written by: Thalia, Spacegirl Liz Evans, Isabel Evans & Cordyfan


WAS BISHER GESCHAH ...

Abwertend zuckte Lonnie mit den Schultern. „Sie stand mir im Weg und ich habe das gemacht, was ich immer tue, wenn ich ein Problem hab. Ich beseitige es!"

„Sie hat einfach aufgehört zu atmen." Eine Träne rollte über Kyles Wange, als er auf Liz` leblose Gestalt sah …


Es war früher Morgen. Die Luft roch feucht, es herrschte dichter Nebel und zusätzlich versperrten einzelne Bäume die weiteren Sichtverhältnisse. Kein Vogelgezwitscher ertönte zwischen den Baumwipfeln und die Düsternis unterstrich nur die Trauer. Es war ein idealer Ort für ein Begräbnis - ihre letzte Ruhestätte.

24 Stunden waren nun seit dem Kampf vergangen. Er hatte tiefe seelische Spuren in den Gesichtern der Überlebenden hinterlassen, die körperlichen Verletzungen konnten weitgehend von Max geheilt werden. Aber eben nur weitgehend, nicht alle waren in den Genuss seiner heilenden Fähigkeiten gekommen. Nachdem sie festgestellt hatten, wer überlebt hatte und wer nicht, leckten sie erst einmal ihre Wunden und bereiteten danach das Begräbnis vor.

Sie gingen durch den Wald und suchten dafür eine geeignete Stelle. Eine Stelle, die vielleicht von Bäumen umgeben, aber dennoch das Licht der Sonne durchlassen würde. Einen Ort, den sich auch jeder für sich selbst wünschte, wenn es mal so weit sein würde.

"Hier wäre es in Ordnung!" Isabels Stimme war nur ein Flüstern, rau und abgehackt. Sie hatte in der Nacht zuvor nicht übermäßig viel geschlafen, ihre Gedanken waren immer um den Kampf gekreist und über dessen Ende. Ein Ende, welches sie sich nicht in der Form gewünscht hatte, aber dennoch unerschütterlich über sie alle hereingebrochen war.

Niemand antwortete darauf, denn es bedurfte keiner Entgegnung. Sie alle befanden stumm, dass das die geeignete Stätte für eine Beerdigung war und Kyle, der die Schaufel bei sich trug, begann sofort damit, das Loch auszuheben. Isabel und Ava hatten die Urnen neben sich auf den feuchten Waldboden gestellt. In Nebel gehüllt und von Erde, Blättern und Ästen umrandet, sahen die beiden Urnen beinahe wie ein perfektes Stillleben aus. Die Trauer, die sie alle umgab, war greifbar und umspielte wie Wasser die Szenerie, erinnerte jeden daran, wie anders es hätte sein können.

Sie alle standen um Kyle herum, der still und stoisch seiner Arbeit nachging. Im Grunde war er seit dem Ende des Kampfes so gut wie verstummt. Er wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte und war schlicht und ergreifend überfordert. Es ging weit über das hinaus, was er jemals erlebt hatte und er erkannte, dass es nichts gab, was es unproblematischer machte, mit diesem Ausgang des Kampfes umzugehen. Sein Kopf fühlte sich wie leergefegt an. Seine Glieder schmerzten, obwohl er sich den gesamten gestrigen Tag kaum vom Sofa wegbewegt hatte. Äußerlich hatte er keine Wunden, innerlich war er jedoch wie tot.

Es dauerte nicht lange, das Loch auszugraben, doch keiner wollte den ersten Schritt tun, denn das bedeutete, dass es endgültig war. Plötzlich griffen Michael und Max schweren Herzens zu und legten die Gefäße vorsichtig hinein, beide mit undurchschaubaren Gesichtsausdrücken. Wer sie jedoch näher kannte, spürte dahinter ihre Verletzlichkeit, die sie wie Kyle im Moment, streng zu verbergen suchten.

Kyle war der Erste, der eine Handvoll Erde ergriff und sie auf die Urnen prasseln ließ. Das Geräusch klang dumpf und irgendwie unwirklich. Und das war es auch, was ihn aus der Fassung brachte. Er legte sich die Hand in einer hilflosen Geste an den Kopf und die ersten Tränen suchten sich einen Weg über sein Gesicht. Die Anspannung, die Sorgen und die Trauer hatten ihn überrannt, eingenommen wie eine Festung unter Belagerung. Er konnte das alles nicht mehr ertragen, keine Minute länger. Er wollte nicht mehr, nichts hören und nichts sehen, keine Außerirdischen und auch kein FBI, kein Flüchten und auch kein Hinterherjagen. Er erkannte mit Grauen, wie damals in Philadelphia, dass es keine Möglichkeit gab, sich den Widrigkeiten des Lebens zu entziehen. Liebend gern hätte er dies getan.

Michael war der Nächste und noch immer verbarg er seine Gefühle unter einer störrischen, undurchsichtigen Maske, in die es kein Eindringen gab. Wenn die anderen seine Stimmung hätten beschreiben müssen, dann hätten sie ihn als in sich gekehrt bezeichnet, als wäre er gar nicht beteiligt. Doch niemand von seinen Freunden achtete darauf, sie alle hatten mit ihren eigenen Gefühlen zu kämpfen.

Isabel wirkte verstört, auch wenn sie zwischendurch klare Momente hatte. Weinen konnte sie ebenso wenig wie Michael. Wann würden ihre Tränen kommen? Sie war davon überzeugt, dass sie davor nicht flüchten konnte. War sie zu tief in ihrer Trauer und Angespanntheit verstrickt, dass sie nicht weinen konnte? Sie wusste es nicht, und ob ihrer zahllosen Versuche ihre Gedanken zu ordnen, war sie heillos überlastet.

Ava schaute wehmütig auf die mit Erde bedeckten Urnen. Sie trauerte über die Möglichkeiten, die ihnen entgingen, denn auch sie hatte sich ein besseres Ende gewünscht. Es gab zwar nicht viele gute Zeiten, die sie mit ihnen durchlebt hatte, aber es hätten mehr werden können, wenn alle daran interessiert gewesen wären. Doch auch dieser Schmerz würde vergehen, wie so ziemlich jeder. Im Grunde war das Begräbnis nur eine weitere Station ihres Lebens, sie würde einfach in den sprichwörtlichen nächsten Zug einsteigen und sich weiterhin nur um sich selbst kümmern. Alles würde sie weit hinter sich lassen, es war nur eine Frage der Zeit.

Max ließ die modrige Erde durch seine Finger rieseln. Er war zuvor nur auf Alex` Beerdigung gewesen, und er erforschte seine Gefühle. Was war an dieser anders? Sie war diffiziler, aber nicht weniger grausam. Er zermarterte sich das Gehirn. Was war falsch gelaufen? Wann hatte er das Ruder aus der Hand gelegt? War es jemals in seiner Obhut gewesen? Wie viele Fehler hatte er gemacht, dass es soweit kommen konnte und dass dabei jemand sein Leben verlor. Leben, die sich nahtlos in eine Liste reihten, die offenbar beständig wuchs. Scheinbar unbeeindruckt, schaute er der fallenden Erde nach, doch seine Kiefernmuskeln mahlten aufeinander und es knirschte hörbar. Er war am Ende, am Ende seiner geistigen und körperlichen Kraft, und im Gegensatz zu Michael, gelang es ihm nicht, sich vollständig zusammenzunehmen. Er drängte Tränen der Wut und der Trauer zurück und an seinem Gesichtsausdruck war zu erkennen, dass er gebrochen war.

Cal hingegen war derjenige, der verhältnismäßig locker und gelöst, nahezu gelangweilt, erschien. Seine Augen blickten nicht stumpf und vor lauter Trauer betrübt, sondern klar und unbeeindruckt. Er nahm nur widerwillig ein Häufchen Erde und streute sie auf die Urnen. Er war auch derjenige, der zuerst vom Grab zurücktrat, nachdem Michael das Loch vollständig mit Erde bedeckt und Laub darüber geschüttet hatte.
Die Gruppe wandte sich um, bis auf Michael und Max. Sie hielten noch eine Minute inne, um dann den anderen zu folgen. Schweigend legte jeder seinen Weg zum Auto zurück. Es gab nichts zu sagen, jegliches Wort wäre überflüssig und verschwendet gewesen und abgesehen von Cal hatten ausnahmslos alle mit ihrer Fassung zu kämpfen. Die Gründe dafür waren unterschiedlich. Die Limousine war einen 15 minütigen Fußmarsch entfernt. Ein Marsch, bei dem Kyle als Erster seine Fassung wiedergewann, mehr schlecht als recht. Und besser fühlte er sich auch nicht, aber wenigstens die Anspannung ließ nach.

Bei der Limousine angekommen, setzte sich Michael hinter das Steuer und keiner machte ihm den Platz streitig. Niemand fühlte sich befähigt, jetzt ein Auto zu fahren. Die Fahrt war relativ lang. Es wurde jedoch auf die vorbeihuschenden Gebäude, Menschen, auf die Umgebung insgesamt, nicht geachtet. Es bestand zwischen dem, was in ihrer unmittelbaren Umgebung passierte, dem Kampf und dessen Ausgang, und der Welt draußen ein großer unübersehbarer und bestechender Unterschied. Ihnen war bekannt, was es hieß, bis aufs Blut zu kämpfen. Das wusste die Frau, die mit ihrem Baby über die Straße spazierte, vermutlich nicht. Isabel, die die Frau nun mit neu erwecktem Interesse beobachtete, wünschte sich, die Rollen zu tauschen. Wie gern hätte sie jetzt ein Baby gehabt oder ein "langweiliges" Leben geführt. Normal zu sein, war mehr als alles andere in ihren Augen erstrebenswert. Im Hintergrund bemerkte sie eine Bewegung, die sie von der Frau ablenkte. Kyle hatte seinen Kopf in den Nacken gelegt, ihm konnte man die Strapazen ebenso ansehen wie nun Max. Sie hätte alles getan, um auf dieses Bild zu verzichten, aber es grub sich unauslöschlich in ihr Bewusstsein ein. Sie schloss die Augen und versuchte sich nur auf das surrende Geräusch des Autos zu konzentrieren.

Als sie endlich vor dem Motel angekommen waren, stiegen sie müde und erschöpft aus. Auch hier war Cal der Einzige, dem man das Martyrium der letzten Tage nicht ansah. Max übersah das geflissentlich, denn es war unwichtig. Er würde dem nicht mehr Bedeutung zumessen, als es verdiente - nämlich keiner.

