written by: Angel, Cordyfan, Izzy, Isabel Evans, Ivy & Thalia

SPECIAL FEATURES:

Michael und Maria feiern ein ganz privates Weihnachten

Endlich waren sie an der Hütte angelangt. Nach der Umgebung zu urteilen, versprach es ruhig zu werden und das bedeutete, dass sie Zeit hatten, sich zu erholen.

Max schloss die Tür auf und die Gruppe folgte ihm hinein. Alle sprachen durcheinander, bewunderten die Einrichtung und machten schon Pläne, wer wohl wo mit wem schlafen sollte. Auf dem Esszimmertisch lag auffällig ein Umschlag mit dem Wort ZAN.

„Was ist das denn?“ Max war erstaunt und alle blickten fragend in seine Richtung. Es konnte nur einen geben, der ihnen einen Brief hierher schicken könnte und dann auch noch den Namen des Königs darauf schrieb: Cal.

Max ließ die Tasche, die er in der Hand hielt, fallen, schnappte sich den Umschlag und öffnete ihn hastig.

Liz trat neben ihn und konnte gerade noch die herausfallenden Karten auffangen.

„Wie kommt der denn hierher?“, wollte Michael wissen, doch Max beachtete ihn nicht und begann, den Brief laut vorzulesen.

Geliebter allwissender König,

ihr habt wohl eines nicht bedacht. Nur einfach die Namen auf euren Ausweisen zu ändern, schafft euch keine neue Identität. Solltet ihr überprüft werden, wären eure Namen nicht existent. Sie kämen euch dann noch schneller auf die Schliche als vorher.

Mit im Umschlag sind für jeden von euch, außer Ava, neue Ausweise. Das Besondere daran? In den Ausweisen ist ein Chip eingebaut, der bei einer Überprüfung eure neuen Daten unbemerkt direkt in das Zentralregister einspielt. Die Daten auf dem Chip könnt ihr mit euren Kräften entsprechend ändern. Bei Avas Ausweis habe ich in LA schon dafür gesorgt, dass er entsprechend präpariert wurde.

Ich hoffe, es ist das letzte Mal, dass ich euch aus der Patsche helfen muss. Seht es als Abschiedsgeschenk. Ich wünsche, euch nie wieder zu sehen!

Lebt wohl

Cal


Erstaunt starrten sie Liz an, die die Ausweise in den Händen hielt.

„Na, da hatten wir aber einen riesigen Denkfehler in unserem Fluchtplan. Und viel Glück, dass wir bisher nicht gründlich überprüft wurden“, stellte Liz noch etwas verwirrt fest.

Sich langsam vom Schock erholend, meinte Isabel: „Ok, dann lasst uns die alten Ausweise gleich vernichten und die neuen sorgfältig aufbewahren.“

„Cal kann ja sogar mal richtig freundlich sein.“ Michael war völlig perplex. Mit so etwas hätte keiner gerechnet.


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Ganz langsam kuschelte sie sich eng an ihn. Es war so schön, ihm wieder nahe zu sein. Seine harte Brust unter ihren Händen zu spüren, wie sie sich bei jedem Atemzug hob und senkte. Sie liebte dieses Gefühl. Sie liebte ihn.

Noch leicht verschlafen öffnete er seine Augen. Er konnte spüren, wie sie halb auf seiner Brust lag, sich an ihn schmiegte. Oh, wie sehr hatte er es vermisst, sie vermisst. Doch nun hatten sie sich ausgesprochen und waren sich auch wieder näher gekommen. Er liebte sie über alles.

Er streichelte über ihren Rücken und sie hob den Kopf, um in seine braunen Augen zu blicken.

„Guten Morgen, mein Schatz.“ Sie grinste ihn glücklich an und küsste ihn dann zärtlich auf den Mund.

„Mmh, guten Morgen“, brummte er genüsslich. Dieser Kuss verlangte nach mehr, und so beugte er sich zu ihr hinunter. Doch bevor sich ihre Lippen berührten, kam etwas Wolliges dazwischen und eine nasse, raue Zunge wischte Max übers Gesicht.

Verblüfft schreckten sie auseinander und schauten auf das kleine bauschige Knäuel zwischen ihnen.

Als Liz Benny, das Findelbärchen, erkannte, fing sie schallend an zu lachen. Er blickte treudoof zwischen beiden hin und her und schmiegte sich dann an Liz.

Max war sichtlich verärgert, dass die traute Zweisamkeit nun vorbei war und wischte sich angewidert den Sabber vom Gesicht.

„Hey, das gehört sich aber nicht. Man wischt anderen Leuten nicht übers Gesicht. Wie würdest du das denn finden, wenn ich das bei dir machen würde?“, versuchte er den Bären spielerisch zu belehren.

Oh, wie gut tat es doch, seine Frau mal wieder so richtig herzhaft lachen zu sehen. Solche Momente waren in letzter Zeit viel zu selten. Glücklich grinste er Liz an und streichelte dem Racker über den Kopf.

„Na, du kleiner Wirbelwind? Willst du auch eine Kuscheleinheit?“, kicherte Liz, nahm den Bären in den Arm und drückte ihn fest an sich. Vor ein paar Tagen hatten Ava, Kyle und Michael das kleine Knäuel mit angeschleppt, nachdem sie eigentlich nur einen Weihnachtsbaum holen sollten ...

“Ist sie eigentlich immer so? So ...“, wollte Ava wissen, während sie mühsam versuchte, mit Michael und Kyle Schritt zu halten, was bei dem vielen Schnee nicht so einfach war.

„Du meinst so nervig, so herrisch? Nein, nur wenn es um Weihnachten geht. Dann muss bei ihr immer alles perfekt sein. Sie entwickelt sich dann regelrecht in einen Christmasnazi“, erklärte ihr Michael Isabels derzeitiges Verhalten.

Isabel hatte Kyle und Michael in den Wald gejagt, weil sie einen Weihnachtsbaum auftreiben sollten. Und da Männer, vor allem diese zwei, bekanntlich kein Auge für derlei Dinge haben, sollte Ava sie begleiten. Als Frau hatte man bekanntlich ein Gespür für so etwas. So stapften nun alle drei durch den hohen Schnee.

Nach einiger Zeit hatten sie ein geeignetes Exemplar als Weihnachtsbaum gefunden und mit der mitgeschleppten Axt gefällt.

Michael war gerade dabei, den Baum zu packen und Richtung Hütte zu ziehen, als Ava sie alle aufforderte, ruhig zu sein.

„Seid doch mal still! Hört ihr das?“ Sie legte eine Hand ans Ohr, um besser lauschen zu können. Michael und Kyle schauten sich verwundert an, doch dann vernahmen sie alle ein leises Winseln.

Vorsichtig schlich Ava sich näher zu der Stelle, wo sie die Ursache des Geräuschs vermutete. Als sie um einen Baum herumschaute, zog sie die Luft erschrocken ein.

Michael schob sie ungeduldig zur Seite und erblickte einen kleinen Bären, der in einer Falle festsaß.

„Was … zur Hölle … ist das?“

Die Antwort auf seine Frage kannte Michael schon längst und es war auch offensichtlich, doch Kyle konnte sich eine flapsige Bemerkung nicht verkneifen. „Sieht aus wie ein Vogel, oder etwa nicht? Das sieht doch jeder.“

„Also, deine Scheißkommentare kannst ...“

„Nun hört auf euch anzufauchen. Überlegt euch lieber, wie wir dem armen Kleinen helfen können“, unterbrach Ava die zwei Kerle.

„Helfen? Ich bin doch nicht lebensmüde. Wenn die Mutter kommt, sind wir alle erledigt“, wehrte Michael sofort ab.

„Wenn, dann wäre Mutter Bär noch in der Nähe und wir könnten sie hören. Baby Bär hat sich anscheinend von seiner Mutter weggeschlichen und ist dann in die Falle geraten. Wer weiß, wie lange schon“, versuchte Ava Michael umzustimmen.

„Ich schätze, dass er schon eine ganze Weile dort festsitzt. Er hat Schmerzen, denn die Zähne der Klappfalle haben ihn verletzt. Na komm schon, Michael. Du kannst doch deine Kräfte nutzen und aus der Entfernung die Falle öffnen, dann passiert dir nichts.“

Kyles Argumente schienen zu wirken, denn Michael streckte seinen Arm aus und konzentrierte sich.

Mit einem lauten Knarren fiel das Metallgestell auseinander und das Tier war frei.

Doch es bewegte sich nicht weg und schaute die drei nur mit großen, unschuldigen Augen an.

„Na los, nun lauf schon weg. Lange kann ich das nicht mehr offen halten“, knurrte Michael den Bären an.

