written by: Thalia, Angel, Cordyfan, Spacegirl Liz Evans & Izzy

SPECIAL FEATURES:

NC-17 Part:
Auskopplung: Michael und Maria werden Mitglieder im Mile High Club


Max riss die Tür schwungvoll auf, sein Temperament, welches selten in dieser Weise hervorkam, schäumte über. Die Eröffnung von Liz, dass sie ihn über Future-Max, seinem eigenen Ich aus der Zukunft, nicht informiert hatte, verletzte ihn zutiefst. Niemand, am allerwenigsten er, war in der Lage, objektiv sagen zu können, wie sich die Dinge entwickelt hätten, wenn er darüber informiert gewesen wäre. Auf jeden Fall wäre er nicht blindlings ins Unglück gerannt und hätte sich nicht an Tess die Finger verbrannt. All das ging ihm durch den Kopf, als der Postbote vor der Tür stand. Die Warnung von Kyle, die ihm im Hals stecken geblieben war, verstrich also ungehört.

„Ja?“ Max` Stimme war nicht mehr, als ein tiefes Brummen.

„Mr. Holden?“, fragend lüftete der grauhaarige Mittfünfziger eine Augenbraue, seine Dienstmütze hing ihm tief ins Gesicht.

„Der bin ich!“

„Dann ist dieser Brief hier für Sie. Ich bräuchte dafür aber noch eine Unterschrift von Ihnen, da es sich hierbei um ein Einschreiben handelt.“

„Ja, das lässt sich machen.“ Max nahm den Kugelschreiber entgegen, den dieser ihm entgegenhielt und unterschrieb nach unmerklichem Zögern mit seinem falschen Namen.

Ihm entging nicht Kyles erleichtertes Aufkeuchen und das Aufatmen der anderen. Irgendetwas Existenzielles musste ihm während der Unterhaltung mit Liz entgangen sein. Er dankte dem Postboten und schloss abrupt die Tür.

„Sag mal, Max, kannst du das nächste Mal durch den Türspion schauen? Das war bestimmt das FBI.“ Kyles Stimme wackelte leicht und Michael murmelte etwas von Stimmbruch.

Derweil hatte Max das Kuvert geöffnet und den Inhalt kurz überflogen.

„Das ist nicht das FBI, Kyle, sondern unser Vermieter.“

„Sei dir mal nicht zu sicher, das FBI tarnt sich auch bisweilen. Wir sollten verschwinden!“

„Du siehst Gespenster.“

Kyle wirkte ungehalten und sehr nervös. Immer noch das Handy in der Hand haltend, trat er von einem Fuß auf den anderen.

„Es gibt nur eine Zeit, in der es wesentlich ist, aufzuwachen. Diese Zeit ist jetzt.“

Isabels Augen schossen in die Höhe, während Michael Max bat, den Brief vorzulesen. Alle hatten es sich in den Sesseln oder Sofas bequem gemacht, außer Kyle und Max. Kyles Spruch wurde kaum beachtet. Liz allerdings hatte sich mit Maria zusammengekuschelt, die ihren Arm um sie legte. Es tröstete sie nur wenig, denn sie wünschte sich Max an ihre Seite, doch dieser beachtete sie nicht. Er las inzwischen den Brief vor:

„... da ihr Wasserverbrauch die letzten Wochen enorm angestiegen ist, muss ich ihre Nebenkosten um 40 Dollar erhöhen! Mit freundlichen Grüßen ...“

„Typisch, da wohnt man mal mit den Mädels zusammen und die duschen oder baden nur. Ist euch eigentlich bewusst, wie viel uns das kostet? Ich reiß mir den Arsch auf, damit wir einigermaßen leben können und ihr verbraucht das Wasser, als wäre es umsonst.“ Michael ließ die Beine von der Seite des Sessels herunterbaumeln. Er sprach zwar alle Mädels an, aber meinte eigentlich nur Maria. Er wusste schon, wie er sie auf die Palme bringen konnte und das Ergebnis konnte er sofort hören.

„Spaceboy, wenn du nur ein viertel deiner Zeit mit Duschen verbringen würdest, anstatt damit, schlaue Reden zu führen, dann würdest du wesentlich besser duften.“ Natürlich stimmte das nicht, doch zur Demonstration schnupperte sie provozierend in seine Richtung.

