Written by: Buddha-boy & Liz Evans

Was bisher geschah: Isabel lief mit einer Tasche und einem Hut in den Flughafen hinein. Man sah aus ihren Augen wie sie auf die Tafel blickte. Ihr Flieger würde in eineinhalb Stunden starten. Sie lief weiter um einzuchecken und sah sich noch einmal um. Hinter ihr konnte man zwei Männer in Anzügen erkennen, die sie nicht wahrnahm. Der eine hielt ein Telefon in der Hand und der andere setzte seinen Kopfhörer ein. Nachdem Isabel eingecheckt hatte, gingen diese beiden an denselben Schalter und stellten neugierige Fragen. Die Stimmen konnte man verschwommen wahrnehmen.

„Was ist passiert?“, fragte Max, als er seine Frau auf die Couch legte.

„Die Frau hat Alaska gesagt.“

„Welche Frau? Sprich nicht in Rätseln“, verlangte Michael und erntete einen bösen Blick von Maria.

„Die Frau am Schalter. Sie sagte den Agenten, dass Isabel nach Alaska fliegen würde…“

*~*~*~*~*

Für einen endlos erscheinenden Moment herrschte absolute Stille in Cals abgelegener Hütte. Wie verstummte Statisten standen die sieben Freunde da und verdauten Liz‘ Worte. Dann ließ Isabel mit einem dumpfen Poltern ihre Reisetasche fallen. Das Geräusch schreckte die anderen aus ihrer Erstarrung und aufgeregt redeten plötzlich alle durcheinander.

„…soll das heißen ich wurde verfolgt?”

„…Agenten? Du meinst FBI-Agenten?”

„…sie haben uns gefunden…”

„…ich habe von vornherein gesagt, dass es zu gefährlich ist…”

„…was konntest du noch sehen Liz? Wissen sie wo wir sind?”

„… sind sie schon in Arctic Village?”

Die Fragen überschlugen sich. Die Stimmen wurden immer lauter. Die Panik und das Adrenalin stiegen von Sekunde zu Sekunde. Die Hysterie war ansteckend. Da… ein Geräusch von draußen… waren ihre Verfolger etwa schon hier? Wie viel Zeit blieb ihnen noch, um ein weiteres Mal unterzutauchen? Würden sie es noch einmal schaffen? Und wohin sollten sie diesmal fliehen?

„Behaltet die Nerven, es nützt nichts, wenn wir jetzt durchdrehen”, brüllte Max autoritär in das Chaos und verschaffte sich bei den anderen Gehör. Er war entsetzlich blass im Gesicht und hielt Liz immer noch umarmt, als sie sich auf der Couch ausruhte.

Nagende Schuldgefühle blubberten in ihm, weil er derjenige gewesen war, der Isabel den Besuch bei Jesse erlaubt hatte. Er schob diese Schuldgefühle jedoch gewaltsam beiseite. Jetzt war nicht die Zeit dazu. Jetzt ging es um Schadensbegrenzung. Äußerlich beherrscht wandte er sich an seine Frau, die sich zitternd an ihn schmiegte. „Bist du ganz sicher, dass es Agenten waren, die Isabel verfolgt haben?” fragte er Liz.

„Ja.”

„Und sie wissen wo wir sind?”

„Ich glaube schon…”

„Verdammte Scheiße!” fluchte Michael. „Ich wusste es…”

„Nicht jetzt Michael”, unterbrach Max ihn streng.

„Was machen wir jetzt?” wollte Maria ängstlich wissen.

„Von hier verschwinden, was sonst”, antwortete Michael. „Das wäre alles nicht passiert, wenn ihr auf mich gehört hättet.”

Max funkelte ihn drohend an, doch er sparte sich eine Zurechtweisung. Auch für Diskussionen, Schuldzuweisungen und Streitereien war im Augenblick keine Zeit. Denn mit einem hatte Michael Recht - sie mussten verschwinden, solange sie noch die Möglichkeit dazu hatten.

„Hast du bemerkt, ob du verfolgt wurdest?” erkundigte sich Max bei seiner Schwester, doch Isabel war zu geschockt, um ihm eine vernünftige Antwort geben zu können. Sie war noch blasser als er selber und ihre Augen waren zwei große panische dunkle Höhlen in ihrem wachsbleichen Gesicht.

„Was denkst du wie viel Zeit uns noch bleibt?” wollte Kyle wissen.

Max antwortete ihm nicht, weil er keine Antwort hatte. Wie viel Zeit blieb ihnen noch? Ein paar Stunden? Ein paar Minuten? Vielleicht nur ein paar Augenblicke, bevor das FBI hier auftauchte und die Hütte stürmte? Sie mussten handeln und zwar schnell.

„Okay, hört mir zu”, wandte Max sich an die anderen. „Jeder schnappt sich was er tragen kann. Wir haben keine Zeit, um noch lange zu packen. Nehmt alles an Bargeld mit, was ihr finden könnt und die Ausweise und Dokumente, die Cal uns gegeben hat. Ihr habt zwei Minuten. Wir treffen uns draußen am Wagen.”

Michael, Maria, Kyle und Ava stürmten nach dieser Anweisung sofort die Treppe hinauf und gleich darauf war das hektische Öffnen und Schließen von Schranktüren und Schubladen aus dem Obergeschoss zu hören. Isabel stand weiterhin wie festgewachsen mitten im Zimmer und starrte mit fassungslosem Blick vor sich auf den Boden. Sie war ganz offensichtlich in eine Art Schockzustand verfallen. Max machte sich Sorgen um seine Schwester, doch für Trost, oder Beistand, oder sonst etwas, war ebenfalls keine Zeit.

Nur Sekunden später tauchten die anderen wieder auf und stopften Kleidungsstücke und persönliche Besitztümer in Taschen und Rucksäcke. Michael riss die Haustüre auf und schob Maria vor sich her. Schneeflocken fegten in die Hütte und der Wind war merklich stärker geworden. Am Horizont waren dunkle Wolken aufgezogen.

„Wir bekommen einen Sturm”, stelle Kyle fest und sah über seine Schulter.

„Ein weiterer Grund schnellstens hier zu verschwinden”, schrie Michael und warf ihr spärliches Gepäck in den Wagen.

Max schob Isabel und Liz hinaus zu den anderen und wandte sich dann noch einmal um.

„Max? Wo willst du hin?” rief Liz ihm aufgeregt hinter her. „Wir haben keine Zeit.”

„Nur eine Minute. Ich bin gleich da. Steig in den Wagen Liz”, redete Max ihr eindringlich zu.

Im Wohnzimmer der Hütte schnappte Max sich seine und Liz’ Brieftaschen und vom Haken neben der Tür ihre Winterjacken. Dann streckte er die Hand aus, sammelte seine Kräfte und schickte einen gewaltigen Energiestoß hinüber zum Bücherregal. Augenblicklich fing das Regal Feuer und die Flammen griffen schnell auf die holzvertäfelten Wände über. Max schaute dem Feuer noch einen Augenblick zu, bevor er sich umdrehte und ebenfalls aus der Hütte rannte. Dichter Rauch wallte hinter ihm aus der offenen Tür, als er zum Wagen lief.

„Was hast du getan?” fragte Maria mit großen Augen und wedelte zur Hütte. Hinter den Fensterscheiben war der Schein des Feuers zu sehen.

„Spuren vernichtet”, war alles was Max antwortete. Das Feuer würde hoffentlich nichts übriglassen. Er schwang sich in den bereits voll besetzten Wagen und schlug die Türe zu. „Fahr los Michael!”

„Das würde ich ja gerne, aber diese Scheißkiste will nicht anspringen”, fluchte Michael aufgebracht und drehte panisch am Zündschlüssel. Der Wagen gab nur ein Winseln von sich.

„Es ist die Kälte”, meinte Kyle. „Wahrscheinlich ist das Kühlwasser wieder eingefroren.”

„Ich dachte ihr hättet euch Weihnachten darum gekümmert”, erklang Marias aufgeregte Stimme.

Kyle hatte bereits die Tür geöffnet und war aus dem Wagen gesprungen. Mit schnellen Handgriffen öffnete er die Motorhaube.