Kyle konnte sich das nicht länger mit ansehen, lief auf die Falle zu und hob das Wollknäuel in seine Arme.

Wenige Sekunden später klappten die Metallzähne wieder zusammen und Ava starrte Kyle entsetzt an.

„Bist du verrückt geworden? Wer weiß, ob der Bär nicht gefährlich ist?“, schrie Michael ihn verärgert an.

Wie um die Aussage von Michael zu widerlegen, leckte das Tier Kyle über das Gesicht.

„Ja, sehr gefährlich. Er könnte uns beim Abwasch helfen.“ Lachend kam Kyle auf die beiden zu. „Er ist verletzt.“

„Am Besten, wir nehmen ihn mit in die Hütte und verarzten ihn dort, so gut es geht. Dann können wir ihn wieder in die Freiheit entlassen“, schlug Ava vor.

„Also nehmen wir Benny mit nach Hause.“

„Benny? Wer ist Benny?“ Michael nahm den Weihnachtsbaum und schaute Kyle ungläubig an.

„Unser neuer Freund hier“, erklärte dieser und deutete auf den Bären in seinen Armen.

„Du hast ihm nicht wirklich einen Namen gegeben, oder? Drehst du hier langsam durch?“ Kopfschüttelnd schlug Michael den Weg zurück zur Hütte ein.

Grinsend folgte Ava den dreien.

*****

Die Sonne ging gerade auf. Draußen hörte man noch das letzte Heulen der Wölfe, als Isabel begann, hektisch durch die Hütte zu laufen und sich verzweifelt bemühte, alle aus den Betten zu scheuchen.

"Aufstehen! Wir müssen noch so viel erledigen und haben nicht mehr lange Zeit", rief sie, während sie die Zimmertüren öffnete und jeden einzelnen mit ihrer Nervosität zu wecken versuchte.

Michael, der noch völlig verschlafen neben Maria im Bett lag, griff hinter sich nach dem Kissen und warf es in hohem Bogen Richtung offene Tür. Knapp verfehlte er Isabel, die mit Nachdruck und bestimmend forderte, dass sie nun endlich aufstehen sollten.

"Raus mit dir! Nerv jemand anderen", fauchte Maria sie verschlafen an. Michael drehte sich einfach um und schlief weiter.

Doch Isabel ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie hatte einen Plan und wollte das "perfekte Weihnachten" feiern, und wenn sie jeden Einzelnen der Gruppe dazu zwingen würde. Dieses Jahr würde nichts und niemand ihre Feier stören. Ein einziges Mal in den ganzen letzten Jahren wollte sie nur ein beschauliches, ruhiges Weihnachtsfest und das brauchte sie dieses Jahr noch mehr als sonst. Nicht nur, dass sie nicht mit ihrem Mann feiern konnte, nein, es war auch das erste Mal, dass Tausende von Meilen sie von ihren Eltern an diesem besonderen Tag trennten.

Für sie war Weihnachten gleichbedeutend mit Normalität und die hatten sie nach all dem Stress der letzten Zeit wahrlich nicht.

Entschlossen suchte sie die Küche auf und füllte einen Krug mit Wasser, ehe sie zurück zu Michaels und Marias Zimmer ging.

Als sie das Zimmer fast wieder erreicht hatte, kam ihr ein verschlafener und müder Kyle entgegen.

"Was soll das werden?", fragte er und deutete auf den Behälter in ihrer Hand.

"Ach nichts", antwortete sie Schulter zuckend und beachtete ihn nicht weiter. Sie betrat das Zimmer der beiden Schlafmützen, stellte sich demonstrativ vor das Bett und blickte auf die beiden hinab.

"Entweder ihr steht jetzt auf oder ihr lasst mir keine andere Wahl", sagte sie drohend.

Weder Michael noch Maria beachteten sie weiter und so kam das Unvermeidliche.

Michael hatte Isabel nicht wirklich registriert, doch als plötzlich etwas Kaltes, Nasses über sein Gesicht gekippt wurde, war er schlagartig hellwach.

Er riss seine Augen auf und sah, wie sie, mit einem Krug herausfordernd über ihm stand. Ihre rehbraunen Augen blitzten.

"Gut, du bist wach", säuselte sie süßlich und entgegen ihres sonstigen Auftretens, "dann kannst du uns ja jetzt in der Küche Gesellschaft leisten und bei den Vorbereitungen helfen."

"Sag mal, spinnst du?", fuhr Michael sie wütend an. So etwas hatte er ja noch nie erlebt und selbst Maria hätte sich nicht getraut, ihn so zu behandeln.

In dem Moment tauchte eine verschlafene Ava in der Tür auf und blickte von Isabel zu dem frisch "geduschten" Michael.

"Was ist denn hier los?", fragte sie etwas irritiert. Isabel beachtete sie gar nicht und Michael verdrehte nur die Augen.

Da saß er im Bett, mit nassen Haaren, und wusste nicht, was er als Erstes erledigen sollte. Isabel den Hals umdrehen, oder Ava vor dem Christmasnazi warnen. Doch da Isabel noch in der Nähe war, entschied er sich für Option drei und rüttelte Maria wach.

"Wenn du nicht auch von einer kalten Dusche geweckt werden willst, Schatz, solltest du jetzt aufstehen."

Mit einem Grummeln drehte sie sich um und öffnete verschlafen die Augen.

"Noch 5 Minuten", murrte sie leise als Antwort, um gleich darauf wieder die Augen zu schließen.

"Nix da, wir haben heute noch so viel zu tun, also wirst du jetzt gefälligst aufstehen. Wir haben nicht mehr viel Zeit und dieses Mal will ich, dass wirklich alles perfekt ist", mischte sich Isabel jetzt ein, während Maria sich an Michael kuschelte.

"Ich bin müde, also lass mich schlafen."

Michael strich ihr durch die Haare und versuchte jetzt selbst, Maria zum Aufstehen zu bewegen. Immerhin wusste er genau, wozu Isabel fähig war, wenn sie als Christmasnazi agierte. Sie war dann wie auf Autopilot und ihr einziges Ziel war eine perfekte Weihnachtsfeier.

"Komm, steh auf, sonst zwingst du Izzy noch etwas zu tun, was weder dir gefällt, noch sie gerne macht." Er drehte seinen Kopf und sah Isabel an. "Stimmt's?"

"Wenn ihr beiden in 5 Minuten nicht aufgestanden seid, dann verpasse ich euch noch mal eine kalte Dusche", sagte sie, ohne auf seine Frage zu antworten, drehte sich um und verließ das Zimmer.

Alle, außer Maria und Michael, hatten sich bereits am Frühstückstisch versammelt. Doch jeder von ihnen war mit etwas anderem beschäftigt.

"Sobald unsere beiden Schlafmützen hier sind, werde ich die Aufgaben nach euren besonderen Fähigkeiten aufteilen. Ich habe mir vorgenommen, dass diesmal alles einfach nur perfekt wird. Und wehe, einige von euch sabotieren mich, wie in der Vergangenheit." Sie blickte ihren Bruder scharf an.

"Hey, was siehst du mich so an? Ich habe dich niemals sabotiert. Dieses eine Mal mit dem Baum war keine Absicht."

"Ja, ja ich weiß, da gab es andere, die es noch besser geschafft haben."

Liz konnte sich ein Kichern nicht mehr verkneifen und Ava, die immer noch nicht verstand, was eigentlich los war, blickte sie alle ratlos an.

In dem Moment kamen Michael und Maria ins Esszimmer und setzten sich, nach einer gemurmelten Begrüßung, an den Tisch.

"Was soll das eigentlich alles?", wollte Ava endlich wissen. Das alles war für sie so neu und sie kam sich wie eine Fremde vor.

"Wenn man vom Teufel spricht ...", Isabel starrte Michael und Maria strafend an, woraufhin Liz in lautes Lachen ausbrach.

"Was ist so witzig?", fragte Maria ihre Freundin. Doch außer einem Glucksen bekam sie keine richtige Antwort.

"Wir waren gerade dabei, festzustellen, dass dieses Jahr niemand mein Weihnachtsfest sabotiert. Haben wir uns verstanden, Weihnachtsmann und Schneeflöckchen?"

Bei der Erwähnung dieser "Spitznamen" konnten sich selbst Kyle und Max ein Grinsen nicht verkneifen.

"Damit ihr es gleich wisst, so etwas wie damals kommt nicht noch einmal vor!"

"Heil!", murmelte Michael und verdrehte die Augen.

Ava rollte mit den Augen. Diese Leute waren eindeutig nicht mehr normal, und innerlich fragte sie sich, wieso sie überhaupt hier war.