„Du willst damit nicht wirklich andeuten, dass ich stinken würde, oder?“ Er richtete sich im Sessel auf und setzte sich in Position, um sich auf sie zu stürzen. Die anderen schauten sich nur amüsiert an, die Spannung war für einen Moment vergessen. Tatsächlich schien alles für ein paar Sekunden in den Hintergrund gerückt. Es gab Gelächter und Gemurmel auf der einen und auf der anderen Seite. Nur Kyle passte sich der Stimmung nicht an.

„Entschuldigt mal, es gibt wohl wichtigere Sachen, als wer wie oft duscht und wer stinkt, schon gemerkt? Wir haben ein Problem!“ Kyle war nicht nur aufgebracht, er war in Panik. Vorher ging er noch an einer Stelle, nun lief er wie ein gehetztes Tier herum.

„Erde an Kyle, es war doch wirklich nur der Postbote. Meinst du nicht, das FBI stürmt das Zimmer, wenn es uns hier vermuten würde?“ Isabel hatte zwar anfangs auch das Gefühl, dass etwas anders war, sich aber wieder beruhigt. Sie verstand einfach nicht, was Kyle aufregte. Es konnte ja nicht nur am Telefonat gelegen haben.

„Ja, vielleicht. Aber, Leute, wir müssen weg. Wir sind hier in Gefahr! Mein Dad hat es mir gerade am Telefon gesagt.“ Ihm war schlecht, aufgrund der Erleichterung, die wie ein Strom durch seine Adern floss und weil er Angst hatte, dass es gleich wieder Klopfen würde.

Maria und Isabel sprangen auf und auch Max kam näher. Der Brief war vergessen und auch Liz` Eröffnung war derzeit unwichtig geworden.

„Was willst du damit sagen?“ Michael wollte seiner Stimme eigentlich einen gleichgültigen Klang verleihen, aber auch das funktionierte nur bedingt.

Kyle raufte sich nervös seine braunen Haare. „Ich will damit sagen, dass das FBI Informationen über unseren derzeitigen Aufenthaltsort hat! Mein Dad konnte irgendwie daran kommen und ja, er hält es für sehr wahrscheinlich, dass es stimmt. Er meint, wir sollten schnellstmöglich verschwinden.“

„Hat er sonst noch was gesagt?“ Isabels Magen drehte sich um.

„Nur das wir vorsichtig sein sollen.“

Noch bevor er ausgesprochen hatte, sprachen alle wirr und aufgeregt. Maria gestikulierte wild mit den Händen und sprach auf Michael ein, Isabel fühlte ihre erste dunkle Ahnung bestätigt, Michael redete auf Kyle ein und Max stand wie vom Donner gerührt.

„Alle Vorsichtsmaßnahmen umsonst“, war das Einzige, was ihm spontan in den Sinn kam. Kyle wusste gar nicht, wem er zuerst antworten sollte und fühlte sich sichtlich überfordert.

„Das kann doch alles nicht wahr sein.“ Marias Stimme überschlug sich.

Michael hatte sich indes schon umgewandt und griff nach den Autoschlüsseln, die auf dem Tisch lagen, während Maria sich an seinem Arm festkrallte. Isabel hatte sich hingegen gesetzt und stierte in die Luft.

„Die Opfer, die ich gebracht habe, es hat nichts gebracht. Ich habe Jesse verloren, meine große Liebe. Für was? Dafür, dass wir gleich gefasst werden? Wir sind ja nicht mal weit gekommen.“ Sie schloss die Augen, sie wollte nichts mehr hören. Ähnliche Gedanken hegte auch Liz, wenn es sich auch nicht um Jesse, sondern um Max drehte.

„Ich hätte ihm meine Enthüllung auch ersparen können, jetzt hasst er mich und das für nichts!“ Wäre es möglich gewesen, Liz wäre noch kleiner auf dem Sofa geworden. Sie wollte einfach verschwinden und nicht mehr da sein. Sie fühlte sich elend und verbraucht. Nicht nur ihr Körper war in einem desolaten Zustand, sondern auch ihre Seele. Die Verschwiegenheit im Zusammenhang mit Future-Max hatte ihren Tribut gefordert, ebenso die Visionen, die sie zuletzt hatte. Wie lange sie das noch aushalten konnte, war mehr als fraglich.