„Wir haben keine Zeit für diesen Mist”, schimpfte Ava mit ihm. „Wir müssen hier weg.”

„Geh zur Seite Valenti”, schrie Michael, der ebenfalls aus dem Wagen gesprungen war und sich mit ausgestreckter Hand vor der aufgeklappten Motorhaube aufbaute.

„Michael, ich glaube nicht, dass du…” weiter kam Kyle nicht, denn ein lauter Knall unterbrach ihn. Michael hatte einen Energieblast unter die Haube geschickt um den Wagen zu starten.

„Nein! Nicht!”

„Shit!”

Dichter Rauch quoll unter der Motorhaube heraus.

„Du… du hast den Motor gesprengt… unseren einzigen Wagen… unsere einzige Fluchtmöglichkeit…” stellte Kyle fassungslos fest und ging dann auf Michael los. „Du Idiot! Was sollen wir denn jetzt machen? Wie sollen wir von hier weg kommen?”

Kyle hatte Michael am Kragen gepackt und schüttelte ihn wütend. Er kümmerte sich nicht einmal mehr darum, dass der Alien mehr als einen Kopf größer als er selber war und über Kräfte verfügte, die ihn in Sekundenbruchteilen in Asche verwandeln konnten. Völlig geschockt waren nun auch die anderen aus dem Wagen geklettert und Max beugte sich über den qualmenden Motor um zu sehen, ob er irgendetwas retten konnte. Doch als er geschmolzenes Plastik und verbogenes Metall erblickte, wusste er, dass es hoffnungslos war. Michael hatte soeben tatsächlich ihre einzige Fluchtmöglichkeit zerstört.

„Oh mein Gott… seht mal da unten”, schrie Maria und deutete den Hang hinunter. Alle außer Kyle und Michael, die kurz davor waren sich zu prügeln, blickten in die Richtung in die sie zeigte. Und allen gefror das Blut in den Adern, als sie sahen, was Maria bereits entdeckt hatte.

Eine Kolonne aus dunklen Fahrzeugen fraß sich die verschneite Straße zur Hütte hinauf. Die Autos waren nur noch wenige hundert Meter entfernt.
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„Diesmal kriegen wir sie”, schnaubte Agent Williams grimmig. Er saß in dem ersten der fünf Fahrzeuge und starrte durch die Windschutzscheibe den Hang hinauf. Neben ihm versuchte Agent McCarthy den Wagen auf der glatten und verschneiten Straße zu halten.

„Ausgerechnet Alaska! Ich hasse Kälte”, klagte McCarthy.

„Eins muss man ihnen lassen, einen noch abgelegeneren und einsameren Unterschlupf hätten sie wohl kaum finden könne. Aber selbst hier konnten sie sich nicht auf Dauer vor uns verstecken.”

„Sehen Sie mal da vorne Sir, da brennt irgendwas”, deutete McCarthy durch die Scheibe. Im Schneetreiben tauchte die Hütte auf, aus deren Fenster und Türen dichter Rauch quoll.

„Fahren Sie schneller Williams. Ich will diese Freaks lebend wenn’s geht. Wäre doch zu schade, wenn sie bei einem Hausbrand umkommen würden. An wem sollen wir dann all die Experimente durchführen?”

*****

„Weg hier! Sofort! Lauft rüber in den Wald, wo sie uns nicht sehen können”, brüllte Max den anderen zu.

Der Schnee biss ihnen in die Gesichter und die kalte Luft brannte in den Lungen, als sie die wenigen Meter hinüber in den schützenden Wald hechteten.

„Sie haben uns gefunden… oh Gott, sie haben uns gefunden…” wimmerte Maria ununterbrochen vor sich hin, während sie vorwärts stolperte und sich an Michael festkrallte.

Über das Heulen des aufziehenden Sturms war schon das Dröhnen der näher kommenden Fahrzeuge zu hören. Nur noch wenige Augenblicke und ihre Verfolger waren am Ziel.

„Wohin Max? Wohin gehen wir?” wandte Kyle sich hilfesuchend an Max. Ganz automatisch war Max wieder in die Rolle des Anführers gedrängt worden. Doch auch ein Anführer war nicht allmächtig, oder allwissend. Max hatte nicht die leiseste Ahnung wohin sie gehen, oder was sie tun sollten. Er wusste nur, dass sie nicht länger hier bleiben konnten.

„Connor. Wir gehen zu Connor”, gab Liz an seiner Stelle Antwort und Max schaute sie verblüfft an. „Er wohnt ganz in der Nähe. Sein Haus ist das einzige hier in der Umgebung. Bis runter ins Dorf schaffen wir es nie unbemerkt und außerdem warten sie dort wahrscheinlich sowieso schon auf uns.”

Max wollte automatisch widersprechen. Allein der Gedanke an den überfreundlichen Wildhüter ließ Alarmglocken in seinem Kopf schrillen und das grüne Monster der Eifersucht regte sich in seiner Brust. Doch schon im gleichen Moment musste er einsehen, dass es wahrscheinlich ihre einzige Chance war.

„Also gut… weißt du wo sein Haus ist?” wandte er sich widerstrebend an Liz.

„Ich glaube schon… wir müssen weiter Richtung Süden, durch den Wald.”

„Na dann, nichts wie los! Worauf warten wir noch”, drängte Kyle.

Sie waren erst ein paar Meter weit gekommen, da hörten sie hinter sich das Quietschen von Bremsen und das hektische Zuschlagen von Autotüren. Stimmen wurden laut, Befehle wurden gebrüllt, Schritte knirschten im Schnee…

Die Freunde hasteten noch schneller vorwärts. Schneeüberzuckerte Tannenzweige klatschten ihnen in die Gesichter und der stetig fallende Schnee machte ihre Kleider nass und schwer. So sehr sie sich auch beeilten, sie kamen immer langsamer vorwärts. Und als sie den schützenden Wald erst einmal hinter sich gelassen hatten, wurde jedes Fortkommen zur schieren Kraftanstrengung. Der eisige Wind hatte noch mehr zugenommen und schnitt in jedes Stück unbedeckte Haut wie eine Million kleiner Messerklingen. Bis über die Knöchel versanken die sieben in Schneeverwehungen. Schuhe und Socken waren längst durchnässt. Und zu allem Überfluss wurde die Sicht durch den peitschenden Schnee und die hereinbrechende Dämmerung immer schlechter.

„Ist das überhaupt die richtige Richtung?” keuchte Ava nach einer halben Ewigkeit.

„Ja… ich glaube schon…” antwortete Liz ebenso keuchend.

„Du glaubst? Bist du dir nicht sicher?” fuhr Michael sie an.

Max wollte seiner Frau schon beistehen, als ein lautes, lang gezogenes Bellen das Heulen des Windes zerriss.

„Hunde! Oh Shit! Sie haben Hunde!” flüsterte Kyle panisch.

„Lauft!”

„Schneller!”

„Oh Gott…”

„Wir schaffen es nicht…”

Das Bellen erklang erneut, diesmal viel näher und aus anderer Richtung.

„Sie haben uns gewittert!”

Aus dem Schneetreiben tauchten ganz plötzlich die Umrisse eines Gebäudes auf. Connors Haus war ein lang gestreckter Bau aus schweren Baumstämmen zusammengefügt. Aus dem steinernen Schornstein quoll Rauch und hinter den Fenstern brannte Licht.

„Hoffentlich ist er Zuhause”, betete Maria.

Die Gruppe hastete auf die Eingangsveranda zu, als plötzlich ein deutscher Schäferhund wie aus dem Nichts auf sie zu sprang. Wütendes Hundegebell erklang. Nicht nur die Mädchen schrieen erschrocken auf und wichen zurück. Max und Michael hoben gleichzeitig die Hände, um das Tier mit ihren Kräften abzuwehren, doch noch bevor sie irgendetwas tun konnten, flog schon die Haustür der Hütte auf und eine Gestalt erschien im Türrahmen.

