written by: red-angel, Cordyfan, Ruth, Thalia & Spacegirl Liz Evans





Helles Licht drang durch die Fensterscheiben des Crashdown Cafes. Es war Morgen in Roswell und die Sonne war bereits aufgegangen. Das Cafe war an diesem Morgen jedoch nicht voll besetzt und so saßen die Parkers an einem Tisch.

Nancy rührte Gedanken verloren in ihrem Kaffee, ihr Blick ging ins Leere. Jetzt war es bereits ein halbes Jahr her, seitdem sie ihre Tochter nicht mehr gesehen hatte. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, so dachte sie doch jeden Tag an sie. Ohne sie kam ihr das Cafe so leer vor, genauso wie auch ihr Leben.

Ja, ihr war erst nachdem Liz sie verlassen hatte bewusst geworden, wie sehr sie sie liebte und sie vermisste.

Geoffrey Parker griff nach ihrer Hand. „Denkst du wieder an sie?“ Er blickte ihr, als sie aufschaute, in die Augen.

Sie nickte und seufzte. „Was sie wohl gerade macht? Ob es ihr gut geht?“ Die Sorgenfalte auf ihrer Stirn trat wieder hervor. Ihr Mann drückte ihre Hand. „Mach dir keine Sorgen, es geht ihr bestimmt gut, genauso wie den anderen.“

„Wahrscheinlich sitzen sie gerade am Tisch und frühstücken, ebenso wie wir. Unsere Lizzy ist nicht mehr so klein, sie ist zu einer Frau geworden.“ Er lächelte.

„Ja, eine verheiratete junge Frau.“ Auch auf ihren Lippen erschien ein Lächeln.

„Hättest du dir das alles mit unserer Tochter vorstellen können?“ Ihre andere Hand griff nach der Kaffeetasse und sie nahm einen großen Schluck.

Er schüttelte seinen Kopf. „Nein, dass unsere Tochter sich eines Tages in einen Außerirdischen verliebt, ihn nach einer Weile heiratet und dann samt Freunde den Staat verlässt, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.“

Das Lächeln um Nancys Mund wurde breiter und sie grinste. „Aber du hast Recht, so was in der Art passiert sonst nur in Filmen und nicht im wahren Leben.“ Auch er musste darüber grinsen.

„Unsere kleine Lizzy ist erwachsen geworden, wahrscheinlich schneller, als uns lieb war.“ Nancy nickte ihm zu.

Das Glockenspiel an der Tür ertönte, als die Evans das Crashdown betraten. Geoffrey schaute auf, lächelte und stand auf.

„Hallo Phillip, Diane!“ Er gab ihnen die Hand und auch Nancy war aufgestanden, um sie zu begrüßen.

„Hallo Geoffrey, wie geht es dir?“ Phillip schüttelte seine Hand, während Diane Nancy umarmte. Letztere ging in die Küche. „Ihr wollt doch sicher auch was frühstücken, oder?“ Sie holte Teller und Tassen aus einem Schrank.

Phillip und Geoffrey hatten bereits die Tische zusammen geschoben.

Diane lächelte. „Ja, das wäre nett, warte ich helfe dir.“ Sie ging zu ihr, nahm ihr das Geschirr ab und deckte den Tisch.

Nancy nahm Besteck heraus und kam mit dem noch heißen Kaffee wieder um die Theke herum.
Diane hatte sich bereits hingesetzt. „Und? Wie geht es euch?“ Nancy verteilte Besteck und füllte Kaffee in die Tassen.

„Gut, danke. Wir haben gerade über unsere Kinder gesprochen.“ Sie nahm neben Diane Platz. „Genau das haben wir gerade auf dem Weg hierher auch getan. Sie sind nun schon so lange fort …“ Sie presste die Lippen aufeinander und ihre Gedanken schweiften leicht ab.

Nancy nickte. „Ja, das sind sie.“

Geoffrey holte noch neue Wurst und auch Käse aus dem Kühlschrank und stellte es auf dem Tisch ab.

Als erneut das Glockenspiel läutete, gingen alle Köpfe Richtung Tür. Amy und Jim traten ein und sofort rückten Phillip und Geoffrey noch einen weiteren Tisch heran.

”Wollt ihr mit uns frühstücken?“ Geoffrey schob die Stühle an die Tische.

Amy lächelte etwas schüchtern und stand hinter Jim, der einen Arm um sie gelegt hatte. „Das wäre wirklich nett.“

Sie setzten sich an den Tisch. Nancy kochte neuen Kaffee und nahm dann bei den anderen wieder Platz.

Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach und aß. Amys Blick ging ins Leere und ihre Hand hielt krampfhaft die Kaffeetasse umschlossen. Sie biss sich auf die Lippe und man konnte ihr die Angst buchstäblich ansehen.

Auch Diane war nur halb anwesend und hielt das Brötchen schon eine Weile in der Hand, ohne davon gegessen zu haben.

Auch Jim, der sich eigentlich vorgenommen hatte, mal eine Zeit zu vergessen, dass sein Sohn und die anderen jungen Leute, die er mit der Zeit richtig lieb gewonnen hatte, dauernd vor dem FBI auf der Flucht waren, konnte seinen Vorsatz nicht umsetzen. Nun war er durch die Stimmung der anderen Eltern angesteckt worden. Das Schweigen und die sorgenvollen Mienen zeigten nur all zu offensichtlich, woran sie alle dachten.

Jim füllte Zucker in seinen Kaffee und rührte. Er konnte die Spannung, die im Raum herrschte nicht länger aushalten. Es brachte ihn nur dazu nachzudenken und die Sorgen würden von Minute zu Minute wachsen, doch all dies würde nichts bringen. Im Endeffekt würde es lediglich dazu führen, dass er etwas Dummes tat und sie suchte. Und anstatt er ihnen gut tat, würde es genau das Gegenteil bewirken und das FBI auf ihre Fährte locken.

Er wusste, dass ein Gespräch über das Wetter oder etwas anderes alltägliches nichts bringen würde, denn sie wären alle sowieso mit ihren Gedanken woanders, also sprach er das an, woran sie alle dachten.

„Und, haben eure Kinder euch auch zu Weihnachten angerufen?“

Nancy nickte und seufzte leicht. „Ja, Liz hat angerufen, leider war es nur ein sehr kurzes Telefonat und nur Geoffrey hat mit ihr sprechen können.“

Diane sah sie mitfühlend an. „Und wie geht es ihr? Was hat sie gesagt?“

„Das Telefonat wurde wohl abgebrochen, weil sie kein Geld mehr drauf hatten oder so. Auf jeden Fall ging es ihr gut. Wo sie ist, wollte sie mir nicht sagen.“ Nancy griff nach seiner Hand.

„Aber solange es ihr gut geht, ist das andere nur halb so wichtig.“ Geoffrey drückte die Hand seiner Frau. „Und euch?“

„Mich hat Maria auch angerufen …“ Amys Blick war gesenkt. „Ich habe ihr Vorwürfe gemacht, dass sie sich nicht gemeldet hat und sie gar nicht zu Wort kommen lassen. Ich bin eine schlechte Mutter.“

Mitfühlend sah Diane sie an. „Nein, das bist du nicht. Du machst dir halt Sorgen um sie.“

„Aber so konnte ich noch nicht mal erfahren, wie es ihr geht. Ich Idiot, hab sie noch nicht einmal ausreden lassen …“ Sie fasste sich an die Stirn.

Nancy lächelte Amy an. „Ihr geht es sicher gut, Maria hat eine starke Persönlichkeit. Sie ist wie ihre Mutter.“ Amy schaute auf und brachte ein leichtes Lächeln zustande.

Diane trank einen Schluck Kaffee und seufzte. „Uns haben sie auch angerufen. Ich konnte erst mit Isabel reden. Sie hatten einen Weihnachtsbaum und Michael hat eine Gans zubereitet. Unsere Kinder sind erwachsen geworden.“ Sie strahlte. „Ich habe ihr etwas Lustiges erzählt, was Phillip passiert ist, als er dieses Mal den Weihnachtsmann für die Kinder gemimt hat.“ Sie sah dabei Phillip an, der lächelte.