Jeder von ihnen war bemüht ein möglichst unbeteiligtes Gesicht aufzusetzen. Kein Außenstehender sollte erkennen, wie es um ihre Gemütsverfassung bestellt war und je weniger Aufsehen sie erregten, umso besser.
Zügig gingen sie in die zweite Etage, in der ihre Zimmer lagen. Als Max das erste Zimmer betrat, war es leer, wie erwartet. Der vertraute Geruch von Liz und Maria, ein Gemisch aus Vanille, Rosen und dem typischen Maria-Zypressenöl stieg ihm in die Nase. Der Duft trieb ihm beinahe die Tränen in die Augen, denn es erinnerte ihn daran, wie unvorsichtig sie alle gewesen waren und was es sie beinahe gekostet hätte.

Da öffnete sich die Tür des anderen, verbundenen Zimmers und eine wütende Schimpftirade entlud sich auf die Gruppe.

"Ich dachte schon, ihr kommt nie wieder zurück! Hattet ihr vor, dort zu überwintern? Wisst ihr eigentlich, was wir uns für Sorgen gemacht haben? Ich hoffe, ihr habt das Loch so tief gemacht, dass sie nicht auf die Idee kommen, uns noch mal zu behelligen! Michael, du siehst aus, als hättest du schon bessere Tage gehabt!"

"Maria, könntest du bitte mal aufhören, wie ein Wasserfall daherzuquatschen? Wir haben gerade Rath und Lonnie unter die Erde gebracht. Es ...!" Michael wurde rüde von Max unterbrochen.

"Wie geht es Liz?"


Es war direkt vor der Lagerhalle, als Max Cal warnte und ihm nahe legte, sich unter Einsatz seines eigenen Lebens für sie einzusetzen. Das, in Verbindung mit der geringen Chance, die sie hatten, alle möglichst heil herauszukommen, hatte die Situation nicht angenehmer gemacht. Cal wusste, wie ein Befehl von Max für ihn zu deuten war. Ein Befehl war ein Befehl und dem musste unter allen Umständen und trotz starker Ressentiments Folge geleistet werden. Ob ihm das persönlich nun passte oder nicht, war völlig belanglos, es fragte ohnehin niemand nach seinen Wünschen, also beugte er sich seinem König - gezwungenermaßen. Sein Hass stieg ins Unermessliche, gepaart mit widerwilliger Bewunderung. Max schaffte es inzwischen ein wenig müheloser, dem Ruf seiner Herkunft nachzukommen, aber ob er nach dieser Schlacht, denn es war eine, noch weiterhin die Möglichkeit dazu haben würde, war zu diesem Zeitpunkt mehr als fraglich gewesen.

Nur kurze Zeit später begriff Max, dass es nicht möglich war, jeden aus der Gruppe zu schützen. Lonnie und Rath konnten still und heimlich Liz habhaft werden. Ein Umstand, mit dem keiner gerechnet hatte und umso größer war die Überraschung in den Gesichtern. Das verkomplizierte die Situation wesentlich und verstärkte sein unwohles Gefühl im Bauch.

Sie kämpften verbissen, und dennoch hatte er nicht das Gefühl gehabt, als Sieger ohne Verluste aus diesem Gefecht herauszukommen. Cal hatte ähnliche Gedanken.

Als Kyle Max rief und er seine Frau leblos am Boden sah, wurde ihm schwindelig. Er stürzte auf sie zu und brach förmlich vor ohnmächtiger Trauer zusammen.

"Nein! Nein!" Es war ein kraftloser Ausruf, voller Schmerz und auch voller Reue. Er hatte sie in die Arme genommen, weinte und Tränen fielen auf sie nieder. Er versuchte seine Kräfte einzusetzen, doch sie waren restlos aufgebraucht. Es gab noch so vieles zu sagen und er wollte nicht, dass es vorbei war. Er fühlte sich ebenso leblos wie sie und hätte alles gegeben, um sie wieder ins Leben zurückzurufen.

Tatsächlich einmal erschüttert, trat Cal hinzu. Kyle saß wie betäubt vor Max und schaffte es nicht, sich aus der Erstarrung zu lösen. Er hatte gesehen, wie Liz im Kampf mit Lonnie zu Boden gesunken und hart aufgeschlagen war. Es wiederholte sich immer und immer wieder vor seinem geistigen Auge.

"Ich störe ungern die vertraute Szene, aber vielleicht wäre es jetzt ein günstiger Zeitpunkt um mit Wiederbelebungsmaßnahmen zu beginnen?" Cal würde seine Teilnahme niemals jemandem zeigen, doch mit Zynismus erreichte er genau das, was er bezweckte. Kyle erwachte aus seiner Trance.

"Max, lass sie los! Geh zur Seite!" Cal griff ein, denn er erkannte, dass Kyle sich um Liz kümmern musste. Er zerrte Max ein paar Schritte weg, bis dieser erkannte, dass er keine wirklich große Hilfe war. Max suchte tief in seinem Inneren die Fassung, die er doch stets beharrlich wahrte. Aber es ging hier um das Leben von Liz, seiner Frau, im Grunde seinem Leben. Was genauso wichtig war wie sein eigenes. Würde er sie nun tatsächlich verlieren?

Kyle, dem als Sheriffsohn von seinem Vater damals nahe gelegt worden war, einen Erste Hilfekurs zu belegen, wusste genau was zu tun war. Mit prägnanten, kurzen Bewegungen legte er sie gerade auf den Boden und platzierte ihren Kopf in den Nacken, die Arme an ihre Seiten. Er setzte seine Hände übereinander auf ihren Brustkorb, direkt dort, wo sich das Brustbein befand und drückte mit den Handballen zu. Zu jeder Tension zählte er bis 5, dann hielt er ihr leicht mit Daumen und Zeigefinger die Nase zu, während sein Mund sich auf ihren legte und er seine Luft hinein blies. Das wiederholte er dreimal. Max hatte sich inzwischen soweit gefasst, dass er wieder an ihre Seite zurückgetreten war und ihre eiskalte Hand in seine Hände nahm.

"Eins, zwei, drei, vier, fünf. Komm schon, Liz!" Kyle keuchte inzwischen vor Anstrengung und kalter Schweiß brach aus ihm hervor. Er wollte nicht darüber nachdenken, was geschehen würde, wenn Liz es nicht schaffte. Was bedeutete es für ihn? Was bedeutete es für Max? Es fiel ihm nur im Augenwinkel auf, aber Max` und Liz` Hände, die sich berührten, glühten. Er war zwar geschockt, machte aber mit seinen Bemühungen weiter.

"Sie ist jetzt schon über drei Minuten weg! Es ist zwecklos!" Cal schaute betreten auf seine Uhr.

"Nein, ist es nicht. Mach weiter, Kyle!" Max flehte beinahe und Kyle setzte sein Werk fort, jedoch ohne große Hoffnung.

Nach einer weiteren Minute, ohne dass ein Lebenszeichen von Liz zu vernehmen war, stellte er seine lebensrettenden Maßnahmen ein. Er war leer, fühlte nichts.

Das Glühen der Hände verebbte und Max wagte nicht, aufzusehen. Sein Herz setzte mit einem Schlag beinahe aus.

"Es ist nicht wahr, es kann nicht sein!" Ihm rannen die Tränen über sein Gesicht, doch er beachtete es nicht weiter. Wie hatte es nur so weit kommen können? Was war falsch gelaufen? Die Fragen katapultierten in seinem Gehirn ohne Reihenfolge und mit rascher Geschwindigkeit. Hinterher konnte er sich nicht mehr daran erinnern, sein Denken war zu diesem Zeitpunkt völlig ausgesetzt.

Mit einem Mal herrschte völlige Ruhe, nichts bewegte sich, bis ein leichtes Husten und Luftschnappen zu hören war.

Liz lebte.

Sie öffnete langsam die Augen, die sofort Max suchten. Nichts, außer ihren Augen, nahm er wahr, die Verletztheit, die Angst und die Tränen, die leicht daraus hervorströmten. Er hob seine Hand und streichelte ihr über das Gesicht, dabei weinte er selbst lautlos.

"Es wird alles gut, alles!" Max` Stimme glich einem Flüstern, und er meinte es so, wie er es sagte. Sie war nicht fähig, irgendetwas zu sagen, nur unendlich froh, dass es endlich vorbei und Max am Leben war.

"Ich bin so müde. Können wir nach Hause gehen? Maria, was ist mit Maria?" Sie wollte sich erheben, doch Max zwang sie, sich wieder niederzulegen.

"Wir kümmern uns darum. Ich nehme dich jetzt auf den Arm und trage dich zum Auto zurück." Vorsichtig hob er sie hoch. Sie wehrte sich nicht, sie wollte nach Maria sehen und einfach nur schlafen, ganz lange schlafen.

Kyle atmete tief ein und aus. Er hatte Angst, zu hyperventilieren. Unter normalen Umständen verlor er nicht so schnell seine Kontenance, doch heute war eine Ausnahme. Er holte nochmals intensiv Luft und atmete vorsichtig wieder aus, dann folgte er Cal und Max nach draußen.

In der Zeit, in der Liz zwischen Leben und Tod schwankte, kümmerten Michael und Isabel sich um Lonnie. Ava saß zwar unverletzt, aber unendlich erschöpft in einer Ecke und unternahm nichts, um sie zu unterstützen. Sie musste erst mal wieder zu Kräften kommen.

Rath war zu Staub zerfallen, was einen Feind weniger bedeutete. Doch Lonnie lag nach dem Blast mit dem Gesicht nach unten tot am Boden. Sie blutete aus mehreren Wunden. Isabel erhob ihre Hand um sie zu Asche zerfallen zu lassen. Der Energiestrahl war bei ihrem körperlich geschwächten Zustand nicht wie üblich, aber er reichte aus, um ihr Vorhaben zu erfüllen. Cal verwandelte inzwischen den Stuhl, auf dem Ava gefesselt war, mittels seiner Kräfte in die erforderlichen Urnen. Als das abgeschlossen war, erledigte Isabel den Rest. Sie beförderte die Asche in die Gefäße, was ein leichtes Unterfangen darstellte. Einen Körper zu zersetzen, war wesentlich umfangreicher und schwieriger. Doch im Endeffekt war auch das kein Problem.