„Boomer? Was soll der Lärm? Was hast du?” Der Hund erstarrte augenblicklich, das Bellen verstummte und machte einem drohenden Knurren Platz. “Ruhig mein Junge. Hast du wieder ein Kaninchen gewittert?” Connor trat auf die Veranda hinaus und hatte die sieben Personen vor seinem Haus noch gar nicht bemerkt.

„Connor?” rief Liz ihm entgegen, traute sich wegen des Hundes aber nicht weiter vor.

„Liz?” Der Wildhüter kam noch näher und seine Augen weiteten sich in Erstaunen, als er die Gruppe vor sich sah. Neben ihm bellte der Schäferhund einmal kurz, wie um seinem Herrn zu zeigen, was er entdeckt hatte. Seine Artgenossen in der Ferne gaben ihm lautstark Antwort. „Sei still Boomer! Liz, was ist passiert? Warum sind Sie hier? Und dazu bei diesem Wetter.”

*****

„Agent Howard, Agent Frost, durchsuchen Sie die Hütte, die anderen sichern das Gelände”, schrie Carl Williams seinen Leuten zu, als die Wagenkolonne vor der brennenden Hütte zum Stehen kam. Nur widerstrebend betraten die beiden Agenten das Gebäude. Die Flammen hatten sich mittlerweile schon bis zum Obergeschoss vorgearbeitet und beißender Rauch drang aus allen Öffnungen.

„Sir, sehen Sie sich das einmal an”, rief ein junger Agent Williams zu und winkte ihn hinüber zu dem Wagen, der mit aufgeklappter Motorhaube ein Stück entfernt von der Hütte stand. Williams sah sich stirnrunzelnd den geschmolzenen Motorblock des Wagens und die offen stehenden Türen an. Neben dem Vorderreifen lag vergessen ein einsamer Handschuh.

„Haben Sie Reifenspuren von anderen Fahrzeugen gefunden?” fragte Williams den Agenten.

„Nein Sir, nur jede Menge Fußspuren. Der fallende Schnee wird sie bald verdecken, aber ganz eindeutig führen die Spuren von hier rüber zum Wald.”

„Sir, die Hütte ist leer soweit wir das beurteilen können”, hustete Agent Frost, der zusammen mit seinem Kollegen aus der Haustüre gestolpert kam.

„Entweder diese Freaks wollen uns verarschen, oder sie sind dümmer, als ich für möglich gehalten habe. Nur Idioten laufen bei diesem Wetter zu Fuß herum”, überlegte Williams laut. „McCarthy, lassen sie zwei Mann als Bewachung zurück bei der Hütte, der Rest kommt mit mir. Wir durchkämmen den Wald und folgen ihren Spuren. Diesmal entwischen sie uns nicht, dafür sorge ich und wenn wir jeden verdammten Stein nach ihnen umdrehen müssen.”

„Was ist mit den Spürhunden Sir?” erkundigte sich McCarthy.

„Die nehmen wir mit”, antwortete Williams grimmig. „Die Zeit für Nettigkeiten ist endgültig vorbei.”

*****

„Connor, Sie müssen uns helfen. Bitte!” bat Liz atemlos.

„Natürlich. Worum geht’s denn?”

„Wir werden verfolgt. Wir müssen so schnell wie möglich von hier verschwinden.”

„Verfolgt? Von wem?” wollte der verdutzte Wildhüter wissen.

„Vom FBI”, platzte es aus Maria heraus, bevor diese sich beherrschen konnte.

Connor traten beinahe die Augen aus dem Kopf. „Heiliges Caribou, das FBI? Seid ihr Verbrecher, oder so was?”

„Nein. Bitte hören Sie Connor, wir haben nichts Schlimmes getan, das schwöre ich. Wir sind keine Verbrecher, wir wollen nur in Ruhe gelassen werden”, flehte Liz.

„Okay… wie wäre es, wenn ihr erst einmal rein kommt. Dieser Sturm wird ziemlich heftig und ihr seht aus, als könntet ihr einen heißen Tee vertragen. Vielleicht kann ich mich jetzt für eure Gastfreundschaft von neulich revanchieren…”

„Wir haben keine Zeit zum Teetrinken”, platzte Michael ungeduldig dazwischen. „Sie sind uns auf den Fersen. Wir müssen hier weg. Und zwar schnell!”

Connor schaute Michael misstrauisch an, dann alle anderen und zum Schluss blieb sein Blick an Liz hängen. Ein paar Sekunden war nur das Heulen des Sturms und das Bellen der Hunde in der Ferne zu hören, während der Wildhüter nachdachte. „Also gut… ich weiß nicht, was hier los ist, aber ich vertraue Ihnen Liz. Sagen Sie mir, wie ich helfen kann”, sagte er schließlich.

„Haben Sie ein funktionierendes Fahrzeug?” antwortete Kyle an Liz’ Stelle.

Connor schaute ihn an und nickte dann zögernd. „Ich habe den Schneeflug und meinen Geländewagen”, informierte er sie und deutete nach rechts neben die Hütte, wo unter einer Überdachung beide Fahrzeuge standen.

„Können Sie uns damit von hier wegbringen? Bitte. Nur bis in die nächste Stadt“, flehte Liz. In ihren Augen stand nackte Angst. Das Bellen der Hunde war noch lauter geworden und Boomer knurrte böse den Wald an.

Connors misstrauisches Gesicht wurde weich, bei ihrem verängstigten Anblick. „So viele Leute passen nicht in den Schneeflug und ob der Geländewagen bei diesem Sturm…”

„Bitte Connor, es geht um Leben und Tod.”

Der Wildhüter gab sich einen Ruck, zog etwas aus seiner Hosentasche und reichte es Liz. „Hier, das sind die Schlüssel für meinen Geländewagen. Der Tank ist voll und im Kofferraum ist ein Notfallpaket mit Decken und ein paar Lebensmitteln. Lasst ihn einfach irgendwo stehen, wenn ihr ihn nicht mehr braucht, ich finde ihn schon wieder.”

Nicht nur Liz starrte die Schlüssel fassungslos an. „Sie geben uns Ihren Wagen?” fragte Ava baff. Sie hatte schon befürchtet ihn mindwarpen zu müssen, damit er ihnen half.

„Ihr seht so aus, als würdet ihr ihn dringender brauchen, als ich im Augenblick”, zuckte er mit den Schultern.

„Danke. Connor, das werde ich Ihnen nie vergessen”, bedankte Liz sich mit einer spontanen Umarmung bei ihm. Max biss die Zähne zusammen, als der Wildhüter kurz seine Arme um Liz schloss, doch dann rang auch er sich ein „Danke” ab.

Der Schäferhund zu Connors Füßen wurde noch unruhiger und kläffte laut und wütend. Am Waldrand tauchten dunkle Gestalten auf, die sich rasch näherten, zusammen mit einem Rudel Spürhunde. Sie waren noch etwa fünfhundert Meter entfernt.

„Schnell, wir haben keine Zeit mehr”, drängte Michael und rannte bereits zu Connors Cheverolet-Geländewagen. Kyle war jedoch schneller als er und schob ihn unsanft aus dem Weg, als Michael hinters Steuer klettern wollte. Er würde Michael nicht noch einmal die Kontrolle über ihr Fluchtfahrzeug überlassen. Schnell stiegen auch die anderen ein, bis nur noch Liz, Max und Connor vor der Hütte standen.

„Diese Typen da drüben sind wirklich FBI-Agenten?”

„Ja. Sie sollten sich besser verstecken. Und wenn man Sie fragt, tun Sie so, als würden Sie uns nicht kennen”, riet Max ihm und bugsierte Liz in den Wagen.

„Wohin wollen Sie fahren?”

„Keine Ahnung, nur weg von hier”, antwortete Max.

„Fahren Sie Richtung Osten. Bis zur Grenze nach Kanada ist es nicht weit. Und wenn Sie wirklich Ärger mit den Bundesbehörden haben, ist Kanada ideal zum Untertauchen.”

Max schaute den Wildhüter forschend an. Warum war der Kerl so nett und hilfsbereit? Oder war das ganze nur eine Falle?