Geoffrey schnitt sich noch ein Brötchen auf. „Wieso, was war denn passiert?“
Phillip lachte auf, als er sich daran erinnerte. „Tja, ich hatte dieses Weihnachtsmannkostüm an und ein dickes Kissen darunter getan, für den Bauch. Ich hatte einen unechten Bart und saß auf einem Sessel, während die Kinder zu mir hoch schauten. Dann ist mir plötzlich das Kissen aus dem Kostüm gerutscht.“ Er grinste. „Ihr hättet mal die geschockten Gesichter dieser Kinder sehen sollen, als sie merkten, dass der Bauch gar nicht echt gewesen war.“

Alle mussten lachen.

„Ja und diese Geschichte habe ich Isabel erzählt. Es tat so gut, sie mal wieder lachen zu hören.“

Phillip senkte den Blick. „Ich fand es allerdings schade, dass ich nur so kurz mit ihr reden konnte. Wir würden doch so gerne mehr über sie wissen.“

„Das können sie leider nicht. Ich habe sie ein paar Wochen zuvor angerufen und gewarnt. Das FBI ist noch immer hinter ihnen her. Sie müssen auf der Hut sein. Wenn die Telefongespräche zu lang geworden wären, hätte das FBI, falls sie eure Leitungen anzapfen, das ganze nach verfolgen können und somit herausgefunden, wo sie sich befinden.“

„Gefährlich schien es ja schon immer für sie zu sein, nicht?“ Geoffrey schaute Jim an.

„Ja, das war es.“ Er erinnerte sich zurück „Wisst ihr noch, als Liz angeschossen wurde? Sie haben so gut versucht, es zu vertuschen. Es war bestimmt nicht leicht für sie. In der Zeit waren sie ebenso wie heute auf sich allein gestellt.“

„Ja, und ich habe nie etwas bemerkt. Die ganzen Jahre wohnten Isabel und Max bei uns und wir haben nie auch nur eine Ahnung davon gehabt, wer sie wirklich sind. Ist das nicht verrückt?“ Phillip gestikulierte mit den Armen.

„Das ist es. Es ist alles eine unglaubliche Geschichte. Und dass sich unsere Lizzy in Max verlieben würde.“ Er seufzte. „Wisst ihr noch, als das zwischen ihnen anfing? Als sie die Nacht über weg waren und niemand wusste, wo sie sie sich aufhielten? Erinnert ihr euch noch, wie sie am nächsten Morgen Hand in Hand hier herein gekommen sind?“

Diane lachte. „Ja, wir wollten eine Erklärung von ihnen haben, was nur in sie gefahren sei. Beide waren so verantwortungsbewusst und taten auf einmal Dinge, die wir von ihnen nicht gewohnt waren. Aber sie waren irgendwie selbsterklärend, als sie da Händchen haltend vor uns standen. Sie hatten sich ineinander verliebt und plötzlich kam ich mir so alt vor.“ Ein breites Lächeln umrahmte ihren Mund.

Auch Nancy lächelte. „Ach und wisst ihr noch …“

Und somit versanken die Eltern in Erinnerungen und die Sorgen waren für kurze Zeit vergessen.

*****

„Michael, wärst du so lieb und würdest deine gichtgeplagten Finger von mir lassen?“ Der Ton, den Maria traf, war an Heftigkeit kaum zu überbieten und Michael, der unter der Bettdecke eigentlich vor hatte, sich langsam von ihrem Bauchnabel zu ihren Brüsten knabbernd und küssend vorzuarbeiten, hielt seufzend inne und schlug die Decke zurück. Maria fröstelte.

„Was ist los? Weihnachten bist du beinahe über mich hergefallen und nun hast du kein Interesse mehr. Gibt es einen wesentlichen Grund, warum ich auf einmal in Ungnade gefallen zu sein scheine?“

Maria antwortete nicht, sondern wandte ihm den Rücken zu. Sie wollte nicht mit ihm sprechen. Wozu auch? Es würde alles nur in Streiterei ausarten und ihr lag nichts ferner als das. Sie glaubte, heute nicht die Nerven dafür zu haben. Es war schon paradox, trotz Michaels Gesellschaft, fühlte sie sich allein und verlassen und …

„Das kann doch nicht wahr sein!“ , dachte Maria entnervt. Michael fuhr mit seinen Händen ihre Hüfte und dann ihre Taille quälend langsam und aufreizend entlang. Unter normalen Umständen hätte sie es in vollen Zügen genossen, doch nicht jetzt.

„Bist du meiner Sprache nicht mächtig, Michael? Falls nicht, lasse ich einen Übersetzer kommen!“ Sie riss mit ihrer Hand seine weg und zog ihre Bettdecke bis an die Ohren herauf.

„Was ist dein verdammtes Problem, Maria? Habe ich deinen Geburtstag vergessen? Es lief gut zwischen uns und jetzt fängt das wieder an!“

Maria kniff die Augen fest zusammen, so fest, dass es beinahe wehtat. Sie wollte ihn nicht ansehen, aber riechen konnte sie ihn. Er war dicht über sie gebeugt, sie fühlte seinen Atem auf ihrer Haut und die Bilder der vergangenen Tage überfielen sie. Doch ein Rascheln von der anderen Seite des Bettes veranlasste sie, die Augen wieder zu öffnen. Michael hatte sich von ihr abgewandt und zog sich seine Boxershorts wieder an. Sein Gesicht hatte einen störrischen Ausdruck angenommen. Frustriert fuhr er sich durch die Haare und fixierte die Gestalt unter der Bettdecke.

„Was um Himmels Willen ist mit dir passiert, Maria?“

Als er keine Antwort erhielt, zog er sich sein Shirt über und verließ, ohne ein weiteres Wort, ihr gemeinsames Schlafzimmer.

„Ja, was ist mit mir?“ Nicht weniger deprimiert als Michael zog sie die Bettdecke hinunter bis zur Taille und setzte sich auf. Sie lehnte sich an die Bettkante zurück und schlang die Arme um die Knie. Auch wenn es unangenehm war, so meinte sie doch, die Frage, die Michael an sie gestellt hatte, wenigstens für sich selbst zu klären. Die Tage zuvor hatte sie es tunlichst vermieden, mit ihm allein zu sein, denn jedes Mal, wenn das geschah, fühlte sie sich einsam, verlassen und ausgeschlossen, doch andererseits, wenn sie alle zusammen im Wohnzimmer saßen, dann wurde es ihr zu eng.

„Wäre ich um die 50, dann würde ich einfach denken, ich würde in die Menopause kommen! Aber nein, weit gefehlt, davon bin ich Lichtjahre entfernt!“ Seufzend leckte sie sich über ihre Lippen. Es war zum aus der Haut fahren. Sie war hier mit den wichtigsten Menschen bzw. Aliens, und dennoch war sie nicht zufrieden. Sie hatte das starke Gefühl, ausgegrenzt zu sein. Nicht nur, dass Liz ihre gesamte freie Zeit, sofern möglich, mit Max verbrachte, sondern sich immer mehr Ava zuwandte.

„Vielleicht sollte ich mich umbringen lassen? Dann werde ich wie sie und sie akzeptieren mich endlich wieder!“ Es war ein schwachsinniger Vorschlag und sie wusste es.

„Wie weit bin ich wohl schon, dass ich mir ernsthaft über solche Sachen Gedanken machen muss? Ich bin reif für den Seelenklempner!“ Sie starrte die Holztäfelung an der gegenüberliegenden Wand an.

Es war deprimierend festzustellen, dass nur sie die Dinge so bemerkte, wie sie auch wirklich waren. Kein anderer schien sich um die Gruppenzugehörigkeit Sorgen zu machen.

„Ist ja auch nicht verwunderlich. Jeder andere ist ein Teil der Gruppe!“ Sie griff mit ihren Händen an ihren Kopf. Mit Grauen stellte sie fest, dass sich ein Migräneanfall ankündigte.

„Das fehlt mir noch! Nur Probleme, nichts als Ärger!“ Wie sehr wünschte sie sich in diesem Moment nach Roswell zurück. Sie würde gern mal wieder ein ausführliches Gespräch mit ihrer Mutter führen, nicht nur die paar kläglichen Worte, die sie Weihnachten gewechselt hatten. Ebenso hatte sie das überwältigende Bedürfnis, nicht mehr über ihre Schulter blicken zu müssen, ob sie von irgendwelchen windigen Gestalten verfolgt wurde. Sie könnte sich verabreden mit Freundinnen und sich mit Männern treffen.