Als sie ihre "Arbeit" beendet hatten, kam gerade Max mit Liz auf dem Arm an ihnen vorbei. Mit Erleichterung nahmen sie wahr, dass sie lebte. Schweigend suchten sie das Auto auf. Cal verstaute die Tongefäße im Kofferraum, setzte sich danach an das Steuer seiner Limousine und startete das Auto. Niemand schaute zurück an den Ort des Kampfes, alle hatten es eilig ins Motel zurückzukommen. Jeder dachte an das, was sie dort vielleicht vorfinden würden. Michael war kurz davor, vor Angst und Wut zu platzen. Beruhigend legte Isabel die Hand auf seine Schulter, doch er schüttelte sie nur ab. Er war nicht in einem Zustand, wo er Trost suchte, sondern Zerstörung. Und zwar so lange, bis er Maria lebend vorfand.

"Fahr schneller, Cal!" Michaels Stimme dröhnte selbst in seinen eigenen Ohren vor lauter Schärfe und aufgrund der Lautstärke.

"Wenn ich schneller fahre, dann fallen wir auf, und ich bezweifle, dass ihr euch dem Vergnügen hingebt und den Cops eine Erklärung für den entzückenden Aschehaufen im Kofferraum geben wollt. Aber falls das euer Wunsch ist, nur zu, ich erhöhe problemlos das Tempo."

"Halts Maul!" Michael schrie nicht, aber die Drohung war unmissverständlich. Es wurde nicht widersprochen, denn es war unübersehbar, dass er sich in einem höllischen Zustand befand.

Als sie endlich am Hintereingang des Motels angelangt waren, war Michael der Erste, der aus dem Auto stieg. Die Wut verlieh ihm trotz seiner Schwäche ungeahnte Kräfte. Max und Liz folgten gemächlicher, da sie weiterhin von ihm getragen wurde. Der Rest passte sich Michaels Tempo weitgehend an.

Michael wartete nicht auf den altersschwachen Aufzug, sondern wackelte im Schneckentempo die Treppen zur zweiten Etage hoch. Als er in das Zimmer stürmte, konstatierte er erfreut und aus sämtlichen Lungen pfeifend, dass Maria noch lebte. Vor lauter Schreck über den plötzlichen Einfall ihres Freundes, ließ sie das Geschirrhandtuch, welches sie auf ihre blutende Kopfwunde presste, fallen.

"Verdammt, du bist verletzt. Geht’s dir wieder gut?" Er riss sie in seine Arme, um zu fühlen, ob sie wirklich nicht zu arg verletzt war. Dabei wäre er fast umgefallen.

"Hey, Spaceboy, mich haut so schnell nichts um." Dennoch sank sie erschöpft gegen ihn und er genoss es zutiefst. Die Erleichterung durchströmte ihn in heißen Wellen. Allmählich füllte sich der Raum und auch Max und Liz erschienen auf der Bildfläche.

Als Maria ihrer angesichtig wurde, japste sie erschrocken auf: "Liz, oh mein Gott. Ist alles in Ordnung?" Sie wollte zu ihr gehen, doch Michael hielt sie auf. "Max kümmert sich um sie. Und nun bist du dran!" Er schaute auf ihre Kopfwunde, die zwar Furcht erregend infolge des Blutverlustes aussah, aber nicht lebensbedrohlich wirkte. Widerwillig entwand sie sich seinen Armen, um gleich darauf festzustellen, dass sie sich doch an ihn klammern musste, da sie Schwindelanfälle bekam. Vorsichtig führte Michael sie zum Bett und beide legten sich erschöpft hinein.

Ava ließ sich groggy in einen der Sessel fallen und verfolgte das geschäftige Treiben um sie herum teilnahmslos. Das, was sie, wie alle anderen, am dringendsten brauchte, war Ruhe.
Isabel hatte inzwischen sauberes Verbandsmaterial geholt, um Maria zu verbinden und ihr die Wunde zu säubern. Maria war zu erschöpft, um sich über kleinere Schmerzen zu beklagen, sie dämmerte bereits in einen ruhigen und erholsamen Schlaf hinüber. Ähnlich erging es Liz, die erleichtert und gelöst wirkte, weil alle überlebt hatten, die Aufgabe erfüllt und der Schrecken endlich vorbei war. Sie schlief das erste Mal seit langem ohne Visionen oder Alpträume ein. Max wachte mit besorgtem Gesichtsausdruck über ihr Wohlbefinden, bis auch er in tiefen Schlaf sank.



Maria schnaufte, ob seiner Frage. "Kannst du dir das nicht ausmalen? Schließlich bist du ihr Mann." Wütend blickte sie ihn an. „Ach, willst du darauf wirklich eine Antwort? Sie lebt noch und das ist nicht dir zu verdanken, sondern Kyle.“ Die Arme vor der Brust verschränkt stand sie da, ihre Augen funkelten wütend.

Max senkte den Kopf und versuchte ihrem Blick auszuweichen. Maria sagte die Wahrheit. Er war seiner Frau gegenüber unfair gewesen, auch wenn sein Verhalten in gewissem Maße verständlich war. Dennoch erschien es ihm jetzt schäbig und kleinlich, vor allem wenn er daran dachte, dass Liz um ein Haar gestorben wäre.

„Ich würde sie gern sehen!“ Elegisch schaute er ihr in die Augen.

Maria schüttelte mit trauriger Miene und Tränen in den Augen den Kopf. „Was ist, wenn sie dich nicht sehen will?“

Darauf wusste er keine Antwort und so starrte er sie nur unsicher an.

Natürlich wusste Maria, dass Liz ihn sehen wollte, doch andererseits wollte sie ihn auch ein bisschen leiden sehen.
„Selbstverständlich will sie dich sehen. Sie liebt dich, Max. Geh zu ihr, aber tu ihr nicht weh!“ Maria ging einen Schritt zur Seite und ließ ihn vorbei.

Max öffnete leise die Tür, trat ein und lehnte sie an. Maria und die anderen hatten es sich zwischenzeitlich im anderen Zimmer gemütlich gemacht. Jedoch konnte sie es sich nicht verkneifen, beunruhigt zur Tür zu schauen.

Es war dunkel im Raum, nur eine kleine Lampe spendete spärliches Licht. Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er Liz auf dem Bett liegen.

Beim näher kommen, konnte er ihren gequälten Gesichtsausdruck erkennen. Die Augen schmerzvoll zusammengekniffen, lag sie mit angezogenen Knien auf der Seite und bewegte sich nicht.

Als Max ihr Bett erreicht hatte, beugte er sich zu ihr hinunter. Seine Besorgnis spiegelte sich in seinem Gesicht wider. Eine Haarsträhne lag leicht auf ihrem Gesicht. Er nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger und strich sie behutsam weg.

Es war seitens Max nur eine leichte Berührung gewesen, dennoch hatte er gehofft, eine kleine Reaktion ihrerseits zu vernehmen und tatsächlich, sie bemerkte seine gebeugte Gestalt und einen leichten Luftzug. Mit ihrem Erwachen stellte sich auch wieder der Erschöpfungszustand ein und stöhnend griff sie sich an den Kopf.

Eine seiner Hände war um ihr weiches, warmes Gesicht gelegt, die andere hielt liebevoll die ihre. Vorsichtig setzte er sich zu ihr aufs Bett. Er konnte nicht glauben, was aus ihnen geworden war. Liz war doch die Liebe seines Lebens! Wie hatte er sich ihr gegenüber nur derart verhalten können? Er erinnerte sich an den Moment, als er sie halbtot in den Armen gehalten hatte und wiederholt bildeten sich Tränen in seinen Augen. Sie wäre beinahe gestorben ...
Ein paar Tränen lösten sich und rannen seine Wange hinab. Müde und ausgezerrt schloss er seine Augen.

Niemals mehr würde er diesen einen Moment vergessen, in dem sie beinahe ihr Leben gelassen hätte. Diese Endgültigkeit hatte dermaßen stark auf ihn eingewirkt, dass er es auch jetzt noch spürte.

Er registrierte nun mit voller Bandbreite, dass er nichts dagegen ausrichten konnte. Die andere Seite war stark, vielleicht zu stark, um dagegen anzukämpfen und auch zu gewinnen, jedenfalls nicht immer. Dieses Mal hatten sie noch Glück gehabt. Würde dieses Glück beim nächsten Mal auch noch auf ihrer Seite stehen? Etwas anderes wurde ihm klar, nämlich, wie nichtig ihr Streit gewesen war. Die Probleme, die sie miteinander hatten, waren dagegen unbedeutend. Das war ihm aufgegangen, als er ihren leblosen Körper hielt und er sich verzweifelt gewünscht hatte, mit ihr den Platz zu tauschen.

Er hatte sich so verzweifelt gefühlt, so unnütz, denn er konnte nichts tun, um sie zurückzuholen. Seine heilenden Kräfte hatten ihn im Stich gelassen. In dem Moment war er von panischen Angst ergriffen, als wenn sein Leben auf dem Spiel stünde.

Noch immer hatte er an der Sache mit Future-Max zu knabbern, es beschäftigte ihn mehr, als er sich selbst eingestand. Ihr Misstrauen hatte ihn schwer getroffen, denn was anderes konnte es nicht sein, sonst hätte sie ihm davon berichtet.

Und war nicht Vertrauen das Wichtigste in einer Beziehung?

Das hatte einen wunden Punkt in seinem Inneren entstehen lassen, der ihn immer dann schmerzte, wenn er sie sah. Mit ihrem Anblick wiederholten sich jedes Mal die Geschehnisse. Er würde daran arbeiten müssen, um das zu verdauen.

Es wäre sinnvoller und weniger schmerzvoll gewesen, wenn sie es ihm sofort gesagt hätte, diese Meinung vertrat er weiterhin.

Beiden wäre dieses fortwährende Leiden erspart geblieben, wenn sie, sich dazu hätte durchringen können und ihn eingeweiht hätte. Er fand immer eine Lösung, jedoch nur, wenn er auch die Probleme kannte. Unwissen konnte in ihrem Falle sehr gefährlich sein, der Beweis war keine 24 Stunden alt.

Als Liz ihn über Future-Max eingehend aufgeklärt hatte, änderte sich sein Selbst schlagartig. Nicht die Liebe zu Liz stellte er seitdem in Frage, sondern das Vertrauen, welches er in sie gesetzt hatte.

Es gab so vieles zu bedenken. Sie hatte ihn wissentlich zu Tess gedrängt, eine alleinige Entscheidung gefällt, in die er hätte miteinbezogen werden müssen. Tess hatte Alex` Tod absichtlich in Kauf genommen und starb dann selbst auf eine Weise, die er ihr nicht wünschte. Doch das, was ihn am meisten beschäftigte, war das Kind, das er mit Tess gezeugt hatte. Er dachte jeden Tag an ihn. Ein Teil von ihm war irgendwo auf diesem Planeten und er würde nie die Möglichkeit dazu haben, ihm ein guter Vater zu sein. Er hatte ihn zur eigenen Sicherheit weggegeben.

