Written by: Buddha-boy & Liz Evans


Specials: Isabel/Jesse Auskopplung: Das Wiedersehen (Adult)


In Boston war es kalt und regnerisch. Ein eisiger Wind wehte vom Atlantik durch die tropfende Stadt. Der Schein der Straßenlaternen spiegelte sich auf dem nassen Asphalt, als Jesse Ramirez an diesem Januarabend vom Büro heimwärts zu seinem Appartement fuhr.

Die Kanzlei in der er seit dem letzten Sommer arbeitete hatte eigentlich noch bis Mitte Januar geschlossen, doch Jesse hatte seine einsame, stille Wohnung einfach nicht länger ertragen können und die ruhigen Tage nach dem Jahreswechsel dazu genutzt, um liegen gebliebene Arbeit zu erledigen.

Wie jeden Abend der letzten sechs Monate, schloss er auch heute seine Appartementtür müde und niedergeschlagen auf. Müde von der vielen Arbeit und niedergeschlagen weil es wieder ein öder, einsamer Fernsehabend mit Tiefkühlpizza und Dosenbier werden würde. Abgrundtiefe Stille umfing ihn, als er die Wohnung betrat, was seine Stimmung nur noch mehr drückte. Er war einfach nicht für das Single-Leben geschaffen, dachte er traurig und erinnerte sich wehmütig an die Zeit in Roswell zurück, die er mit Isabel in ihrem ersten gemeinsamen Appartement hatte verbringen dürfen.

Jesse lockerte seufzend seine Krawatte, schmiss Aktentasche und Jackett in die Ecke und griff mechanisch zur Fernbedienung, als das Telefon klingelte. In Gedanken bei dem Basketballspiel, das lautlos über den Fernsehbildschirm flimmerte, nahm er den Hörer ab. „Hallo.”

„Jesse? Ich bin’s… “

Jesses Herz setzte einen Takt lang aus und fing dann wie wild an zu schlagen. Augenblicklich war alles um ihn herum vergessen, als er die Stimme am anderen Ende der Leitung erkannte. „Isabel?” fragte er atemlos.

„Ja… oh Jesse du fehlst mir so.”

Ihre Stimme klang tränenerstickt und auch Jesse musste um Fassung ringen. „Du fehlst mir auch. Ich wünsche mir so sehr, dass du jetzt bei mir wärst. Ich werde langsam verrückt ohne dich.”

Eine Mischung aus Lachen und Schluchzer drang aus dem Hörer. „Ich werde auch verrückt, wenn ich dich nicht bald sehen kann”, schniefte sie. „Darum rufe ich auch an.”

„Was meinst du damit?”

„Ich komme dich besuchen. Für ein Wochenende. Max und Michael haben es erlaubt.”

Jesse wäre beinahe der Telefonhörer aus der Hand gefallen und ein heißes Glücksgefühl breitete sich in ihm aus. „Du kommst her? Wirklich? Wann? Wie? Ist es nicht zu gefährlich?” feuerte er eine ganze Reihe von Frage auf sie ab, während sich sein Gesicht zu einem glücklichen Strahlen verzog.

„Das bereden wir besser nicht am Telefon”, warf Isabel ein, bevor er noch mehr sagen konnte. „Ich werde heute Nacht deine Träume besuchen und dir alles erklären. Ich wollte dich nur telefonisch vorwarnen, damit du keinen Schock bekommst wenn ich dich traumwandle.”

„Mein Gott… dann kommst du wirklich her?”

„Ja. Freust du dich?”

„Fragst du das ernsthaft?” lachte Jesse. „Ich bin überglücklich. Ich würde dich am liebsten sofort in meine Arme schließen.”

„Ein bisschen musst du dich noch gedulden Liebling”, erwiderte Isabel sein Lachen.

„Das werde ich, jetzt wo ich weiß, dass ich dich bald wieder sehe. Du kannst dir gar nicht vorstellen wie sehr ich dich vermisst habe.”

„Oh doch, das kann ich”, entgegnete Isabel mit dem gleichen Lachen und Schniefen wie vorhin. „Ich muss Schluss machen Jesse, bevor man das Gespräch zurückverfolgen kann.”

„Ist gut… ich liebe dich.”

„Ich liebe dich auch. Ich sehe dich in deinen Träumen.”



Alaska - einige Stunden zuvor:

„Sie will was?” fragte Michael ungläubig und schaute Max an, als ob dieser nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte.

„Sie will ihren Ehemann sehen. Sie vermisst ihn“, seufzte Max und rieb sich die Nasenwurzel.

Michael hatte genauso reagiert, wie er vorausgeahnt hatte. Gereizt ließ er sich auf einen der Küchenstühle fallen und schaute ihn quer über den Tisch hinweg an. „Vergiss es!”

„Es wäre doch nur für ein Wochenende…”

„Ich sagte, vergiss es Maxwell!” wiederholte Michael ebenso gereizt und schlug mit der Faust auf die Tischplatte.

„Du kannst das nicht alleine entscheiden Michael”, begehrte Max auf.

„Ach nein? Aber du kannst es?” konterte Michael.

„Es müssen natürlich Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, das ist ganz klar, aber grundsätzlich kann ich Isabels Wunsch verstehen,” wandte Max ein.

Michael schnaubte ungehalten. „Ich kann Isabels Wunsch auch verstehen. Ich bin ja kein Unmensch. Mir ist durchaus bewusst, dass sie Jesse vermisst und ihn gerne wieder sehen will, aber anscheinend bin ich wohl auch der einzige, der sieht, wie gefährlich das ist und was wir alles aufs Spiel setzen, wenn wir ihr diesen Wunsch erfüllen.”

„Sie wird krank Michael, wenn wir sie nicht zu ihm gehen lassen. Hast du sie dir mal angesehen? Seit Tagen schon schleicht sie durchs Haus wie ein Häufchen Elend. Es ist schlimmer geworden seit wir hier sind, seit dieser verdammte Kerl von Wildhüter hier auftauchen und alles durcheinander bringen musste.”

„Connor? Was hat der denn mit der Sache zu tun?” wollte Michael verblüfft wissen und vergaß für den Augenblick den Streit.

„Nichts, aber anscheinend ist Liz nicht die einzige, der er den Kopf verdreht hat”, meinte Max grimmig.

„Soll dass heißen… Isabel und dieser Kerl?” Michaels Mund stand vor Verblüffung weit offen.

„Mach dich nicht lächerlich”, fuhr Max ihn an. „Durch sein Auftauchen hier ist Isabel nur bewusst geworden, wie sehr ihr Jesse fehlt. Während der Flucht hatte sie nicht viel Gelegenheit an ihn zu denken, es ist ja auch dauernd was anderes los gewesen. Aber seit wir hier sind, verzehrt sie sich nach ihm.”

„Wir können trotzdem nicht erlauben, dass sie ihn besucht. Das ist Wahnsinn.”

„Ist es nicht, wenn wir vorsichtig sind”, widersprach Max.

„Verdammt Max! Es ist zu riskant!”

„Natürlich ist es riskant. Aber was sollen wir denn machen? Wir können ihr nicht verbieten ihren Ehemann zu sehen.”

„Doch, das können wir”, blieb Michael hart. „Du kannst das. Du bist der König. Du kannst ihr befehlen vernünftig zu sein.”

„Sie ist meine Schwester nicht meine Untergebene”, knurrte Max.

„Ach? Auf einmal? Das hat dich früher nie gekümmert, wenn du deinen Kopf durchsetzen wolltest”, brummte Michael. „Davon abgesehen hat Isabel ihre Entscheidung getroffen, als sie Jesse in Roswell zurückgelassen hat. Sie hat genau gewusst auf was sie sich einlässt, als sie ihm verboten hat uns zu begleiten.”