„Wenn Sie die Grenze hinter sich haben, fahren Sie nach Dawson. Dort wohnt ein Cousin von mir. Er heißt auch McKenzie. Sagen Sie ihm, ich hätte Sie geschickt, dann wird er Ihnen schon helfen.”

„Warum tun Sie das?” konnte Max seine Neugier nicht mehr zügeln. „Warum helfen Sie uns, obwohl Sie uns nicht einmal richtig kennen?”

Connor zuckte mit den Schultern. „Ich bin Wildhüter. Es ist mein Job Tieren in Not zu helfen, warum also nicht auch Menschen?” Sein Blick wanderte zu Liz und verharrte dort für Max’ Geschmack etwas zu lange. Liz hatte es ihm angetan, deshalb half er ihnen, das wurde Max klar.

Lautes Hupen durchbrach den Sturm. Kyles Kopf lehnte aus dem Fahrerfenster. „Komm endlich Max! Wir haben keine Zeit mehr für lange Abschiede!”

„Wir werden Ihnen Geld schicken… für einen neuen Wagen”, versprach Max noch, als er in das voll bepackte Fahrzeug kletterte.

Connor nickte nur, offensichtlich glaubte er Max nicht so recht. „Passen Sie auf Liz auf. Und geben Sie Acht auf den Straßen, die sind höllisch glatt und voller Schneeverwehungen”, riet er und winkte zum Abschied.

Kyle startete den Motor, der glücklicherweise sofort ansprang und drückte aufs Gaspedal. Der Wagen machte einen Satz und pflügte sich durch den knöcheltiefen Schnee. Liz hatte ihr Gesicht ans Seitenfenster gepresst und winkte Connor zum Abschied. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie zwei schwarze, schnittige Schneejets aus dem Wald hervor geprescht kamen und die Verfolgung aufnahmen.

„Shit, sie kleben uns am Hintern”, ließ Kyle sich vernehmen, der die Jets ebenfalls im Rückspiegel gesehen hatte. Er trat stärker aufs Gas und versuchte den Wagen auf dem schneebedeckten Boden unter Kontrolle zu halten. „Buddha hilf uns.”

„Fahr schneller!” schrie Michael ihm vom Beifahrersitz aus zu und kurbelte das Fenster herunter. Mit ausgestreckter Hand lehnte er sich hinaus, um die Verfolger abzuschütteln, als ein lauter Knall die Luft zerriss. Ein Pistolenschuss!

Panisch drehten sich alle um und Liz schrie gequält auf, als sie sah, wie die dunkel gekleideten Agenten auf Connor losgingen und er getroffen zu Boden sank und im Schnee verschwand.

*****

„Schießen Sie nur im Notfall”, rief Williams in sein Funkgerät.

Agent Weiss und Agent Frost preschten auf ihren schwarzen Schneejets an ihm vorbei, um die Verfolgung aufzunehmen, während sich zwanzig Meter entfernt Agent Howard und Agent McCarthy um den Wildhüter und seinen wahnsinnig gewordenen Hund kümmerten.

„Ich kriege dich Max. Du entkommst mir nicht!”

*****

„Sie haben ihn angeschossen! Wir müssen zurück! Wir müssen ihm helfen!” kreischte Liz außer sich. Ihre Hände tasteten panisch nach dem Türöffner und wenn Maria sie nicht im letzten Augenblick festgehalten hätte, wäre sie bei voller Fahrt aus dem Wagen gesprungen.

„Lass mich los! Wir müssen ihm helfen!” schrie sie wie am Spieß.

„Wir können nichts mehr für ihn tun Liz”, versuchte Maria auf sie einzureden. „Es wäre Selbstmord zurück zu fahren.”

„Wir können ihn doch nicht einfach im Stich lassen. Nicht nachdem er uns das Leben gerettet hat.” Doch Liz wusste selber nur zu gut, dass sie nichts für Connor tun konnten.

Max hörte den Klagen seiner Frau nur mit halbem Ohr zu. Später sagte er sich. Später war Zeit für all das, aber im Augenblick mussten sie unter allen Umständen versuchen ihre Verfolger abzuschütteln. Die beiden Jets waren wendig und schnell und holten rasch auf. Der Geländewagen war ihnen deutlich unterlegen und es war nur eine Frage von Sekunden, bis sie sie eingeholt hatten. Max lehnte sich genauso wie Michael aus dem hinteren Fenster, die Hand ausgestreckt wartete er auf den passenden Moment ihre Verfolger mit einem Blast aufzuhalten.

„Halt den Wagen ruhiger Kyle”, rief er nach vorne, damit er besser zielen konnte. Der erste Blast ging daneben und schlug im Schnee ein. Michael feuerte nun ebenfalls, doch auch seine Trefferquote war mager. Die Jets waren jetzt so nahe, dass man die Gesichter der Fahrer unter den schwarzen Kapuzen erkennen konnte. Und die Pistolen in ihren Händen, mit denen sie auf den Wagen zielten. Kugeln pfiffen ihnen um die Ohren und Kyle versuchte mit riskanten Schlenkern Haken zu schlagen und ihnen auszuweichen. Doch ihre Verfolger holten erbarmungslos auf.

Max konzentrierte sich und zielte diesmal genauer. Sein Blast war nicht besonders stark, da seine Kräfte langsam nachließen, aber er hatte Glück, dass er den Benzintank des linken Jets traf und dieser augenblicklich in einem Feuerball explodierte.

„Du hast einen erwischt!” brüllte Michael und zielte auf den anderen Jet. Wieder ging sein Blast jedoch daneben.

Der Fahrer des Jets feuerte eine Salve auf den Wagen ab und Kugeln bohrten sich in Metall.

„Alle runter! Zieht die Köpfe ein!” befahl Max.

Kyle hatte den Wagen mittlerweile auf die schmale Straße gesteuert, die von Connors Hütte hinunter ins Dorf führte. Zu beiden Seiten der verschneiten Fahrbahn war dichter Wald und er konnte den Kugeln nicht länger ausweichen. Im Rückspiegel sah er den Jet immer größer werden und er drückte das Gaspedal bis zum Boden durch. „Bitte Buddha… ich will noch nicht sterben.”

Im hinteren Teil des Wagens versuchte Max ihren Verfolger mit Blasts abzuschütteln, doch ihm ging allmählich die Kraft aus und die Energiestöße waren zu schwach um irgendwelchen Schaden anzurichten. So auch bei Michael. Isabel befand sich immer noch in ihrem Schockzustand und Max gab die Hoffnung auf, seine Schwester könnte ihnen irgendwie helfen. Das gleiche mit Ava, die sich vorne zwischen Kyle und Michael auf den Vordersitz gequetscht und ängstlich den Kopf eingezogen hatte.

Der Jet war jetzt ganz nahe. Der Fahrer hob die Pistole erneut, doch bevor er abdrücken konnte, sprang ein großes dunkles Etwas zwischen den Bäumen am Straßenrand auf den Jet zu, gefolgt von einem kleineren braunen Etwas.

Max musste zweimal hinsehen, um Benny den Bären und seine Mutter zu erkennen, die sich auf den Jet stürzten und den Fahrer von der Maschine rissen. Mit ohrenbetäubendem Gebrüll warf sich die Bärin auf den Agenten, dessen panischer Schrei nach dem ersten Hieb mit der Bärenpranke in einem Röcheln verstummte.

Verblüfft von der unerwarteten Hilfe hatte Kyle instinktiv auf die Bremse getreten und den Wagen zum Stehen gebracht. Mit morbider Faszination schauten die sieben zu, wie die beiden Bären sich um ihren letzten Verfolger kümmerten. Benny drehte sich für einen kurzen Augenblick zum Wagen um, fletschte die Zähne, hob die Tatze und warf sich dann wieder auf sein Opfer.

„Lasst uns von hier verschwinden, bevor sie Verstärkung schicken”, ordnete Max an, dessen Magen sich umdrehte, als er sah, wie sich der Schnee unter den Hieben der Bärenpranken blutrot färbte.