Er war sich im Klaren darüber, dass er kein Unschuldslamm gewesen war. Nur allzu leicht hatte er sich Tess zugewandt und zu wenig die Hintergründe erfragt.
„Warum hast du mir damals nichts von seinem Besuch erzählt?“

Sie erkannte, dass ein Fünkchen Wahrheit darin lag, dass sie ihm hätte erzählen sollen. Aber schließlich hatte seine Zukunftsversion es ihr untersagt.

„Was hätte ich dir sagen sollen, Max? Es war so schon schwierig genug und die Vorstellung, dich mit Tess zusammen zu sehen, war einfach bar jeglicher Zumutung. Es war die sprichwörtliche Hölle! Aber es war nicht meine Wahl, die ich getroffen hatte, sondern deine, in der Zukunft."

„Es hätte eine andere Lösung gegeben.“

„Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Eventuell wäre alles viel schlimmer gekommen. Es tut mir Leid, Max, ich hätte es dir sagen sollen."

„Aber du hast mir nicht vertraut.“ Es war eine Feststellung, keine Anklage.

„Nein, Max, um Vertrauen ging es bei uns beiden nie. Ich habe dir immer vertraut. Ich bin nicht diejenige gewesen, die nicht geglaubt hatte, dass Alex nicht unter normalen Umständen gestorben ist.“ Es erforderte für sie viel Kraft zu sprechen und es fiel ihr zunehmend schwerer.

Sie hatte ihren Mann enttäuscht und ihre Freunde distanzierten sich auch weitgehend von ihr, bis auf zwei Ausnahmen, Maria und Kyle. Zudem bedeutete es, dass sie sich seitdem sie Roswell verlassen hatte, in einem immerwährenden Albtraum befand.

Er hielt noch immer ihre Hand und blickte sie sprachlos an. Es war vieles unausgesprochen. Dennoch hätte sie nichts lieber getan, als ihn zu umarmen und ihn zu spüren.

Sie wollte nicht mehr allein sein, sie hatte bereits genug unter ihrem Fehler gelitten.

„Max, es tut mir Leid. Ich wollte nicht, dass du denkst, dass ich dir nicht mehr vertraue. Ich liebe dich und wollte dir nie weh tun.“

„Es ist okay. Auch ich habe Fehler begangen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Auch ich hätte dir mehr Vertrauen entgegenbringen sollen. Es sind Dinge geschehen, wovon ich geglaubt hätte, dass du sie mir nie verzeihen würdest. Doch du hast es getan. Ich hätte mich um dich kümmern müssen und habe dich stattdessen standhaft ignoriert, obwohl du meiner Unterstützung bedurft hast. Es tut mir wirklich alles sehr Leid. Obwohl du beinahe gestorben wärst, war ich zu stur. Beinahe hätte ich dich verloren und nie wieder die Möglichkeit gehabt, dir zu sagen, dass ich dich liebe. Wir müssen das alles hinter uns lassen. Also, lass uns nach vorne sehen und nicht weiter zurück. Dass du fast gestorben wärst hat mir gezeigt, wie kurz unser gemeinsames Glück sein kann. Jeder Tag ist kostbar, dass weiß ich seit gestern und wir sollten alles tun, um diese Zeit gemeinsam zu nutzen“

Sie drückte mit Tränen in den Augen immer wieder seine Hand.

„Du hast Recht, lass uns nach vorne blicken und nicht mehr zurück.“

„Wir müssen uns gegenseitig mehr Vertrauen entgegenbringen und mehr miteinander sprechen. Wir dürfen keine Geheimnisse mehr voreinander haben. Wir haben ja gesehen, wo das hinführt. Lass uns ehrlicher miteinander sein.“

Sie nickte langsam und drückte erneut seine Hand.

„Keine Geheimnisse mehr ...“, bestätigte sie.

Sie sah so wunderschön aus. Obwohl sie tiefe Augenringe hatte und ihre Haare matt und glanzlos wirkten, war sie für ihn schöner als alles, was er je gesehen hatte.

Er legte die andere Hand auch noch um ihr Gesicht und schloss die Augen, als sich ihre Gesichter näherten und er sie sanft küsste.

*****

Isabel befand sich am Ende des Zimmers, allein, in eine Ecke geflüchtet und ihre Körperhaltung signalisierte ihren Wunsch nach Ruhe und etwas Zeit für sich selbst.

Sie hatte die Beine an den Körper gezogen, ihre Arme waren um ihre Knie geschlungen und ihre langen, blonden Haare schirmten ihr Gesicht von der Außenwelt ab. Ein vorübergehender Schutzmantel, der sie zwar vor besorgten Blicken schützte, aber nicht vor den Gedanken, die in ihrem Kopf umherwirbelten.

Ihre sonst so strahlenden Augen blickten ziellos ins Leere und spiegelten ihr Gefühl des Verlorenseins wider.

Max und Liz begannen miteinander zu reden und Isabel versuchte, ihre Stimmen auszublenden. Es gelang ihr nicht ganz vollständig – sie konnte immer noch einzelne Worte von ihrem Gespräch vernehmen, welche sie zum Nachdenken verleiteten.

„Fehler ... Vertrauen ... gestorben ... Liebe ... Glück ...“

Isabel schüttelte schwach den Kopf und versuchte verzweifelt, zu vergessen, was in den letzten Stunden passiert war. Vergeblich. Sie hatte Lonnie getötet - ihren eigenen Zwilling – ihr Duplikat.

Es war Notwehr gewesen, Lonnie hätte keinen Augenblick gezögert, sie und alle anderen umzubringen ... dennoch wurde es dadurch nicht leichter.

In ihrem Leben hatte sie schon zu oft dem Tod ins Angesicht sehen müssen – und sie war immer daran schuld gewesen, sie war einer der Auslöser, dass es erst soweit kommen musste.

An ihrem Geburtstag vor zwei Jahren war zum ersten Mal ihretwegen jemand ums Leben gekommen - Vanessa Whitaker.

Vorher wäre sie nie auf den Gedanken gekommen, dass die Kraft zum Töten in ihr steckte, geschweige denn, dass sie dazu fähig sein würde. Sie war dazu in der Lage, daran gab es nun keinen Zweifel mehr.

Ihre Schuldgefühle hatte sie nie ganz verarbeitet, sondern lieber in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins gedrängt und unangetastet gelassen. Das war erheblich einfacher gewesen, als sich bewusst mit allem auseinander zu setzen.

Mit der Tatsache, ein Leben ausgelöscht zu haben ...

Das Leben und der Tod gehörten unausweichlich zusammen, trotzdem war es ein Schock, wenn letzteres eintraf. Besonders, wenn man die Menschen gekannt hatte - wie Grant.

Sie war blind gewesen, hatte nicht glauben wollen, dass er etwas mit der Kristallkönigin zu tun hatte – erst als es zu spät war. Vielleicht hätte sie ihm helfen können, ihn retten und ihn davor bewahren, eines solchen Todes zu sterben. Doch sie hatte all die Anzeichen ignoriert und sich eingebildet, mit einem ganz normalen Mann auszugehen. In dieser Vorstellung war kein Platz für Aliens gewesen.

Das Schlimmste war jedoch, jemanden zu verlieren, den man geliebt hatte, so wie sie Alex. Sie hätte verhindern können, dass jetzt nur noch ein Grabstein, Fotos und Erinnerungen von ihm übrig waren.

Doch sie hatte die Situation nicht erkannt, war blind gewesen, wie in vielen Dingen in Bezug auf Alex. „Ich liebe dich“, diese drei Wörter hatte sie erst gesagt, als er tot gewesen war ... Sie hatte nicht den Mut gehabt, es ihm direkt zu sagen, als er noch lebte. Stattdessen hatte sie einen Geist über ihre Gefühle aufgeklärt.

Ein trockener Schluchzer löste sich aus Isabels Kehle und verhallte fast ungehört im Raum. Nur Michael vernahm den leisen Laut und sein Blick wanderte zu Isabel. Besorgt die Stirn runzelnd, registrierte er ihre abweisende Körperhaltung und machte sich Vorwürfe, dass er Isabel nicht schon eher beachtet hatte. Langsam begab er sich zu ihr hinüber und setzte sich wortlos neben sie.

Isabel linste kurz zu ihrer linken Seite und Muskeln, die sich ohne ihr Wissen angespannt hatten, lockerten sich wieder. Mehrere Minuten verstrichen schweigend, keiner von ihnen sagte ein Wort, obwohl ihre Gedanken nicht still standen.

Michael wartete geduldig ab, etwas, was nicht seine Stärke war. Aber er kannte Isabel gut genug, um zu wissen, dass sie den ersten Schritt machen musste – er konnte nichts anderes tun, als ihr seine Hilfe anzubieten.

„Wird es irgendwann leichter?“ Beinahe hätte er ihre Frage nicht gehört, so leise hatte sie gesprochen. Isabels Stimme war nur ein heiseres Flüstern, ihr Hals vollkommen ausgetrocknet, aufgrund der Tatsache, dass sie seit Stunden nichts mehr getrunken hatte. Sobald sie nur daran dachte, etwas zu sich zu nehmen, stieg Übelkeit in ihr auf.

„Ja, aber das dauert seine Zeit ... Irgendwann hört man auf, daran zu denken und fängt an, wieder ‚normal’ zu leben“, antwortete Michael mit ebenfalls gedämpfter Stimme.

„Normal ...“, wiederholte Isabel nachdenklich. „Was heißt normal?“

„Das versuche ich auch noch herauszufinden“, lautete Michaels knappe Antwort. Er streckte seine Beine aus und brachte sich in eine bequemere Sitzposition. Seinen rechten Arm legte er um Isabels Schultern und zog sie etwas an sich heran. Zuerst widerstand sie seiner Aufforderung, lehnte nach kurzem Zögern aber ihren Kopf an seine Schulter und atmete tief aus.
„Weißt du ...“, begann Michael, brach jedoch sofort wieder ab, da er nicht wusste, wie er seine Gedanken in Worte fassen sollte. „Verdammt, Izzy, ich bin nicht gut in solchen Gesprächen ... Reden war immer die Aufgabe von Max, er ist darin besser als ich.“

Isabel gab ihm keine Antwort, sondern kuschelte sich Trost suchend enger an ihn. Seine Gegenwart half ihr, es erschien ihr alles weniger Angst erregend. Er würde sie beschützen.