"OK, also kommen wir jetzt zur Einteilung der Aufgaben", verkündete Isabel und stapfte wie ein Offizier bei der Inspektion vor dem Tisch auf und ab.

"Fangen wir beim Baum an. Darum werden sich Max und Kyle kümmern. Ihr werdet ihn von draußen reinholen und im Wohnzimmer aufstellen, damit wir ihn heute Abend schmücken können."

Max hörte gar nicht auf das, was seine Schwester befahl, sondern strich Liz über den Rücken und knabberte an ihrem Ohrläppchen.

Kyle schien ebenfalls abgelenkt zu sein. Er griff immer wieder unter den Tisch, um ihren kleinen Hausgast zu füttern, der zu seinen Füßen lag. Gierig schnappte er nach allem, was Kyle ihm vor die Schnauze hielt.

"OK, dann kommen wir zu Michael und Maria. Ihr beide seid für das Essen verantwortlich. Ich hoffe, das überfordert euch nicht."

"Und du, Liz, kümmerst dich darum, dass dieses Ding", sie zeigte auf den kleinen Bären, "uns nicht im Weg ist. Es ist mir egal, wie du das anstellst, aber ich lasse mir dieses Fest von niemandem ruinieren, weder von einem Menschen, noch von einem Tier, wie diesem Wollknäuel."

"Ava, du kannst mir dabei helfen, Popcorn aufzuziehen. Damit dürften alle Aufgaben verteilt sein und ich erwarte von jedem von euch, dass er sein Bestes gibt."

Während Isabel redete, achtete niemand wirklich auf sie. Alle wussten, dass sie sie sowieso immer wieder an ihre Aufgaben erinnern würde.

Maria beugte sich zu Michael und ohne Vorwarnung biss sie ihm in die Schulter, was er mit einem spitzen Schrei quittierte. Als er in ihr Gesicht blickte, grinste sie ihn nur anzüglich an und ihm kam die gestrige Nacht wieder ins Bewusstsein. Nun konnte er sich ein Lächeln ebenfalls nicht mehr verkneifen.

Daraufhin starrten ihn die anderen verständnislos an und schüttelten ihre Köpfe.

Seine Freunde nicht beachtend, stand er auf und verschwand in der Küche. Er konnte die Blicke der anderen in seinem Rücken förmlich spüren und wusste genau, was sie dachten. Ihm war es völlig egal und er schuldete niemandem eine Erklärung, schon gar nicht, wenn es um sein Privatleben ging.

Isabel räusperte sich und jeder im Raum richtete seine Aufmerksamkeit wieder zu der Frau, die während der Weihnachtstage so etwas wie die uneingeschränkte Befehlsgewalt innehatte. Niemand wollte sich mit Isabel anlegen, wenn sie in derartiger Stimmung war.

"Gut, nachdem nun jeder weiß, was zu tun ist, sollten wir anfangen. Ava, würdest du bitte mit dem Popcorn beginnen? Ich kümmere mich derweil noch um andere Dinge."

"Klar", antwortete sie. Doch in ihrer Stimme lag wenig Enthusiasmus für das Kommende.

Alle erhoben sich gezwungenermaßen, um ihrer auferlegten Aufgabe nachzugehen.

Kyle ging zum Kleiderständer, der neben der Tür stand, um nach seiner Jacke zu greifen, als sich Ava, auf dem Weg aus dem Wohnzimmer, an ihm vorbei drückte.

"Halt! Stehen bleiben!", rief Maria plötzlich und jeder starrte sie erstaunt an. Doch sie zeigte nur auf Kyle und Ava und dann auf den oberen Türrahmen, wo sich der kleine Mistelzweig befand.

"Oh nein, ihr erwartet doch nicht etwa allen Ernstes, dass ...", versuchte Kyle sich aus der "Verantwortung" zu ziehen.

"Oh doch. Das ist nun einmal Tradition. Also, solltet ihr es hinter euch bringen", antwortete Maria und ein kleines schelmisches Lächeln umspielte ihre Lippen.

"Nein. Das ist ein alberner Brauch und ich werde ihn sicher nicht befolgen."

"Jetzt stellt euch nicht so an", drängte Maria, während die anderen mit interessiertem Grinsen beobachteten, wie Kyle und Ava sich zierten.

Zuerst hatte Ava nicht wirklich verstanden, was gemeint war, doch als sie das kleine Stück Grünzeug sah, war es ihr klar. Das Ganze war ihr ziemlich peinlich. Sie stand da, mit gesenktem Kopf, und wich den drängenden Blicken der anderen aus. Eine leichte Röte zierte ihr Gesicht.

"Kuss, Kuss, Kuss!", feuerten die anderen die beiden Opfer an und Kyle seufzte resignierend, ehe er sich schnell zu ihr hinab beugte und seine Lippen kurz ihre berührten.

"Das bekommt ihr zurück", drohte er, und auch wenn es für einen Moment sehr schön war, so fand er es doch ziemlich surreal. Er war, trotz seiner anfänglichen Hoffnungen, selbst bei Tess niemals so weit gegangen und jetzt hatte er jemanden wie Tess` Schwester geküsst. Er konnte nicht wirklich sagen, was er dabei fühlte. War es die Erfüllung eines lang gehegten Traumes, oder war es wie das Wiederbeleben eines fürchterlichen Alptraums?

"Nachdem das erledigt ist, können wir ja anfangen", riss Isabel wieder die Kontrolle an sich und jeder machte sich daran, seine Aufgaben zu beginnen. Ausgenommen Ava, die immer noch verloren im Türrahmen stand und sich jetzt noch dümmer vorkam, als jemals zuvor. Sie kannte diese Tradition auch. Doch wer wie sie in der Kanalisation aufgewachsen war, hielt nicht viel von derart schmalzigen Dingen. Aber es schien ihr, als ob es bereits ein ganzes Leben her war, und sie jetzt ein völlig neues Leben führte, beziehungsweise gezwungenermaßen führen musste.

"Was ist los, Ava? Warum stehst du wie angewurzelt herum?", rief Isabel sie aus ihren Träumereien wieder in die Realität zurück.

*****

In der Küche herrschte buntes Treiben. Die Weihnachtsgans hatten sie schon einmal auf einen Stuhl gelegt. Es roch nach Plätzchen und überall waren die Zutaten verteilt. Die Küche sah aus wie ein Schlachtfeld und mittendrin standen Maria und Michael.

Beide hatten die Hände voller Mehl und Kuchenmasse. Maria hatte schon über die Hälfte des Teiges genascht und war gerade dabei, weiteren in ihrem Mund verschwinden zu lassen, als Michael sie verärgert anblickte: „Meinst du nicht, dass du schon genug davon gegessen hast?“

Michael schaute sie von der Seite aus an und registrierte frustriert, dass sie sich von ihm nicht abhalten ließ.

Die Uhr verriet ihm, dass das Gebäck im Backofen noch fünf Minuten dauern würde und er schob, um es vor Maria in Sicherheit zu bringen, ein weiteres Blech in die Röhre.

Das schmatzende Geräusch von Maria brachte ihn dazu, sie wieder anzublicken und er grummelte leise vor sich hin, ehe er sie noch mal darauf ansprach.

„Der viele süße Teig bekommt dir nicht.“ Er stemmte seine Hände in die Seite.

Plötzlich ließ sie von dem Teig ab und er freute sich schon, endlich einmal einen Erfolg bei ihr erzielt zu haben. Aber als er ihren Blick sah, musste er feststellen, dass das was jetzt kommen würde, nicht so erfreulich für ihn sein würde, wie er es sich ausgemalt hatte.

Er musste bei ihrem Blick schlucken und stöhnte schon jetzt innerlich auf.

„Meinst du damit etwa, ich wäre zu dick?“

„Sag jetzt bloß nichts Falsches, Michael“, dachte er bei sich und versuchte genau zu überlegen, wie er aus diesem Schlamassel wieder heil heraus kommen könnte. Er beobachtete ihre Mimik. Sie hatte ihre Arme verschränkt, der Teig klebte nun an ihrem Pullover. Den Mund hatte sie verzogen und ihr Blick verhieß gar nichts Gutes.

„Ääääh ... nein, das wollte ich damit ...“, versuchte er den bereits angerichteten Schaden zu beheben, aber sie ließ ihn nicht ausreden.

„Ach, hör doch auf. Allein die Tatsache, dass du so lange für diese Antwort brauchtest, spricht gegen dich. Männer ...“ Sie warf die Arme in die Luft. „... ihr seid doch alle gleich. Alle wollen nur superdünne, magersüchtige Püppchen, die dumm wie Stroh sind. Es ist doch immer dasselbe mit euch ...“ Er wusste, dass er sie in ihrem Redeschwall erst einmal nicht stoppen konnte, also beschäftigte er sich damit, die Küche wieder in Ordnung zu bringen.

