre glasigen Augen, nachdem ihr Ehemann ihr unbewusst seine Erinnerungen übertragen hatte. Er wollte von ihr noch immer wissen was los war, aber für eine Moment sagte sie nichts. Die frischen Erinnerungen an seine erste Liebeserklärung drohten sie zu überwältigen. Welch eine Freude sie damals verspürt hatte…

„Liz“, sagte Max diesmal bestimmt und sah sie etwas verärgert an. „Sagst du mir endlich was du gesehen hast? Hat es etwas mit Jesse zu tun?“, fragte er und zog die Augenbrauen in die Höhe. Nur weil sie gegen die Rettung gewesen war würde sie ihnen doch keine Informationen vorenthalten oder?

„Woran hast du eben gedacht, als wir uns geküsst haben?“ Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. Ein Richtiges ließ ihre Situation nicht zu, aber doch wollte sie Max etwas aufheitern und seine Sorgen mindern.

„Ich weiß nicht mehr“, entgegnete Max etwas verwirrt.

„Du lügst“, warf ihm Liz vor. „Ich konnte sehen woran du gedacht hast. Und ich konnte fühlen, was wir damals fühlten.“

„Damals?“, wiederholte Max, „fühlen wir denn inzwischen anders?“, fragte er und streichelte zärtlich Liz‘ Wange, so wie er es kurz nach seiner Rettung getan hatte. Er wusste noch genau, wie sehr er sich in dem Moment nach ihr verzehrt hatte und wenn ihre Situation nicht so gefährlich gewesen wäre, hätte er in jener Nacht niemals aufhören können sie zu berühren.

„Natürlich nicht…ich meinte…“ Max unterbrach seine Frau erneut mit einem Kuss und senkte seine fordernden Lippen auf ihre. Sein leidenschaftlicher, mit Sehnsucht gefüllter, Kuss versprach mehr.

*****

Maria saß am Fenster und sah hinaus, während sie die Stimmen von Kyle und Ava vernahm. Leise unterhielten sich die beiden um Isabel nicht zu stören, denn diese versuchte, noch immer, mehr über Jesses Situation herauszufinden. Maria wusste, dass es schrecklich für ihre Freundin sein musste, aber dennoch war sie noch immer gegen die Rettungsaktion. Natürlich fühlte sie, dass es falsch war, denn sie würde auch wollen, dass sie Michael befreien würden, aber dennoch…

„Maria?“ Sie sah auf und blickte direkt in Avas freundliche Augen. „Ich habe dir ein Sandwich gemacht“, erläuterte diese leise und hielt ihr das Essen entgegen.

Maria wollte ablehnen, doch das Knurren ihres Magens stimmte sie um. Sie hatten alle nicht viel gegessen und wenn sie bei Kräften bleiben wollten, dann mussten sie etwas zu sich nehmen. Sie fühlte sich sowieso schon schwach, denn der Streit hatte sie ausgelaugt und ihr Körper drohte schlapp zu machen. Die Kälte in dem Raum setzte noch eins drauf, denn die Heizung, neben der sie saß, funktionierte nicht.

„Danke“, wisperte sie leise und nahm das Essen entgegen. Sie warf einen Blick auf Michael, der ihr gegenüber, an der Wand lehnte, und ebenfalls aus dem Fenster sah. Was ist nur mit uns passiert?, wunderte sie sich. Sie waren einmal ein Team gewesen, natürlich hatte es Auseinandersetzungen gegeben, aber keine war so groß gewesen wie diese. Isabel hatte Michael zutiefst mit ihren Worten getroffen und normalerweise hätte auch sie sich gegen ihren Freund gestellt, doch Maria wusste nicht was mir ihr los war. Sie wollte nur nicht, dass jemand weiterem etwas geschah.

„Denkst du jetzt anders?“, erklang leise die Stimme Isabels, die als einzige auf dem heruntergekommenen Bett saß. Der Stuhl unter Maria schien auch nicht besser zu sein.

„Ich?“, fragte Maria nach, die nicht bemerkt hatte, wen Isabel adressierte. Diese nickte nur und Maria ließ den Blick im Raum schweifen. Sie wünschte, sie könnte ihrer Freundin beistehen, aber das war ihr im Moment nicht möglich.