Michael räusperte sich kurz, ehe er von neuem begann. „Ich weiß, wie du dich fühlst. Bei mir war es dasselbe ... mit Pierce.“

Aufmerksam hörte Isabel ihm zu. Dieses Thema war bei Michael bisher immer tabu gewesen. Wenn sie versucht hatte, das Thema anzuschneiden, war er ihr ausgewichen oder hatte sie brüsk zurückgewiesen.

„Es war Notwehr gewesen, dennoch mache ich mir heute noch Vorwürfe und frage mich, ob es nicht einen anderen Weg gegeben hätte. Ob er wirklich hatte sterben müssen, obwohl er so ein Mistkerl war. In der ersten Zeit hatte ich Albträume, hab jede Nacht sein Gesicht vor mir gesehen und bin dann aufgewacht. Danach konnte ich nicht mehr einschlafen und bin oft durch Roswell gelaufen, um mich abzulenken ... Geholfen hat es nicht wirklich und die Schuldgefühle habe ich heute noch.“

Isabel schaute zu ihm hoch, ohne ihre bequeme Position in seinen Armen zu verlassen. „Du musstest es tun ... Er hätte sonst einen von uns umgebracht, du hattest gar keine Wahl“, äußerte sie sich mit sanfter Stimme. „Dich trifft keine Schuld.“

Michael ließ ein freudloses Lachen ertönen und seine Hand strich unbewusst Isabels Arm auf und ab. „Wieso kannst du das bei mir so einfach sagen und machst dich selbst so fertig?“, wollte er von ihr wissen. „Bei dir ist es doch dasselbe.“

„Ich weiß“, seufzte sie auf und versuchte, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Ihre Augen wurden feucht, eine einzelne Träne stahl sich aus ihren Augenwinkeln und rollte langsam ihre Wange hinab.

Michaels Worte hatten etwas in ihr berührt, die innere Kälte aufgehoben, die sie bisher am Weinen gehindert hatte. Sie war zwar immer noch da, aber sie begann zu verblassen. Es würde noch dauern, bis sie ganz verschwunden war, aber es würde leichter werden. Irgendwann ... Leise aufseufzend kuschelte sie sich noch enger an Michael und keiner der beiden bewegte sich die nächste Zeit.

*****

Ava saß mit den anderen der Gruppe in einem der miteinander verbundenen Zimmer. Liz lag auf einem der Betten und Michael und Isabel standen an der Tür. Jeder sah besorgt zu Liz.

Sie hatten Ava zwar gerettet und Rath und Lonnie endgültig vernichtet, aber das zweite und für die Gruppe viel wichtigere Problem, bestand nach wie vor, nämlich Liz` Visionen und die damit verbundenen Schmerzen.

Maria stand, die Arme in die Hüften gestützt, und schaute Max herausfordernd an.
„Und wie geht es jetzt weiter, großer Anführer? Wir haben Ava befreit, aber Liz beinahe dabei verloren. Und das eigentliche Problem von Liz ist immer noch nicht gelöst. Was machen wir mit den Visionen? TU VERDAMMT NOCHMAL ETWAS! IMMERHIN BIST DU IHR EHEMANN!“, fauchte Maria ihn an. „Und wie geht es jetzt weiter? Ava ist befreit und Liz geht es weiterhin schlecht. Wie sollen wir dieses Problem denn nun lösen? Tu was, Max, sie ist deine Frau!“ Ungeduldig stampfte sie mit ihrem Fuß auf.

Liz lag auf dem Bett und war eben im Begriff, Maria in ihrem Wutanfall zu stoppen, als sie die zaghafte Stimme von Ava vernahm.

„Was meint ihr mit Visionen? Und seit wann ist Max denn verheiratet?“

„Ich glaube nicht, dass dies eine Rolle spielt, außerdem solltest du ganz still sein. Wir haben für dich unseren Arsch riskiert und jetzt hältst du deine Klappe. Das alles geht dich nichts an“, fauchte Michael Ava an.

Cal räusperte sich und blickte Ava scharf an, doch die zierliche Frau ließ sich davon nicht beeindrucken.

„Vielleicht bin ich nicht dazu berechtigt etwas zu sagen, aber dann fragt doch den großen Beschützer.“ Bedeutsam nickte sie in Cal`s Richtung.

„Was soll das heißen?“ Max` Neugier war geweckt und ihm fiel Cal`s Reaktion auf, die ihm recht außergewöhnlich erschien.

„Ja genau, was hat das alles zu bedeuten?“, fragten Maria, Kyle und Isabel gleichzeitig.

„Nichts, überhaupt nichts. Hört gar nicht auf sie, aber macht nur so weiter. Meine Arbeit ist getan, schönes Leben noch!"

Cal wollte eben zur Tür hinausgehen, als Michael ihm den Weg versperrte.

„Nicht so schnell. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmt.“ Michaels Stimme klang scharf und sehr konsequent.

Cal zuckte ungerührt mit den Schultern.

Ava begriff langsam, dass Cal ihnen allen eine wichtige Tatsache vorenthalten hatte. Und offenbar schienen weder Max noch die anderen zu wissen, was es mit den Visionen auf sich hatte. Ihr Blick wanderte von Cal zu Michael, weiter zu Max und ruhte schließlich auf Liz. Ihre Schmerzen waren nicht zu übersehen.

Sie musste etwas unternehmen, denn immerhin verdankte sie Liz ihr Leben.

Sie sah Cal noch ein letztes Mal an, schloss dann für einen kurzen Moment die Augen und überlegte.

Als sie ihre Augen wieder öffnete, schaute sie in die fragenden Gesichter der Gruppe.

„Ava, wenn du etwas weißt, dann sag es uns bitte! Es geht um das Leben meiner Frau.“

Maria rümpfte die Nase, als Max Liz wieder einmal als seine Frau bezeichnet hatte. Doch weder Max noch die anderen beachteten sie.

„Ihr beide seid verheiratet?" Ava versicherte sich damit noch einmal, bevor ihr etwas entfuhr, was besser ungesagt geblieben wäre.

„Ja, ich und Liz haben geheiratet, aber was hat das damit zu tun?“

Avas Kopf fuhr zu Cal herum, doch seine steinerne Miene verriet keinerlei Gefühlsregung.

„Die Visionen sind Teil der Veränderung, die Liz aufgrund ihrer Heilung durchmacht. Du hast damals unbewusst eine Verbindung aufgebaut und das hat sie verändert. Sie ist nun nicht mehr komplett menschlich“, begann Ava die Dinge zu erklären.

„Das wissen wir schon. Aber was hat das alles mit Liz` Zustand zu tun?“, fragte Michael barsch bei Ava nach.

„Lass sie aussprechen, Michael, bevor du etwas sagst. Ich habe das Gefühl, dass es wichtig ist, was sie uns zu sagen hat!“, unterbrach Max ihn.

„Es hat nichts mit Liz momentanem Zustand zu tun, und sie wäre in einer weitaus besseren Verfassung, wenn ihr euch ein wenig mehr mit eurem Heimatplaneten befasst hättet. Was wisst ihr eigentlich über die Hochzeitszeremonie eines Königs und der Königin?"

„Was faselst du da von König und Königin?"

Max` Blick irrte zwischen Liz und Ava hin und her.

„Sie meint Liz und mich. Ich bin wohl noch immer König und Liz nun offenbar meine Königin. Unabhängig davon, dass wir nie an so etwas gedacht haben, hatte ich auch angenommen, dieser Teil meines Lebens läge hinter mir."

Ava nickte nur.

„Aber so ist es nicht“, konnte man zum ersten Mal die Stimme von Liz hören.

„Nein, nichts ist vergangen. Ihr beide seid nun einmal die rechtmäßigen Herrscher von Antar, als König und Königin. Aber augenscheinlich wusstet ihr nichts von den Gebräuchen auf unserem Planeten. Hat einer von euch schon einmal etwas von dem Siegel gehört?“

Alle außer Max schüttelten den Kopf und jeder warf ihm fragende Blicke zu, bei denen es allerdings nicht blieb.

„Du hast davon gewusst? Was hat es mit dem Siegel auf sich?“ Maria hatte alle Mühe, ihr aufbrausendes Temperament zu zügeln.

Kyle fasste sich an den Kopf und stöhnte. Doch keiner beachtete ihn, da sich jeder Max gespannt zugewandt hatte.

„Das Siegel ist das Zeichen meiner Königswürde. Es identifiziert mich als rechtmäßigen König von Antar. Damals, als ich mit Tess, Rath und Lonnie auf dem Gipfeltreffen war, habe ich es einmal wirklich gebraucht. Aber was hat mein Siegel damit zu tun?“

„Nein, ich meinte nicht dein Siegel, Max“, erklärte Ava und schüttelte den Kopf, „genauso wie der König von Antar ein Siegel in sich trägt, so trägt auch seine Frau ein solches Siegel in sich. Dieses Siegel hilft Liz die Visionen zu kontrollieren, was ihr derzeit noch unmöglich erscheint. Sie würden Liz sozusagen heilen, doch ich verstehe nicht, warum euch nicht ...“

„Warum uns was nicht?“, fragte Max und durchbohrte Ava mit seinen dunklen Augen.

Ava hatte ihren Kopf zur Seite gewandt und schaute Cal an, der nur lässig an der Wand lehnte und dem bisher Gesagten zugehört hatte.

Max folgte ihrem Blick und er begriff, was Cal ihm seinerzeit wissentlich vorenthalten hatte.

„Du hast davon gewusst?“, schrie er und wollte auf Cal losgehen. Nur durch die gemeinsamen Anstrengungen von Michael, Isabel und Maria konnte er zurückgehalten werden.

Cal lächelte zynisch in die Runde.

"Was hast du denn gedacht, King Mighty? Ich helfe dir schließlich nicht freiwillig und du hast mir nicht befohlen, dir das Heilmittel für Liz zu nennen."

„DU BASTARD!“, schrie Max ihn an und es kostete die drei jede mögliche Kraftanstrengung, um Max von Cal fernzuhalten, denn sonst hätte er ihn vermutlich getötet.

„Beruhige dich, Max, das hilft uns im Moment nicht. Du solltest jetzt erst mal an deine Frau denken.“

Max hob seine Hände und blickte seine Freunde indigniert an.

„Ich bin ruhig, ich bin absolut ruhig. Nur früher oder später werden ich und dieser Bastard dort das Problem klären“, sagte er gereizt.

Ava verstand die unausgesprochene Frage, die Liz im Gesicht geschrieben stand, doch bevor sie sie aufklären würde, musste sie mehr wissen.

„Wann habt ihr geheiratet? Und die viel wichtigere Frage ist: Wie?"