„Na, wer von uns ist denn jetzt der Heuchler?” ereiferte Max sich. „Du warst doch heilfroh, dass er nicht mit uns gekommen ist, gib’s doch zu. Du hattest schließlich schon immer deine Probleme mit Jesse. Und nur weil du ihn nicht magst, stellst du dich jetzt auch quer. Glaubst du das merke ich nicht?”

„Ich stelle mich nur quer, weil ich im Gegensatz zu dir noch meinen Verstand eingeschaltet habe. Siehst du nicht welch kolossales Risiko wir eingehen, wenn wir sie zu ihm lassen? Hier sind wir sicher. Seit Monaten zum ersten Mal wieder. Willst du das alles aufs Spiel setzen? Willst du Liz’ Sicherheit aufs Spiel setzen?”

Michael verstummte und funkelte Max triumphierend an. Mit der Erwähnung von Liz glaubte er eine ultimative Trumpfkarte gezogen zu haben. Nach allem was in den letzten Monaten geschehen war, würde Max niemals noch einmal ihre Sicherheit riskieren. Doch Michael hatte sich getäuscht, was Max’ folgende Worte bewiesen.

„Bei der ganzen Sache denke ich nur an Liz Michael. Ich stelle mir vor an Isabels Stelle zu sein, von Liz getrennt. Und der Gedanke macht mich wahnsinnig. Wie Isabel es all die Monate ausgehalten hat geht über meinen Verstand. Ich wäre längst durchgedreht. Und das ist auch der Grund warum ich ihr diesen Wunsch nicht abschlagen kann. Weil ich weiß, dass mich keine zehn Pferde mehr hier halten könnten, wenn ich in ihren Schuhen stecken würde.”

„Dann hast du dich also entschieden?” fragte Michael zornig. „Du erlaubst ihr nach Boston zu fliegen?”

„Ja. Aus den Gründen, die ich dir grade genannt habe und weil ich nicht will, dass Isabel sich irgendwann klammheimlich aus dem Staub macht, um Jesse auf eigene Faust wieder zu sehen. So haben wir wenigstens noch Einfluss auf die ganze Sache und können ein paar Sicherheitsvorkehrungen treffen.”

„Meine Meinung interessiert dich gar nicht, oder? Du hattest dich schon längst entschieden ihr den Besuch zu erlauben, bevor du mit mir darüber gesprochen hast.”

„Michael…”

„Spar dir deine Worte Maxwell. Der König hat entschieden. Ich habe mich anscheinend zu fügen, wie alle anderen auch”, entgegnete Michael sarkastisch und wandte sich zum Gehen.

„Verdammt noch mal! Hast du denn gar kein Mitgefühl mit Isabel?” schrie Max ihm wütend nach. „Hast du gar kein Herz?” Die Entscheidung war ihm immerhin auch nicht leicht gefallen. Doch er hatte schließlich nachgegeben im Interesse seiner Schwester. Isabel hatte in den letzten Monaten viel durchmachen müssen und eine kleine Belohnung für diese Strapazen war wohl nicht zu viel verlangt.

Michael wirbelte zurück zu ihm und hatte schon den Mund geöffnet um ihm eine heftige Erwiderung an den Kopf zu werfen, als er sich im letzten Moment beherrschte. „Von mir aus lass sie zu ihm fliegen”, sagte er schließlich ruhig. „Aber fürs Protokoll: Ich bin immer noch dagegen. Und sollte irgendetwas schief gehen dabei, werde ich dich dafür verantwortlich machen. Mein Mitgefühl gilt nämlich in erster Linie unserer Sicherheit.”

Und mit diesen Worten drehte Michael sich abermals um und stapfte hinaus in den verschneiten Wintertag. Max schaute ihm grimmig nach und seufzte laut.

„Ich wusste, dass er dagegen sein würde”, erklang Isabels bedrückte Stimme von der Küchentüre her. Sie musste das Gespräch belauscht haben.

Max drehte sich zu seiner Schwester um und sah die Tränen in ihren Augenwinkeln glitzern. „Du kennst doch Michael. Er muss immer zuerst ein bisschen Stunk machen.”

„Wenn er an meiner Stelle wäre… wenn es Maria wäre, von der er schon ein halbes Jahr getrennt wäre, dann würde er nicht so ablehnend reagieren.”

„Ja und tief in seinem Inneren weiß Michael das auch. Er weiß wie schwer das alles für dich ist. Und er weiß auch, dass es richtig ist dich für ein Wochenende zu Jesse fliegen zu lassen. Er will es nur nicht zugeben.”

„Ich halte das nicht mehr lange aus Max. Er ist mein Ehemann”, flehte Isabel.

„Mich musst du nicht mehr überzeugen Isabel. Meinen Segen hast du.”

„Dann kann ich zu ihm?” fragte Isabel hoffnungsvoll.

„Ja… ich bitte dich lediglich darum vorsichtig zu sein.”

„Oh das werde ich”, entgegnete Isabel und die Tränen quollen über und rannen ihr die Wangen hinunter. „Ich verspreche dir, ich werde vorsichtig sein.”

Max erhob sich von seinem Stuhl, trat zu seiner Schwester und umarmte sie.

„Du bist der beste Bruder den man sich wünschen kann”, schniefte sie gegen seine Schulter. Max drückte sie an sich, doch eine Sekunde später riss Isabel sich schon wieder los von ihm. „Ich muss Jesse anrufen. Ich muss es ihm gleich sagen.”

Isabel rauschte aus der Küche in Richtung Telefon. Max schaute ihr nach und hoffte inständig, dass er grade keinen Fehler begangen hatte.

*****

Ein paar Tage später…

Isabel saß im Flugzeug und hatte ihren Kopf gegen die Scheibe gelehnt. Ein zierliches Lächeln umspielte ihre Lippen, wenn sie daran dachte, dass sie ihren Ehemann in ein paar Stunden wieder sehen würde. Unbewusst spielte sie mit ihrem Ehering am linken Ringfinger. Traurig schloss sie ihre Augen, als sie zurück an den Tag dachte, an dem Jesse ihr den Ring wiedergegeben hatte. Es schien Ewigkeiten her zu sein… und doch waren es nur ein paar Monate. Doch die Sehnsucht nach ihm ließ ihr die Trennung wie eine Ewigkeit erscheinen.

„Miss, fliegen sie nach Hause?“, fragte die ältere Dame, die neben Isabel saß. Sie schien schon um die sechzig zu sein und erschien Isabel sehr harmlos. Nach Hause…

„Ja“, erwiderte sie leise und lächelte die Dame an. Sie warf einen Blick auf ihren Ehering und überlegte was denn „nach Hause“ bedeutete. War das Zuhause eines Menschen nicht ein Ort, den man gut kannte? Zum Beispiel die Stadt in der man aufgewachsen war? Sie war noch nie in Boston gewesen, aber dennoch fühlte sie sich als käme sie an einen Ort, den sie schrecklich vermisste. Denn sie kam zu einer Person, die sie vermisst hatte. Es hatte sich so gut angefühlt, als er sie in seine Arme geschlossen hatte, auch wenn es nur ein Traum gewesen war…

Jesse…“, flüsterte Isabel und entdeckte ihn auf seiner Couch. Sie vermutete, dass es seine Couch war, denn er saß vor dem Fernseher und sah sich sein Basketballspiel an. Wer träumte von so einem Moment? fragte sie sich, aber lächelte dann als sie daran dachte, dass Jesse dasselbe auch an Weihnachten machen wollte.

„Isabel?“ sagte dieser. „Du bist wirklich gekommen.“ Er durchquerte den Raum in schnellen Schritten und zog sie an seine Brust. „Ich bin so froh, dass es dir gut geht“, gestand er und atmete ihren Duft tief ein.