„Hörst du mir überhaupt zu?“ Sie stand auf einmal direkt neben ihm und fixierte ihn.

„Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt tot.“ Michael verzog den Mund, anscheinend war es gar nicht gut gewesen, sie zu ignorieren.

„Äh, ja, natürlich habe ich dir zugehört“, log er.

Maria verschränkt die Arme trotzig über ihrer Brust.

„Ach ja? Ich habe dir eine Frage gestellt! Also, ja oder nein?“ Ihr Blick war herausfordernd.

„Oh Mann, das war eine 50/50 Frage.“ Er hoffte, dass er bloß nicht daneben lag. „Was konnte sie bloß gefragt haben?“ Michael dachte einen Moment angestrengt nach. Sollte er ja oder nein antworten? Er wusste nur, dass er nicht allzu lang zögern sollte, wenn er vorhatte, diesen Tag lebend zu überstehen.

„Ja ...“ Er versuchte, sie fest anzuschauen und hoffte, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Er konnte buchstäblich den Qualm aus ihren Ohren kommen und in ihren Augen Feuer aufblitzen sehen und wusste, dass er falsch gewählt hatte. Schnell versuchte er nach einer brauchbaren Entschuldigung zu suchen, aber er konnte keine finden.

Er öffnete den Mund, um sich irgendwie herauszureden, aber ohne dass er sich versah, hatte er auch schon eine Ohrfeige bekommen.

Sie schnaufte. „Du hältst mich also wirklich für dick!“ Maria drehte sich um und stürmte aus dem Haus, ohne die Tür zu schließen.

Michael blieb völlig verwirrt zurück. Für einen Moment blieb er wie angewurzelt stehen, dann begann er, die Küche zu schrubben. Irgendwie klebte der Teig einfach überall.

Von Michael unbeobachtet hatte sich der Bär leise in die Küche vorgewagt und war langsam, von dem Duft angelockt, zu dem Stuhl getapst, auf dem die Gans lag. Er schnappte sich diese und schlich an Michael vorbei.

Michael drehte sich behende um und seine Augen weiteten sich.

„Oh Mist“, stöhnte Michael und rannte dem Bär hinterher.

„Gib sie mir zurück, du Mistvieh“, brüllte er dem Bär hinterher und versuchte ihn einzuholen.

Der Bär stapfte mit großem Tempo an Max und Kyle vorbei, die im Wohnzimmer den Baum aufstellten.

Max schaute auf. „Sagt mal, war das da gerade Benny mit unserer Gans?“ Er blickte in die Runde.

In dem Moment kam Michael dem Bär hinterher geschossen.

„Ich glaube schon.“ Kyle blieb noch für einen Moment stehen und realisierte, was geschehen war. Dann rannte auch er los, gefolgt von Max.

Nun jagten alle drei dem Rabauken hinterher, dabei wurde hier und da etwas umgeworfen und am Ende blieb eine kleine Verwüstung zurück.

Maria befand sich draußen bei Liz und schilderte, was passiert war, als der Bär herausgesprungen und genau auf sie zukam.

Maria sprang zur Seite und landete unsanft auf dem Boden. Während sie wütend über ihre blauen Flecken sinnierte, zog etwas anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Da es im Eingangsbereich der Hütte spiegelglatt war, rutschten Michael, Max und Kyle nacheinander aus und fielen fluchend mehr oder weniger übereinander. Keiner konnte sich mehr aufrecht halten und Max, der sich an Liz festklammern wollte, zog sie mit hinunter.

Maria war Zeugin des Vorfalls und konnte sich vor Lachen nicht erheben.

Michael, der zuunterst lag, stöhnte. „Könntet ihr vielleicht mal von mir runtergehen?“

Max rappelte sich auf und reichte Liz die Hand. Diese ergriff sie, richtete sich auf und klopfte sich den Schnee vom Körper. Auch Kyle war aufgestanden und blickte zum Bären.

Dieser saß ein paar Meter weit weg und kaute genüsslich an der Gänsekeule.

Isabel und Ava, die von dem Lärm neugierig geworden waren, standen mittlerweile im Eingang und hatten das Letzte mit angesehen. Während Ava sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte, stützte Isabel die Hände in die Seite.

„Sagt mal, könntet ihr mir mal verraten, was ihr da macht?“

Max drehte sich zu ihr um und auch Michael blickte sie an.

„Benny hat sich die Gans geschnappt und ist damit raus gerannt, wir haben versucht sie ihm wieder abzunehmen.“ Michael hatte sich zum Bären vorgewagt und betrachtete das, was nun von der Gans noch übrig war.

„Aber das hätten wir uns auch sparen können ...“

„Und wie ist das Vieh überhaupt rein gekommen?“

Maria blickte sie schuldbewusst an. „Ich ... nun ja ... ich habe wohl die Tür aufgelassen und da ist er wohl ...“

Isabel verschränkte die Arme. „Dann wirst du auch in die Stadt gehen und uns für heute eine neue Gans besorgen.“

"Das ist nicht dein Ernst! Weißt du, wie lange das dauern wird?" Trotzig reckte sie ihr Kinn in die Höhe.

"Nun, Schneeflöckchen, egal, wie lange es dauert, du solltest sie besorgen, sonst werden wir nichts zu essen auf dem Tisch haben. Es sei denn, du legst auf die Fleischbeilage keinen allzu großen Wert!" Streng schaute Isabel sie an.

Maria gab, um des lieben Friedens willen, klein bei.

„Und ich werde sie dabei begleiten, schließlich hätte ich auch besser aufpassen müssen.“ Liz und Maria machten sich auf den Weg.

Das hatten sie jetzt davon! Nun waren Maria und Liz auf dem Weg in die Stadt, um eine neue Gans für das Festessen zu besorgen.

Wie bereits letztes Jahr, war Izzy auch dieses Jahr vor Weihnachten nicht zu ertragen. Aber Liz und Maria lachten. Besser auf der Flucht, als der Gefahr ausgesetzt, eine neue Attacke von Isabel ertragen zu müssen. Izzy – der Weihnachtsschreck! Wie konnte es auch anders sein?

Und nun waren sie auf dem Weg. Es waren nur knapp 3 Meilen bis in die kleine Stadt, die ein kleines Hospital, kleine Stores und neben einem Computerladen sogar einen Schönheitssalon beherbergte. Eingemummelt in ihre dicken Winterparkas und die warmen Pelzmützen auf ihren Köpfen, saßen sie im Jeep und lugten durch die frei gekratzten Fensterflächen hinaus in die Landschaft. Die Heizung brummte und bald würde es warm und die Scheiben frei sein.

Die Strasse - wenn man sie so nennen konnte - bestand aus 2 festgefahrenen Fahrbahnrinnen. Letzte Nacht hatte es, Gott sei Dank, nicht geschneit, sodass sie gut zu befahren war. Rechts und links der Rillen lag die Landschaft eingebettet in eine dicke Schneeschicht. Hier und da glaubte man, zwischen den, vom herhab fallenden Schnee, so arg gebeutelten Bäumen, ein kleines Tier zu erspähen.

Die Sonne stand hoch am Firmament und über der, wie mit Watte eingepackten, Ebene glitzerte der Schnee. Aus den dicken Schneeschichten lugten vereinzelt die Überreste von rot gefärbten Kranichbeeren und kleineren Tundragewächsen, wenn sie nicht schon von den Bären und den Elchen ganz abgefressen waren, hervor. In der Ferne schimmerte der zugefrorene See und man hatte das Gefühl, ins Unendliche zu starren. Der Wind trieb den feinen Pulverschnee über das gefrorene Land und Eiskristalle glänzten im Sonnenlicht. Eine gewisse Melancholie machte sich breit. Alles war friedlich hier. Friedlich und verdammt einsam.

Liz` Gedanken schweiften zurück zu Max. Sie erinnerte sich plötzlich wieder an das wunderbare Schauspiel der Nordlichter, das sie mit Max zusammen bewundern konnte.


Es war eine eiskalte, klare, windstille Nacht vor 3 Tagen gewesen. Sie beide hatten sich davon gestohlen, um einige Minuten für sich allein zu haben. Max hatte sie unter den zu dem Blockhaus dazugehörenden Vorbau gezogen und sie zärtlich an sich gedrückt. Seine Hand zeigte plötzlich in den Himmel.

„Sieh nur, Liebes, schau dir diese flackernden Seelen an.“

„Flackernde Seelen?“, fragte Liz ungläubig.