Kyle brauchte keine weitere Aufforderung mehr und gab Gas. Die Verfolger waren für den Augenblick zwar abgeschüttelt, doch das hieß noch nicht, dass die Gefahr damit gebannt war. So schnell die Straßenverhältnisse und der peitschende Schnee es erlaubten bahnte sich der Geländewagen seinen Weg durch die weiße Einöde.

*****

„Sir, wir haben Agent Weiss verloren und Agent Frost ist schwer verletzt…”

„Was ist mit Evans und den anderen, McCarthy?” unterbrach Williams seinen Untergebenen.

„Sind entkommen Sir.”

„Was? Wie konnte das passieren?” brüllte Williams irre.

„Ich weiß es nicht Sir! Soll ich einen Rettungshubschrauber für Frost anfordern?”

„Tun Sie was Sie nicht lassen können”, winkte Williams ab und stapfte hinüber zu Agent Howard, der neben dem Wildhüter im Schnee kniete. Der Schäferhund lag tot mit Kopfschuss gleich neben seinem Herrn.

„Was ist mit ihm?” wollte Williams wissen und deutete auf Connor McKenzie.

„Eine Fleischwunde, nicht tragisch. Der wird wieder”, diagnostizierte der Agent. “Ich habe ihm ein Sedativum gespritzt, damit er nicht aufwacht.”

„Verbinden Sie die Wunde und nehmen Sie ihn mit. Ich will wissen in welchem Verhältnis er zu den Flüchtigen steht und was er uns über sie sagen kann. Und dann kontaktieren sie Carter in Boston. Ich will, dass Jesse Ramirez verhaftet wird. Wenn einer uns etwas über die Aliens sagen kann, dann er.“

„Jawohl Sir.”

„Und geben Sie endlich eine Fahndung nach dem verdammten Fluchtauto raus!”

Agent Williams drehte sich um und starte in die Richtung, in der der Wagen der Aliens zum letzten Mal gesehen worden war. Drohend hob er seine rechte Faust. „Es ist noch nicht vorbei Max Evans!”
Je weiter der Geländewagen auf der Landstraße fuhr desto klarer wurde die Sicht der Insassen. Der Schneesturm löste sich ein wenig und wenn es eine andere Fahrt gewesen wäre, dann hätten sie sich über den schönen Schnee gefreut. Doch alle, die sich in dem SUV befanden hatten trübe Gesichter und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Keiner sagte etwas bis auf Michael, der nur manchmal Kyle vor den Straßenverhältnissen warnte; vom Schneesturm lagen ein paar größere Äste auf der Straße und vereist war sie teils auch.

Kyle, der versuchte ruhig zu fahren, umschloss das Lenkrad fest. Seine Knöchel wurden weiß und zeigten Michael und Ava wie angespannt er war. Er wusste einfach nicht was er tun sollte. Reden wollte er nicht, denn er konnte die Gefühle der anderen deutlich spüren. Niemand schien reden zu wollen. Wieder waren sie auf der Flucht und diesmal fragte er sich ernsthaft ob sie sich jemals wieder niederlassen würden. Jedes Mal schien das FBI cleverer zu sein und zwang sie wieder zur Flucht und dieses Mal hatten sie sogar einen Unschuldigen mit hinein gezogen. Er schob die Gedanken an McKenzie zur Seite, denn er musste sich auf das Fahren konzentrieren. Er blieb auf der Straße, auf der sie gelandet waren, aber wusste nicht wohin er eigentlich fuhr. Niemand äußerte einen Zielpunkt. Kyle warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. Liz saß direkt hinter ihm und über ihre kleine Gestalt konnte er Max im Kofferraum erblicken. Er lehnte an der Seite des Wagens und hatte seinen Kopf in den Nacken gelegt. Auch er schien nicht zu wissen, was sie als nächstes tun sollten.

„Kyle, pass auf“, warnte Michael, als er einen umgestürzten Baum erblickte. Die Spitze lag auf der Fahrbahn und Kyle musste auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Michael, im Gegensatz zu Kyle, schien die Ruhe in Person zu sein, was für ihn sehr ungewöhnlich war. Er hatte sich bisher nicht zu ihrer Situation geäußert und schwieg eisern. Hin und wieder warf er einen Blick hinter sich und sah nach seiner Freundin. Sie sah blass aus und die nassen Haare klebten an ihrem Gesicht. Er fuhr durch ihre Strähnen und sie öffnete verwundert die Augen. Dankbar lächelte sie ihn an und flüsterte ein „Mir geht es gut.“

Maria öffnete überrascht die Augen, als sie die vertraute Hand von Michael in ihrem Haar spürte. Ihr Blick traf seinen, als er seine Kräfte benutzte um ihre Haare zu trocknen. Die angenehme Wärme verursachte ein Kribbeln in ihrem Körper und wärmte sie auf. Vieles wollte sie ihn fragen. Glaubst du Connor ist tot? Wo fahren wir hin? Was machen wir denn jetzt? Doch sie traute sich nicht. Sie wusste auch nicht ob ihre Stimme ihr gehorchen würde, denn sie fühlte einen Kloß in ihrem Hals wie schon lange nicht mehr. Michael drehte sich wieder nach vorne und ließ sie mit ihren qualvollen Gedanken alleine. Ihr Leben war so schön gewesen. Arctic Village war das perfekte zu Hause für ihre Freunde, für Michael – für Michael und sie – gewesen. Sicher, sie hatten dennoch kein normales Leben geführt, aber ein besseres, als ein Leben auf Rädern. Maria spürte die salzigen Tränen in ihren Augen, als sie an die schönen Tage zurück dachte. Sie hätte sich sogar an den Weihnachtsnazi gewöhnen können. Trost suchend legte sie ihre Hand auf die von Liz und schloss mit einem Seufzen ihre Augen.

Liz, die die Hand ihrer besten Freundin drückte, versuchte Max zu fühlen. Er war hinter ihr und seine Atmung war die eines gehetzten Tieres. Er schien nicht zu schlafen, aber sie konnte ihn auf der emotionalen Ebene nicht erreichen. Schon seit sie das Siegel bekommen hatte konnten sie die Gefühle des anderen wahrnehmen. Doch Max schien sich zu verschließen und das verletzte Liz zutiefst. Max. Er reagierte nicht auf ihr stummes Rufen und Liz versuchte es erneut. Sie konnten nicht richtig miteinander kommunizieren, aber wenn sie sich beide konzentrierten so konnten sie doch die Gedanken des anderen erahnen. Sie spürte Schuldgefühle, die von ihm kamen und wünschte sich mit ihm reden zu können. Sie wollte ihm sagen, dass er nicht schuld war und dass es das Richtige gewesen war Isabel gehen zu lassen, doch sie brachte die Worte nicht über die Lippen. Wenn er Isabel den Besuch bei Jesse nicht erlaubt hätte, wären sie noch in Sicherheit. Max hatte als ihr Bruder richtig gehandelt, aber machte sich in seiner für ihn typischen Art nun doch Vorwürfe. So war er schon immer gewesen. Er lud sich zu oft die Last der Welt auf seine Schultern.
Liz hätte ihm gerne einen Teil dieser Last abgenommen, doch sein verschlossenes Äußeres machte es in solchen Momenten schwer an ihn heran zu kommen. Außerdem wurde ihr klar, dass Max wohl nicht der einzige war, der sich schwere Vorwürfe machte. Was dachte Isabel wohl in diesem Moment? Liz warf einen kurzen Blick auf ihre Schwägerin, die zu ihrer Linken saß. Sie hatte ihren Kopf gegen die Scheibe gelehnt, doch ihre Augen waren geöffnet und blickten ins Leere. Liz versuchte sie zurück in die Gegenwart zu holen und legte ihre freie Hand auf ihr Bein, doch sie schob es zur Seite und blockierte jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Seufzend ließ Liz ihre Hand sinken und zog hiermit die Aufmerksamkeit ihres Mannes auf sich.