„Ich hatte dir doch bereits gesagt, dass es mir gut geht“, antwortete Isabel, aber war froh, dass er sie festhielt. Sie wusste, sie hatte ihm seine Sorgen durch ihren Anruf nicht nehmen können. Sie dachte daran, wie sie ihn manchmal heimlich in seinen Träumen beobachtet hatte, wenn sie das Gefühl bekam die Erinnerungen an ihn würden verblassen. Sie hatte seiner Stimme zugehört, wenn sie geglaubt hatte ihn nicht mehr am Telefon erkennen zu können. Und doch hatte sie sofort gewusst, dass er es gewesen war, als sie ihn am Tag zuvor anrief.

„Warum hast du mich nie früher besucht?“, fragte Jesse Isabel und ein leichter Vorwurf ließ sich aus seinem Ton herausfiltern. Isabel hatte gewusst, dass sie sich solchen Fragen stellen musste. Sie hatte schon das Gefühl gehabt, dass er sie beim Telefongespräch löchern wollte, aber nur die Zeit dazu nicht gehabt hatte.

„Ich wollte unsere Trennung nicht noch schlimmer machen, als sie es schon war…“, wisperte Isabel und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie platzierte ihre Hände auf seiner Brust und versuchte seinen Herzschlag zu spüren. Vielleicht konnte sie sich dann einreden, dass dies Wirklichkeit war und nicht nur ein Traum.

„Ist schon gut, erzähl mir was dein Plan ist“, verlangte Jesse und führte sie auf die Couch. Er setzte sich und zog sie dann auf seinen Schoß. „Wann genau kommst du? Ich hoffe es ist schon bald“, sagte er mit einem Lächeln und küsste sie zärtlich auf den Mund. „Ich kann es kaum erwarten dich wirklich in meinen Armen zu halten.“

„Ich komme am Freitag“, fing Isabel an.

„Morgen oder nächste Woche?“, fragte Jesse ungeduldig nach.

Isabel schüttelte leicht den Kopf über seine Ungeduld. „Ich komme morgen Abend. Hast du dir überlegt wo wir uns treffen können?“ Er nickte und sie lächelte zufrieden. „Sag mir die Adresse kurz bevor ich aufwache, dann kann ich sie gleich notieren.“ Sie lehnte ihre Stirn an seine und schloss die Augen. Kurz darauf riss sie sich wieder zusammen. „Du musst sehr vorsichtig sein. Lass dein Telefon zu Hause, deinen Ausweis, einfach alles. Benutze verschiedene Taxis zum Treffpunkt. Steige mehrmals um, laufe durch Unterführungen…“

„Isabel… es ist okay. Ich werde aufpassen, glaube mir. Ein Wochenende mit dir lasse ich mir von denen nicht nehmen“, meinte Jesse und streichelte ihre Wange.

„Du hast Recht. Ich mache mir nur solche Sorgen. Du solltest unter einem anderen Namen im Hotel einchecken.“

„Okay, dann werde ich Carlos DelGardo heißen. Frag dann an der Rezeption nach meinem Zimmer, ich werde eine Nachricht hinterlassen, dass ich jemanden erwarte.“ Ein Lächeln schlich sich wieder auf seine Lippen, als er daran dachte Isabel am nächsten Tag wirklich in den Armen zu halten.

„Okay“, wisperte Isabel und drückte ihre Lippen auf seine. Noch wollte sie ihn nicht gehen lassen…


Isabels Herz raste wie wild, als sie den Flughafen in Boston verließ. Der Logan Airport befand sich im Osten von der Stadt, was ihr sehr gelegen kam. Jesse wohnte eigentlich in Beacon Hill, also auf der Westseite, aber sie hatten beschlossen, dass sie sich soweit entfernt wie möglich von seinem Appartement treffen würden. So würde er länger fahren und unter Menschen untertauchen und Isabel würde es nicht riskieren einem Agenten in der Nähe von seinem Wohnort zu begegnen.

In der Ferne konnte sie den Hafen erkennen und schaute zurück ob sie noch den Mystic River sehen konnte. Über diesen waren sie geflogen wie sie Paula, die ältere Damen neben ihr, informiert hatte. Sie dachte zurück an den Tag, als Jesse ihr von diesem Jobangebot erzählt hatte. Wie gern wäre sie damals mit ihm hierher gezogen. Dann hätte sie den Mystic und auch den Charles River schon kennengelernt. Vielleicht hätte sie eine Kreuzfahrt auf dem Atlantik gemacht?

Isabel schüttelte all diese „Vielleicht-Fragen“ ab und machte sich auf den Weg. Das Hotel war etwa elf Meilen vom Flughafen entfernt und sie hatte sich vorgenommen mit einem Taxi jeweils nur drei zu fahren. Auch würde sie ein paar Blocks vom Hotel entfernt aussteigen und den Rest zu Fuß zurücklegen. Schwer würde das nicht werden, denn ihr Gepäck bestand nur aus einer kleinen Tasche.

*****

„Ich kann es kaum glauben, dass du wirklich hier bist“, flüsterte Jesse und versuchte Isabel noch näher an sich zu ziehen, aber das war gar nicht möglich. Sie lag schon direkt an seiner Seite und hatte eines ihrer Beine zwischen seinen platziert. Ihrem Arm hatte sie um seine Brust geschlungen und ihr Haupt auf sein pochendes Herz gelegt.

„Ich auch nicht“, erwiderte Isabel leise und schloss ihre Augen. Ihr Herz wollte nicht aufhören zu rasen und sie spürte diesen stechenden Schmerz in ihrer Brust. Sie wusste sie würde nicht für immer bleiben können.

„Denk‘ nicht an Sonntag“, verlangte Jesse und küsste ihre Haare. „Ich mag deine blonden Haare“, gestand er und strich über ihre länger gewordene Haarpracht. Er wollte, dass sie sich wieder entspannen würde, denn er konnte spüren, dass sie noch immer nicht ganz bei ihm war.

Isabel nickte und küsste ihn zärtlich auf die Brust – dort wo sie sein Herz schlagen spürte. Das rhythmische Pochen zeigte ihr, dass dies kein Traum war. Sie lag wirklich in den Armen ihres Ehemannes, aber dennoch konnte sie sich nicht so gehen lassen, wie sie es bei ihrem Wiedersehen getan hatte – in dem einen Moment hatte sie wirklich alles um sich herum vergessen können.

„Wie geht es den anderen?“, fragte Jesse. Er gestand sich selbst, dass es ihn nicht wirklich interessierte, denn er wusste, es ging ihnen gut und Isabel war bei ihm. Mehr musste er nicht erfahren. Doch er wollte die ersehnte Stimme seiner Ehefrau hören und er wusste, sie brauchte jemanden, der ihr zuhören würde.

Isabel erzählte von Liz‘ Visionen und dass sie inzwischen die Königin war. „Du bleibst meine Prinzessin“, unterbrach sie Jesse nur kurz und küsste sie auf die Stirn. Isabel erzählte weiter und erwähnte den Neuzugang. Sie wollte nicht näher auf die Rettung Avas eingehen, doch ihr blieb keine andere Wahl, als Jesse sie nach ihren Schuldgefühlen und den Visionen fragte, die sie ihm während ihres Liebesaktes unbewusst übertragen hatte.

„Es war nicht deine Schuld“, meinte Jesse bestimmend, als er sich auf die Seite legte und Isabel in die Augen sah. Sie hatte ihm soeben von dem Kampf mit Rath und Lonnie erzählt und wie schäbig sie sich vorkam, weil sie ihre „Zwillingsschwester“ auf dem Gewissen hatte.