„Nein“, erwiderte sie leise. Bestimmt konnte jeder Liz verstehen, da Max eine Gefangennahme schon einmal durchlebt hatte, dachte sie. Doch was war mit denen, die es noch erleben konnten? Warum konnte man sie nicht verstehen? Warum wurde ihre Entscheidung nicht einfach akzeptiert, fragte sie sich und seufzte.

„Und du Michael?“, fragte Isabel erneut.

Michael wand sich an sie und fixierte ihren Blick. „Ich war schon immer ein Alleingänger Isabel. Ich bin der Meinung, dass wir nicht gehen sollten. Und ich bin der Meinung, dass sie ihn gehen lassen werden, wenn wir nicht auftauchen.“

Isabel schnaubte und stand auf. Mit zittrigen Händen fuhr sie durch ihre Haare und schloss für einen Moment die Augen. „Aber Max hättest du damals nicht zurückgelassen, oder?“, wollte sie wissen und sah ihn dabei nicht an. Keine von ihnen beiden hätte Max zurücklassen können. Er war der einzige Bruder, den sie besaßen. „Und Maria? Was wäre, wenn sie Maria hätten statt Jesse?“, fragte sie in einem Ton, den sie nicht deuten konnten. Sie hörte sich gleichzeitig wütend, verzweifelt und zynisch an.

„Und du Maria, was hättest du getan, wenn sie Michael hätten und nicht Jesse? Wofür hättest du dann gestimmt?“, rief sie wütend und Tränen wanderten über ihre Wangen. Sie konnte nicht verstehen, wie die anderen nur so sein konnten. Nach der Abstimmung hatte sie sich jeden einzeln angesehen und sie wusste sie hätte sich für eine Rettung entschieden, bei jedem einzelnen – sogar bei Ava.

„Isabel, ich…“, fing Maria an, aber Tränen füllten ihre Augen, als sie ihre Freundin so traurig sah.

„Egoisten!“, rief Isabel aus und ließ sich auf das Bett fallen. Sie verdeckte ihr Gesicht mit ihren Händen und fing an zu weinen. Sie hatte sich immer zusammenreißen müssen, aber nun konnte sie einfach nicht mehr. „Ihr denkt nur an euch selbst! Wenn das FBI euern Partner hätte würdet ihr nicht so ruhig sein können. Ihr seid so egoistisch, dass ich es kaum fassen kann. Wie kann man nur so sein?“ Sie sprach aus ihrer Wut heraus und verletzte ihre Freunde. Jeder hatte das Recht sein Leben nicht in Gefahr zu bringen, aber in diesem Moment konnte sie nicht mehr klar denken. Sie war am Rande eines erneuten Zusammenbruchs, denn sie sah immer nur, wie es Jesse erging, aber nichts was ihnen weiterhelfen könnte. Sie nahm die Umarmung von Kyle wahr und ließ sich von ihm in seine Arme ziehen.

Michael beobachtete die Situation nur, bis Maria aufstand und plötzlich das Zimmer verließ. Er murmelte etwas, was sich nach einem „niemand von uns sollte alleine sein“ anhörte und folgte seiner Freundin. „Maria warte“, rief er. Er war direkt hinter ihr, und auch wenn nicht, konnte er sie nicht verlieren, denn ihre Spuren im 30 Zentimeter hohen Schnee waren nicht übersehbar.

„Lass mich allein, Michael“, entgegnete diese nur und stampfte durch die weiße Schicht.

Michael holte sie ein paar Sekunden später ein und hielt sie am Arm fest. „Wo willst du denn in der Kälte hin?“

„Weg“, fauchte diese und strich mit dem Handrücken über ihre Wange. Ein paar Tränen hatten sich gelöst und ihre Wangen froren unter dem kalten Wind.

„Hör auf zu zicken“, verlangte er dann und erntete einen bösen Blick. „Maria, wirklich, wir haben gerade genug Probleme.“

„Du bist wieder einmal so einfühlsam“, erwiderte Maria und ihre Stimme triefte mit Sarkasmus. „Wenn man bedenkt, dass ich wegen dir dagegen gestimmt habe“, gestand sie und erneut bildeten sich Tränen in ihren Augen. Sie schniefte leise und ließ sich von Michael in ihre Arme ziehen.