"Vor etwas mehr als 4 Monaten. Warum? Und was soll das heißen, wie? Wir haben uns von einem Friedensrichter trauen lassen. Was hat das damit zu tun?“, antwortete Max.

„Das ist eine sehr lange Zeit und es wundert mich, dass Liz noch lebt. Normalerweise müsste sie aufgrund der Schmerzen längst wahnsinnig geworden sein oder schlimmer noch, bereits tot. Mir ist kein Fall bekannt, bei dem die Königin so lange ohne ihr Siegel überlebt hat, ohne Schaden zu nehmen."

Cal`s Grinsen wurde von Minute zu Minute breiter, denn diesen, ihm verhassten, Mann derart leiden zu sehen, waren fast all die Dinge wert, die er hatte aufgeben müssen.

Max bemühte sich, ihn zu ignorieren und widmete sich Ava, während Michael auf Cal zuging.

„Ich würde an deiner Stelle sofort dieses Grinsen aus dem Gesicht verschwinden lassen oder ich sorge selbst dafür“, drohte er ihm.

Cal erkannte, dass es Michael mit seiner Warnung ernst war und versuchte, seine offene Freude über Max` Leiden zu verbergen. Er hob abwehrend seine Hände, schüttelte den Kopf und sah die Gruppe an.

Max funkelte ihn hasserfüllt an, aber zu der Wut kam noch Argwohn. Was hatte Cal ihnen sonst noch alles verschwiegen? Sie wussten so gut wie gar nichts über Antar, ihre Heimat und die Bräuche dort. Der Einzige, der ihnen etwas darüber hätte sagen können, schien sie mehr zu hassen, als es vorstellbar war. Aber zum Glück war Ava nun da, die offenbar auch etwas über das Leben auf Antar wusste.

In Max keimte ein schrecklicher Verdacht und Schuldgefühle wallten in ihm auf. Was, wenn er für Liz` Situation verantwortlich war und es schon früher hätte beenden können? Warum waren sie nur so unwissend, was ihre Heimat anbelangte? Und wieso würden sie die Dinge von Antar nie wirklich loslassen können? Ein Davonlaufen gab es nicht, denn ein brauchbares Versteck würden sie nie finden. Sie waren nun einmal anders und das würden sie auch immer bleiben.

Maria war die Erste, die sich von dem kurzzeitigen Schock erholt hatte und auch die Sprache wieder fand.

„DAS IST MEINE FREUNDIN, DIE DORT HALBTOT LIEGT UND SEIT MONATEN LEIDET. UND DU HAST ES GEWUSST UND NICHTS UNTERNOMMEN?“, schrie sie Cal an.

„Natürlich war mir das bekannt. Es ist meine Aufgabe, alles über die „Königlichen Vier“ zu wissen, also auch das mit unserer neuen Königin. Nur die Frage ist, wie lange sie noch Königin bleibt. Es ist bemerkenswert, dass sie nicht schon längst tot ist. Ihre Zähigkeit ist erstaunlich. Eigentlich dachte ich, dass sie es nicht so lange aushält.“

Max` Augen wurden dunkler, je abfälliger Cal sprach und man konnte förmlich erkennen, wie die Wut in ihm anstieg. Für dieses Verhalten hätte Cal Max` Meinung nach, den Tod verdient.

Kyle fasste sich wieder an seinen Kopf und kniff die Augen zusammen. Er hatte den Eindruck, dass sein Schädel jeden Augenblick platzen würde. Es war so, dass er körperlich spüren konnte, was die anderen empfanden, und dies war nicht wirklich angenehm. Er nahm Wut, Schmerz und blanken Hass wahr und er hatte das Gefühl, dass diese Emotionen ihn übermannten.

Ava stand hilflos im Raum und sie schien erst jetzt zu begreifen, was hier in den letzten Minuten vorgefallen war. Keiner hatte nur ansatzweise etwas von dem geahnt und nun, wo dieses Geheimnis offen dargelegt wurde, kam es ihnen so vor, als würde die Luft vor Spannung flimmern.

„Formwandler, ich befehle dir, mir alles zu sagen, was du über das Siegel und die Heilung meiner Frau weißt“, ertönte Max` gebieterische Stimme.

Cal seufzte ungehalten, aber auch resigniert. Ihm blieb keine Wahl.

Er schenkte ihnen keine Beachtung, erst als er zu erzählen begann, leuchtete die Verachtung wie ein Warnsignal in seinen Augen.

Ungläubig hörte Kyle Cal`s Ausführungen zu und hielt Liz` Hand.

„Auf Antar ist es üblich, dass die Königin in ihrer Hochzeitsnacht das Siegel erhält. Dieses Siegel ist nicht nur ein Zeichen ihres Ranges und ihrer Macht, sondern unterstützt sie darin, mit ihrer besonderen Gabe zurecht zu kommen. Seit Generationen hat jede Königin solche Visionen wie Liz, also ist dies nichts Außergewöhnliches. Nur mit dem Unterschied, dass ihre Vorgängerinnen diese Visionen mit Hilfe des Siegels kontrollieren konnten. Durch die Verbindung von König und Königin werden die Kräfte der Königin noch um ein zehnfaches verstärkt. Aber King Mighty ist doch nicht so allwissend, wie er immer tut. Zumindest weiß er rein gar nichts über seine Heimat oder auch über die Verantwortung, der er sich normalerweise stellen muss. Man wählt die Königin nicht einfach willkürlich, und schon gar nicht unvorbereitet, aber das ist dir wohl auch neu. Du bist nichts weiter, als ein verwöhnter, kleiner Junge, der seine Freundin heiraten wollte, um endlich mit ihr zusammen sein zu können“, führte Cal seine Erklärung aus.

Bei Michaels und Isabels fragenden Gesichtern, nickte Ava Cal`s bisherigem Bericht protegierend zu.

„Einen Haken jedoch hatte die Sache schon, King Mighty. Nur ganz hohe Antarianer sind über das Siegel eingeweiht, und ich habe in Gegenwart dieser minderwertigen Lebensformen schon mehr ausgesprochen, als sie jemals hätten erfahren dürfen.

„Liz ist meine Freundin und nun ist sie auch deine Königin, du eingebildeter Schnösel. Weder ich, noch Kyle sind minderwertige Lebensformen! Sieh dich doch mal an. Du hältst deine Rasse für so überlegen und doch ist nun ein Mensch die neue Königin. Das nennt man wohl Ironie des Schicksals“ konstatierte Maria ostentativ.

Ohne eine Gefühlsregung, zeigte er auf Maria und Kyle.

„Die beiden müssen sofort das Zimmer verlassen. Du hast mir zwar befohlen, dir alles zu sagen, jedoch bin ich auch an einen anderen Eid gebunden und der ist höher, als der Schwur deinen Befehlen zu folgen. Also entweder gehen die beiden oder aber ich spreche nicht weiter.“

Maria wollte noch etwas dazwischen werfen, doch Kyle zog sie hinter sich her hinaus aus dem Zimmer.

Als sie sich im Nebenzimmer aufhielten, war Maria noch immer erregt, bis Kyle ihr mit einem finsteren Blick zeigte, dass sie sich beherrschen sollte.

„Maria, ich bekomme von deinem ewigen Gezeter höllische Kopfschmerzen. Also tu mir bitte einen Gefallen und halte mal für 5 Minuten einfach nur die Klappe.“

Inzwischen war Cal an Liz` Bett getreten, was alle gebannt verfolgten.

„Nun, da du unsere Freunde verscheucht hast, könntest du endlich anfangen zu erzählen. Wir haben nicht ewig Zeit“, fauchte Isabel.

Cal sah jedem in der Gruppe kurz in die Augen, bevor er weitersprach.

„Es ist üblich, dass die Königin in der Hochzeitsnacht eine Verbindung mit ihrem König eingeht. Und nein, es ist nicht wie ihr denkt. Es ist nichts Sexuelles, es ist mehr so etwas wie eine Verbindung zweier Seelen. Währenddessen verschmelzen für einen kurzen Moment die beiden Seelen und sind von da an für immer aneinander gebunden. Hinzu kommt, dass die Königin während dieser Verschmelzung, das für sie so wichtige Siegel erhält“, erläuterte Cal.

Trotz dieser Ausführungen war noch immer nicht allen klar, was gemeint war.

„Mein Gott, ihr wisst ja überhaupt nichts. Ich muss euch wohl auch sagen, wie diese Verbindung zustande kommen soll. Also ganz einfach: Der König und die Königin, in diesem Fall, du, King Mighty und Liz, fasst euch jeweils mit beiden Händen an die Wangen des Partners. Dann schließt ihr die Augen und konzentriert euch ausschließlich auf den jeweils anderen. Schließlich lasst ihr eure Energien fließen. Das ist alles.“

„Und das ist absolut sicher? Ich frage deshalb, weil Liz doch ein Mensch ist.“

„Ich weiß es nicht, denn es ist seit Ewigkeiten das erste Mal, dass der König keine Antarianerin zur Königin erwählt hat.

„Aber es muss doch Präzedenzfälle geben? Sicher gibt es in der Vergangenheit einen König, der schon mal eine Außenweltlerin geheiratet hat? Ich kann doch unmöglich die erste Königin sein, die nicht von Antar kommt?“, mischte sich jetzt Liz ein.

„Du bist zwar nicht die erste, aber die letzte Königin, die nicht von Antar ist. Es ist jedoch schon so lange her, dass man sich kaum daran erinnern kann. Max hat dem allgemeinen Gebaren zuwider gehandelt und sich eine Spielgefährtin auf der Erde gesucht und geheiratet. Aber das liegt wohl daran, dass ihr alle nicht so erzogen worden seid, wie es sich für euch gehört hätte. Nun, das passiert, wenn man einem Verräter für die „Königlichen Vier“ die Verantwortung überträgt. Ich denke, die Einzige, der „Königlichen Vier“, die jemals etwas über ihre Heimat gewusst hat, war der Alienhybrid, den unser guter Max kurzzeitig als Zeitvertreib hatte.“

Bei der Erwähnung von Tess und der Dinge, die damals geschehen waren, wurde es plötzlich im Raum totenstill. Max sah schuldbewusst zu Liz, während die anderen Cal böse anstarrten. Nur Ava schaute ihn nicht an, aber das lag daran, dass die bloße Anführung ihres Doubles, für sie alte Erinnerungen ausgrub.