„Ich meine, ich weiß… sie war böse und so…“, Isabel brach ab und sah hilfesuchend in die Augen ihres Ehemannes. „Ich brauche Zeit um es zu verarbeiten“, gestand sie dann. Es tat ihr gut mit jemanden darüber zu sprechen, der ein Außenstehender war. Es tat ihr gut mit Jesse darüber zu sprechen. Doch sie hatte dennoch Angst, dass er sie ab heute mit anderen Augen ansehen würde.

Es war als ob Jesse ihre Gedanken gelesen hatte und ihr zur Rettung kam: „Weißt du nicht mehr, ich habe auch einen Menschen erschossen“, sagte Jesse leise. Er hatte auch seine Probleme damit gehabt und sie in sich hinein gefressen aber inzwischen hatte er verstanden, dass er keine Wahl gehabt hatte. Für Menschen, die man mehr als sein eigenes Leben liebte tat man Sachen, die man sich nie hätte ausmalen können. Und Isabel hatte das getan, indem sie ihre Freunde beschützt und Lonnie getötet hatte.

„Ich wünschte ich könnte hier bleiben, Jesse. Bei dir…“

„Das wünsche ich mir auch. Es würde dir hier in Boston gefallen.“

„Erzähl mir von deinem Leben. Wie sind deine Kollegen? Und verdienst du nun wirklich 350.000$ im Jahr oder wolltest du mich damit nur Ködern?“

*****

Währenddessen in der Hütte:

Kyle balancierte ein voll beladenes Tablett aus der Küche hinüber ins Wohnzimmer. Sein Lieblingsplatz auf der Couch war schon gemütlich mit Kissen und einer Decke ausgestattet, die Fernbedienung lag griffbereit. Voller Vorfreude verteilte er Schüsseln mit Chips und Popcorn, einen Teller voller Sandwichs und Dosen mit Cola auf dem niedrigen Couchtisch, bevor er es sich gemütlich machte.

„Ah… es geht doch nichts über Samstagabend-Football”, seufzte er zufrieden, als er den Fernseher einschaltete.

Er hatte sich grade die erste Handvoll Popcorn in den Mund geschoben und griff nach einer Coladose, als ganz plötzlich und wie von Geisterhand das Fernsehprogramm wechselte. Anstatt des Spiels, das er sich anschauen wollte, flimmerte nun irgendeine Liebesschnulze über den Bildschirm. Stirnrunzelnd griff Kyle zur Fernbedienung und schaltete wieder zurück, doch nach wenigen Augenblicken wechselte das Programm erneut.

„Was in Buddhas Namen geht hier vor?” knurrte er und schaltete abermals zurück zu seinem Footballspiel. Er hatte jedoch kein Glück, denn nur nach einer Sekunde schon schaltete das Programm erneut um. Kyle sprang von der Couch auf und baute sich mit der Fernbedienung direkt vor dem Bildschirm auf. Die nächsten zwei Minuten versuchte er verzweifelt gegen die offensichtliche Eigenmacht des Fernsehers anzukommen, doch jedes Mal wenn er auf den Sportsender schaltete, wechselte das Programm sofort wieder. Kyle wurde immer aufgeregter und hämmerte fluchend auf die Fernbedienung ein, bis ein unterdrücktes Kichern hinter ihm zu hören war. Augenblicklich wirbelte er herum und entdeckte einen blonden Haarschopf, der um den Türrahmen des Wohnzimmers herumlugte und ihn vergnügt beobachtete.

„Das ist nicht witzig! Hatte ich dich nicht schon einmal gebeten diesen Alien-Hokuspokus zu lassen, wenn es um das Fernsehprogramm geht Tess?” schnappte er irritiert.

Avas Lachen verstummte schlagartig und sie starrte ihn mit großen Augen an. Und da erst fiel Kyle auf was er gesagt hatte.

„Shit!” fluchte er. „Ich wollte nicht…”

Doch seine Worte verhallten ungehört, als Ava sich abrupt abwandte und die Treppe hinauf rannte. Kyle konnte den verletzten Ausdruck auf ihrem Gesicht noch sehen, bevor sie verschwand und kurz darauf ihre Zimmertüre ins Schloss fiel. Entsetzt über seine eigenen Worte fuhr er sich mit den Händen durch die Haare. Dann schaute er auf das Popcorn, die Chips und den Fernseher, auf dem jetzt ungestört das Footballspiel lief und seufzte laut. Offensichtlich war ihm ein ruhiger Fernsehabend nicht vergönnt. Erst musste er in Ordnung bringen, was er da grade angerichtet hatte.

Zögernd stieg er die Treppe hinauf und klopfte gegen Avas Tür. „Ava? Es tut mir leid. Darf ich rein kommen?”

Kyle bekam keine Antwort und sein schlechtes Gewissen wurde noch größer. Von allem, was aus seinem vorlauten Mund hätte kommen können, warum ausgerechnet das? Er klopfte noch einmal, und erhielt wieder keine Antwort.

Tief durchatmend murmelte er: „Buddha gib mir Kraft”, bevor er den Türknauf drehte. Zu seiner Überraschung war die Tür nicht verschlossen. Ava stand am Fenster ihres Zimmers, hatte ihm den Rücken zugewandt und starrte hinaus in die Dunkelheit. „Ava?”

Sie drehte sich nicht um und zu seinem Entsetzen sah er wie ihre Schultern leicht zuckten. Mit zwei großen Schritten war er neben ihr und es brach ihm das Herz, als er die Tränen auf ihren Wangen bemerkte. Es war das erste Mal, dass er sie weinen sah. „Shit”, fluchte er leise. „Das wollte ich nicht. Das ist mir nur so rausgerutscht.”

„Das ist dir nicht einfach nur so rausgerutscht,” widersprach Ava verletzt und wischte sich wütend die Tränen weg. Es war lächerlich sich dermaßen aufzuregen, aber sie konnte einfach nichts dafür. Mit Tess verglichen zu werden tat weh, vor allen Dingen von Kyle, den sie bisher eigentlich immer nett und lustig gefunden hatte.

„Was meinst du damit, das ist mir nicht nur so rausgerutscht? Natürlich war das ein Versehen. Ich würde dich niemals absichtlich mit ihrem Namen anreden”, entgegnete Kyle irritiert.

„Das war kein Versehen Kyle, glaubst du nicht ich merke was hier abläuft?” fragte sie.

Kyle schaute sie hilflos an und hatte keine Ahnung worauf sie hinaus wollte.

„Ihr habt alle Angst vor mir. Auch wenn ihr es nicht zugebt, ihr denkt, weil ich so aussehe wie Tess und die gleichen Kräfte habe wie Tess muss ich auch so böse und skrupellos sein wie sie.”

„Das stimmt nicht…” begann Kyle zu widersprechen, doch Ava unterbrach ihn sofort.

„Doch, das stimmt. Ich kann es sehen. Bei einigen von euch ist diese Angst größer, bei anderen kleiner, aber sie ist da. Ihr wartet doch innerlich nur darauf, dass ich plötzlich ausflippe und wahllos Menschen umbringe, dass ich so werde wie Tess.”

Kyle schwieg betreten, weil er nicht wusste, was er dazu sagen sollte.

„Und weißt du… ich kann es euch eigentlich nicht einmal verübeln, dass ihr so denkt, immerhin habt ihr schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Allerdings dachte ich, dass wenigstens du mittlerweile wüsstest, dass ich keine bösen Absichten hege. Lies meine Gefühle Kyle, meine Emotionen. Sind das die Gefühle einer wahnsinnigen Killerin?”

„Nein”, antwortete Kyle leise. „Ich kann sehen, dass du nicht so bist wie sie.”