Männer - Michael!

Der Mann, an den sie ungern dachte - zumindest im Moment. Der Mann, der ohne Zweifel jeden zweiten ihrer Gedanken beherrschte und das noch nicht mal zu würdigen wusste. Das Einzige, woran er dachte, war, wie er mit ihr möglichst schnell, möglichst viel Zeit in der Waagerechten verbringen konnte. Diese Art des Zeitvertreibs fand zwar durchaus Marias Billigung - keine Frage - aber dennoch wollte sie mehr als das. Sie wollte nicht nur das trügerische Gefühl haben, geliebt zu werden. Es war schön, die drei wichtigen Worte mal zwischendurch zu vernehmen. Und wenn sie ihre Ohren richtig wusch und auch keine Ohrenstöpsel trug, so war sie der Meinung, dass er es ihr bis auf einmal, nicht mehr gesagt hatte.

„Eine mehr als niederschmetternde Feststellung!“ Ihr Ärger wuchs und je mehr sie darüber nachdachte, desto größer war ihr Wunsch, sich mit Michael zu streiten. Nur war streiten nicht unbedingt die leichteste Form sich mit ihm zu beschäftigen. Meistens blockte er in seiner ironischen Art nur ab, was sie derart auf die Palme trieb, dass sie wusste, sie würde ein paar Tage brauchen, bis sie von dem Baum wieder hinunter geklettert war.

Ihr war klar, sie konnte weiterhin im Bett schmollen oder den Tag beginnen. Als sie aufwachte, hatte sie es mit schmollen versucht. Ein Versuch, der bisher kläglich gescheitert war, also wollte sie es nun mit Aufstehen probieren und sich den Widrigkeiten stellen. Sie war wütend, und doch nahm sie sich vor, sich ruhig und gelassen zu verhalten, so lange, bis sie Michael oder auch Liz mal für ein paar Sekunden allein erwischte. Sie würde reinen Tisch machen und dann einfach wieder auf ihr Zimmer gehen, noch bevor diese wieder ihren Mund geschlossen hatten und antworten würden. Sie sollten darüber nachdenken, was sie mit ihren Mitmenschen anstellten.

Sie stieg aus dem Bett und suchte ihre Kleidung zusammen, die im ganzen Zimmer verstreut lag. Sie und Michael hatten gestern wieder ihrer Leidenschaft gefrönt und sich dabei völlig vergessen. Demzufolge brauchte sie auch geschlagene 5 Minuten, bis sie alles beisammen hatte und im angrenzenden Badezimmer verschwand, um sich zurecht zu machen.

Als sie damit fertig war, fühlte sie sich zumindest ansatzweise besser. Nichts war wirkungsvoller, als ein perfekt abgestimmtes Make-up - man konnte sich darunter wunderbar verstecken! Sie verließ ihr Zimmer und steuerte auf das Esszimmer zu. Schon bevor sie es erreichte, vernahm sie die fröhliche Stimme von Kyle, der offenbar einen Witz erzählt hatte und das Lachen der anderen.

„Ist es nicht schön, wenn sich alle freuen und du selbst nicht dabei bist?“ Innerlich aufgebracht, aber äußerlich ruhig, öffnete sie die Tür zum Esszimmer und trat ein. Niemand achtete auf sie, bis sie näher an den Tisch kam.

„Guten Morgen, Maria! Wo du gerade stehst, kannst du mir die Butter aus der Küche mitbringen?“ Kyle prostete ihr mit seinem Becher Kaffee zu. Die anderen grüßten sie, doch das ging in der allgemeinen Stimmung unter.

Marias Laune sank stetig, wenn das noch machbar war. Kyle begrüßte sie nur, weil er die Butter haben wollte, und die anderen sahen sie nicht einmal an.

Sie begab sich in die Küche und holte die gewünschte Butter. Ohne ein weiteres Wort setzte sie sich an den Tisch, während das Stimmengewirr um sie herum munter weiter ging. Der Einzige, der sich nicht so lebhaft an der Diskussion beteiligte, war Michael. Er schaute entweder auf sein Brötchen oder Maria prüfend ins Gesicht. Er war - um es mit einem Wort zu sagen - stocksauer. Er konnte partout nicht verstehen, warum seine Freundin sich derzeit so verhielt. Marias Verhalten war ohnehin schon immer Stimmungsschwankungen unterworfen gewesen, aber es schien einen neuen Höhepunkt erreicht zu haben, und damit kam er nicht zurecht.

Niemand beachtete die angespannte Atmosphäre der beiden, bis Michael den Mund aufmachte.

„Schatz, soll ich dir die Marmelade reichen oder meinst du, ich sei nicht gut genug, sie dir zu geben?“ Seine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus und seine Augen funkelten dunkel. Maria hatte tatsächlich überlegt, was sie essen sollte, doch nun hatte sie plötzlich keinen Hunger mehr.

„Wenn du mich so charmant fragst, kommt mir glatt das Mittagessen von vorgestern hoch!“

Nach diesem kurzen, aber sehr informativen Schlagabtausch, herrschte gespannte Stille. Kyle kaute seine Brötchen langsamer als zuvor und äugte zwischen Michael und Maria hin und her. Isabel versuchte, ihr Grinsen zu verkneifen, während Liz angestrengt zu Max schaute, der seinerseits bemüht war, nicht allzu amüsiert zu erscheinen. Liz war schon ein paar Tage vorher aufgefallen, dass Maria verkrampfter wirkte als sonst, doch jedes Mal, wenn sie ihre Freundin fragen wollte, was sie denn hätte, kam etwas oder jemand dazwischen. Gleich nach dem Essen, so nahm Liz sich vor, würde sie Maria bitten, unter vier Augen mit ihr zu sprechen. Dieses Recht konnte sie ihr als Freundin nicht absprechen.

Isabel blickte fragend zu Michael, doch der ignorierte sie gekonnt, indem er Maria weiterhin anstarrte.

„Hm, was meint ihr, sollten wir vielleicht nach dem Essen Monopoly spielen?“ Kyle versuchte vergeblich die Stimmung zu entkrampfen.

„Ich bin für Russisches Roulette, das passt zu der warmen Atmosphäre!“ Ava murmelte das nur vor sich hin, doch der Satz war in der Stille nicht zu überhören. Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Es war nichts Neues, das Maria und Michael sich bisweilen frostig verhielten, nur dieses Mal war es härter als sonst.

„Oh ja, ich wäre auch für dieses Spielchen. Wie wär´s Michael, du beginnst?“ Zuckersüß lächelte Maria ihren Freund an, dessen Gesicht starr vor Zorn wirkte.

„Ich denke, es reicht jetzt!“

„Du denkst? Kannst du das tatsächlich? Das ist mal was Neues. Sei vorsichtig, dein Gehirn ist zu einfach strukturiert für solche intellektuellen Fähigkeiten!“

Michael war nicht gerade bekannt für seine ruhige und gelassene Art und als er aufstand, wurde er von allen, einschließlich Maria, argwöhnisch beobachtet. Er stützte sich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab und beugte sich drohend zu ihr hinüber.

„Ich sag es dir noch mal. Ich weiß nicht, wieso du so durchdrehst. Wenn du es mir aber auch nicht sagen willst, dann hast du Pech gehabt! Aber ich warne dich, provozier mich nicht!“

Max schüttelte warnend den Kopf, denn er hielt es für durchaus angezeigt, Michael vor Maria zu warnen. Sie war nicht weniger impulsiv als ihr Freund.

„Hm, provozieren. Was willst du mir damit sagen, Liebling?“ Das letzte Wort betonte sie nachdrücklich und erhob sich ebenfalls.

„Das möchtest du nicht wirklich wissen, oder?“

„Oh doch!“
Bei der Aktion, die nun folgte, prustete Kyle seinen eben getrunkenen Schluck Orangensaft in hohem Bogen wieder aus und Isabel verschluckte sich an ihrem Kaffee. Der Rest der Gruppe sah dem Schauspiel ungläubig zu.