„Ja, die Indianer nennen die Nordlichter flackernde Seelen. Sieh nur, wie wunderschön sie sind.“

Ihr Blick folgte seiner Hand und ihre Augen wurden groß wie die eines kleinen Kindes, das gerade sein Weihnachtsgeschenk erhalten hatte.

„Oh Max ... wie schön“, hauchte sie.

Liz spürte seinen heißen Atem in ihrem Nacken, seine Hände drückten ihren Körper enger an seinen ...


Jäh wurde Liz in ihren Gedanken unterbrochen.

„Weißt du, ich fasse es nicht, immer sind wir die Leidtragenden. Das nächste Weihnachtsfest wird bestimmt ganz anders. Das verspreche ich dir“, schimpfte Maria.

Liz schmunzelte nachsichtig „Isabel ist so, du wirst sie nicht ändern und sie wird nie anders sein.“

„Ja ...“, stöhnte Maria und trat abrupt auf die Bremse. „Liz, Liz, um Gottes Willen, hast du diesen Schneehasen gesehen?“, kreischte sie.

Der Wagen schlitterte kurz auf der eisglatten Fahrbahn und Liz schrie vor Entsetzen. „Maria! Ich bringe dich noch um! Erst Isabel heute morgen und jetzt spielst du auch noch verrückt. Um Himmels Willen!“

„Was heißt hier, um Himmels Willen?“, lästerte diese zurück. „Schau nur, dort drüben hüpft eine ganze Familie!“, rief Maria in ihrer eigenen Art und zog an Liz` Ärmel, damit diese ihrem Fingerzeig folgte.

Liz drehte ihren Kopf in die Richtung und beide starrten sie auf die weiße Ebene. Schneehasen. Noch nie in ihrem Leben hatten sie Schneehasen gesehen. In Roswell, New Mexiko, gab es sie jedenfalls nicht! Ihre Münder formten sich zu einem tonlosen „Oooh“ und sie streckten in gleicher Minute ihre Finger.

Liz und Maria schienen für einen kurzen Moment der Welt entrückt. Noch nicht einmal das Schnurren des Motors, sowie das Pfeifen des Windes, nahmen sie noch wahr. Die Hasen schreckten kurz hoch, blieben regungslos sitzen und verschwanden anschließend geschwind im Wald.

„Schade“, seufzten beide fast zum gleichen Zeitpunkt.

„Hast du gesehen, wie wunderschön sie aussahen?“, fragte Maria.

„Ja, wie ein Wintermärchen“, stimmte Liz zu und drückte sie. Niemals hätte sie gedacht, solch ein Schauspiel miterleben zu dürfen.

„Komm, wir machen uns auf den Weg, immerhin warten unsere Männer zu Hause auf uns“, forderte Liz.

„Du hast vollkommen Recht. Immerhin warten unsere Männer auf uns“, wiederholte Maria. „Wir werden uns schon irgendetwas mit Isabel einfallen lassen, oder?“, fuhr Maria fort und ihre Augen blitzten. Schließlich wollten sie sich dieses Weihnachtsfest nicht von einem Weihnachtsschreck verderben lassen.

„Ja, machen wir uns auf den Weg. Die Dämmerung bricht jetzt früher herein und es wäre nicht gerade ideal, noch in einen Schneesturm hineinzugeraten. Es reicht, wenn wir am warmen Feuer liegen und es draußen stürmt!“, grinste Liz und ihre Gedanken wanderten wieder zurück zu Max.

*****

Im Blockhaus prasselte und knisterte das Feuer. Man hatte ihnen gesagt, dass man nur selten inmitten der Wildnis auf eine derart behaglich eingerichtete Unterkunft treffen würde. Die Hütte hatte 4 separate Schlafzimmer, ein großes, gemütliches Wohnzimmer mit einem Esszimmer durch einen Rundbogen getrennt und eine Küche. Ein Schlafzimmer hatte sogar einen eigenen Kamin und man konnte sich vorstellen, wer sich dieses Zimmer unter den Nagel gerissen hatte.

Im Wohnzimmer dominierte der riesige Kamin, der Gemütlichkeit und Wärme ausstrahlte und ihnen allen das Gefühl von einem Zuhause gab. Neben dem Kamin lagen die dicken Holzscheite aufgestapelt, die regelmäßig von den Männern aufgefüllt wurden. Und auf dem Kaminsims trumpfte – wie konnte es anders sein – Buddha. Kyle konnte es sich nicht verkneifen, seine Leitfigur in dem wohl „wichtigsten“ Raum des Hauses zu platzieren. Er sagte, nur so könne die positive Energie ausstrahlen und alle würden davon profitieren.

Isabel schien aber von dieser positiven Energie recht wenig abbekommen zu haben. Sie und Ava hatten sich an den riesigen, massiven Holztisch hinter dem Rundbogen zurückgezogen, um die restlichen Geschenke einzupacken.

Ava zog es vor, sich mit Kommentaren zu Isabels Schimpftiraden über Maria zurückzuhalten und stattdessen zuzuhören.

„Ich schwöre dir, ich hätte sie alle beide umbringen können. Immer sind sie am streiten. Und nie kommt etwas Gutes dabei heraus“, schimpfte Isabel, während sie bereits zum dritten Mal alle auf dem Tisch liegenden Geschenke zählte. Ihr Gesichtsausdruck wechselte zwischen hochzufrieden und kritisch. Und immer wieder kräuselte sich ihre Nase, wenn sie wieder von einem anderen Einfall geritten wurde.

Ava beobachtete sie schmunzelnd, verbarg dies aber wieder schnell, denn sie wollte nicht, dass sich Isabel auch auf sie einschoss.

„Du hast vollkommen Recht“, stimmte sie ruhig zu und warf einen kurzen Blick in Isabels Richtung. Doch schnell widmete sie sich wieder dem Popcorn.

„Ich hatte alles so schön vorbereitet, hatte mir alles so schön ausgedacht. Es sollte perfekt sein. Maria und Liz sollen es ja nicht wagen, ohne die aufgetragene Gans zurückzukommen. Dann werde ich ...“, drohte Isabel und wurde ganz schnell von Ava unterbrochen.

„Weißt du noch, wie wir alle um den Tisch saßen und der kleine Racker kam ...?“

Isabels Augen wurden groß.

„Du willst doch nicht wieder davon anfangen!?“

Doch Avas Gesicht verzog sich in Lachfalten und ihre Augen blitzten.

„Weißt du noch, weißt du nicht mehr, wie ...“, erzählte sie ganz aufgeregt.

„Hör auf, hör auf. Du darfst nicht weiter erzählen!“, rief Isabel, doch auch ihre Augen leuchteten, als sie an die Szene von vor 8 Tagen zurückdachte, die für sie kein so gutes Ende nahm.


Maria, Liz, Ava und sie saßen vereint an dem riesigen Tisch in der Stube. Draußen stürmte es wieder einmal und Isabel hatte sie zusammengetrommelt, um gemeinsam die Geschenke einzupacken. Max, Michael und Kyle hatten sich nach draußen verzogen, um sich um den Truck zu kümmern, der in letzter Zeit Startschwierigkeiten hatte.

Maria, Liz und Ava banden rote Schleifen, während Isabel sorgfältig das Geschenkpapier zuschnitt. Sie alle lachten, scherzten und die Stimmung war, trotz Isabels weihnachtlicher „Vorfreude“, grandios.

„Was macht eigentlich unser kleiner Untermieter?“, fragte Maria.

„Er liegt dahinten auf dem Teppich und Gott sei Dank stellt er im Moment nichts an“, grinste Liz.

Bereits eine Woche war der kleine Racker bei ihnen und immer mehr entwickelte er sich zu Isabels Gefährten. Er liebte es scheinbar, Isabel alles nachzumachen. Wenn diese ihre „hektischen 5 Minuten“ hatte, schien auch dieser kleine Bär hektisch zu werden. Doch im Augenblick verhielt er sich ruhig. Isabel ebenso.

„Jetzt ist Max` Geschenk dran“, unterbrach Isabel die angenehme Stille am Tisch und legte ihren sorgfältig zurecht geschnittenen Geschenkbogen unter besagtes Geschenk. Es war ein großes Paket und das Geschenkpapier reichte über den Tischrand hinaus.

„Fantastisch“, lobte Isabel sich selbst und alle stimmten nickend zu. Was gab es Schöneres, als Isabel zufrieden zu stellen?

Doch im gleichen Augenblick wurde diese wunderschöne Szene jäh unterbrochen. Der kleine Bär war, anscheinend in Spiellaune, von seinem Liegeplatz zu ihrem Tisch getapst und hatte mit seiner Pfote den über den Tischrand hinausreichenden Papierstreifen vom Tisch gerissen.