„Und trotzdem hast du Angst ich könnte so werden wie sie.”

Kyle seufzte und ließ sich auf Avas Bettkante nieder. „Du warst damals nicht dabei. Du weißt nicht was sie alles getan hat.”

„Sie hat euren Freund getötet und Max dazu gebracht mit ihr zu schlafen. Und sie hätte ihn, Michael und Isabel ohne mit der Wimper zu zucken ihren Feinden ausgeliefert. Ich weiß Bescheid darüber, was sie getan hat.”

„Ja, aber weißt du auch, dass sie mich gemindwarped hat, Alex’ Leiche zu tragen? Dass sie ihn in meinem Zimmer umgebracht hat, vor meinen Augen? Oder dass sie acht Monate lang bei meinem Vater und mir gewohnt hat? Dass sie für uns gekocht und saubergemacht hat und wir wie eine richtige Familie waren? Weißt du auch, dass sie mir zeitweise näher gestanden hat, als je zuvor ein Mensch? Dass wir zusammen zum Abschlussball gegangen sind, zusammen gelacht haben, dass sie uns ein Weihnachtsdinner gekocht hat…”

Kyle verstummte und schlug die Hände vors Gesicht.

Ava betrachtete ihn überrascht. „Nein, das habe ich nicht gewusst”, sagte sie leise.

„Ist ja auch egal”, erwiderte Kyle. Der kurze Moment der Schwäche war vorüber.

„Du hast sie wohl sehr gemocht damals, oder?” fragte Ava und setzte sich neben ihn.

„Es spielt keine Rolle. Es ist längst vorbei.”

„Es spielt eine Rolle, weil sie immer noch hier ist”, erklärte Ava und deutete auf seinen Kopf. „Solange sie da drin ist, ist es nicht vorbei.”

„Was willst du von mir hören?” meinte Kyle halb gereizt, halb resigniert.

„Vermisst du sie?”

„Was? Nein, natürlich nicht!”

„Lügner”, entgegnete Ava sanft.

Kyle schüttelte den Kopf. Konnte sie vielleicht auf einmal auch Gefühle lesen, fragte er sich. „Ich vermisse die Person, die sie war, bevor… selbst wenn das alles nur gespielt war, sie war nett und freundlich. Jedenfalls zu mir. Wir hatten viel Spaß zusammen und es hat sogar eine Zeit gegeben, wo ich…”

„Wo du was?”

„Ich dachte es könnte sich vielleicht mehr zwischen uns entwickeln, aber das war natürlich völliger Blödsinn. Für sie hat es immer nur einen gegeben.”

Ava sagte nichts dazu, sondern schaute Kyle nur seltsam an.

„Am Anfang… als sie zu uns kam, da war sie genauso wie du jetzt bist”, fuhr Kyle fort. „Wenn ich meine Kräfte damals schob gehabt hätte, hätte ich hinter diese Fassade schauen können, aber so habe ich ihr ihre Lügen und alles abgekauft. Ich sehe eine Ähnlichkeit zwischen euch und damit meine ich nicht nur das gleiche Aussehen Ava. Nur bei dir weiß ich, dass deine Gefühle echt sind, dass du aufrichtig bist. Trotzdem komme ich wohl offenbar nicht umhin, Tess ab und zu in dir zu sehen.”

Ava nickte, weil sie verstand, worauf er hinaus wollte.

„Es tut mir wirklich leid. Ich wollte dich nicht verletzen”, meinte er aufrichtig.

„Vielleicht solltest du anfangen mich als eigene Person zu sehen Kyle und nicht als Tess’ Zwilling. Das alles wäre vielleicht einfacher, wenn ich nicht wie sie aussehen würde”, seufzte Ava.

„Für mich bist du eine eigene Person. Eine gute Person”, versicherte Kyle ihr. „Du hast schon soviel Gutes getan. Und du hast mir mit meinen Kräften geholfen. Ich glaube nicht, dass Tess an deiner Stelle so hilfsbereit gewesen wäre. Und was ich vorhin gesagt habe… es tut mir wirklich, wirklich leid. Ich muss wohl einfach mein Gehirn ausgeschaltet gehabt haben.”

Ava kicherte. Ihre Enttäuschung war schon fast wieder verflogen. Sie musste sich vor Augen halten, dass Vertrauen nun einmal nicht über Nacht gewonnen werden konnte. Besonders nicht in dieser Gruppe von Freunden, bei denen Vertrauen in der Vergangenheit überlebenswichtig gewesen war und die bereits einmal aus den eigenen Reihen verraten worden waren. Sie musste Zugeständnisse machen.

„Vielleicht hätte ich mich auch nicht ausgerechnet an deinem heiß geliebten Football vergreifen sollen”, scherzte sie um die Stimmung wieder zu heben. „Liz hat mir gesagt, dass Männer äußerst empfindlich reagieren, wenn es um Sport und Fernsehen geht.”

„Ein kluger Rat”, fiel Kyle dankbar in die Scherzerei ein.

„Apropos, das Spiel hat schon angefangen. Willst du es dir gar nicht ansehen?”

„Ach… so wichtig ist es auch nicht”, winkte Kyle ab, hatte dann jedoch eine Idee: „Hättest du nicht Lust mir ein bisschen Gesellschaft zu leisten? Wir können uns auch etwas anderes als Football ansehen, wenn du willst.”

Ava war zuerst überrascht von dem unerwarteten Angebot, doch dann tat ihr Herz einen kleinen freudigen Hüpfer. „Okay. Du wirst es mir zwar bestimmt nicht glauben, aber ich habe noch nie in meinem Leben ein Footballspiel gesehen.”

„Was? Aber das geht doch nicht! Da müssen wir ganz dringend Abhilfe schaffen”, entgegnete Kyle gespielt entrüstet.

Er sprang vom Bett auf und streckte ihr die Hand entgegen, um ihr hoch zu helfen. Zwei Minuten später saß sie neben ihm auf der Wohnzimmercouch, teilte sich eine Decke mit ihm und ließ sich die Regeln des Spiels erklären. Und sie hatte schon seit langem nicht mehr so viel Spaß bei einem Fernsehabend gehabt. Irgendwann wurde ihr Kopf schwer und sie lehnte ihn gegen Kyles Schulter. Ganz selbstverständlich legte er einen Arm um sie. Ava schaute ihn von der Seite her an.

„Kyle?”

„Hmmm?”

„Hast du Tess damals eigentlich attraktiv gefunden?”

Er erstarrte und wurde knallrot. Glücklicherweise wurde er um eine Antwort gebracht, als die Stimme des Spiele-Kommentator aufgeregt erklang: „Touchdown! Touchdown! Touchdown!”

Ava betrachtete Kyles errötende Wangen und lachte in sich hinein. Sie konnte sich ihren Teil denken.
Am nächsten Tag…

Maria saß am Küchentisch und trank ihren heißen Tee, als sie die anderen beobachtete. Genauer waren die anderen – Ava, Kyle und Liz. Max und Michael waren nicht im Haus, da sie in die Stadt gefahren waren um Essen zu besorgen. Es war Sonntag und keiner hatte den Kühlschrank gefüllt, also mussten sie in einem Restaurant etwas kaufen.

Maria saß also alleine am Tisch. Zwischen dem Wohn- und Esszimmer gab es keine wirkliche Trennwand und so konnte sie die anderen drei stumm beobachten. Sie redeten leise und sie konnte nur Bruchstücke verstehen, aber die Mimik reichte schon aus um ihr ihre Laune zu vermiesen.

Liz.