Es waren Rückblicke von Antar, und wie es war, als sie und Max eigentlich hätten herrschen sollen. Sie dachte an ihrer aller Tod, der in ihrem vorigen Leben gewaltsam eingetreten war. Und schlussendlich kam ihr eine der größten Schanden in den Sinn, die sie jemals hatten ertragen müssen. Sie hoffte nur, dass Cal nichts davon erzählen würde und offenkundig schien es die anderen auch nicht sonderlich zu interessieren, warum nicht Ava oder Tess das Siegel hatten, als sie auf die Erde kamen.

„Lass Tess aus dem Spiel!“, zischte Max seinen vermeintlichen Beschützer an.

„Warum denn? Schämt sich der große König von Antar etwa so sehr, dass er seine Braut geschwängert hat? Immerhin wäre das sowieso deine Aufgabe gewesen, wenn ihr auf Antar gewesen wäret. Aber zum Glück oder auch leider, je nachdem, wie man es sieht, kam es nie zu einer Verbindung zwischen dir und dieser Verräterin. Aber nun weiter im Text. Ich weiß nicht, ob Liz daran Schaden nehmen wird, wenn sie das Siegel von dir bekommt, aber eines weiß ich mit Sicherheit, wenn sie es nicht erhält, wird sie sterben. So wie sie im Moment aussieht, gebe ich ihr höchstens noch zwei Wochen. Es ist ja sowieso ein großes Wunder, dass sie es so lange ohne Siegel ausgehalten hat.“

Max schaute Liz fragend an und ihr entging nicht die Besorgnis in seinen Augen. Egal was geschehen würde, sie würde ihn immer lieben und bei ihm bleiben. Und wenn das Siegel die einzige Möglichkeit war, ihr Leben und damit ihre Zukunft zu retten, dann würde sie es annehmen. Sie würde dieses Risiko eingehen, koste es, was es wolle.

Liz nickte ihrem Ehemann schwach zu, während dieser sich auf die Bettkante setzte. Er wollte eben ihr Gesicht in seine Hände nehmen, so wie es Cal ihnen beschrieben hatte, als dieser sich räusperte.

„Mit dem größten Verlaub, aber so schnell und einfach geht es nicht. Sie muss sich erst würdig erweisen, die nächste rechtmäßige Königin von Antar zu werden.“

Michael mischte sich ruhelos ein.

"Halt, Max. Wenn du und Ava auf Antar verheiratet wäret, wieso hatte dann weder Tess noch Ava das Siegel hier auf der Erde? Ich bin zwar nicht der Klügste, aber da ist doch etwas faul. Wenn die Leute, die uns kopiert haben, dir dein Siegel gaben, so hätten sie doch Tess auch ihr Siegel geben müssen. Und demnach müsste nun, da Tess tot ist, Ava als Einzige das Siegel erhalten müssen. Und du kannst ja nicht mit zwei Königinnen herumlaufen. Das alles ergibt keinen Sinn.“ Er sah Ava an, die ihren Blick zu Boden senkte und den anderen demonstrativ auswich.

„Michael hat Recht, Max. So wie ich das verstanden habe, müsste eigentlich Tess oder auch Ava Königin von Antar sein, immerhin seid ihr beide, laut unserem Volk, immer noch verheiratet. Denk nur an das, was unsere Mutter uns in der Höhle gesagt hat. Tess war und ist deine Braut. Nun ist Tess tot, doch Ava ist immer noch da. Sie müsste als deine rechtmäßige Königin das Siegel haben. Verstehst du, was Michael und ich damit meinen?“, sagte Isabel und sah ihren Bruder und Liz an.

Max blickte ratlos drein, doch Liz machte ein Gesicht, als ob sie verstanden hätte, was gemeint war.

„Also, bin und kann ich nicht deine Frau sein. Tess wird immer zwischen uns stehen.“

„Liz, schau mich an. Ich liebe dich und nur dich. Ich habe weder Tess je geliebt, noch werde ich je eine andere lieben, außer dich. Du bist alles für mich. Bitte glaub mir. Egal, was ich tun muss, um dein Leben zu retten, es wird geschehen. Wenn ich Ava das Siegel abnehmen muss, wie einst von Michael, so wird mich niemand aufhalten“, versuchte Max sein Schluchzen zu unterdrücken.

Max wischte die Tränen seiner Frau behutsam weg und wandte sich dann an Ava und Cal.

„Eines habe ich inzwischen begriffen. Du …“, und er zeigte auf Ava, „… warst vielleicht mal meine Königin, doch dies ist Vergangenheit. Die Frage ist nur, was hier los ist? Immerhin hast du …“, er zeigte auf Cal, „… es so dargestellt, als ob Liz die Königin wäre. Doch das geht schlecht, wenn Tess oder Ava bereits auf Antar das Siegel erhalten haben. Also, was ist mir nun wieder entgangen?“, fragte er wütend und frustriert. Ihnen lief die Zeit davon und er hatte keine Lust mehr, auf irgendwelche Spielchen.

Ava errötete und starrte angelegentlich auf den Boden, bis Cal leise vor sich hinmurmelte.

„WAS?“, fuhr Max ihn an. „Was hast du eben gesagt?“

Ava hatte gehofft, dieses Geheimnis wäre sicher, jetzt jedoch registrierte sie, dass, um Liz` Leben zu retten, die Wahrheit nötig war. Liz war immer die Einzige gewesen, die sie nett behandelt hatte und nicht von oben herab, während Lonnie und Rath Max und Tess nach New York mitnahmen. Und als Michael und Isabel sie ebenso bedroht hatten, wie auch schon Rath und Lonnie in der Vergangenheit zuvor, hatte Liz sie geschützt. Und schließlich kam noch hinzu, dass Liz wohl die war, der sie ihre Rettung verdankte. Wenn sie nicht gewesen wäre, hätten Lonnie und Rath sie sicher zu Tode gefoltert, nur so aus Spaß.

„Weder Tess noch Ava haben das Siegel, weil Ava sich auf Antar damals als unwürdig erwies, Königin zu sein. Sie war zwar deine Braut, aber sie hatte nie das Siegel erhalten. Dies wurde vor den anderen Adligen geheim gehalten, weil sie sonst weder ihre noch deine Herrschaft akzeptiert hätten. Eine Königin muss, bevor sie das Siegel erhält, einen Test bestehen. Einen Test, der ihre Geisteshaltung überprüft und dabei hatte Ava versagt. Aus diesem Grund wurde sie zwar deine Braut, aber nie die wahre Königin. Die Wahrheit ist, dass du damals Angst hattest, jemals die Person zu finden, die es wert wäre, dein Siegel zu tragen. Du hättest das Versteckspiel mit dem Adelshaus aufgeben und dich ihnen stellen müssen, wenn du eine Unwürdige auf dem Thron hättest sitzen lassen. Ava war deine Königin, aber sie war niemals, NIEMALS die wahre Königin von Antar. Demnach kannst du deiner geliebten Liz das Siegel geben, aber erst, wenn sie den Test bestanden hat.“

„Aber wieso?“, wollte Max wissen. „Wieso habe ich Ava dann behalten?“

„Aus den gleichen Gründen, aus denen du immer deine Entscheidungen getroffen hattest. Die Sache ist die, dass du heiraten musstest und deine Braut kam aus einem der angesehensten Häuser Antars. Und nur die Tatsache, dass sie den Test nicht bestanden hat, hat dich nicht daran gehindert, sie trotzdem zu heiraten. Du brauchtest die Stärke ihres Hauses. Und nun ist es so, dass du offenbar deine wahrhaftige Liebe gefunden hast. Das Problem war und ist auch heute noch, dieses Siegel ist unserem Volk ebenso heilig wie der Granilith. In Anbetracht des Umstandes, dass du dein Siegel noch hast, dürfte jedem Antarianer klar machen, dass Ava niemals deine wahre Königin war. Du steckst also in der Zwickmühle. Willst du die Gegenwart auf Kosten der Zukunft retten oder opferst du die Gegenwart und deine Liebe zu Gunsten deiner Zukunft? Die Zeiten ändern sich, der mächtige König von Antar scheint tief gesunken zu sein.“

Max schaute Liz für einen Moment in die Augen und er war nicht sicher, ob er darin nicht doch Unsicherheit las.

„Ich würde und werde mich immer für meine einzig wahre Liebe, Liz Parker-Evans, entscheiden. Ich habe schon gesagt, ich will nicht mehr König sein. Mich interessiert das alles nicht. Was ich will, ist, zusammen mit meiner Frau alt zu werden.“

„Soviel Rücksichtnahme hätte ich dir gar nicht zugetraut“, sagte Cal sarkastisch.

„Wenn das Volk von Antar wüsste, wie egal es ihrem Retter ist, so würden sie sich sehr schnell Khivar zuwenden. Sie haben seit Jahrzehnten auf ein Wunder gewartet, auf die Rückkehr ihres rechtmäßigen Königs, der Khivar vom Thron vertreibt. Aber offenbar interessierst du dich wie immer nur für dich.“

„JETZT REICHT ES MIR ENDGÜLTIG!“, knurrte Max Cal an.

„Ich werde Liz jetzt das Siegel geben und damit dürfte alles geklärt sein.“

Er wollte eben wieder ihr Gesicht in seine Hände nehmen, als er Cal`s Stimme hörte.

„Nicht so schnell. So einfach ist das nicht. Immerhin muss deine Königin erst ihren Test bestehen. Denselben, bei dem Ava damals versagt hatte. Und falls auch sie versagt, so darfst du ihr das Siegel nicht geben und du verurteilst sie zum Tode. Ich hoffe, dies ist dir klar, King Mighty.“

Max drehte sich wieder um und starrte Cal fassungslos an.

„WAS? Was meinst du damit? Ich habe Liz bereits geheiratet, also ist die Sache mit dem Siegel doch nur noch eine Formalität.“

„Nein, ganz so einfach ist das nicht.“

Liz hatte bisher geschwiegen und alles aufmerksam, aber wortlos verfolgt, doch nun konnte sie nicht mehr schweigen.

„Was soll das für ein Test sein? Ich bin für Max von Brücken gesprungen, habe gelogen, gegen Außerirdische gekämpft, bin gegen das FBI vorgegangen, habe meinen und unser aller Tod mit angesehen und habe meine Liebe geopfert. Dies sollte doch zeigen, dass ich Max mehr liebe, als mein Leben, egal was kommt. Und kein Test, sei er noch so schwer, kann mich davon abhalten. Wir gehören zusammen. Was also muss ich tun?"

Cal seufzte resigniert und fuhr aufgebracht fort.