„Liz? Geht es dir gut?“, fragte Max leise und nahe ihres Ohres. Er sah wie Kyle ihn kurz anblickte und auf Anweisungen wartete, aber Max ließ auf sich warten. „Hattest du eine Vision?“, dies schien auch das Interesse der anderen auf sich zu ziehen. Liz schüttelte aber den Kopf und ließ ihren Kopf nach hinten fallen. Max, der ihren Stress spüren konnte, legte seine Hände an ihre Schläfen und dämmte ihre Kopfschmerzen, die auch er fühlen konnte. Doch gegen seinen eigenen Schmerz konnte er nichts tun. Er lehnte sich wieder zurück und warf einen Blick nach hinten hinaus. War er wirklich ein so schlechter König wie Cal behauptete? Er schien immer nur die falschen Entscheidungen zu treffen. Hätte er nur sich mit seiner Entscheidung gefährdet, dann wäre es nicht schlimm gewesen. Vielleicht sollte er wirklich lernen ab und zu auf Michael zu hören? Ich habe das Leben aller aufs Spiel gesetzt. Ich bin ein schlechter Anführer und ein schlechter Ehemann.

Isabel nahm von alldem nichts war. Das einzige was sie wahrnahm war ihr Schuldgefühl – das mit den vergehenden Minuten ins Unermessliche stieg. Noch vor einigen Stunden war alles so schön gewesen… Jesse und sie hatten schöne Momente miteinander verbracht. Wie hatte sie nicht merken können, dass sie verfolgt wurde? War sie von ihrer Liebe und ihrer Trauer über den Abschied so sehr geblendet gewesen?

„Jesse, willst du dich scheiden lassen?“

Jesse schob Isabel von seiner Brust und drehte sich zur Seite. Er wusste nicht genau, ob er seine Ehefrau richtig verstanden hatte, aber ihr Blick schien es zu bestätigen. „Warum sollte ich das wollen?“, fragte Jesse leise. Wollte Isabel sich von ihm trennen? Vielleicht war sie gekommen um sich von ihm zu verabschieden, weil sie nun ungebunden sein wollte.

Isabel zuckte nur mit den Schultern und Tränen füllten ihre Augen. „Du könntest jemand anderen kennenlernen, eine Familie gründen. Ich möchte dir nicht im Weg stehen“, gestand Isabel. Sie wusste Jesse liebte sie und auch sie würde ihn für immer lieben, aber sie war willens ihn gehen zu lassen, wenn er dann wieder glücklich werden würde.

„Ich möchte mit dir zusammen bleiben. Es ist mir gleichgültig wie lange ihr auf der Flucht sein müsst, aber ich bin mir sicher, dass es nicht für immer ist und danach können wir glücklich werden“, erklärte Jesse und küsste seine Frau zärtlich. Sie verbrachten die letzten Minuten zusammen, denn Isabel musste schon bald gehen. Das Taxi würde bald da sein und dann würde sie wieder aus seinem Leben verschwinden. „Du weißt was du versprochen hast?“, erinnerte sie Jesse daran, dass sie ihn traumwandeln sollte.

Sie wechselten noch ein paar Sätze und verzweifelte Küsse. Isabel weinte und klammerte sich an ihm fest, bis er ihre Hände von seinem Nacken löste und ihr tief in die Augen schaute. „Ich liebe dich, Isabel. Und ich weiß, dass du irgendwann zu mir zurückkommen wirst.“ Mit diesem Satz und einem letzten Kuss hatte er sie aus dem Zimmer geschoben und die Türe geschlossen. Es war schwer, aber er hatte ihr ein paar Stunden vorher versprochen, den Abschied auf diese Art zu gestalten. Sie hatte ihm gestanden, dass sie sonst nicht gehen könnte, aber dass sie auch Max und Michael nicht enttäuschen durfte.

Isabel verließ das Hotel und sah sich genau um. Sie suchte nach auffälligen Personen oder Wagen, aber sie entdeckte nichts. Kurz wischte sie sich über die Augen, die mit ungeflossenen Tränen brannten und setzte sich dann beruhigt ins Taxi. Es schien niemand Verdächtiges in der Gegend zu sein.


Isabel wusste noch genau, wie sie sich alles angesehen hatte. Jedes einzelne Detail auf der Straße und alle Menschen um sich herum, aber noch immer konnte sie nichts Auffälliges in ihren Erinnerungen entdecken. Sie war zu unvorsichtig gewesen und jetzt durften alle dafür zahlen. Fest entschlossen, die Situation mit Jesse zu klären schloss sie ihre Augen und konzentrierte sich auf seine Traumwelt.

„Jesse?“

„Isabel?“, sagte Jesse und hob den Blick von seinem Schreibtisch. Er lief zu ihr und nahm sie in seine Arme. „Ich hätte nicht gedacht, dass du gleich diese Nacht kommen würdest. Du siehst ich träume sogar von meiner Arbeit“, meinte er mit einem kleinen Lächeln und löste sich von ihr. „Was ist los?“, fragte er als er bemerkte, dass Isabel nicht lächelte und auch so nicht sehr glücklich aussah ihn zu sehen.

„Das FBI ist mir gefolgt“, erklärte Isabel ohne zu warten. Sie wollte es kurz und schmerzlos machen und auch wenn sie sich nicht real gegenüber standen so wusste sie doch, wie schmerzvoll es sein würde. „Wir sind wieder auf der Flucht. Ich habe eingesehen, dass es ein Fehler war von Alaska wegzugehen. Es war zu gefährlich, aber die Liebe zu dir war stärker. Und das darf uns nicht mehr passieren“, Isabel schluckte schwer und senkte ihren Blick zu Boden, „wir dürfen uns nicht mehr sehen.“

„Okay…dann treffen wir uns nicht mehr, aber wenn es vorbei ist, wenn ihr nicht mehr auf der Flucht seid und wiederkommt - dann ist es doch vorbei und wir können glücklich werden?“, äußerte Jesse die wichtigste Frage für ihn und hob hoffnungsvoll die Augenbrauen. Wollte sie sich von ihm trennen? In einem Traum? Oder vielleicht war sie das gar nicht und er hatte nur einen Alptraum. Und wenn er aufwachen würde wäre es vorbei und sie würde in ein paar Tagen wiederkommen, so wie sie es ausgemacht hatten.

„Jesse, mich darf nichts mehr halten. Ich darf nur noch an die Sicherheit der anderen denken…“


Isabel spürte wie sie aus dem Traum geschoben wurde und versuchte sich daran festzuhalten, aber plötzlich wurde alles schwarz um sie und sie öffnete ihre Augen. Jesse musste aufgewacht sein. Sie verfluchte ihn dafür, warum musste er ausgerechnet dann aufwachen? Musste sie ihn nun noch einmal besuchen und es ihm erklären?

*****

„Jesse, mich darf nichts mehr halten. Ich darf nur noch an die Sicherheit der anderen denken…“, hallte Isabels Stimme noch durch Jesses Gedanken, als er aus seinem Schlaf gerissen wurde. Er öffnete die Augen und spürte das feste Schütteln.

„Jesse Ramirez“, sagte eine tiefe Stimme und er erkannte einen Mann neben sich am Bett.

„Was wollen Sie?“, fragte Jesse überrascht und wollte sich aufsetzen, als eine Waffe ihm gegen die Brust gedrückt wurde.

„Wollen Sie genau wissen, was wir wollen?“, entgegnete der Fremde. Noch bevor er etwas erwidern konnte, sprach der Agent weiter. „Wir wollen Ihre Frau und ihre Freunde.“ Bevor Jesse eine Reaktion abgeben konnte, wurde ihm schwarz vor Augen, als das Hinterteil einer Waffe seinen Kopf traf.

*****

„Wohin fahren wir eigentlich?“, durchschnitt Avas Stimme die eisige Stille. Sie hatte nun lange genug auf irgendeine Reaktion gewartet, wurde aber weiterhin enttäuscht. Sie fuhren nun schon eine Weile und sie wollte gerne wissen wohin, denn sterben wollte sie in dieser Eiseskälte nicht. Und der Gedanke an ein warmes Motelzimmer würde es ihr in dem Wagen vielleicht nicht allzu kalt vorkommen lassen.

„Maxwell?“, sagte Michael und drehte sich nach hinten. Sein Vorschlag war sich nach Kanada durchzuschlagen, aber vielleicht hatte sich Max etwas Anderes überlegt.