Ihre beste Freundin stand nun direkt neben Ava und flüsterte ihr etwas zu. Dabei lachte sie herzhaft und Maria wunderte sich was sie gesagt hatte. Stumm trank sie weiter ihren Tee und versuchte einen Weg zu fingen auf die anderen zuzugehen, aber ihr fiel nichts ein. Sie konnte nicht hingehen und Ava etwas über ihre Kräfte fragen oder mit ihr Witze reißen. Schon seit langem hatte sie sich nicht mehr so sehr als Außenseiter gefühlt.

Maria hatte sich noch nie richtig gut mit Isabel verstanden, aber sie wünschte sich nun die Eisprinzessin zurück. Dann würde sie wenigstens nicht die einzige im Haus sein, die nichts zu tun hatte.

Kyle richtete seine Hand auf eine Zeitung und hob diese einen halben Meter in die Luft, bevor sie wieder auf den Tisch fiel. Er freute sich, dass er es geschafft hatte und Maria hielt es nicht mehr aus. Verärgert stand sie auf und äußerte sich: „Noch mehr Alien-Abyss. Jetzt fangt ihr auch schon damit an“, murrte sie und sah ihre Freunde an. Und dabei wollte Kyle Empath sein! Päh, er wusste ja nicht einmal wie sie sich gerade im Moment fühlte.

„Hättest du auch gerne Kräfte?“, erkundigte sich Ava freundlich und etwas zurückhaltend, aber Kyle schlug Maria im Antworten.

„Ausnahmen bestätigen die Regel“, sagte er und lachte laut los. „Wenigstens eine von uns sollte noch normal sein.“ Nach einer Sekunde merkte er, dass kein anderer lachte und sah seine Freunde an. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“, fragte er unschuldig und wusste nicht genau wo das Problem lag.

„Ach jetzt bin ich schon die Ausnahme und ihr die Regel?“, wollte Maria empört wissen. Durch ihre Verärgerung versuchte sie ihre Trauer zu verbergen, aber es gelang ihr nicht und Liz durchschaute sie sofort.

„Maria…“, fing Liz an, aber Maria ließ sich nicht beirren.

„Aliens sind auf dieser Welt auch sooo normal, oder?“, fragte sie zynisch und hob die Augenbrauen. Sie stellte ihre Tasse auf den Tisch und machte kehrt um ins Obergeschoss zu gehen.

„Maria, warte doch“, erklang die Stimme von Liz, die ihrer besten Freundin folgen wollte, aber Maria verlangte in Ruhe gelassen zu werden ohne sich umzudrehen. Sie wollte Kyle und Liz wirklich nichts vorwerfen, denn die beiden konnten ja nichts dafür, dass sie angeschossen wurden und nun „denen“ ähnlicher waren als ihr selbst. Sie war nur froh, dass sie nicht anders war und Neues lernen musste und dennoch fühlte sie sich ausgeschlossen.

„Verdammt!“, fluchte sie und warf sich auf ihr Bett. Sie kroch unter die Decke und versuchte zu schlafen.

*****

„Gut so Liz! Konzentrier dich… noch ein wenig höher…”

Liz stand mitten im Wohnzimmer der Hütte, hatte ihre rechte Hand ausgestreckt und ließ mit Hilfe ihrer neu gewonnenen Kräfte eine Zeitung frei im Raum schweben. Ihre Stirn war vor Anstrengung gerunzelt und ihre Augen fixierten ohne Unterlass die Papierseiten. Ava stand dicht neben ihr und redete ihr anspornend zu, während Kyle ein Stückchen abseits stand und Liz halb neidisch, halb entsetzt anschaute.

Liz schaffte es die Zeitung noch einen halben Meter höher schweben zu lassen, bevor sie sie dann zu Boden fallen ließ. „Gott ist das anstrengend”, schnaufte sie und wischte sich die Stirn. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Erschöpfung aber auch von Zufriedenheit.

„Das hast du ganz toll gemacht”, lobte Ava sie lachend.

„Jepp… ziemlich beeindruckend Liz”, stimmte ihr Kyle zu.

„Warum versuchst du es nicht auch einmal?” meinte Liz und reichte Kyle die Zeitung.

„Äh… ich glaube nicht, dass ich schon so weit bin”, wehrte dieser ab.

„Das wirst du erst herausfinden, wenn du es ausprobierst”, entgegnete Liz anspornend.

„Ja Kyle. Versuch es. Ich bin sicher, du schaffst es auch, wenn du dich nur genug anstrengst.”

Kyle schaute Ava bei diesen Worten aufmerksam an und beide wurden ein wenig rot. Sein Magen fing leicht an zu flattern angesichts des Vertrauens in seine Fähigkeiten, das sie ihm entgegenbrachte. Er wollte ihr aus irgendeinem Grund nur zu gerne beweisen, dass er durchaus schon soweit war seine Kräfte aktiv einzusetzen, hatte aber auch ein wenig Angst davor, vor ihren Augen zu versagen.

„Es ist doch nur Papier”, lachte Liz, die seinen skeptischen Gesichtsausdruck amüsant fand und schmiss ihm die Zeitung vor die Füße. „Du tust ja so, als ob sie dich jeden Augenblick beißen würde.”

Kyle riss sich vom Anblick Avas los und konzentrierte sich auf die Zeitung zu seinen Füßen.

„Du musst es dir bildlich vorstellen”, redete Ava leise auf ihn ein. „Stell dir vor, wie sie schwebt… immer höher… und dann konzentrier dich…”

Kyle runzelte die Stirn, verdrängte alles um sich herum bis auf Avas leise Stimme und starrte nur auf die bedruckten Papierseiten zu seine Füßen. Vor seinem geistigen Auge sah er sie schwerelos durch die Luft schweben, doch in Wirklichkeit bewegten sie sich nicht von dem polierten Holzboden. Er wollte schon aufgeben, als Avas sanfte Stimme ihn weiter anspornte.

„Los, du kannst es. Ich weiß, dass du es kannst…”

Ein seltsames Kribbeln breitete sich plötzlich in seinem Körper aus und schien sich dann in seiner ausgestreckten Hand zu sammeln. Fast wie leichte elektrische Energie, die durch seine Adern floss… Zuerst dachte er, er phantasiere nur als sich die Zeitung ein wenig bewegte. Doch Avas und Liz’ aufmunternde Rufe zeigten ihm, dass er es wohl tatsächlich geschafft hatte sie ein wenig anzuheben. Er konzentrierte sich noch mehr. Die Energie in seiner Hand wurde stärker und mit einem Mal machte die Zeitung einen Satz und flog vom Fußboden empor. Er war so überrascht, dass seine Konzentration ein wenig nachließ und er sie beinahe wieder fallen gelassen hätte, doch er fing sich noch rechtzeitig und ließ sie in etwa einem Meter über dem Boden schweben. Es kostete Kraft genug Energie aufzubringen, doch trotz der Anstrengung lag ein glücklicher Ausdruck auf seinem Gesicht, der auch Ava und Liz nicht entging.

„Er sieht aus wie ein kleiner Junge, der grade eine Wagenladung Weihnachtsgeschenke bekommen hat”, flüsterte Liz Ava ins Ohr, worauf beide jungen Frauen in Gelächter ausbrachen.

Kyle, abgelenkt von Avas Lachen, ließ die Zeitung sinken und atmete dann erschöpft ein paar Mal ein und aus. „Das ist wirklich verdammt anstrengen”, grinste er die beiden zufrieden an.