„Was ist mit dir?“, fragte dieser. Maria schien nicht nur wegen der Situation angespannt zu sein. Es kam ihm so vor, als würde noch etwas sie bedrücken. „Komm schon, du weißt du kannst es mir sagen“, versuchte er sie zu ermutigen und wärmte sie indem er ihren Rücken rieb.

„Ich möchte mich irgendwo hinsetzen“, äußerte sie sich und schniefte leise.

„Sollen wir in das andere Zimmer gehen?“, schlug Michael vor. „Ich habe noch den Schlüssel zu dem Einzelzimmer.“ Daraufhin führte er sie ins Zimmer und setze sich mit ihr zusammen auf die Bettkante. Sie putzte sich die, von der Kälte geröteten, Nase und schwieg lange Zeit.

„Kurz vor meinem siebten Geburtstag hatte uns mein Vater verlassen. Also mein biologischer Vater, einen anderen Vater habe ich nie besessen, nur meinen Erzeuger“, fing Maria an und sah dabei auf ihre Hände, die sie nicht ruhig halten konnte. Michael und sie hatten schon einmal darüber gesprochen, damals als sie diese Visionen erfunden hatte. Aber damals hatte sie ihm nur gesagt, dass sie sich an ihn erinnern konnte und nicht wusste ob das für sie gut war oder schlecht. „Ich wünschte er wäre früher gegangen, sodass ich mich nicht an ihn erinnern könnte“, gestand Maria und ihr Freund zog sie an seine Schulter. Sie ließ ihre Hände im Schoß, aber lehnte ihr Haupt gegen seine Brust.

„Er hat uns verlassen“, sagte sie leise. „Und ich habe lange Zeit geglaubt, es wäre meine Schuld gewesen. Ich dachte, er sei überfordert gewesen, weil sie mich so jung bekommen haben“, erklärte sie weiter und atmete tief ein. Sie konnte sich nur zu gut daran erinnern, wie ihre Eltern sich immer gestritten hatten. Sicher, sie wusste nicht mehr über was sie sprachen aber sie hörte noch immer den Tonfall in ihren Gedanken. Die Türen, die zugeschlagen wurden und das Geschirr, das bei einem Streit einmal kaputt gegangen war. Sie waren am Tisch gewesen und ihre Mutter hatte sie in ihr Zimmer geschickt, Sekunden später hatte alles was auf dem Tisch gewesen war, auf dem Boden gelegen.

„Maria, du weißt…“

„Ich weiß, dass es nicht meine Schuld gewesen ist, oder die meiner Mutter. Aber er ist gegangen und hat eine Wunde hinterlassen.

„Ich hatte einmal einen Alptraum und bin zu ihm ins Bett gekrochen. Ich glaube ich war fünf Jahre alt. Weißt du ich kann mich kaum noch an sein Aussehen erinnern, aber ganz genau an seine Stimme. Er hat mir über die Haare gestreichelt und mir gesagt, dass mir nichts passieren kann, solange er am Leben ist. Er hätte wohl lieber sagen sollen, ‚solange ich bei dir bin‘“, beendete sie zynisch ihren Satz.

Michael hörte abrupt auf ihre Haare zu streicheln und stillte seine Bewegung. Ein schwaches Lachen löste sich aus Marias Kehle. „Keine Angst, ich assoziiere nichts von dir mit ihm.“

„Warum erzählst du es mir dann?“ Es war eine normale Frage, auch wenn sie sich sehr taktlos anhörte, aber so war nun einmal Michael und Maria hatte sich an diese Tatsache gewöhnt. Eigentlich wollte er wissen warum sie sich genau in diesem Moment ihm öffnete, denn sie waren beide etwas verschlossen. Er mehr, das gab er auch zu, aber auch Maria redete nicht gern über ihre Vergangenheit.

„Ich war erst sieben, Michael, und ich habe jahrelang über den Verlust gelitten. Wenn ich noch einmal jemanden verlieren würde, würde ich vielleicht mein Leben lang nicht darüber hinweg kommen“, offenbarte Maria und atmete den tiefen Duft ihres Freundes an. Sie hob ihre kleine Hand und legte sie über die Stelle, an der sie sein Herz schlagen spürte. Noch immer hob sie nicht ihren Blick, aber konnte den dünnen Schleier über ihren Augen nicht verhindern.