„Nein!“, kreischte Isabel und zerrte an dem Papier.

„Oh Gott“, lachten Maria, Liz und Ava und hielten sich die Hände vor den Mund, während sie dieses köstliche Schauspiel beobachten.

Doch der Kleine schien nicht daran zu denken, aufzugeben und wollte zeigen, dass er der Stärkere war. Und das war er auch, denn mit einem plötzlichen Ruck wurde Isabel von ihrem Stuhl gerissen und landete auf ihren Pobacken.

„Warte nur! Komm nur her, du ...!“, schrie sie ihm nach, doch der Kleine hatte sich bereits in eines der Zimmer verkrochen.

Max, Michael und Kyle kamen hereingestürmt und betrachteten verdutzt die vor ihnen liegende Szene.

„Kann mir mal einer erklären ...“, versuchte Max, doch er wurde jäh von Isabel unterbrochen.

„Raus, verschwindet!“, fauchte Isabel und die drei Männer verließen mit hochgezogenen Augenbrauen die Hütte. Liz hörte nur noch, wie Kyle Max etwas ins Ohr flüsterte und die Männer grinsten.

An diesem Tag hatten sie so viel wie selten in den letzten Monaten gelacht, Benny blieb natürlich am Leben und die Geschenke wurden auch noch eingepackt.


Ava und Isabel blickten sich gegenseitig an, während sich die Szene vor ihren Augen widerspiegelte. Isabel spürte noch immer ihren Hintern und Ava grinste über das ganze Gesicht.

Wie in Zeitlupe verwandelten sich Isabels Gesichtszüge in Lachfalten und ihre Stimmung war mit einem Mal umgeschlagen. Sie grinste wie ein Honigkuchenpferdchen.

„Hoffentlich kommen sie schnell zurück. Ich freue mich auf unser Fest“, seufzte sie.

„Ja ...“, stimmte Ava zu.

*****

„Gott, ist das kalt.“ Maria stampfte mit den Füssen auf, um den Schnee von den Stiefeln zu klopfen. „Man möchte meinen, dass die Bewegung uns warm hält.“ Kopfschüttelnd stieß sie die Tür auf und betrat den Wohnraum.

„Du hättest die Tür nicht offen lassen dürfen.“ Ein verschmitztes Lächeln huschte über Liz` Gesicht, als sie ihrer Freundin folgte.

Maria verdrehte die Augen und schlüpfte aus ihrem Mantel. „Das wirst du mir wohl ewig vorhalten.“

„Nur solange du dich über den Ausflug beschwerst.“ Liz reichte Maria die Gans, bevor sie ihre Jacke an die Gardarobe hing. „Mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht.“ Sie warf einen Blick zum Weihnachtsbaum, wo Max, Ava und Kyle standen und scheinbar auf Isabels Anweisungen achteten.

„In die Küche, bevor sie uns entdeckt.“ Liz schob Maria vor sich her. Sie hatten fast ihren Zufluchtsort erreicht, als Isabels Stimme sie stoppte.

„Wo habt ihr so lange gesteckt? Wir können jede Hand gebrauchen.“ Geschäftig kam sie auf die beiden zu. „Die Girlanden müssen noch über den Fenstern angebracht werden und dann …“ Prüfend wanderte ihr Blick durch das Zimmer und blieb am Kamin hängen. „Wir brauchen noch Strümpfe.“ Sie fuhr herum und sah Liz durchdringend an. „Für jeden einen.“

Mit großen Augen erwiderte die zierliche Brünette den Blick. „Es wäre besser, wenn Max oder Ava das machen. Ich bin nicht …“

„Ja, du hast Recht.“ Die Augen zusammengekniffen, fiel ihr Blick auf ihren Bruder. „Max!“ Und schon durchquerte sie den Raum.

„Ich hab’s Michael nie geglaubt.“ Maria schüttelte gereizt den Kopf. „Aber sie ist ein richtiger Weihnachtsnazi.“

„Wie bitte?“ Isabels Stimme donnerte durch den Raum und Maria schlüpfte schnell durch die Tür in die Küche. „Ich habe nichts gesagt.“ Seufzend gesellte Liz sich zu der kleinen Gruppe, die um den Weihnachtsbaum stand.

„Ok, zuerst die Lichter, danach die Kugeln und Holzfiguren und zum Schluss die Popcornketten.“ Isabel reichte eine Lichterkette an Max und wies mit einer Kopfbewegung auf den Baum. „Das zuerst. Dann den Rest.“ Sie steuerte auf die Küche zu. „Aber haltet die Reihenfolge ein. Und verteilt alles gleichmäßig. Wir wollen ja nicht, dass der Baum überladen und asymmetrisch wirkt.“

„Natürlich wollen wir das nicht.“ Kopfschüttelnd sah Kyle zu Max. „Wie habt ihr das nur ausgehalten?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm er die erste Kugel und hing sie an den Baum. „Wenn es ihr nicht gefällt, kann sie es gern noch einmal machen.“ Mit einem schelmischen Lächeln griff Ava nach einer der Holzfiguren. Die vier grinsten sich an und begannen den Baum zu dekorieren.

„Was macht ihr denn da?“ Isabels Stimme donnerte durch die Hütte. „Was ist es eigentlich mit euch und Weihnachten? Könnt ihr nicht einmal die Finger voneinander lassen?“

Michaels gemurmelte Antwort konnte zwar keiner verstehen, aber Isabels darauf folgende Sprachlosigkeit, brachte alle zum Schmunzeln.


Knapp zwei Stunden später war alles fertig. Der Baum strahlte mit seinen vielen Lichtern und der heimische Duft von frisch gebackenen Plätzchen hing in der Luft. Maria stieß die Tür auf und balancierte ein Tablett mit Tassen zum Tisch. „Kakao und Plätzchen. Ich denke, das haben wir uns alle verdient.“ Sie warf Isabel einen strafenden Blick zu, den diese nur ungerührt erwiderte.

Sie rutschte neben Michael auf die Couch und kuschelte sich an ihn. Eine wehmütige Stille breitete sich im Zimmer aus.

„Ich frage mich, was Mum und Dad jetzt machen ...“ Isabel starrte einen Moment in ihre Tasse. „Oder ob Jesse wieder vor dem Fernseher sitzt und sich irgendein Footballspiel ...“ Ihre Stimme wurde von Tränen erstickt.

Michael räusperte sich, um etwas zu sagen, aber Max war schneller. „Eigentlich wollten wir euch das erst morgen geben, aber …“ Er löste sich aus Liz` Umarmung und rannte in sein Schlafzimmer. Alle Blicke folgten ihm, bis er verschwunden war.

„Was macht er denn jetzt?“ Ava sah sich fragend in der kleinen Runde um, bekam aber nur ein Schulterzucken als Antwort.

Wenige Augenblicke später erschien Max wieder im Wohnzimmer und legte ein Handy auf den Tisch. „Wir sollten die Gespräche kurz halten, damit auch jeder seine Eltern anrufen kann.“

Niemand regte sich, aber vier Augenpaare waren fest auf das Telefon gerichtet. Kyle riss sich als Erster davon los. „Wie lange?“

„Nicht mehr als 2 Minuten.“ Michael schüttelte leicht mit dem Kopf und sah Maria an. „Ansonsten könnte das Geld nicht reichen.“

Ihre grünen Augen waren mit Tränen gefüllt, als sie zu ihm aufblickte. „Danke.“

„Ich fange an. Mein Dad wird mich nicht mit Fragen bestürmen, wenn ich ihn anrufe.“ Kyle griff nach dem Telefon und verließ schnell das Zimmer. Niemand sollte sehen, was wirklich in ihm vorging.

Er schloss die Tür zur Küche und lehnte sich aufatmend gegen den Tresen. Mit zittrigen Fingern tippte er die Zahlen, die er in seinen Träumen immer und immer wieder eingegeben hatte. Das Klingeln in der Leitung ließ ihn die Luft anhalten. Was, wenn sein Vater gar nicht da war? Würde er allein zu Hause bei einer Gans sitzen?

„Valenti.“

Kyle hatte, ohne es zu merken, die Luft angehalten. „Dad, ich bin’s.“

„Kyle? Junge, wie geht’s dir?“

„Uns geht es gut.“ Ein trockenes Lachen löste sich von seinen Lippen. „Na ja, nachdem wir Isabels Weihnachtsterror jetzt hinter uns haben.“ Er atmete tief durch. „Ich habe nicht viel Zeit. Die anderen wollen auch noch telefonieren. Alles was ich wollte ist, dir ein frohes Fest zu wünschen.“

„Das wünsche ich euch auch. Vielleicht kommt ihr ja bald nach Hause und nächstes Jahr …“

„Ja vielleicht, Dad. Machs gut.“ Schnell unterbrach er die Verbindung. Es wäre jetzt zu schmerzhaft gewesen, über Träume zu reden, die sich ja doch nicht verwirklichen lassen würden.