Dann stutzte er jedoch. Irgendetwas stimmte nicht… Er brauchte einen Augenblick um zu erkennen was es war. Mit seinen empathischen Fähigkeiten nahm er von irgendwoher brennende Eifersucht und heißen Zorn wahr. Verblüfft schaute er Ava und Liz an, die ihn zufrieden anlächelten. Diese Gefühle kamen auf keinen Fall von den beiden vor ihm…

„Noch mehr Alien-Abyss. Jetzt fangt ihr auch schon damit an!“ erklang eine wütende Stimme hinter ihm. Maria stand in mit einem Teebecher in der Hand unter dem Rundbogen, der Esszimmer und Wohnzimmer trennte. Die negativen Gefühle, die Kyle aufgeschnappt hatte, kamen aus ihrer Richtung.

„Hättest du auch gerne Kräfte?” fragte Ava Maria freundlich.

Kyle musste sich beherrschen um nicht laut loszulachen Maria mit Kräften! Oh Buddha… er konnte sich jedoch eine Bemerkung nicht verkneifen. „Ausnahmen bestätigen die Regel“, lachte er, „wenigstens eine von uns sollte noch normal sein.“

Das hätte er jedoch besser nicht gesagt, denn die negativen Emotionen die er von Maria empfing vertieften sich noch. Er wusste nicht, was genau los war, als sie gleich darauf, nach ein paar gehässigen Bemerkungen im Obergeschoss verschwand. Schulterzuckend drehte er sich zu Ava und Liz um. „Habt ihr eine Ahnung, was mit ihr los ist?“ wollte er verwirrt wissen.

„Sie ist eifersüchtig und fühlt sich ausgeschlossen“, antwortete Liz ihm seufzend.

„Weil wir Kräfte haben und sie nicht?“

„Ja.“

„Aber das ist doch lächerlich!“ begehrte Kyle auf. „Ich habe mir nicht ausgesucht Kräfte zu bekommen und obwohl es vielleicht ganz cool ist Sachen schweben zu lassen“, er wedelte in Richtung der Zeitung, „macht mir das ganze auch eine Heidenangst. Und die Gefühle anderer Menschen zu empfinden ist auch nicht immer angenehm, das kann ich euch sagen.“

„Aber das sieht Maria nicht. Sie sieht sich nur als Außenseiterin. Wir sind jetzt auch Aliens in ihren Augen“, entgegnete Liz.

„Oh Buddha“, stöhnte Kyle. „Wenn sie sich abreagiert hat, werde ich mit ihr reden und ihr klarmachen, dass ich trotz meiner Kräfte ganz bestimmt kein Alien bin. Mein Blut ist immer noch schön rot und wenn‘s nach mir geht, soll das auch so bleiben. Grün hat mir sowieso noch nie gestanden.“

Dann schnappte er Avas Blick auf und stotterte noch: „Äh… damit wollte ich nicht sagen, dass ich nicht gerne ein Alien wäre.. ich meine ihr Guys seid cool und alles… ich wollte euch nicht diskriminieren… und grün seid ihr ja auch nicht…“

Zu seiner Erleichterung fing Ava an zu lachen. „Schon in Ordnung“, winkte sie zwinkernd ab. „Lasst uns lieber weiter trainieren. Liz, wie wäre es, wenn du jetzt mal versuchen würdest eine Vision absichtlich herauf zu beschwören?“

„Ich kann‘s ja mal versuchen“, zuckte Liz die Schultern und schob die Gedanken an Maria vorläufig beiseite.

„Hier, nimm meine Hand und versuche, ob du etwas von mir empfangen kannst“, bot Ava an.

Liz griff nach ihrer Hand und noch bevor sie sich groß anstrengen musste, schnappte sie auch schon eine Vision von Ava auf. Es war nur eine winzig kleine Vision, die nur wenige Bruchteile von Sekunden dauerte. Liz war selbst überrascht davon, wie einfach das war und ließ Avas Hand wieder los.

„Und?“ fragte diese.

„Es hat funktioniert.“

„Was hast du gesehen?“

Liz ließ ihren Blick von Ava zu Kyle wandern und wieder zurück, bevor sich ihr Gesicht zu einem schelmischen Grinsen verzog. „Dich und Kyle. Gestern Abend“, antwortete sie dann und genoss die rot werdenden Gesichter der beiden bei ihren nächsten Worten. „Beim Flirten.“

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„Maria steh auf“, rief Michael – aber nicht besonders freundlich. Er stürmte ins Zimmer und zog sich seinen Wintermantel aus und trocknete seine Haare an einem Handtuch. Es musste auch genau dann schneien, wenn er und Max unterwegs waren. Er bekam nur ein Murmeln zur Antwort und zog dann Maria die Decke weg. „Komm schon, wir haben Essen mitgebracht“, verkündete er, „vom Italiener.“

„Ich habe keinen Hunger“, erwiderte Maria und das ließ Michael an der Türe stoppen. Maria hatte nie keinen Hunger auf italienisches Essen.

„Bist du krank?“, fragte Michael und musterte sie. Sie sah nicht blass aus und schien ganz gesund.

„Womöglich. Ich kann im Gegensatz zu euch allen ja noch krank werden!“, giftete Maria ihren Freund an.

„Kyle und Liz können doch auch krank werden. Was ist mit dir los? “, wollte Michael wissen, der etwas ungeduldig wurde. Er hatte Hunger und wollte hinunter bevor alle anderen das Beste wegessen würden. Seine Freundin war zickig drauf, aber es konnte nicht an ihrem Monatszkylus liegen, der war schon lange vorbei, aber woran lag es dann? Er dachte einen Moment nach. War Maria nicht einfach immer zickig? Ja, antwortete er sich selbst stumm und lief auf die andere Seite des Bettes um sie noch einmal zu fragen. „Maria, was ist mit dir?“

„Geh du nur zu deinen Alien- Freunden, ich esse dann später alleine. Vielleicht fühlt ihr euch unwohl, wenn ein Mensch unter euch ist?“

„Willst du damit sagen, ich bin kein Mensch?“, fragte Michael nach, der nicht den geringsten Schimmer hatte worum es sich eigentlich handelte. „Ist etwas passiert, als ich nicht da war?“ erkundigte er sich dann. Ihr Schweigen war ihm genug Antwort. „Erzähl es mir“, verlangte er und setzte sich neben sie auf das Bett. Unbewusst strich er ihr die Haare aus dem Gesicht und suchte nach Spuren von Tränen. Erleichtert atmete er ein, als er keine entdecken konnte.

„Es war nichts“, sagte Maria zunächst. Michael reagierte nicht und sah nur aus dem Fenster und beobachtete die Schneeflocken die vorüberzogen. Sie würde weitererzählen, wenn er sie ignorierte und darauf wartete er. „Die anderen haben unten trainiert und ich wusste nichts mit mir anzufangen“, gestand Maria und konnte ihren Freund nicht ansehen. Sie wusste jetzt, dass sie sich kindisch benommen hatte, aber wollte ihr Verhalten nicht einsehen.

„Und?“

„Ich fühle mich wie eine Außenseiterin, okay?“, äußerte sie sich genervt und lauter als beabsichtigt. Zu ihrer Überraschung fing Michael an zu lachen. Er lachte aufrichtig und laut. „Warum lachst du?“, fragte sie verwirrt und setzte sich auf.

„Ach Maria“, seufzte Michael und schüttelte den Kopf. „Ich bin aus einer Kapsel geschlüpft, habe kein richtiges, menschliches Blut, lebe auf einem Planeten mit 6 Milliarden Menschen, die alle anders sind als ich, und du fühlst dich als Außenseiterin?“ Er grinste noch immer und stand wieder auf. Er zog sich seine Winterjacke wieder an und beobachtete Maria, die das Grinsen auch nicht unterdrücken konnte.

„Du hast Recht“, meinte sie dann und lächelte Michael an. Er mochte vielleicht nicht der romantischste und einfühlsamste Freund sein, aber er wusste dennoch immer was zu tun war um sie aufzumuntern. „Warum ziehst du dich wieder an? Wollten wir nicht essen?“ Ihre schlechte Laune war vergessen und der leichte Hunger machte sich bemerkbar.