Nachdem Maria ihr "oh doch!" mit lautem Ton dahingeschmettert hatte, nahm sie den Krug mit Eiswürfeln, die sich Kyle gelegentlich in seinen O-Saft schüttete, griff nach dem Bund von Michaels Boxershorts und kippte den Inhalt hinein. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und verließ schnurstracks ohne warme Bekleidung die Hütte.

Liz war die Erste, die sich von diesem Schock erholt hatte und aufsprang. Sie riss die warmen Jacken vom Haken und folgte ihr so schnell wie möglich, während die anderen sich bemühten, Michael zu beruhigen, der Gift und Galle spuckte und Schwierigkeiten hatte, seine unteren Regionen wieder zu erwärmen.

Liz sah die Spuren im Schnee und richtete sich nach ihnen. Keine Minute später registrierte sie, wie Maria strammen Schrittes dem Weg folgte und weder nach links noch nach rechts schaute. Ihre Umgebung würdigte sie keines Blickes, was auf ihre desolate emotionale Lage hinwies.

„Maria? Warte. So warte doch!“ Sie beschleunigte ihre Schritte. Doch Maria verlangsamte ihre eigenen nicht.

„Nun warte endlich. Ich bin nicht Michael!“

Das schien zu wirken, denn sie stoppte abrupt und drehte ihr wutentbranntes und tränenverschmiertes Gesicht zu ihrer Freundin um.

„Nein, du bist Liz Evans. Meine Freundin. Oder bist du es nicht mehr?“ Abwartend blickte sie in Liz` Gesicht, die überrascht über diesen Ausbruch war.

„Was sagst du da, Maria? Natürlich bin ich immer noch deine Freundin. Wie kommst du auf derart schwachsinnige Gedanken?“ Liz war fassungslos.

„Weil wir uns überhaupt nicht mehr unterhalten! Es gibt nichts mehr, was wir uns zu sagen haben. Du hängst nur noch mit Ava herum. Und die restliche freie Zeit verbringst du dann ausschließlich mit Max!“

„Ach, Maria!“ Liz ergriff ihren Arm, um sie nicht entkommen zu lassen, denn sie selbst war stehen geblieben. Sie legte die Arme um Maria und drückte sie.

„Wofür war das?“ Maria schniefte undamenhaft vor sich hin.

„Dafür, dass du bist, wie du bist!“ Sie lächelte leicht. „Und nun komm schon, zieh diese Jacke an, sonst brauchen wir uns vielleicht nie mehr zu unterhalten.“

Dankbar nahm Maria dieselbige und zog sie über.

„Es ist richtig, dass ich viel Zeit mit Ava verbringe. Das kann und will ich nicht leugnen, aber deshalb bist und bleibst du meine Freundin. Nur im Moment braucht Ava uns, damit sie in die Gruppe eingefügt wird.“

„Wieso möchtest du das unbedingt? Ach nein, sag’s nicht, ich weiß ja wieso!“ Natürlich wusste Maria warum und wieso. Es kam ihr nur ungerecht vor, dass sich alle bei Ava so viel Mühe gaben.

„Maria, sie ist unserer Sache sehr dienlich. Und unabhängig davon, ist sie sehr nett!“

„Nett? Sie ist das Ebenbild von Tess. Tess hat Alex getötet! Sie kann nicht nett sein! Und man kann ihr auch nicht vertrauen!“ Maria zog ihren berühmten Schmollmund, ohne recht von dem überzeugt zu sein, was sie eben sagte.

„Du weißt doch selbst, dass sie nett ist, auch zu dir! Und ja, das siehst du richtig, Tess hat Alex getötet, nicht Ava. Lass Tess ruhen. Es wäre unfair, wenn wir ihr keine Chance geben würden!“ Liz schwieg kurz. „Sie ist ein wenig unsicher, aber wer kann ihr das verdenken? Ich kann dich auch verstehen, aber lass uns allen Zeit. Außerdem ist nicht nur sie ein wertvolles Mitglied, sondern auch du!“ Liz ahnte, dass sie damit einen gewichtigen Punkt angesprochen hatte.

„Du wusstest es? Du wusstest, dass ich mich in eurer Gesellschaft minderwertig gefühlt habe?“ Maria war ehrlich überrascht.

„Ich habe es vermutet. Ich wollte die letzten Tage mit dir reden, aber es kam immer etwas dazwischen. Wäre diese nette Szene nicht gewesen, dann hätte ich dich ohnehin festgenagelt. Sieh es mal so, du kannst froh sein, dass du normal bist.“

„Bereust du es?“ Maria knetete, während des Laufens ihre Hände ineinander. Keiner von beiden achtete auf den Weg.

„Bereuen? Wie kann ich etwas bereuen, was nicht in meiner Macht gelegen hat? Ich habe Max schließlich nicht gezwungen, mich zu retten. Er hat es getan, uneigennützig, und dafür bin ich ihm dankbar. Er konnte ja nicht wissen, was danach mit mir passiert! Im Grunde hast du uns gegenüber einen ungemein großen Vorteil. Wenn wir auffliegen, dann hast du die besseren Chancen zu überleben. Es gibt nichts, was sie an dir erforschen können!“ Liz grinste sie leicht zynisch an.

„Ich kenne dich gar nicht so zynisch. Ein neuer Wesenszug?“

„Michael ist ein guter Lehrer!“ Liz zwinkerte ihr zu. „Was war denn los bei euch beiden?“

„Es ist kompliziert. Wie alles bei uns. Ich war schlecht gelaunt, wegen Ava, wegen der Kräfte und weil ich mich deshalb allein gefühlt habe, wie du weißt. Und manchmal wurde mir das auch alles zuviel. Ich kann es schwer erklären! Michael hat von alledem nichts bemerkt. Typisch Mann eben. Was soll ich dazu sagen? Ich wünschte, meine Beziehung zu Michael wäre nur halb so romantisch wie deine mit Max. Was würde ich dafür geben!“

„Michael ist nicht gerade jemand, der sein Inneres nach außen kehrt. Ich will damit nicht seine Handlungsweise rechtfertigen, sondern sie dir nur erklären. Lass ihm Zeit. Er hat dir die Worte doch schon mal gesagt und du weißt, dass er dich liebt. Eure Beziehung ist auf jeden Fall sehr abwechslungsreich, du würdest dich mit Max vermutlich eher langweilen. Er provoziert dich nicht genug! Ich dagegen mag es lieber so!“ Liz lachte leise vor sich hin.

„Du willst damit nicht sagen, dass Max sich nach einer kalten Ladung Eiswürfel sehnt?“ Auch Maria grinste inzwischen. Sie fühlte sich schon jetzt, während des Gesprächs, wesentlich besser.

„Nein, nicht wirklich. Aber vielleicht sollte ich das mal ausprobieren!“

Glucksend liefen sie den Weg weiter entlang.

*****

Liz und Maria waren so in ihr Streitgespräch vertieft, dass sie die Veränderung um sie herum nicht bemerkten. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich der Himmel zugezogen, die Sonne war verschwunden. Ein eisiger Wind war aufgezogen und erschwerte das Atmen. Sie waren plötzlich in einem Wirbel von Schneeflocken eingeschlossen - ein Schneesturm. Entgeistert starrten sie einander an, so etwas hatten sie noch nicht erlebt. Panik machte sich breit.

„Maria! Wir müssen sofort zurück!“, schrie Liz und zerrte an deren Arm.

Verwirrt drehte sich Liz im Kreis und suchte nach dem richtigen Weg. Ihrer beider Fußspuren waren nicht mehr zu erkennen, der Schnee und der Wind hatten jeglichen Orientierungsansatz zunichte gemacht. Liz hielt ihre Arme hoch, um sich vor den Schneeflocken zu schützen. Immer wieder bohrten sie sich wie kleine Nadelstiche in ihre Gesichtshaut. Maria stand mit weit aufgerissenen Augen starr vor Schreck da. Liz trat einen Schritt auf sie zu.

„Maria! Wach auf! Hilf mir! Ich weiß nicht mehr, wie wir nach Hause kommen sollen“, schrie sie, in dem Versuch, Maria aus ihrer Starre herauszureißen.