Ein leises Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Einen Moment später schwang die Tür auf und Maria und Michael traten ein. „Kann ich jetzt?“ Sie drehte sich um und sah Michael an. „Würdest du bei mir bleiben?“

Etwas unschlüssig sah er zwischen dem Handy und dem Wohnzimmer hin und her. Sollte er Maria nicht lieber allein mit ihrer Mutter telefonieren lassen?

„Bitte, Michael. Allein …“ Sie schüttelte den Kopf und kämpfte gegen den übermächtigen Drang an, in Tränen auszubrechen.

Sie hatten gemeinsam viel erlebt und irgendwann in den Jahren, war er zu einem Ruhepol für sie geworden. All die Streitereien waren vergessen, wenn er etwas wie das hier tat.

Maria wusste, dass er selbst niemanden anrufen würde, aber vielleicht würde ihm dieses Gespräch wenigstens das Gefühl vermitteln, zu einer Familie zu gehören.

Sie griff nach seiner Hand und hielt sie fest, während sie mit der anderen die Nummer ihrer Mutter wählte. Nach dem zweiten Klingeln nahm jemand ab.

„DeLuca.“ Die verschlafene Stimme klang überhaupt nicht wie ihre Mutter und für einen Moment verstärkte sich Marias Griff um Michaels Hand.

„Mum?“

„Wer ist da?“

„Mum, ich bin’s. Maria.“ Verzweifelt sah sie zu Michael auf.

„Maria?“ Das Rascheln von Bettwäsche war zu hören. „Maria. Du hast nie angerufen und ich dachte …“ Amy schnüffelte leise. „Wie geht es dir? Wann kommst du nach Hause? Du bist so schnell verschwunden.“

„Hast du Liz` Tagebuch nicht gelesen?“ Verwirrt starrte Maria auf den Tisch, wo sich ein Haufen Mehl türmte. „Sie hatte es ihren Eltern dagelassen und sie sollten …“

„Doch, ich habe es gelesen, aber … Aliens?“

„Es ist die Wahrheit, Mum.“ Sie biss die Zähne fest zusammen. So hatte sie sich das Gespräch nicht vorgestellt. „Vielleicht solltest du dich mit Jim und den Evans unterhalten.“

„Bist du allein?“

Der abrupte Themenwechsel warf Maria etwas aus der Bahn.

“Nein, Michael ist bei mir.“

„Gib ihn mir.“

„Mum …“

„Sofort, Maria.“

Amy sprach so laut, dass Michael fragend die Augenbrauen hochzog. „Ich wünsch dir frohe Weihnachten, Mum.“ Zögernd reichte Maria ihm das Handy. „Sie will mit dir reden.“

Mit einem Blick auf die Uhr griff Michael nach dem Telefon. „Ja, ich werde auf sie aufpassen. Sie wird eine gute Zeit haben und ohne Tattoo und Piercing nach Hause kommen.“

„Das will ich dir auch geraten haben, Michael Guerin, oder ich werde dich jagen. Mir ist es egal, ob du ein Mensch oder Außerirdischer bist. Ich finde dich, wenn du meinem Baby wehtust, dann wirst du dir wünschen, niemals geschlüpft zu sein.“

„Ja, Ma`am. Ihnen auch ein schönes Fest.“ Mit einem breiten Grinsen im Gesicht legte er auf.

Maria sah ihn mit großen Augen an. „Was hat sie gesagt?“

„Nichts Neues. Nur die üblichen Androhungen.“ Er sah, wie ihre Unterlippe zu zittern begann und schloss sie fest in die Arme. „Sie macht sich Sorgen um dich. Ich soll mich darum kümmern, dass es dir gut geht. Das ist alles.“

Hilflos musste er mit ansehen, wie sich eine einzelne Träne über ihre Wange stahl, gefolgt von noch einer und noch einer. Selbst nach all den Jahren, hatte er noch nicht gelernt, mit solchen Gefühlsausbrüchen umzugehen.

Er war unendlich dankbar, als Liz eintrat und die Situation sofort erfasste. Behutsam legte sie einen Arm um Maria und führte sie zurück ins Wohnzimmer.

Michael atmete tief durch und wollte gerade den beiden folgen, als Isabel in die Küche kam. Ihre Hände zitterten vor Aufregung, als sie ihm das Telefon aus der Hand riss.

Als er die Tür öffnete, stieß er beinahe mit Max zusammen. „Halt sie lieber fest. Nicht, dass sie aus den Latschen kippt.“

Mit einem Schmunzeln drückte Max sich an ihm vorbei und wurde bereits von Isabels tränendurchdrängter Stimme empfangen.

„… ja, Mum. Wir haben einen Weihnachtsbaum und Michael hat für morgen eine Gans vorbereitet.“ Sie schwieg einen Moment und nickte dann leicht. „Ihr fehlt mir auch.“

„Dad hat was?“ Ein glückliches Lachen löste sich von ihren Lippen. „Oh Gott, das hätte ich zu gern gesehen. Wie habt ihr ihn ausgestopft?“

Alles was Max tun konnte, war seine Schwester zu beobachten. Es war schon lange her, seit sie das letzte Mal so gelacht hatte und es war gut zu wissen, dass Michael mit dieser Idee jedem von ihnen ein besonderes Geschenk gemacht hatte.

„Ja, warte einen Moment.“ Isabel hielt ihm das Handy entgegen und wischte sich eine heimliche Träne aus den Augen. „Mum will kurz mit dir reden.“ Sie umarmte ihn kurz. „Danke, kleiner Bruder.“ Und dann verließ sie schnell die Küche.

Max sah ihr besorgt nach. Ihre Augen hatten zwar gestrahlt, aber dennoch war ein trauriger Schimmer darin zu sehen gewesen. „Mum, kannst du mir einen Gefallen tun?“


„Was haben sie gesagt?“ Michael sah Isabel neugierig an, als sie sich wieder zu den anderen in die Stube gesellte. Die Evans waren das Nächste an Familie, das er je kennen gelernt hatte.

Mit einem Kichern setzte Isabel sich auf den Sessel. „Dad hat dieses Jahr den Weihnachtsmann gemimt. Ihm ist das Kissen aus dem Mantel gerutscht und die Kinder waren völlig entsetzt, dass der Bauch nicht echt war.“ Sie schüttelte den Kopf. „Bei mir wäre das nicht passiert.“

„Wie wahr. Bei dir wälzen sich Santa und Schneeflöckchen dafür auf dem Boden herum.“ Kyle warf Maria und Michael einen amüsierten Blick zu, während Ava alle nur verständnislos ansah.

„Verkleidet man sich zu Weihnachten? Wer ist eigentlich Schneeflöckchen?“

„Isabel organisierte in Roswell immer die Weihnachtsveranstaltungen. Letztes Jahr hat sie Maria und mich dazu gebracht, Wichtel zu spielen.“ Liz verzog, bei dem Gedanken an die eigenwilligen Kostüme, das Gesicht. „Und Michael war so verrückt und hat freiwillig angeboten, den Weihnachtsmann zu spielen.“

Max kam herein und ließ sich neben ihr auf die Couch sinken. „Von was redet ihr?“

„Michaels und Marias spektakulären Auftritt im letzten Jahr“, meinte Isabel trocken.

„So lange die beiden ihre Plätze einhielten, ging auch alles glatt.“ Liz schmunzelte leicht bei der Erinnerung. „Aber sobald sie Pause hatten, sind sie förmlich übereinander hergefallen. Eines der Kinder hat sie dabei erwischt und Isabel war wütend ohne Ende.“

„Man sollte vielleicht noch anmerken, dass die beiden nicht einmal zusammen waren.“ Kyle sah Maria ernst an, während die anderen in schallendes Gelächter ausbrachen.

„Jetzt haben wir alle gelacht und nun reicht es.“ Michael sah sich wütend um, während Maria versuchte, ihre roten Wangen hinter ihren Händen zu verbergen.

„Aber es war … einzigartig.“ Max grinste breit. „Ich wusste nicht, dass Santa Claus eine Affäre zu eine der Elfen hatte.“ Nur mit Mühe schaffte er es, nicht zu lachen. „Aber das Leben hält ja immer neue Überraschungen bereit.“

„Furchtbar witzig, Dumbo.“

Max` Gesicht lief rot an und er verstummte sofort.