„Nein“, erwiderte Michael schlicht und steckte sie auch in ihren Wintermantel. „Wir gehen.“

„Wohin denn?“, fragte Maria überrascht. „Was ist mit dem Essen. Du hast gesagt es ist vom Italiener“, murmelte sie dann. Sie wusste, dass auch Michael dieses Essen liebte.

„Wir können später von den Resten essen. Erst einmal gehen wir jetzt Schlitten fahren“, bestimmte er und wollte zur Türe hinauslaufen, als Maria ihm um den Hals fiel. Sie hatte schon die ganze Woche etwas unternehmen wollen, aber Michael wollte nicht in die Kälte. Er ging nur hinaus, wenn er musste und fuhr normalerweise auch kein Schlitten.

„Ziehst du mich auch?“, wollte Maria in einer kindlichen Stimme wissen und küsste ihn laut auf den Mund.

„Hmm“, entgegnete Michael nur und verfiel wieder in seine Einstellung: „Grimmiger Freund.“

„Oh, ich freu mich so. Ich liebe dich, Michael“, rief Maria aus und hüpfte aus dem Zimmer. Vor lauter Freunde verspürte sie diesmal nur einen minimalen Schmerz – als Michael die liebevollen Worte nicht erwiderte – den sie schnell beiseite schob, damit sie den Nachmittag mit ihm genießen konnte.

*****

Michael und Maria liefen Hand in Hand zurück zur Hütte. Maria hatte ihren Handschuh ausgezogen, doch Michael weigerte sich, da es ihm sonst zu kalt war. In der anderen Hand hielt er den kleinen Schlitten, den sie mitgenommen hatten.

„Danke“, murmelte Maria nach einer Weile und durchbrach das angenehme Schweigen.

„Wofür bedankst du dich?“ fragte ihr Freund nach und warf ihr einen kurzen Blick zu.

„Dafür, dass wir heute etwas unternommen haben. Wie ein normales Paar“, erwiderte Maria schlicht und lächelte etwas. Sie hatten noch länger bleiben wollen, aber es wurde schon dunkel und bald würde Max mit Isabel vom Flughafen wiederkommen. Die Wiederkehr von ihrer Freundin wollten sie nicht verpassen.

„Mhh…“, ließ Michael nur verlauten, aber Maria ließ sich nicht beirren.

„Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, weil Isabel nicht mit Jesse zusammen sein kann“, gestand sie und lehnte ihr Haupt gegen Michaels Schulter. Er drückte einen Kuss auf ihre Schläfe und sah sich seine Freundin für einen Moment an. Sie hatte ihre Haare zu zwei Zöpfen geflochten und diese kamen unter der Mütze zum Vorschein. Sie hatte ihre Weihnachtsmütze auf, weil ihr die Kapuze ihres Wintermantels zu groß war. Manchmal fragte sich Michael, was er wohl machen würde, wenn Maria nicht mit ihm gegangen wäre.

Sie hatten vor zwei Wochen gemeinsam das neue Jahr begrüßt. Er hatte Maria geküsst und Max Liz. Doch Isabel hatte abseits gestanden und traurig ausgesehen. Kyle und Ava waren anscheinend froh Single zu sein, aber Isabel hatte einen Ehemann, mit dem sie Silvester nicht feiern konnte. Michael verspürte ein minimales schlechtes Gewissen, weil er gegen Isabels Besuch in Boston gewesen war. Aber vielleicht würde es ihr helfen über den Kampf mit Lonnie und dessen Konsequenzen hinweg zu kommen.

„Es bedeutet mir sehr viel, dass du mit mir gekommen bist“, meinte Michael. Sein Ton war nicht irgendwie sanft oder liebevoll, sondern einfach real. Er wusste, was sie für ihn aufgegeben hatte. Sie hatte ihre geliebte Mutter zurückgelassen, die schon einmal verlassen wurde und Michael wollte sich nicht anmaßen zu wissen, wie schwer es Maria gefallen sein musste.

Maria sagte nichts, sondern lief stumm neben ihm. Nur kurz drückte sie seine Hand und hoffte, dass er es durch seinen Handschuh spüren würde. Normalweise hätte sie gelacht und ihn umarmt und ihm gesagt, dass er ihr solche Sachen öfter sagen sollte, aber im Moment fühlte sie sich nicht so. Ihr Mitgefühl galt Isabel und sie wusste in welch ernster Lage sie steckten. Sie war froh über jedes Wort, das sie von Michael bekam.

„Die sind ja schon da“, äußerte sich Maria überrascht, als sie den alten Wagen von weitem erkannte, den sie hier fuhren.

„Schau, sie sind gerade erst gekommen“, sagte Michael und zeigte auf die beiden Gestalten, die soeben aus dem Wagen stiegen. Die fröhliche und aufgedrehte Maria war wieder zurück und rief nach ihren Freunden. Heute konnte ihr niemand mehr die Laune verderben, dafür hatte Michael gesorgt.

Das Pärchen wusste nur zu gut, dass sie Isabel nicht fragen sollten wie es gewesen war. Sie konnten ahnen wie der Abschied gewesen war – schmerzvoll. Marias Arm verfestigte sich um Michaels, als sie an eine vergangene Trennung dachte.

„Wie war dein Flug?“, wollte Michael stattdessen wissen und nahm ihr die kleine Tasche ab, die sie mitgenommen hatte.

„Okay“, erwiderte Isabel mit einem kleinen, erzwungenen Lächeln und trat auf die Terrasse. Die Trennung war schrecklich gewesen und sie hatte Jesse versprechen müssen ihn zumindest einmal in der Woche zu traumwandeln. Isabel wusste, wenn Jesse sie hätte an den Flughafen begleiten können, dann wäre sie nicht in den Flieger gestiegen.

„Da seid ihr ja“, rief Kyle aus, als die Haustüre aufging und Michael und Maria hineinkamen. „Maria, was ist vorher…, ach ihr seid ja auch da“, stellte Kyle lächelnd fest, als er Isabel und Max hinter den beiden entdeckte. Er nahm Isabel kurz in den Arm und Ava winkte freundlich.

„Wo ist Liz?“, fragte Max, als er seine Frau nirgends entdecken konnte.

„Hier“, erwiderte diese und kam mit einer Tasse aus der Küche. Sie umarmte Isabel, die gleich neben Max stand und ließ die Tasse auf den Boden fallen… Sie wurde in etwas hineingezogen, dass sie nicht aufhalten konnte.

„Halt sie fest“, schrie Maria Max panisch an, damit ihre Freundin nicht in die Scherben fallen würde.

Isabel lief mit einer Tasche und einem Hut in den Flughafen hinein. Man sah aus ihren Augen wie sie auf die Tafel blickte. Ihr Flieger würde in eineinhalb Stunden starten. Sie lief weiter um einzuchecken und sah sich noch einmal um. Hinter ihr konnte man zwei Männer in Anzügen erkennen, die sie nicht wahrnahm. Der eine hielt ein Telefon in der Hand und der andere setzte seinen Kopfhörer ein. Nachdem Isabel eingecheckt hatte, gingen diese beiden an denselben Schalter und stellten neugierige Fragen. Die Stimmen konnte man verschwommen wahrnehmen.

„Was ist passiert?“ fragte Max, als er seine Frau auf die Couch legte.

„Die Frau hat Alaska gesagt.“

„Welche Frau? Sprich nicht in Rätseln“, verlangte Michael und erntete einen bösen Blick von Maria.

„Die Frau am Schalter. Sie sagte den Agenten, dass Isabel nach Alaska fliegen würde…“