„Wozu, denkt ihr, hat die Schwester des Königs, die Gabe in die Träume anderer Personen zu gehen? Glaubt ihr, dies sei ein Zufall? NEIN! Natürlich nicht. Es ist zwar üblich, dass dieser Test von einem hohen Priester durchgeführt wird, aber auch Isabel könnte diese Aufgabe zur Not erfüllen. Selbstverständlich ist es etwas unorthodox, jedoch ist an dieser Verbindung ohnehin nichts normal.

Sie wandelt auf der mentalen Ebene dabei in den Traum der künftigen Königin und prüft dort, ob sie würdig ist. Aber das wusstet ihr wohl auch nicht. Nun jetzt wisst ihr es. Und aus diesem Grund kannst du, Isabel, in anderer Leute Träume spazieren gehen. Dies ist die Gabe, die du hast und der einzige Zweck ist, um zu prüfen, ob dein Bruder weise gewählt hat, was seine Königin angeht. Isabel wird nun diesen Test vollziehen und dann kann Max an Liz das Siegel übergeben. Und dann sind alle glücklich und zufrieden und ich komme endlich aus diesem stinkenden Motel raus. ALSO MACHT SCHON!“

Cal konnte sich nicht mehr beherrschen, weil es ihm einfach zuviel war. Er war nicht nur Babysitter für diese ungebildeten Gören, nein, er musste ihnen auch noch alles erklären und das, obwohl es ihn selbst nicht interessierte.

Isabel schüttelte energisch den Kopf.

„Das mache ich nicht. Ich bin schon einmal in Liz` Träume eingedrungen und damals habe ich gesehen, was sie für meinen Bruder empfindet. Es gibt keinen Zweifel daran, dass sie ihn liebt und so sollte es auch anerkannt werden. Ich für meinen Teil, sehe den Test als erfüllt an und bestätige hier und jetzt, dass Liz eine würdige Königin ist. Damit haben wir dieses lächerliche Ritual beendet und können uns nun schließlich dem nächsten Schritt zuwenden. Max, ich denke, es wäre das Vernünftigste, wenn du deiner Frau nun endlich das Siegel geben würdest.“

Isabel sah sich im Raum um, und sowohl Michael als auch Ava nickten zustimmend.

Max blickte Liz in die Augen. Darin spiegelte sich dieselbe aufrichtige Liebe, die er auch für sie empfand.

Er beugte sich vor und küsste sie leicht auf die Stirn.

„Ich liebe dich!“, flüsterte er, bevor er seine beiden Hände auf ihre Wangen legte und ihr bedeutete, das Gleiche bei ihm zu tun.

Liz` Hände zitterten, als sie Max` Gesicht umfassten. Eigentlich wusste sie gar nicht, wovor sie Angst hatte. Immerhin war er schon eine ganze Weile ihr Ehemann. Ob nun mit Siegel oder ohne, sie würde immer seine Seelenverwandte sein und daran würde nie jemand etwas ändern können.

„Ist schon gut, Liz. Ich habe auch Angst. Wenn das alles vorbei ist, bist du nicht nur in der Lage, die Visionen ohne Schmerzen zu ertragen, du bist dann auch eine antarianische Königin." Beruhigend nahm Max ihre zitternden Hände und führte sie zu seinem Gesicht.

Er erschauerte unter der leichten Berührung ihrer zarten Hände und bemerkte, wie sich auch bei ihr eine leichte Gänsehaut einstellte. Immerhin war dies mehr, als eine einfache Berührung. Es bedeutete etwas …

Beide schlossen ihre Augen.

„Und jetzt konzentriert euch. Konzentriert euch auf eure Liebe und was ihr füreinander empfindet“, meinte Ava beruhigend.

Während ihr bisheriges Leben noch einmal in Sekundenschnelle an ihnen vorbeizog, begannen im Raum die Lampen zu flackern und ein immer lauter werdendes Summen ging von Max und Liz aus. Zuerst war es kaum hörbar, doch schließlich war es so laut, dass niemand es ignorieren konnte.

„Ist das normal?“, fragte Michael beunruhigt und warf einen Blick zu Ava, da er von Cal keine ehrliche Antwort erwartete. Er traute ihr zwar auch nicht, aber sie war bisher immer ehrlicher gewesen als Cal.

Ava nickte nur und musterte Max und Liz. Plötzlich begann Max bläulich zu schimmern.


Im Nebenzimmer brach Kyle zusammen und Maria stürzte auf ihn zu.

„Ist alles mit dir in Ordnung?“ Obwohl sie immer noch auf ihn wütend war, betrachtete sie ihn besorgt.

Kyle stöhnte und in dem Moment setzte das Flackern der Lampen ein. Verängstigt wanderte Marias Blick von Kyle zu den Lampen, bevor sie mit sorgenvoll zerfurchter Stirn auf die Tür schaute.

„Es geht schon, es ist nur so intensiv“, keuchte Kyle und zog damit wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich.

„Das erste Mal spürte ich es im Flugzeug von Washington nach LA. Dann noch einmal, während des Kampfes. Anfangs dachte ich, es sei nichts. Doch da Max Evans mich geheilt hat, bin ich nun ein offizielles Mitglied des Außerirdischen Clubs! Ich kann fühlen, was andere fühlen. Es war jedoch nicht so intensiv. Das was hinter dieser Tür geschieht, ist einfach unbeschreiblich. Es ist außergewöhnlich."


Im angrenzenden Zimmer begann nun eine bläuliche Energie von Max` Körper zu seinen Händen zu wandern. In dem Augenblick, als diese Energie sich auf Liz übertrug, explodierten einige der Lampen und es wurde finster. Das bläuliche Licht, welches bei der Übertragung entstand, erhellte den ansonsten dunklen Raum.

Obwohl Ava Isabel die Hand beruhigend auf die Schulter legte, streifte ihr Blick ängstlich umher. In Michael selbst wurde etwas zum Klingen gebracht, was in Ansätzen schon vorhanden und nun durch die Aktivierung des Siegels verstärkt wurde, sein Beschützerinstinkt.

„Nun hat der Transfer begonnen und er kann nicht mehr gestoppt werden. Aber ich denke, das ist das was ihr wolltet. Was dich angeht, Michael, hat sich in diesem Moment eine deiner Programmierungen bemerkbar gemacht. Ab heute ist es nicht nur deine Aufgabe Max und Isabel zu schützen, sondern du schuldest auch deiner neuen Königin absolute Treue und Ergebenheit“, erklärte Cal ohne eine Gefühlsregung.

Plötzlich schwemmte die blaue Energie zu Liz hinüber. Sie wanderte ihre Wangen hinauf, um sich auf ihrer Stirn zu vereinen. Für kurze Zeit war dort ein blaues V zu sehen, doch im Gegensatz zu Max` Siegel, war ihres von zwei Kreisen umgeben, die ineinander verwoben waren.

Jeder in dem Raum hatte nur Augen für dieses Geschehen.

„Was haben die beiden Kreise zu bedeuten?“, fragte Isabel neugierig. Sie hatte bereits dieses V gesehen, aber noch nie in dieser Abwandlung.

„Die beiden Kreise stellen die Zusammengehörigkeit der beiden dar“, flüsterte Ava mit einer gewissen Traurigkeit in der Stimme, weil sie trotz ihrer Liebe zu Zan, nicht würdig war, dieses Siegel zu erhalten. Nun verstand sie jedoch, dass Max für jemanden anderen bestimmt war.

Dann herrschte Stille.

Das Surren hatte geendet und auch das blaue Licht leuchtete nicht mehr. Max und Liz trennten sich keuchend voneinander.

„Ist es nun vorbei?“, wollte Isabel wissen. Sie erhielt keine Antwort, weil Max und Liz in einen intensiven Kuss vertieft waren.

Max strich immer wieder über Liz` Gesicht und murmelte wie auch Liz nur einen Satz.

„Ich liebe dich!"

Isabel sah zu Michael und verdrehte die Augen. Die beiden waren zwar verheiratet, aber das war ein Bild, welches sie nicht unbedingt sehen wollte. Sie fühlte sich wieder in die Highschool Zeit zurückversetzt, als Max und Liz, wann immer es ging, in den Schleifraum verschwunden waren, um sich zu küssen.

Angesichts dieser Tatsache brach wohlmeinendes Geschmunzel aus.

In dem Augenblick klopfte es an der Tür und Marias Stimme klang durch dieselbige.

„Ist bei euch alles ok? Hier haben Lampen geflackert und sind explodiert." Marias Gesicht drückte immer noch Besorgnis aus." Kyle hat etwas zu sagen, was nicht ganz unwichtig ist."

Michael blickte fragend in die Runde.

„Ihr könnt hereinkommen“, meinte er nur.

Maria und Kyle kamen der Aufforderung nach und betrachteten die Personen im Halbdunkel.

"Buddha sagt, nur in der wirklichen Dunkelheit findet man Erleuchtung! Habt ihr sie gefunden?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte Kyle das Königspärchen.

Max, der bis eben noch seine Frau küsste, unterbrach dieses. Verwirrt erwiderte er Kyles Blick.

„Ja, euch beide meine ich. Das war wie ein Trip auf der Achterbahn. Seid so nett und warnt mich rechtzeitig, falls ihr euren Gefühlen wieder freien Lauf lasst.“

Max war sprachlos, doch Liz schien zu verstehen

„Du meinst ...!" Kyle erhob seine Hände und unterbrach Liz, die gebannt auf die leuchtenden Blitze schaute, die aus seinen Händen hervorkamen.

„Zuerst dachte ich wirklich, es sei nur Einbildung, aber ich kann fühlen, was ihr alle fühlt. Eure Gefühle füreinander sind so stark, dass es mich umgehauen hat!"

Überrascht seufzte Max und schüttelte den Kopf.

„Unsere Probleme hören wohl niemals auf. Wenn es euch nicht allzu viel ausmacht, würde ich dieses Problem jedoch gern auf morgen verschieben. Wir sind total erschöpft."

„Das ist nach dieser Lightshow auch kein Wunder!“, meinte Michael grinsend und signalisierte Maria mit einem Augenzwinkern, dass er ihr später alles haarklein berichten würde, wenn sie nicht vor Neugierde vorher platzte.

Ein Räuspern von Cal sicherte ihm wieder die gesamte Aufmerksamkeit der Gruppe.

„Ich werde dieses nur ein einziges Mal tun und zwar deshalb, weil es auf Antar Tradition ist.“

Er verbeugte sich demütig vor Liz, etwas, was er niemals bei Max getan hätte.

„Meine Königin, es war mir eine Ehre, euch kennen gelernt zu haben. Ihr erweist euch des Siegels würdig."

Nachdem er sich erhoben hatte, konnte jeder erkennen, wie viel Überwindung es Cal gekostet hatte, diese Worte zu sprechen.