„Wieso, wieso weißt du es nicht? Du, du weißt doch sonst immer alles“, stammelte Maria verstört.

„Gott sei Dank, sie spricht“, dachte Liz. „Komm!“ befahl sie.

Maria riss ihren Arm zurück „Aber in welche Richtung? In welche Richtung, verdammt!“, kreischte sie verzweifelt.

„Ich glaube, wir kamen von dort“, brüllte Liz und deutete mit ihrer Hand auf den Weg. „Gott, wenn es dich gibt, lass uns den Weg nach Hause finden!“, flehte sie innerlich.

Schweren Schrittes setzten sie sich in Bewegung. Jeder hielt sich krampfhaft an der Hand des anderen fest. Immer wieder peitschte ihnen der eisige Wind ins Gesicht. Jeder neue Schritt forderte den größten Krafteinsatz. Sie hatten das Gefühl, als kämpften sie gegen eine unsichtbare Wand. Rechts und links des Weges orientierten sie sich an den kaum mehr zu erkennenden Umrissen der Tannen, die wie stumme Geister dazustehen schienen, um ihren Gang zu beobachten. Keiner von beiden sprach ein Wort. Sie wussten nicht, wie lange sie schon gegangen waren. Jegliches Gefühl für Zeit und Raum schien verloren. Alles was sie wollten, war nach Hause zu kommen und sich an das wärmende Feuer vor dem Kamin und in die Arme des jeweiligen Geliebten zu werfen. Plötzlich wurde Liz nach hinten gerissen. Maria war zu Boden gesackt, ihr Körper nach vorne gebeugt.

„Ich ... ich kann nicht mehr“, stöhnte sie verzweifelt, während Liz zu ihr eilte, um ihr aufzuhelfen.

„Du kannst nicht schlapp machen. Maria, ich flehe dich an, steh auf, wir müssen weiter“, schrie Liz. Maria hob langsam ihren Kopf. Erschöpfung und Resignation standen in ihren Augen geschrieben. Ihr Blick wanderte an Liz vorbei ins Leere. Die Zeit schien für einen Augenblick stillzustehen.

Liz drehte sich um, um dem Blick ihrer Freundin zu folgen. Etwas war verdammt nicht in Ordnung. Plötzlich tauchte ein Schatten vor ihnen auf.

Wie ein Pfeil schoss plötzlich ein Caribou aus den Tannen heraus und rannte an ihnen vorbei. Nach einigen Sekunden der Stille, folgte mit einem lauten Motorengeräusch ein Schneemobil, gelenkt von einer vermummten, menschlichen Gestalt.

Liz und Maria lagen, vor Angst und Schrecken wie gelähmt, zusammengekauert im Schnee. Eine Wand aus wild umherwirbelnden Schneeflocken hatte sie umschlossen und versperrte ihnen die Sicht. Für einen winzigen Moment hörten sie das Aufjaulen eines Motors und dann - nichts mehr. Langsam erhoben sich die beiden Mädchen aus ihrer Kauerstellung und streckten ihre Köpfe nach oben. Wie aus dem Nichts trat schlagartig eine in einen dicken Winteranorak gehüllte Gestalt aus dem Schneeflockennebel und stapfte mit riesigen Schritten auf sie zu. Sie beugte sich zu Maria und Liz hinunter.

„Da hab ich ja zwei hübsche Schneehasen vor die Flinte bekommen“, sprach sie dieser Jemand mit angenehmer, sonorer Stimme an. Sein breiter Mund verzog sich zu einem umwerfenden Grinsen und seine stahlblauen Augen blitzten vor Freude.

„Ich ... wir ... wir haben uns verlaufen“, stammelte Liz.

„So? Ich hab schon bessere Ausreden gehört.“ Der Mann grinste immer noch. „Mein Name ist Connor, Connor McKenzie und eigentlich wollte ich das Caribou jagen und nicht Schneehasen“, lachte er und reichte Liz die Hand.

Diese starrte auf seine Hand – eine warme, zärtliche, große Hand - und griff zu. Connor zog sie hoch und gemeinsam halfen sie Maria auf die Beine.

„Es ist wohl das Beste, wenn ich euch auf dem schnellsten Wege nach Hause bringe. Ihr macht nicht gerade den fittesten Eindruck auf mich“, grinste er.

„Wir kennen Sie doch gar nicht“, stotterte Maria.

„Süße, ich will ja nichts sagen, aber wir sind mitten in einem Schneesturm und eines ist sicher, wenn wir noch länger warten, können wir uns hier ein Iglu bauen“, witzelte Connor.

„Ein sonderbarer Kerl“, dachte Liz und antwortete „Wir wohnen in der Blockhütte oberhalb des Sees, dort gibt es nur diese eine.“ Liz konnte nicht sagen warum, aber sie vertraute ihm.

„Ich weiß, wo das ist. Los, machen wir, dass wir wegkommen!“, drängelte Connor und führte sie zu seinem Schneemobil. „Wenn wir nicht schleunigst von hier verschwinden, ist alles zu spät!“

Connor half den beiden in das Fahrzeug einzusteigen und deckte sie mit 2 Tierfellen zu. „Jetzt wird’s aber Zeit!“, grummelte er und warf einen letzten Blick auf die Mädchen, dann startete er.

*****

In der Blockhütte hatte sich inzwischen jeder in sein Zimmer verkrochen. Der Morgen war alles andere als harmonisch verlaufen und die gute Stimmung war hinüber. Michael saß auf dem Bett und hielt seinen Kopf in seinen Händen gestützt. Er seufzte. Unvermutet klopfte es.

„Lasst mich in Ruhe“, knurrte er und warf ein Kissen an die Tür.

„Michael“, ertönte es ungeduldig von der Tür „Michael, mach auf, ich muss mit dir reden.“

Michael seufzte erneut. „Verdammt, Max, lass mich in Ruhe, ich habe absolut keinen Bock auf ein Gespräch mit dir.“

„Michael, wenn du nicht sofort aufmachst, breche ich die Tür auf“, warnte Max.

„Shit.“ Michael erhob sich von seinem Bett und riss wutentbrannt die Tür auf.

„Ich warne dich, Max, wenn du mir ein Gespräch über Maria und mich aufdrücken willst ...“

Weiter kam er nicht. Max hatte ihn am Kragen gepackt und mit dem Rücken gegen die Tür gedrückt.

„Ich bin es gewohnt, dass Ihr beide euch immer in den Haaren liegt, aber hast du mal einen Blick nach draußen geworfen? Ein Schneesturm ist aufgezogen und Liz und Maria sind noch nicht zurück!“

Michael lugte zur Seite und erstarrte augenblicklich. Alles, was er sehen konnte, waren wild durcheinander gewirbelte Schneeflocken. Die Sonne, die an diesem verheißungsvollen Morgen so schön geschienen hatte, war verschwunden. Die Welt schien in Schnee zu versinken.

„Wie lange schon?“, stammelte er, sich plötzlich der Gefahr bewusst.

Max lockerte seinen Griff „Ich hatte gerade das Feuer im Kamin angezündet und als ich draußen die Holzvorräte aufstocken wollte, wütete bereits ein Schneesturm. Michael, sie sind immer noch nicht da. Wir müssen uns sofort auf die Suche machen.“ Max ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er sofort losstürmen und sie suchen wollte.

„Zieh dich an und hol deine Schneeschuhe, wir gehen los“, befehligte er.

Es ging alles sehr schnell. Michael schien mit einem Schlag aus seinem tranceartigen Zustand aufzuwachen. In Windeseile hechteten sie durch die Hütte, schlüpften in ihre Jacken und griffen nach ihren Schneeschuhen.

„Auf geht’s!“, rief Max und riss die Tür auf, um im nächsten Augenblick wie versteinert stehen zu bleiben.

Vor ihm standen 3 Schneegestalten.

„Max“, stöhnte Liz und sank erschöpft in seine Arme.