„Jemanden, Maria?“, sagte Michael leise. Sie hatten schon lange nicht mehr ein solch ernstes Gespräch geführt und er hatte Angst den Moment zu zerstören. Er glaubte nicht, dass ihn jemals jemand anderer so sehr lieben würde wie Maria es tat. Er konnte es in all ihren Handlungen sehen, ihre heftige Art, ihre romantische Art und sogar in ihrem Geschrei.

„Dich, Michael. Ich weiß, dass ich egoistisch bin, Isabel hat Recht. Aber ich möchte dich nicht verlieren“, sie sah ihn mit ihren großen Augen an. „Verstehst du? Ich bin gegen diese Rettung, weil ich nicht möchte, dass dir etwas passiert.“

„Du wirst mich nicht verlieren, Maria. Und dir wird auch nichts passieren solange es mich gibt, hörst du? Dir wird nichts passieren und auch mir nicht“, erklärte Michael und küsste sie sachte auf die Stirn. Er wusste nicht wie er in solchen Situationen handeln sollte, aber sie hatte ihm einmal gesagt, dass er immer nur auf sein Herz hören sollte. Und diesmal tat er es wirklich, denn sie legte ihm ihr eigenes in die Hand.

„Michael, versprichst du mir etwas?“, wisperte Maria leise und spielte mit den Knöpfen seines Mantels. Mit zittrigen Fingern öffnete sie seine Jacke und schob ihre Arme an seine Seite. Sie wärmte sich an ihm und atmete seinen ganz eigenen Duft ein. Sie liebte ihn, so sehr, dass es manchmal weh tat, aber dennoch würde sie ihm nie von der Seite weichen.

„Alles“, murmelte Michael und küsste sie auf die Schläfe. Wenn jemand dieses Paar durch das Fenster beobachten würde, hätte er nur gesehen, wie verzweifelt sie aussahen und sich aneinander festhielten.

„Tu alles um am Leben zu bleiben. Gleichgültig was, lass mich nicht allein. Versprichst du mir das?“ wollte Maria wissen und ließ sich von ihm auf seinen Schoß ziehen. Sie schob den Mantel von seinen Schultern und legte ihre Arme um seinen Nacken. Immer nur kurz sah sie in seine Augen und dann wieder hinab. Ihre Tränen drohten sie zu überkommen und nur so konnte sie sie noch im Zaun halten. Ein längerer Blick in die Augen ihres geliebten Freundes und sie wusste, dass sie zusammenbrechen würde.

Michael wusste solch einen Moment würden sie nicht sobald wiederhaben. Sie würden in ihre streithaltige Beziehung zurückfallen und ihrer Situation mit Humor begegnen. Er mochte ein taktloser Alien sein und manchmal auch sehr unromantisch, aber in diesem Moment wusste sogar er, dass Maria ihm ihr Herz öffnete, mit allem was sie hatte. Und er wollte ihr antworten, mit allem was er besaß. Er legte den Finger an ihr Kinn und hob ihren Blick. Noch immer schimmerten ihre Augen und es brach ihm das Herz. „Weißt du noch, als wir Max befreien wollten? Und die anderen und ich ohne euch gegangen sind?“

Maria nickte und sah nach unten. Er zog sie weiter an sich und ließ seine Hände über ihren Rücken gleiten. Er hatte sie unter ihren Wintermantel geschoben und wärmte sie mit seinen Kräften. Kurz darauf wollte er leise von ihr wissen, was sie damals – es kam ihm vor, als wäre es erst am Tag zuvor geschehen – von ihm verlangt hatte. „Du solltest zu mir zurückkommen“, erinnerte sich Maria leise und verfestigte ihren Griff um seinen Nacken.

„Es ist dieselbe Situation, Maria, nur dass wir diesmal Jesse holen gehen. Ich werde zu dir zurückkommen, so wie ich es immer mache. Ich kann ohne dich nicht leben und das habe ich längst begriffen. Es wurde Zeit, dass ich es dir auch einmal sage“, gestand Michael und küsste sie kurz auf den Mund.