„Zur Grenze. Wir sollten raus aus den Staaten und das so schnell und unauffällig wie möglich“, klärte Max die anderen auf und ordnete Michael an den vorderen Teil des Wagens zu durchsuchen. Michael fand eine Karte und schlug sie auf. Immerhin konnten sie sich nun etwas orientieren.

„Wohin soll ich fahren?“, erkundigte sich Kyle, der an einem Scheideweg angekommen war.

„Welche Richtung ist rechts?“, fragte Max von hinten, da er es nicht erkennen konnte. Er bekam von Liz die Karte übergeben und sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, doch er konnte genau erkennen, dass es ihre Augen nicht erreichte.

„Da geht es nach „Tok“, wo immer das auch sein mag“, murmelte Kyle.

„Dann geht’s in diese Richtung“, erklärte Max. „Halt‘ an der nächsten Raststätte“, befahl er und lehnte sich wieder zurück. Als der Wagen zum Halten kam und alle ausstiegen und sich die Beine vertreten wollten meinte Max, dass sie im Wagen bleiben sollten. Sie mussten in Notfällen schnell wieder voran kommen, und das war nicht möglich wenn sieben Menschen verteilt auf einem Parkplatz standen. Er, Michael und Kyle stiegen aus und sahen sich um. Es hatte nun ganz aufgehört zu schneien und sie hatten eine weite Sicht. Niemand schien in der Nähe zu sein, nur ein paar Motorräder hielten in der Gegend.

„Wie um Buddhas Willen kann man auf diesen Straßen Motorrad fahren?“, wollte Kyle wissen und schüttelte den Kopf. Kurz darauf gähnte er und hielt verschämt die Hand vor den Mund.

„Kyle, geh du nach hinten und ruh dich aus. Ich fahre weiter“, schlug Max vor und schob die Hände in die Hosentaschen. Kyle ging froh darüber nicht mehr fahren zu müssen und stieg ein.

„Komm schon, Michael, sag was du zu sagen hast“, forderte Max und wartete auf seinen Ausbruch. Wenn es ihm möglich wäre würde er sich selbst anschreien und da er sich selbst nicht strafen konnte, erwartete er es von Michael.

„Du weißt, was ich sagen will“, teilte ihm Michael mit und verschränkte die Arme vor der Brust. „Zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort würden wir uns anschreien“, erklärte er weiter und sah seinen Freund nicht an.

„Du würdest schreien und ich würde diesmal schweigen“, gestand Max und seufzte. Er fühlte sich so kraftlos, wie auch alle anderen im Wagen. Und wenn sogar Michael zu erschöpft war um sich zu streiten bedeutete das wirklich etwas.

„Du hast einen Fehler gemacht, Maxwell“, äußerte sich sein Kommandant. Er blickte zu seinem besten Freund und lächelte schwach. „Doch ich auch. Ich hätte auf meiner Meinung beharren und Isabel nicht gehen lassen sollen.“

„Ich habe nicht auf dich gehört“, erwiderte Max und blickte ihn an. „Vielleicht sollten wir manche Entscheidungen von nun an zusammen treffen und nicht ich alleine“, schlug er vor und sah wieder weg. Es hatte ihn viel gekostet Michael diesen Freiraum einzugestehen, aber er war es Leid die alleinige Verantwortung zu tragen. „Warum bist du nicht wütend?“, fragte Max nun.

„Weil es nichts bringen würde. Ich könnte dir die ganze Schuld geben - was ich auch tue – und dich für alles verantwortlich machen, aber für all das ist es zu spät. Wir sind wieder auf der Flucht und wir sollten uns auch darum kümmern. Kyle und Ava scheinen ganz okay zu sein, aber…“ Michael brach ab und warf einen kurzen Blick zurück. „Isabel spricht nicht und Maria ist total aufgewühlt. Ich glaube sie hat noch nicht richtig begriffen, dass wir wieder kein zu Hause mehr haben.“

„War Arctic Village unser zu Hause?“, ließ Max leise verlauten. Hatte er all seinen Freunden durch seine Unvorsicht ihr Heim genommen? Er fühlte sich überall zu Hause, solange Liz bei ihm war.

„Nirgends ist unser zu Hause, Max. Vielleicht Roswell, aber dorthin können wir nie wieder zurück.“

„Michael!“ Beide drehten sich um und sahen Maria, die auf sie zugelaufen kam. „Es ist sehr kalt im Wagen. Können wir nicht irgendwo halten wo es ein Motel gibt oder zumindest weiterfahren?“, beklagte sie sich und wickelte sich fester in ihren Wintermantel.

Michael und Maria blieben kurz vor dem Wagen stehen und umarmten sich. Max stieg als erster ein und warf einen Blick auf seine Ehefrau. „Geht es euch gut?“, erkundigte er sich und blickte auch auf seine Schwester, die nicht reagierte.

„Ja“, erwiderte Liz und beugte sich nach vorne. „Darf ich nach vorne“, fragte sie leise, „zu dir?“

Sie sah ihn mit bittenden Augen an, aber er konnte sie diesmal nicht ihrer Sicherheit vorziehen. Er wollte es ihr nicht sagen, weil er wusste, dass es sie verletzen würde, aber ihm blieb keine andere Wahl. Auch Michael würde nicht zulassen, dass Liz mit Ava die Plätze tauschte. „Wir brauchen Ava hier vorne“, flüsterte Max, der sich bewusst war, dass ihn jeder im Wagen hören konnte. „Es könnte zu Komplikationen kommen und vielleicht muss sie dann ihre Kräfte einsetzen“, erklärte er und strich mit seiner Hand über ihre Wange. Kümmere du dich um Maria und Isabel, versuchte er ihr stumm seine Sorgen zu übermitteln. Sie blickte kurz zu Isabel und nickte. Max küsste sie sanft auf die Stirn und drehte sich dann wieder nach vorne.

*****

„Wann sind wir endlich an der Grenze?“, fragte Maria, die langsam ungeduldig wurde. Sicher konnte sie verstehen, dass keiner jetzt halten wollte, aber sie musste dringend auf die Toilette. Max und Michael hatten jedoch gleichzeitig gesagt, dass sie erst halten würden wenn sie auf kanadischem Boden waren.

„Ist es an der Grenze eigentlich nicht gefährlich?“, stellte Kyle ebenfalls seine Frage, die in ihm brannte. Sie hatten auf ihrer Flucht nie eine Grenze überquert und er kannte sich damit nicht genau aus. Aber er wusste mit Sicherheit, dass diese überwacht wurden und das FBI sicherlich zunächst an die Grenze denken würde.

„Eigentlich nicht“, erwiderte Max sicher und ignorierte Maria. „Die kanadische Grenze wird nicht so sehr überwacht wie zum Beispiel die zu Mexiko. Wenn wir noch unsere Namen auf den Ausweisen ändern und uns einen anderen Wagen besorgen, sollten wir es ohne Probleme schaffen.“

„Einen anderen Wagen?“, äußerte sich Liz überrascht.

„Das FBI hat doch sicherlich schon eine Beschreibung vom SUV abgegeben“, erklärte Michael.

„Es gab einen Schneesturm, Michael. Glaubst du die haben etwas gesehen?“, erklang Kyles ungläubige Stimme.

„In welche Richtung fahren wir?“, erkundigte sich Liz, die einen Plan haben wollte. Sie mochte es nicht unwissend im Wagen zu sitzen und nur zu warten. Und sie wusste auch, dass Max ihr von seinen Gedanken berichten würde.

„Wir fahren noch immer Richtung Tok“, berichtete er und gab die Karte, die sie im Handschuhfach gefunden hatten nach hinten. „Wir verändern die Farbe des Wagens und das Kennzeichen und im Notfall stellt Ava einen Warp an der Grenze auf.“

„Das geht nach Süden?“, stellte Maria fest, die noch bei Verstand war und wusste, dass sie von Arctic Village aus nach Osten fahren mussten um nach Kanada zu gelangen. Wollte Max sie jetzt veräppeln?