„Oh Mann, nicht die Ohren. Das könnte heftig werden.“ Kyle hielt sich den Bauch vor Lachen, während er auf Max` Reaktion wartet. Doch zu seiner Verwunderung drehte sich dieser nur zu Liz und reichte ihr das Handy.

Wortlos nahm sie es entgegen und verließ schnell den Raum. In der Küche angekommen, ging sie noch einmal im Kopf durch, was sie ihren Eltern sagen wollte. Dann wählte sie die Nummer des Crashdowns.

Gleich beim ersten Klingeln nahm jemand ab.

„Crashdown Cafe, Sie wünschen?“ Die Stimme am anderen Ende war so unfreundlich, dass kein Zweifel daran bestand, wen sie erwischt hatte.

„Agnes, hier ist Liz. Könnte ich bitte mit meinem Vater oder meiner Mutter sprechen?“

„Sicher.“

Gespannt wartete Liz eine, wie ihr schien, kleine Ewigkeit, bevor die vertraute Stimme ihres Vaters zu hören war.

„Lizzie, wie geht es dir? Wo bist du?“

Sie schluckte die Tränen hinunter und bemühte sich um Fassung. „Ich kann dir nicht sagen, wo wir sind, Dad. Aber uns geht es gut. Ich rufe nur an, um euch frohe Weihnachten zu wünschen. Ich vermisse euch so schrecklich.“

„Wir dich auch, Lizzie. Es ist alles so …“

Bevor er zu Ende sprechen konnte, klickte es in der Leitung und dann herrschte Stille. Verwirrt sah Liz auf das Display. Dann wählte sie erneut die Nummer vom Crashdown, doch außer dem Besetztzeichen kam keine Antwort.

Als sie sich umdrehte, stieß sie fast mit Max zusammen. Er sah sie traurig an und nahm ihr das Telefon aus der Hand. „Das war das letzte Geld. Mehr war nicht drauf.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln, doch die Tränen in den Augen verrieten ihre wahren Gefühle. Plötzlich fühlte sie sich einfach nur alt und müde. „Ich möchte mich hinlegen.“ Sie schaute auf die Uhr an der Wand. „Es ist schon spät, und wenn Isabel morgen wieder auf ihrem Trip ist, werde ich meine Energie brauchen.“

Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und verließ die Küche. Als sie das Wohnzimmer durchquerte, fiel ihr Blick auf Michael und Maria, dann auf Isabel, Kyle und Ava. Sie alle wirkten zufrieden … ruhig. Mit einem Seufzer verschwand sie im Flur Richtung Schlafzimmer. Vielleicht würde ihr eine besondere Nacht helfen …

Diesmal erschien ein echtes Lächeln auf ihren Lippen.

Max sah ihr besorgt nach. Es war unfair. Damals, als sie im Gefängnis in Utah gesessen hatten, wurde ihm bewusst, wie sehr sie an ihrer Familie hing. Zweifelsohne wäre sie nie mit ihnen auf diesen Trip gegangen, wenn nicht auch ihr eigenes Leben auf dem Spiel gestanden hätte.

Und nun war sie gezwungen, sich mit wenigen Minuten, in denen sie mit ihren Eltern sprechen konnte, zufrieden zu geben. Vielleicht konnte er das ändern.

Seufzend griff er nach seiner Jacke und pfiff nach dem kleinen Bären, der den Abend schlafend zu Kyles Füßen zugebracht hatte. Der Kleine hob neugierig den Kopf und sprang auf, sobald er Max entdeckte hatte. Während sie gemeinsam das Haus verließen, leerte sich das Wohnzimmer. Es war Zeit, schlafen zu gehen.

*****

Der nächste Morgen begrüßte sie mit strahlendem Sonnenschein. Liz streckte sich verschlafen und zufrieden. Die Nacht war wirklich etwas ganz Besonderes gewesen. Lächelnd drehte sie den Kopf und sah zu ihrem Mann.

Max schlief mit einem friedlichen Lächeln auf dem Gesicht. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und strich ihm über das Gesicht. Sie wollte sich gerade an ihn kuscheln, als Isabels Stimme durchs Haus schallte. „Aufstehen! Es ist Zeit für die Geschenke.“

Aus dem anderen Zimmer war widerwilliges Gemurmel zu hören und wenig später schlurfte jemand über den Flur. „Hat die Frau noch nie etwas von Ausschlafen gehört?“ Kyle gähnte herzhaft, als er an ihrem Zimmer vorbeiging.

Nach einem kurzen Klopfen öffnete sich die Tür und Maria steckte den Kopf kurz herein. „Mir ist klar, dass ihr eine lange Nacht hattet, aber der Weihnachtsschreck hat gerufen. Also raus aus den Federn, bevor sie die Rute rausholt und euch den Po versohlt.“

Kichernd richtete Liz ihre Aufmerksamkeit auf ihren Bettnachbarn. „Später. Jetzt will ich erst mal …“ Er beugte sich zu ihr hinunter und presste seine Lippen zärtlich auf ihre.

„Maxwell Evans, bewege deinen Hintern hier hinunter, oder ich zieh dich an den Ohren aus dem Bett.“

Stöhnend ließ Max sich ins Kissen fallen. Musste seine Schwester immer so penetrant sein?

„Liz!“

„Ich denke, es wäre besser, wenn wir aufstehen.“ Liz warf die Decke zur Seite und schwang die Beine über die Bettkante. Sie zog sich einen Bademantel über und war aus dem Zimmer, bevor Max protestieren konnte. Unwillig folgte er ihrem Beispiel.

Das Bild, das ihn begrüßte, als er ins Wohnzimmer kam, hätte jedem Morgenmuffel bessere Laune beschert.

Seine Freunde saßen halb um den Weihnachtsbaum. Der Duft von Kaffee hing in der Luft und auf dem Fußboden herrschte ein buntes Durcheinander von Geschenkpapier und Schleifen. Liz lachte über ein Plüschalien in ihrer Hand, während Maria ihr erklärte, was dieses kleine grüne Männchen denn alles könne.

Max nahm sich eine Tasse Kaffee und ließ sich in einen Sessel sinken. Und in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass das seine Familie war. So unterschiedlich sie alle auch waren, so ergänzten sie sich gegenseitig. Jeder von ihnen würde für den anderen sein Leben geben. Und sogar Michael, der sonst immer der Außenseiter gewesen war, fühlte sich wohl.

Ein leises Winseln riss ihn aus seinen Gedanken. Suchend sah Max sich im Raum um und entdeckte den kleinen Bären unter einem Stapel Geschenkpapier.

Die großen, braunen Augen sahen ihn traurig an, als wüsste er, dass das hier nicht wirklich sein zu Hause war. Er reckte die Nase in die Höhe und winselte wieder. Doch da Benny nicht, wie sonst immer, zur Tür ging, wenn er hinaus wollte, blieb Max ruhig sitzen und nahm die Szene vor sich in sich auf.

Er schloss seine Augen und lauschte dem Lachen seiner Freunde. Es war das erste, wirklich ruhige Fest, seit Liz, Maria und Kyle in ihr Geheimnis eingeweiht worden waren und erst jetzt lernte er zu schätzen, was Isabel jedes Jahr tat.

Normalität war etwas, was ihnen fehlte – zumindest meistens. Doch jetzt waren sie „normal“.

Ein Kratzen an der Tür zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Bevor Max reagieren konnte, war Kyle an der Tür und öffnete sie. Der kleine Bär schoss so schnell hinaus ins Freie, dass Kyle, auf einem Bein hüpfend, versuchte, ihm zu folgen. „Ich denke, du warst gestern Nacht mit ihm draußen, Max. Der rennt ja, als würde er sich jeden Moment in die Hosen machen.“

Maria war neben ihn getreten und hielt Kyle am Ärmel fest, damit er nicht umkippte. „Schaut euch das an.“ Sie wies auf den Wald, der nicht weit von der Hütte entfernt begann. „Das muss seine Mutter sein.“

Von einem Moment auf den nächsten waren Geschenke und Weihnachtsbäume vergessen. Neugierig starrten alle aus den Fenstern.

Fasziniert beobachteten sie, wie ein großer Bär durch das Unterholz brach und vor dem Kleinen stehen blieb. Liz hielt gespannt die Luft an, während die beiden sich gegenseitig beschnupperten. Dann brummte der große Bär laut und begann, den Kleinen vor sich her schiebend, in Richtung Unterholz zu trotten.

Alle beobachteten gebannt das Schauspiel. Als die beiden den Wald erreichten, drehte sich der Kleine noch einmal um und warf dem Haus einen letzten Blick zu – fast, als wolle er sich verabschieden. Dann verschwand er im Wald.

Liz atmete erleichtert auf. „Scheint so, als seien alle wieder bei ihrer Familie.“