„Michael, ich…“, fing Maria an, aber wusste nicht, was sie erwidern sollte. Die Tränen rannen nun frei ihre Wangen herab. Sie sah an ihm vorbei, doch er bat sie darum ihm in die Augen zu sehen und sie gehorchte ihm. Wie denn auch nicht, wenn die Liebe ihres Lebens solche schönen Sachen zu ihr sagte?

„Ich liebe dich“, murmelte Michael leise und weil er nicht wusste was er, in solch einem Moment tun sollte, presste er seine Lippen auf ihre; sanft glitt seine Zunge über ihre vollen Lippen. Sie hielt sich an seinem Shirt fest und drückte sich an ihn. Er konnte ihre Tränen schmecken, aber es störte ihn nicht. Er küsste sie solange bis sie sich von ihm löste und ihre Stirn gegen seine lehnte. Ein kleines Lächeln bildete sich daraufhin auf ihren Gesichtern.

Maria schlang die Arme um seinen Nacken und hielt ihn fest. Sie wollte diesen wundervollen Moment nicht unterbrechen und für immer festhalten. Lange Zeit sagte keiner etwas, bis Michael die Stille durchbrach. „Sollen wir zurückgehen?“

Der Moment war vorüber.

*****

Durch die zugezogenen Vorhänge drang ganz allmählich der rosa Schimmer der Morgendämmerung. Isabel wälzte sich unruhig auf dem Bett herum. Seit Stunden wie es schien versuchte sie nun schon Jesse erneut zu erreichen, um mehr über seinen Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. Vergeblich. Frustriert setzte sie sich schließlich auf und warf die Decke zurück.

„Was ist?“ wollte Kyle müde von der Zimmerecke aus wissen, wo er es sich in einem Sessel bequem gemacht hatte.

„Ich kann ihn nicht erreichen,“ entgegnete Isabel gereizt und mit einem unterdrückten Schluchzer in der Kehle.

„Warum nicht?“ fragte Ava von der abgewetzten Couch her.

„Weil er offensichtlich wach ist und nicht träumt“, antwortete Isabel schnippisch.

Kyle erhob sich und trat neben sie. Besänftigend legte er eine Hand auf ihre Schulter. „Dann versuchst du es später eben noch einmal. Irgendwann muss er ja schlafen. Willst du in der Zwischenzeit etwas essen? Ich kann dir ein Sandwich machen…“

„Nein“, schüttelte Isabel den Kopf und stand auf. „Ich werde erstmal duschen, wenn ihr nichts dagegen habt.“

„Natürlich nicht,“ sagte Kyle.

Als Isabel im angrenzenden Bad verschwunden war, äffte Ava Kyle wütend nach: Natürlich nicht. Warum fragst du sie nicht noch, ob du ihr den Rücken schrubben sollst?“

„Was zum Teufel ist dein Problem?“ fuhr Kyle sie aufgebracht an.

Du bist mein Problem. Oder vielmehr deine übertriebene Hilfsbereitschaft Isabel gegenüber. Sie ist nicht krank okay! Du musst sie nicht bemuttern, als läge sie im Sterben.“

„Was? Was redest du denn da? Das tue ich doch überhaupt nicht.“

„Und ob du das tust. Isabel willst du noch ein Glas Wasser? Isabel willst du noch Taschentücher? Willst du ein Sandwich? Isabel dies, Isabel das…“

„Na und? Ihr Mann wurde grade vom FBI gekidnapped und wird irgendwo festgehalten wo sie ihn foltern und vielleicht sogar umbringen. Ist doch ganz klar, dass es ihr da nicht gut geht und sie unsere Hilfe und unseren Zuspruch braucht.“

„Unsere Hilfe und unseren Zuspruch ja, aber nicht nur deine Hilfe und deinen Zuspruch.“

„Das macht für mich keinen Unterschied. Sie ist eine gute Freundin und natürlich bin ich für sie da in so einer Situation“, rechtfertigte Kyle sich und wurde dann zornig. „Was soll das überhaupt? Warum regst du dich so auf?“

„Oh, sie ist mehr als eine gute Freundin, das ist offensichtlich“, konterte Ava und verschränkte beleidigt die Arme vor der Brust.

Kyle schaute sie verblüfft an und registrierte dann wieder diesen feinen Stich von Eifersucht, der von ihr ausging. Du bist eifersüchtig?“ fragte er entgeistert.

„Was? Bin ich nicht!“ schnappte Ava.