„Liz ... Liz!“, rief Max und drückte Liz fest an sich. Nie wieder wollte er sie loslassen. Er hob sie hoch und trug sie ins Wohnzimmer, wo er sie sanft auf das Sofa vor dem Kamin, in dem das Feuer prasselte, niederlegte. Aus seinem Augenwinkel sah er, wie Michael auf Maria zustürzte und sie aus Connors Armen empfing. Er registrierte, wie Connor die Tür hinter sich schloss und seine Jacke ausschüttelte. „Wer ist dieser Bursche?“, fragte er sich. Er würde es schon noch herausfinden, doch vorerst hatte er sich um Wichtigeres zu kümmern. Liz zitterte am ganzen Leib.

„Schnell, du musst die nassen Sachen ausziehen“, sprach Max und befreite Liz aus ihrer durchnässten Jacke, den Schuhen und den Strümpfen. Er beugte sich zur Seite, griff nach dem dicken Quillt und packte Liz damit ein.

„Baby, du bist zurück“, seufzte er erleichtert und überglücklich. Seine warmen Hände umfingen zärtlich ihr Gesicht, seine Finger wanderten über ihre Lippen, ihre Wangen hinauf zu ihren Augen und er beugte sich über sie und küsste sie.

„Ich dachte schon, ich hätte dich ...“ Er konnte nicht weiterreden, stattdessen küsste er sie zärtlich. Nie wieder würde er sie loslassen, schwor er sich.

Isabel war inzwischen mit einem Handtuch herbeigeeilt und hatte es Max in die Hand gedrückt. Ava und Kyle waren mit Michael und Maria in deren Schlafzimmer verschwunden.

„Ich stelle Wasser für einen Tee auf.“ Isabel drehte sich zu Connor. Neugierig taxierte sie den Ankömmling. „Nicht schlecht”, überlegte sie und sprach: „Sie sehen aus, als könnten Sie auch eine Tasse vertragen.“

Connor grinste: „Danke, da sage ich nicht nein.“

„Max, das ist der Mann, der uns gerettet hat“, erklärte Liz, als sie ihn hörte. Sie versuchte sich aufzusetzen, doch sie war zu schwach.

„Shh, Baby, bleib liegen, ich kümmere mich um ihn“, beruhigte sie Max und wandte sich Connor zu.

„Sie haben das Leben meiner Frau und unserer Freundin gerettet. Ich kann Ihnen gar nicht genug dafür danken.“ Er hielt Connor seine Hand hin. „Ich heiße Max und Sie sind ...?“

„Connor, Connor McKenzie“, antwortete Connor und drückte dessen Hand. „Die beiden hatten riesiges Glück. Selbst ich, als erfahrener Trapper, wurde von diesem Schneesturm überrascht. Darf ich fragen, weshalb sich die beiden Frauen bei diesem eisigen Wetter draußen aufgehalten haben?“, fragte er neugierig.

„Ein wirklich dreister Bursche", überlegte Max und versuchte, die Situation etwas herunterzuspielen. „Sie wollten Luft schnappen und haben wohl über ihre Frauengespräche die Orientierung verloren." In seinen Gedanken fügte er hinzu „Ich werde Michael noch den Hals umdrehen ..."

Connor räusperte sich und entgegnete schmunzelnd: „Nun, wir sind hier in Alaska. Ich fürchte, Ihre hübsche Frau muss ihre Frauengespräche vor dem Kamin abhalten. Nichts für ungut, Mann.“

Max stutzte. Er wollte gerade kontern, als Isabel mit dem Tablett und dem Tee zurückkam. „Der Tee ist fertig, Connor, nehmen Sie sich eine Tasse“, flötete sie freundlich. Dieser Naturbursche gefiel ihr. Ihr Blick fiel auf seine blonden, in der Mitte gescheitelten Haare und wanderte weiter, über sein äußerst attraktives Gesicht, hinunter zu den breiten Schultern, dem wohlgeformten Oberkörper und seinen starken Händen. Dieser Mann war wirklich nicht zu verachten.

„Hmm, das ist gut.” Connor griff sich eine Tasse und setzte sich auf die Bank, die vor dem Kamin stand. Immer wieder wanderten seine Augen zu Liz. „Sie ist scheu wie ein Reh“, schwärmte er in Gedanken.

Max hatte Liz inzwischen in seinen Schoß gezogen. Er hielt sie eng umschlungen und flüsterte ihr beruhigende Worte ins Ohr. Sie zitterte jetzt nicht mehr und drehte Connor ihren Kopf zu. Scheu lächelte sie ihn an.

„Sie haben wirklich sehr viel Glück gehabt, Liz“, erwiderte er auf ihr Lächeln. „Darf ich Sie Liz nennen?“, fragte er, während er sich in ihren wunderschönen, dunkelbraunen Augen verlor.

„Ja, das dürfen Sie“, lächelte Liz erneut, „aber nur, wenn ich Sie Connor nennen darf.“

„Natürlich”, versicherte Connor. Er strahlte über das ganze Gesicht.

Isabel räusperte sich und Max schreckte kurz auf. Er hatte Connor die ganze Zeit über angestarrt. Ihm gefiel ganz und gar nicht, was sich gerade vor seinen Augen abspielte.

„Sie sind Trapper und Jäger?“ Isabel hoffte, ein unverfänglicheres Gesprächsthema gewählt zu haben.

„Ja, bereits als kleiner Junge hat mich mein Vater auf die Jagd mitgenommen.“

„Und was jagen Sie so alles?“, fragte Isabel vorwitzig.

„Nun, Caribous, Kleintiere ...“ Connor zögerte und sprach geistesabwesend weiter „manchmal auch scheue Rehe.“ Und wieder verlor er sich in Liz` Augen. „Manchmal auch scheue Rehe“, wiederholte er in seinen Gedanken. Er war hin und weg.

Sie spürte, wie Max plötzlich seine Umarmung an ihr verstärkte und schaute zu ihm hoch. Seine Augen waren starr auf Connor gerichtet. Max schien plötzlich in eine andere Welt gerückt. Sie spürte, wie seine Hand immer wieder ihren Rücken hinaufwanderte, so als wolle er damit seinen Besitzanspruch an ihr Connor gegenüber verdeutlichen. Ihr Blick wanderte von Max zu Connor und wieder zurück. Liz hatte unversehens das Gefühl, eine Art Hahnenkampf mitzuerleben und die Trophäe war sie. Sie wollte gerade ein Ablenkungsmanöver starten, doch Connor kam ihr zuvor.

„Was machen Sie eigentlich um diese Zeit hier oben? Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass wieder jemand in der Hütte wohnt. Eigentlich ist es viel zu einsam hier“, erkundigte er sich ungeniert.

„Der Aufenthalt hier ist ein Geschenk unserer Eltern für unseren Schulabschluss. Wir wollten noch das Land kennen lernen, bevor unsere Semester anfangen“, erklärte Liz schnell.

„Und die Schneestürme“, lachte Connor und trank einen Schluck Tee aus seiner Tasse.

„Und die Schneestürme“, wiederholte Liz und lächelte wieder. Sie war überglücklich, in den Armen ihres Mannes zu liegen, sich wieder an ihn schmiegen zu können und seine Nähe zu genießen.

Max sah ihr Lächeln und was für eine Wirkung es auf Connor hatte. Eifersucht stieg in ihm auf.

„Ich glaube, es ist besser, wenn du dich hinlegst. Meinst du nicht auch?“, flüsterte er Liz ins Ohr, in der Absicht, Connor daran zu hindern, sich weiter an Liz satt zu sehen.

„Lass mich noch etwas am Feuer aufwärmen“, antwortete Liz und küsste ihn. Sie konnte Max` Eifersucht geradezu spüren und versuchte ihn zu besänftigen.

„In Ordnung“, entgegnete Max und drückte Liz fester an sich, während er in Gedanken zu sich sprach: „Dieser Kerl könnte langsam verschwinden.“

„Ich sehe, der Schneesturm hat sich gelegt“, warf Max ein. „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber wenn Sie es noch nach Hause schaffen wollen, müssen Sie sich auf den Weg machen.“

Liz war plötzlich hellwach. „Max, du kannst Connor doch jetzt nicht hinausschicken. Sieh nur, es schneit immer noch“, hielt Liz leicht entrüstet dagegen. „Vielleicht möchte er ...“

Weiter kam sie nicht. „… zurück zu seiner Familie und rechtzeitig zu Hause sein“, beendete Max Liz` Satz und schaute ihr dabei fest in die Augen. Selten hatte Liz solch eine Entschlossenheit in seinem Gesicht und seiner Haltung gesehen. Seine Augen sprachen: „Du gehörst mir, mir allein.“ Ihre Hand reichte hinauf zu seiner Wange und berührte sie leicht. Für einen kurzen Augenblick stand die Welt still. Es existierten nur sie beide. Max neigte seinen Kopf, um Liz zu küssen, doch jäh wurden sie unterbrochen.