„Wir können nicht direkt an die Grenze fahren. Das ist zu auffällig. Wenn das FBI eine Meldung durchgibt, dann an diese. Die anderen Wachposten werden es nur am Rande mitbekommen“, klärte er alle anderen auf. „Das hoffe ich zumindest.“

„Werden wir zu dieser Adresse fahren, die McKanzie dir gegeben hat?“, fragte Kyle nach, der hoffte nicht wieder ein Leben auf der Straße vor sich zu haben. Es war sicherer, als eine Niederlassung, das war ihm bewusst, aber es strapazierte ihn und seine Freunde ungemein.

„Wo hat er gemeint ist dieses Haus?“

„In Dawson“, antwortete Kyle auf Michaels Frage und suchte die Stadt auf der Karte. „Es ist nicht weit von der Grenze“, meinte er dann und wusste, dass niemand davon begeistert sein würde.

„Dann fahren wir nicht dort hin“, bestimmte Max diesmal alleine. Normalerweise stimmten sie immer ab, aber er wollte diesmal schnelle Entscheidungen treffen und das hieß, dass er sie alleine oder mit Michael treffen musste. Und er wusste, dass Michael nicht dorthin wollte, das zeigte er ihm mit einem zustimmenden Nicken. Ihm entging es nicht, dass Isabel stumm war und im Rückspiegel konnte er sehen, dass sie ihre Augen geschlossen hatte. Ihr Kopf lehnte am Fenster und ab und zu öffnete sie ihre glasigen Augen, wenn sie über Eis fuhren und der Wagen etwas holperte.

„Außerdem können wir einem Fremden nicht trauen“, stimmte Michael seinem besten Freund zu. „Maxwell, hältst du es für eine gute Idee noch immer in Alaska durch die Gegend zu fahren?“

„Ich weiß was ich mache, Michael“, erwiderte dieser.

„McKenzie war schon in Ordnung. Ich konnte fühlen, dass er nichts Böses im Schilde führte“, sagte Kyle leise. Niemand antwortete ihm, denn niemand wollte daran denken, was mit Connor McKenzie geschehen war.

Max verspürte nicht einmal mehr Eifersucht, wenn er daran dachte, dass der Wildhüter ihnen nur wegen Liz geholfen hatte.

*****

Die Stimmung im Wagen war viel besser als vorher, wofür Michael und Maria mit einem kleinen Streit gesorgt hatten. Maria hatte unbedingt halten wollen, weil sie auf die Toilette musste, aber sie hatten sich dagegen entschieden. Und weil Michael sich gegen Maria gestellt hatte, war sie beleidigt gewesen und hatte ihm einen Vorwurf gemacht.

„Maria, du musst immer zu den unmöglichsten Zeitpunkten pinkeln.“

„Was soll denn das schon wieder heißen?“, hatte sie aufgeregt entgegengebracht und Michael hatte ihr nur einen wissenden Blick geschenkt. Die wütende Maria war dann rot geworden und war verstummt und manch andere im Wagen hatten über diesen kleinen „Streit“ lachen müssen.

„Wir können direkt zur Grenze fahren“, unterbrach Ava wieder einmal die Stille. „Ich kann an der Grenze einen Mindwarp aufstellen und wir fahren einfach durch.“

„Schaffst du es? Es könnten einige Personen dort sein.“

„Ich bin nicht Tess“, sagte Ava schlicht. „Ich kann mit meinen Kräften gut umgehen“, meinte sie. „Und außerdem verlieren wir dann keine Zeit und brauchen auch keinen anderen Wagen.“

„Hast du noch die Chips?“, fragte Michael sie. „Dann kannst du schon einmal unsere Namen ändern, die wir dann in Kanada benutzen können.“

Kyle bekam seinen Ausweis mit dem Namen Liam Wechser. Liam? Er wusste Ava hatte das mit Absicht gemacht, weil er den Namen ziemlich homosexuell fand. Er konnte regelrecht ihre Freude darüber spüren.

„Wollt ihr wieder ein Ehepaar sein?“ wollte Ava von Max und Liz wissen. Sie bekam ein leises „Ja“ von der zierlichen Brünette hinter ihr und ein Nicken von Max. „Okay, dann also Emma und Nathan Behrian“, erklärte Ava und gab auch diesen beiden ihre Ausweise wieder.

Isabels Ausweis übergab sie auch nach hinten und diese registrierte ihren neuen Decknamen nur kurz: Olivia Harper.

„Vielleicht sollten wir auch einmal ein Ehepaar sein“, schlug Maria vor und tippte Michael an. „Was sagst du dazu?“

„Ich hoffe, du meinst nur auf den Ausweisen“, erwiderte dieser mit einem Grinsen und erntete einen Schlag gegen die Schulter.

Ava erfüllte Maria, den nicht direkt ausgesprochenen Wunsch und nannte die beiden Joshua und Chloe Bent.

Sich selber verwandelte sie in Madison Ravens und steckte ihren Ausweis ein. „So, Liam, Em, Nate, Liv, Josh und Chloe, seit ihre alle bereit für Kanada?“ Ein Grinsen zierte Avas Gesicht, aber sie bekam nur Gemurmel zur Antwort. Ihre Laune war womöglich die beste unter allen, da sie ein solches Leben gewöhnt war und ein großer Wagen doch viel besser war als eine Kanalisation.

*****

„Aufwachen“, hörte Jesse eine amüsierte Stimme, als er seine Augen öffnete. Sein Kopf schmerzte und seine Augen wurden von einem hellen Licht geblendet. Neben dem Lichtstrahl konnte er erneut den Agenten erkennen, der auch neben seinem Bett gestanden hatte.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte er in einer krächzenden Stimme, als hätte er jahrelang nicht gesprochen.

„Ich dachte diese Frage hätte ich schon beantwortet“, erwiderte Carter und ließ die Neonlampe sinken. Jesse schloss seine Augen um wieder zu sich zu kommen, aber im nächsten Moment spürte er eine Hand an seinem Gesicht, die seine Wangen zusammendrückte. „Ich möchte wissen wo die Aliens sind“, sagte Carter weiter.

„Aliens? Sie sind ja verrückt“, murmelte Jesse und bekam einen Schlag ins Gesicht.

„Sie können mich nicht verarschen!“, schrie der Agent und warf die Lampe gegen die Wand. Erst jetzt bemerkte Jesse, dass es aussah wie in einem Krankenhaus. Alles um ihn herum war weiß und er konnte in seiner Sicht kein Fenster und auch keine Türe entdecken. Die Türe musste wohl hinter ihm sein.

„Ich will wissen, wo sie sind. Wenn Sie mir das nicht sagen, Mr. Ramirez, dann sterben Sie hier“, drohte Carter zynisch und schob einen kleinen Tisch nach vorne. „Sehen Sie das? Messer, Skalpelle, Spritzen… das habe ich alles für Sie vorbereitet, ist das nicht schön?“, meinte der kleine Mann, der aussah wie ein entrissener Psychopath. Er hatte nur wenige Haare auf seinem Kopf, die fettig an ihm klebten. Ein kleiner Bauch war unter seinem Hemd zu erkennen und er schien ununterbrochen zu schwitzen. Schweißperlen bildeten sich immer wieder auf seiner Stirn, auch wenn er sie demonstrativ mit seiner Waffe in der Hand wegwischte. So sollte ein Agent des FBI aussehen? Jesse hätte gelacht, wenn er ihn im Fernsehen gesehen hätte, aber so real vor ihm war ihm nicht zu lachen zumute.

„Sie sind durchgeknallt“, sagte Jesse und bekam ein Glas Eis ins Gesicht geworfen. Es lief an ihm herunter und er bemerkte, dass er noch immer in seiner Boxershorts war, in der er auch geschlafen hatte.

„Eine kleine Abkühlung, ich bin doch so ein netter Gastgeber.“

Jesses Gesicht brannte und er presste die Zähne aufeinander um nicht zu schreien. Und in diesem Moment fiel ihm etwas ein… Hatte Isabel ihm nicht einmal von der Gefangennahme von Max erzählt? Hatten sie das Zimmer damals nicht „das weiße Zimmer“ genannt?

„Wo zur Hölle sind diese Aliens?“