„Natürlich bist du es. Ich kann es spüren. Oh Buddha…“

„Du weißt nicht was du da redest“, fuhr sie ihn noch zorniger an.

„Aber ich weiß, was ich fühle. Und von dir fühle ich im Augenblick totale Eifersucht. Das grünäugige Monster in seiner ganzen Größe,“ antwortete Kyle und musste sich ein Lachen verkneifen.

„Schön, dass du das offensichtlich auch noch amüsant findest“, wütete Ava weiter. „Ich kann es nicht amüsant finden, wenn du diese Masche mit dieser gespielten Hilfsbereitschaft abziehst und mich dabei völlig ignorierst, nur weil ich den Typen an der Rezeption gemindwarped habe.“

Kyles Lachen verstummte augenblicklich. „Also erstens: meine Hilfsbereitschaft ist nicht gespielt, ich mache mir tatsächlich Sorgen um Isabel und wie sie das alles verkraftet. Und zweitens: Was hat das alles mit dem Typ an der Rezeption zu tun?“

„Das sage ich dir. Nachdem du erfahren hast, dass ich ihn gemindwarped habe, hast du mich völlig ignoriert und dich ausschließlich mit Isabel beschäftigt. Glaubst du, das hätte ich nicht gemerkt? Ist das deine Art mir unter die Nase zu reiben, dass du nicht einverstanden warst mit dem Mindwarp?“

„Diese Diskussion ist lächerlich“, schnaubte Kyle. „Ich war nur überrascht, dass du den Kerl vor meinen Augen gemindwarped hast, ohne mir was davon zu sagen. Das hat nichts mit dir zu tun, oder mit Isabel.“

„Wer‘s glaubt“, schnaubte Ava.

„Hey! Mir ist klar, dass du anders aufgewachsen bist als ich oder die anderen hier, aber selbst du müsstest mittlerweile die Bedeutung von Freundschaft verstanden haben. Freunde stehen sich in schweren Stunden nämlich bei und helfen sich gegenseitig. Und Isabel ist ein Freund. Neben Liz mein bester Freund sogar. Also darf sie mit Recht erwarten, dass ich in einer Situation wie dieser für sie da bin. Das wäre sie umgekehrt auch.“

Ava sagte nichts dazu, aber der Zorn schien langsam aus ihrem Gesicht zu weichen.

„Und eigentlich hatte ich dich bisher auch zu der Sorte Mensch… Alien… was auch immer gezählt, die anderen helfen. Schließlich hast du mir und Liz ja auch schon geholfen. Und du bist bereit Jesse zu helfen, den du nicht einmal kennst. Ich verstehe also nicht ganz, warum du so sauer auf mich bist“, schloss Kyle.

„Ich dachte es ist wegen Tess“, antwortete Ava leise.

„Tess? Was hat die mit der ganzen Sache zu tun?“

„Nichts… ich dachte nur… wegen dem Mindwarp… dass du wieder an sie erinnert wirst und…“

„Hey, kann es vielleicht sein, dass nicht ich ein Problem damit habe, dass du wie Tess aussiehst und die gleiche Kraft wie sie hast, sondern du?“

„Vielleicht“, gab Ava nach kurzem Zögern zu.

Kyle setzte sich neben sie auf die Couch. „Darüber haben wir doch schon mal gesprochen. Ich sehe dich nicht als Tess und du solltest das auch nicht tun. Ich gebe zu, dass ich nicht begeistert war, als ich gehört habe, dass du den armen Kerl an der Rezeption gemindwarped hast, aber mir ist auch klar, dass das nötig war. Wir können es uns eben nicht immer aussuchen und in unserer Situation hast du genau das richtige getan. Du solltest dir keine Schuldgefühle deswegen einreden… oder von irgendwem einreden lassen. Auch von mir nicht.“

„Du hast Recht… vielleicht hab ich mir nur etwas eingebildet.“

Kyle grinste sie an und öffnete schon den Mund um einen passenden Buddha-Spruch loszulassen, als die Badezimmertüre aufflog und Isabel tropfnass und mit einem Handtuch umschlungen zurück ins Zimmer platzte.