„Ihr Mann hat Recht, Liz. Wenn ich mich jetzt nicht auf den Weg mache, wird es für die Heimreise zu dunkel sein und ich werde hier übernachten müssen“, erklärte Connor.

„Hier übernachten?“ Max glaubte nicht richtig gehört zu haben. Natürlich würde er dem Burschen, der seine Frau vor dem Erfrieren gerettet hatte, ein Nachtlager anbieten. Aber man sollte es nicht übertreiben und wenn Connor der Meinung war, es nach Hause schaffen zu können, sollte er sich schleunigst auf den Weg machen.

„Aber ... Max ... du ...“, stockte Liz.

„Du hast ihn gehört“, bestätigte Max, „es ist besser, wenn er jetzt aufbricht.“

Connor stellte seine Tasse auf den kleinen Tisch vor dem Kamin und stand auf. Er griff nach seiner Jacke, die inzwischen angetrocknet war und zog sie an. Nachdem er sie zugeknöpft hatte, bewegte er sich in Richtung Tür. Bevor er diese jedoch öffnete, drehte er sich noch einmal um.

„Ich werde mich noch einmal bei Ihnen melden, um zu sehen, wie es Ihnen geht. Sie haben doch nichts dagegen einzuwenden, Liz, oder?“, fragte er und sein stahlblauen Augen blitzten.

„Natürlich ... gerne ... jederzeit ... Connor“, bekräftigte Liz und lächelte verlegen. Und wieder hielt sie seinem Blick nicht stand und schlug ihre Augen nieder.

„Jederzeit ...“, wiederholte Connor für sich.

Doch Connor war mit Liz` Antwort nicht ganz zufrieden. Als hätte ihn der Teufel geritten, setzte er ein umwerfendes Lächeln auf und griff in die Seitentasche seiner Winterjacke. Er zog einen Stift und ein Stück Papier heraus und kritzelte eine Telefonnummer drauf.

„Das ist meine Handynummer. Falls Sie wieder einmal Lust auf frische Luft haben sollten und dringend einen Retter in der Not brauchen, rufen Sie mich an“, sprach er, als wäre er der Welt entrückt und drückte Liz den Zettel in die Hand. „Richten Sie Ihrer Freundin meine besten Wünsche und gute Besserung aus. Auf Wiedersehen.“ Er sog tief die Luft ein, drehte sich um und ging.

„Auf Wiedersehen ...“, antwortete Liz und lächelte mit dem Zettel in der Hand.

„Auf Nimmerwiedersehen“, sprach Max in Gedanken und nickte Connor zum Abschied zu. Er hatte ein klares Wörtchen mit Liz zu reden.

Die schwere Holztür fiel sanft in das Schloss. Isabel, Kyle und Ava waren mit Michael und Maria beschäftigt. „Endlich allein“, seufzte Liz und drehte sich zu Max. Sie wollte sich gerade an ihn schmiegen, als Max einen Schritt zur Seite wich.

"Was hast du?“ Sie war irritiert.

„Was sollte denn das gerade? Kannst du mir sagen, weshalb du seine Telefonnummer angenommen hast?“, zischte er.

„Was meinst du?“, hakte sie erstaunt nach. Ihre Augen wanderten von Max` grimmigem Gesichtsausdruck hin zu dem Zettel mit Connors Telefonnummer in ihrer Hand. „Es ist doch nur eine Telefonnummer, eine einfache Telefonnummer, Max“, erklärte sie und wollte weiterreden, doch sie wurde schroff von ihm unterbrochen.

„Nicht nur irgendeine Telefonnummer, Liz, seine Telefonnummer, und er hat sie dir gegeben, weil du ihm schöne Augen gemacht hast!“

„Max! Wie kannst du ... er hat uns gerettet! Verdammt!“ Wütend drehte sie sich um und eilte davon.

„Oh nein! Liz, Liz, bleib sofort stehen, ich rede mit dir!“, rief Max und lief ihr hinterher.

Sie war inzwischen am Sofa angekommen, als Max sie am Arm festhielt. „Bleib sofort stehen und rede mit mir!“, befahl er schroff.

Liz wirbelte herum und blitzte ihn an: „Ich sage dir jetzt etwas, Max Evans, und du wirst dir jedes Wort genau merken, denn ich werde es nicht wiederholen. Du bist eifersüchtig! Verdammt eifersüchtig! Ja, es stimmt, ich finde ihn sympathisch und weißt du auch warum? Er hat etwas, das mir gefällt. Er ist charmant, er hat wunderschöne Augen, er ist ganz und gar nach meinem Geschmack. Das wolltest du doch hören, oder?!“, fauchte Liz, ihre Hände in die Hüften gestützt.

„Du scheinst vergessen zu haben, dass er uns gerettet hat, Max. Gerettet! Wäre er nicht gewesen, wären wir mit größter Sicherheit nicht mehr am leben. Aber das scheint dir nichts zu bedeuten!“ Wütend zerknüllte sie das Stück Papier mit Connors Telefonnummer und warf es Max an den Kopf. „Mach doch mit der blöden Telefonnummer, was du willst!“, zischte sie, drehte sich um und stapfte in ihr gemeinsames Zimmer.

Max stand wie festgewurzelt an seinem Platz. Fassungslos schaute er Liz nach und sah, wie sie im Zimmer verschwand. Er hatte plötzlich das Gefühl, als wäre er in einem schlechten Film. Seine Liz hatte sich gerade dazu bekannt, ein Faible für diesen Typen zu hegen. Seine Liz! Max` Gedanken rasten. Nur ein Faible oder war es doch etwas mehr, fühlte sie sich etwa zu ihm hingezogen? Gewiss, dieser Typ hatte sie gerettet – Gott sei Dank gerettet – aber deshalb gleich ... verdammt, deshalb musste sie sich doch nicht gleich von ihm bezirzen lassen ... Vielleicht waren dies ja auch die Auswirkungen eines Kälteschocks! Er musste das sofort klären.

„Liz!“, schrie er plötzlich, als er aus seinem Schockzustand aufwachte und hechtete in Richtung des gemeinsamen Zimmers. Doch kaum war er in Höhe der Eingangstür angekommen, wurde sie ihm auch schon vor der Nase zugeschlagen. „Au, verdammt, Liz!“, stöhnte er.

„Verzieh dich, Max! Ich will dich nicht mehr sehen!“, wütete Liz aus dem Zimmer heraus.

Max glaubte, nicht richtig gehört zu haben. Er solle sich verdrücken! Wieso er? Wieso immer er?

Er wollte gerade den Türgriff hinunterdrücken und hineinstürmen, als er bemerkte, dass Liz die Tür zugesperrt hatte. Jetzt reichte es. Max konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor derart schnell in Rage gewesen zu sein. Er hob seine Faust und donnerte dagegen. „Liz! Mach sofort die Tür auf!“, warnte er und rüttelte mit seiner anderen Hand energisch an dem Türgriff. „Liz, wenn du nicht sofort aufmachst, breche ich die Tür auf“, drohte er und trat einen Schritt zurück, in der Absicht, mit Gewalt durch die Tür zu stürmen.

Er setzte gerade an, als er eine Hand auf seiner linken Schulter spürte. „Max?“ Ein skeptisch dreinschauender Michael mit hoch gezogenen Augenbrauen stand hinter ihm. „Du willst doch nicht etwa die Tür aufbrechen? Meinst du nicht, das geht auch anders?“, grinste er. „Oder hast du deine Kräfte schon wieder verloren?“, setzte er noch eins obendrauf, als er Max` geschockten Gesichtsausdruck sah.

„Halt dich da raus, Michael!“, zischte Max mit hochrotem Kopf.