„Ich weiß wie wir Jesse helfen können“, legte sie auch sofort los. „Kyle, kannst du Max und Liz herholen? Sie sollen hören, was ich zu sagen habe.“

„Was ist mit Michael und Maria?“ fragte Kyle, der schon zur Verbindungstür getreten war und sanft dagegen klopfte.

„Verräter kann ich keine gebrauchen“, schnappte Isabel nur als Antwort.

„Dein Pech, wir sind aber schon hier“, entgegnete Michael, der just in diesem Moment zusammen mit Maria durch die Tür trat. Auch Max und Liz waren mittlerweile in der Verbindungstür aufgetaucht.

„Was ist los? Konntest du Jesse noch einmal erreichen?“ fragte Max seine Schwester.

„Nein, aber mir ist eingefallen, wie wir ihm helfen könne… oder besser gesagt, wer ihm helfen kann.“

„Wer? Was meinst du damit?“

„Wir werden Cal um Hilfe bitten.“

Sechs zweifelnde Gesichter schauten Isabel bei dieser Nachricht an, doch niemand hatte den Mut ihr zu sagen, dass es sehr unwahrscheinlich war, dass der Formwandler ihnen ein weiteres Mal helfen würde.

*****

„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Sollte das nicht lieber jemand von euch tun?“

„Bitte Liz. Du bist die einzige auf die er hören wird. Wenn Max oder ich ihn anrufen wird er gleich wieder auflegen“, flehte Isabel ihre Schwägerin an.

Liz zögerte, doch dann gab sie sich einen Ruck und nahm den Telefonhörer von der Gabel. Sie schuldete Isabel und Jesse wenigstens den Versuch. Sorgfältig wählte sie die lange Nummer, die Max ihr aufgeschrieben hatte, während die anderen sechs näher um sie herum zusammenrückten und neugierig lauschten.

„Langley“, meldete sich eine kühle, knappe Stimme aus der Leitung.

„Mr. Langley… Cal… hier spricht Liz. Liz Par… Liz Evans.“

Alle im Zimmer hielten den Atem an und warteten auf das Klick, das signalisierte, dass der Formwandler aufgelegt hatte. Zur Überraschung aller drang stattdessen Cals Stimme aus dem Hörer.

„Ich habe schon auf euren Anruf gewartet. Dass ich allerdings die Ehre habe mit der Königin persönlich zu sprechen, überrascht mich doch ein wenig.“

Max biss die Zähne zusammen, angesichts Cals ironischem Ton.

„Sie haben schon auf unseren Anruf gewartet?“ fragte Liz verblüfft.

„Allerdings. Nachdem das FBI euch in Arctic Village aufgespürt hat, war mir klar, dass ihr euch früher oder später wieder bei mir melden würdet.“

„Sie wissen bereits davon, dass das FBI uns gefunden hat?“

„Ich bleibe gerne auf dem neuesten Stand“, antwortete Cal leicht gehässig. „Was ich nur nicht ganz verstehe… wie konnten die euch dort aufspüren? Eure Tarnung war perfekt.“

„Das… das ist eine lange Geschichte und wir haben keine Zeit dafür. Cal, wir brauchen Ihre Hilfe.“

„Klar, weshalb solltet ihr auch sonst bei mir anrufen. Bestimmt nicht um mir nur einen schönen Tag zu wünschen“, schnaubte der Formwandler. „Ihr solltet langsam lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Ich werde nicht dauernd den Karren für euch aus dem Dreck ziehen. Ich habe euch gesagt, dass es das letzte Mal ist, dass ich euch helfen werde und trotzdem scheint ihr immer noch nicht begriffen zu haben, dass ich es auch so meine…“

„Es geht nicht um uns. Wir würden Sie nicht belästigen, wenn es nicht wirklich wichtig wäre, aber das FBI hat jemanden von uns geschnappt…“

„Wen? Max?“ unterbrach der Formwandler augenblicklich.

„Nein, nicht Max…“

„Schade.“

Liz atmete tief durch, um ihre eigene Wut unter Kontrolle zu halten. Sie nützte Isabel und Jesse nichts, wenn sie sich gehen ließ und Cal für diese Unverschämtheit anschrie. „Das FBI hat Isabels Ehemann entführt und hält ihn irgendwo gefangen. Wir wissen nicht wo und brauchen deshalb Ihre Hilfe Cal.“

„Isabels Ehemann? Lebt der nicht in Boston?“ fragte Cal.

„Ja, aber er wurde entführt. Bitte Cal, wir würden uns nicht an Sie wenden, wenn wir einen anderen Ausweg wüssten. Sie müssen uns helfen ihn zu finden.“

„So… muss ich das?“ entgenete Cal spöttisch.

„Ich wusste es. Dieser Mistkerl“, flüsterte Max zornig. Er war nahe dran Liz den Hörer aus der Hand zu reißen und Cal einfach zu befehlen, ihnen zu helfen, doch das wollte er erst im äußersten Notfall tun.

„Bitte Cal. Es geht um einen unschuldigen Menschen. Das einzige was wir von Ihnen verlangen ist, dass sie herausfinden wo Jesse festgehalten wird, damit wir ihn befreien können.“

„Befreien aus den Händen des FBI?“ lachte Cal amüsiert. „Stell dir das nicht so einfach vor Mädchen.“

„Es wäre nicht das erste Mal für uns“, konterte Liz und dann kam ihr ein Gedanke. „Damals hatten wir natürlich Nasedo, der uns geholfen hat, aber auch alleine werden wir wohl…“

„Dieser Verräter“, spuckte Cal wütend in den Hörer, als er den Namen des anderen Formwandlers hörte. Liz schwieg abwartend. „Also schön… was diese traurige Entschuldigung für einen Formwandler kann, das kann ich schon lange. Was wisst ihr über Jesses Aufenthaltsort?“

Liz gab schnell die spärlichen Informationen weiter, die sie hatten. „Heißt das Sie helfen uns?“

„Ja, das heißt es“, knurrte Cal ins Telefon. „Hoffentlich wirklich zum letzten Mal. Ich melde mich wieder sobald ich was raus gefunden habe.“

„Danke Cal, das bedeutet uns allen sehr viel…“ Liz unterbrach sich, denn Cal hatte schon aufgelegt.

„Wow, das ging ja einfacher, als ich erwartet hatte“, staunte Ava.

„Ja… ein bisschen zu einfach wenn ihr mich fragt,“ meinte Michael misstrauisch. „Warum hilft uns der Mistkerl auf einmal so bereitwillig?“

„Weil Liz ihn in seinem Stolz gekränkt hat, als sie gesagt hat, dass sogar Nasedo uns einmal geholfen hat. Da wollte er natürlich nicht zurückstehen,“ warf Maria ein. „Das war eine tolle Idee von dir Chica.“

„So jemand wie Langley hat keinen Stolz“, schüttelte Michael den Kopf „Dem ist Nasedo genauso egal, wie wir hier. Nein, da steckt mehr dahinter.“

„Ist doch egal… Hauptsache er findet heraus wo Jesse ist“, unterbrach Isabel die Diskussion.

Darauf nickten die anderen, doch Max und Michael tauschten heimlich einen kurzen Blick. Beiden war die plötzliche Hilfe des Formwandlers nicht ganz geheuer. Und das ungute Gefühl wollte sich auch den ganzen Tag nicht legen bei den beiden. Auch nicht, als Cal wie versprochen am Nachmittag wieder anrief, weil er durch seinen Kontakte tatsächlich herausgefunden hatte wo Jesse gefangen gehalten wurde.

„Utah? Er ist in Utah?“ fragte Isabel, nachdem Liz aufgelegt hatte.

„Ja… Es gibt nur drei FBI Agenten die Carter heißen. Einer befindet sich zur Zeit im Irak, ein anderer ist fünfundsiebzig Jahre alt und schon längst im Ruhestand und der dritte ist auf einer kleinen Militärbasis in Utah stationiert. Cal wird uns dort treffen. Wir sollen sofort losfahren. Wir werden einige Zeit brauchen, bis wir dort sind“, antwortete Liz unbehaglich. Ihr kam die plötzliche Hilfsbereitschaft mittlerweile auch seltsam vor, außerdem hatte sie sehr schlechte Erinnerungen an Utah. Es war erst anderthalb Jahre her, dass sie und Max dort nach dem Raumschiff gesucht und dabei verhaftet worden waren. Liz wollte lieber nicht an die Zeit zurück denken.

„Also schön. Dann packen wir besser zusammen. Auf nach Utah“, verkündete Kyle.