„Ganz langsam, Junge“, konterte Michael entgegen seiner Art mit sanfter Stimme und hob beschwichtigend seine Hände, in der Hoffnung, Max zu beruhigen. „Was ist überhaupt los?“, wollte er wissen, bemüht, ein Grinsen zu unterdrücken.

Max starrte ihn fassungslos an. Was war eigentlich los? Er hatte innerhalb kürzester Zeit ein Verhalten wie ein eifersüchtiger Zuchtbulle an den Tag gelegt. Er benahm sich nicht nur so, er war eifersüchtig. Verdammt heftig eifersüchtig!

„Max …? Ist alles in Ordnung?“ Michael wollte sicher gehen, denn schließlich verhielt sich sein Freund nur in Extremsituationen derart ... extrem. Er hob seine Hand und schwenkte sie vor Max` Gesicht hin und her.

„Michael ... ich ... ich“, stotterte Max und sackte plötzlich in sich zusammen. Mit seinem Rücken lehnte er sich an die Tür und rutschte an ihr herunter. „Ich glaube, ich habe mich gerade wie der größte Idiot benommen“, erklärte er fassungslos und stützte seinen Kopf in seine Hände.

„Soll vorkommen, Max“, bekräftigte Michael trocken, „wäre nicht das erste Mal“, fügte er etwas leiser hinzu und setzte sich neben seinen Freund auf den Boden. „Lass mich raten, Liz hat sich eingesperrt und aus irgendeinem Grund eine Stinkwut auf dich?“

„Ich denke, irgendwie schon“, bestätigte Max geschlagen und nickte langsam mit dem Kopf. „Oh Gott, Michael, ich glaube, ich war ein Vollidiot“, stöhnte er und blickte seinem Freund in die Augen.

„Hmm, dann sind wir wahrscheinlich heute schon zwei“, schätzte Michael und biss sich auf die Unterlippe.

„Hmm“, antwortete Max und starrte in das prasselnde Feuer im Kamin. „Hast du dich schon entschuldigt?“, erkundigte er sich plötzlich und drehte sich, um Michael anzuschauen.

Michael atmete tief aus und nickte. „Ja, war gar nicht so einfach.“

„Kann ich mir vorstellen“, mutmaßte Max und presste die Lippen zusammen.

„War richtig Arbeit“, seufzte Michael und grinste verschmitzt.

„Also ... richtig viel Arbeit? Huh?“, grinste Max zurück und beide Männer fingen plötzlich an zu lachen. „Frauen“, seufzten beide gleichzeitig und lachten noch mehr, um im nächsten Augenblick rücklings auf dem Boden zu landen.

Liz hatte die Tür geöffnet.

„Pff ... Männer!“ Liz hatte sich über sie gebeugt und ihre Arme in die Hüfte gestemmt.

„Baby ... ich ...“, versuchte Max verdattert einen Satz zu Ende zu bringen, als er zu ihr hoch starrte.

„Baby, huh?“, fauchte Liz und ihre Augen funkelten.

„Kumpel, ich glaube, du hast noch ein hartes Stück Arbeit vor dir“, tuschelte Michael und erhob sich, um sich zu verdrücken.

Noch immer lag Max am Boden. Wie ein kleiner Junge blickte er zu Liz auf. Das würde nicht leicht werden, oder vielleicht doch?

„Willst du den ganzen Tag auf dem Boden liegen bleiben, oder hast du noch andere Pläne?“, fragte Liz spitz.

So leicht, wie er sich das vorgestellt hatte, würde das wohl nicht werden, spekulierte Max und rollte sich auf die Seite, um aufzustehen. Während er sich in Gedanken seine Taktik zurechtlegte, schloss Liz hinter ihm die Tür.

Schweigend standen sie sich gegenüber. Unsicher ließ er seine Hände in seinen Hosentaschen verschwinden und schaute ihr zaghaft in die Augen. In diese wunderschönen, großen, dunklen Augen. Er liebte es, in ihnen zu versinken, sich in ihnen zu verlieren. Niemandem sonst sollte dies möglich sein, niemandem außer ihm. Und wieder spürte er, wie die Eifersucht in ihm aufloderte, doch sofort drückte er sie nieder und räusperte sich.

„Baby ... Liebling“, versuchte er sich mit sanfter Stimme zu entschuldigen, „ich war eifersüchtig, als ich sah, wie er dich angelächelt hat, wie er dich voller Hingabe angestarrt hat ... und wie du seine Telefonnummer in Empfang genommen hast ... und wie du gesagt hast, er könne sich ruhig nochmals bei uns melden ... da ... da hat es bei mir ausgesetzt“, atmete er tief durch und senkte seinen Kopf.

„Ich weiß, er hat dich gerettet. Aber sieh nur, wenn Michael nicht gewesen wäre, wärst du nicht Maria hinterher gerannt und dieser ... dieser Connor hätte dich gar nicht retten müssen ... ich meine, dann wäre ich derj...“

„Derjenige gewesen, der mich gerettet hätte?“, beendete Liz seinen Satz mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ja genau, das wollte ich sagen“, bestätigte Max in aller Eile, während er sich traute, einen schnellen Blick in Liz` schöne Augen zu werfen.

„Du willst mir also damit sagen, dass nur du mich retten darfst?“, fragte sie immer noch mit ernstem Gesicht.

„Hmm, ja, sozusagen“, brummte Max. Er war jetzt optimistischer und seine Augen folgten jeder ihrer Bewegungen.

„Du willst mir also damit sagen, dass ich mich – auch wenn ich mich in größter Not befinde – von niemandem außer dir retten lassen darf?“, zog sie ihn auf, ihre Stimme immer noch ernst.

„Genau ...“, bestätigte Max, jetzt noch hoffnungsvoller.

„Du willst mir also damit sagen, dass ich in jeder brenzligen Situation solange warten soll, bis du kommst und mich rettest?“, reizte Liz. Ihre Stimme hatte jetzt einen weicheren Ton bekommen. Inzwischen stand sie nicht mehr vor ihm, sondern war in langsamen Schritten hinter ihn geschlichen.

„Genau ...“, stotterte Max, als er ihren heißen Atem in seinem Nacken spürte.

„Und wenn ich das nicht tue?“, hauchte sie ihm ins Ohr, „was geschieht dann?“, raunte sie und kniff ihm mit beiden Händen in seine Seiten.

Max schreckte zusammen, als hätte ihn der Blitz getroffen und drehte sich ruckartig herum, um sich Liz zu schnappen. Doch diese hatte sich schon auf das Bett gerettet.

„Komm mir nicht zu nahe, du Retter in der Not!“, jauchzte sie und hielt beschützend das Kopfkissen vor sich.

„Ich muss dich doch retten“, grollte Max und stürzte sich auf Liz.

Kissen flogen durch die Luft. Max hatte Liz unter sich gezogen und ihr gedroht, er werde sie ausziehen, wenn sie nicht aufhöre, sich weiterhin zu wehren. Liz hatte natürlich – wie konnte es anders sein – nicht aufgegeben und ihr blieb nichts anderes übrig, als die Prozedur über sich ergehen zu lassen. Der Raum war gefüllt mit leichtem Stöhnen und Liebesgeflüster. Ihr Liebesspiel war wild und feurig. Danach lagen sie eng umschlungen in den Armen des anderen, ihre schweißgebadeten Körper umhüllt von der wärmenden Decke. Liz lag mit ihrem Kopf eng an Max` Oberkörper geschmiegt und lauschte seinem Herzschlag, während Max` Hände in sanften Bewegungen über ihren Rücken glitten.

„Ich liebe dich, Liz“, sprach er mit sanfter Stimme, „mehr als mein eigenes Leben.“

Liz hob ihren Kopf und ihre dunklen Augen strahlten. „Ich sollte dich öfters eifersüchtig machen.“

„Und ich sollte dich öfters retten“, raunte Max, während er seinen Kopf neigte, um sie zu küssen. Seine Hand glitt ihren Körper hinunter zu ihrer Hüfte und zog ihr freies Bein über seine Schenkel. Liz holte tief Luft, als sie seine Erektion erneut spürte.

„Schon wieder?“, wisperte sie atemlos.