Max hatte sich zwischenzeitlich von seinem Schock erholt und überblickte die chaotische Lage und die einzelnen Personen, als er Einhalt gebot.

„Ruhe! So kommen wir nicht weiter! Noch ist das FBI nicht hier und wenn es nach mir geht, wird es das auch nicht. Also, du, Michael bringst das Haus in den unbewohnten Zustand zurück, bevor wir hier eingezogen sind, sprich, du kümmerst dich um die Spurenbeseitigung. Isabel, du kümmerst dich um Liz. Wenn ich mit Packen fertig bin, löse ich dich ab. Kyle und Maria, ihr werdet eure Sachen packen. Also los!“

Bis auf Liz und Isabel wurden auf einmal alle von geschäftiger Eile umtrieben. Letztere hatte sich an ihre Seite gesetzt und schaute auf sie herab. Mitleid, aber auch Verärgerung gepaart mit Unverständnis umspielten ihre Gesichtszüge.

Maria war viel zu konfus, um ihre Klamotten sorgfältig in die Koffer zu packen. Der dunkle Buchenschrank, auf einem Flohmarkt gekauft, der schon mehr Umzüge erlebt hatte als Jahre, stand mit geöffneten Türen vor ihr. Ihre Hände in die Hüften gestützt, schaute sie sich, nachdem sie ihre Sachen in die Koffer geworfen hatte, in ihrem und bisweilen auch Michaels Schlafzimmer um.

„Lang waren wir ja nicht hier. Nicht mal lange genug, damit ich hier etwas Atmosphäre hineinbringen, diesem Zimmer meinen Stempel aufdrücken konnte. Nichts ist hier so, wie ich es mir gewünscht habe und wenn ich weg bin, wird es so aussehen, als sei ich nie hier gewesen." Stille.

„Was hätte ich für neue Gardinen gegeben?“ Sie trat zu den langweiligen bordeauxroten Vorhängen. Ihre Finger griffen in den abgenutzten, rauen Stoff und hinterließ kleine Falten. Sie versäumte es, sie wieder glatt zu streichen, denn ihre Gedanken weilten noch immer bei den nicht durchgeführten Veränderungen. Was hätte sie nicht alles für eine Lavalampe gegeben. Ihre Mum liebte diese kleinen mit Flüssigkeit gefüllten Lampen, in denen eine klebrig aussehende Masse von oben nach unten und umgekehrt schwamm.

„Das bringt doch überhaupt nichts. Wenn ich noch weiter darüber nachdenke, dann breche ich nur in Tränen aus.“ Doch ihre Augen glitzerten schon feucht, als sie der einen Schranktür einen Schubs gab und diese mit einem Knall zufiel.

Sie riss sich zusammen, versuchte es zumindest und packte auch Michaels Sachen in eine Tasche, ebenso unordentlich wie ihre.

„Er soll sich nicht beschweren, er kann’s ja kaum besser!“, dachte sie leicht boshaft, an ihre kleine Wasserdiskussion erinnernd.

Mit einem Aufseufzen klappte sie die Koffer zu und zog die Reißverschlüsse an den Taschen hoch. Danach verließ sie das Zimmer, ohne noch einmal zurückzublicken.

Max dagegen hatte kaum etwas wie Trauer über den plötzlichen Aufbruch empfunden, nur Schock. Die Trauer beschränkte sich lediglich auf Liz, auf nichts anderes. Er sah nicht die Mühe, die sich Liz gegeben hatte, um das Zimmer zu verschönern. Sie hatte kleine Blumensträuße auf die beiden Nachttische gestellt, wenn sie kräftig genug war, um sie zu pflücken. Nun würden sie gleich verschwinden, wenn Michael das Zimmer säuberte. Er sah auch nicht die sauber zurückgeschlagene blütenweiße Decke, die praktisch dazu einlud, mal wieder ausgiebig zu schlafen und ihn daran erinnerte, wie viele Nächte er mit Liz darin verbracht hatte. Schöne Nächte, manchmal auch wehmütige, aber zufrieden genug, weil sie zusammen waren. Nun schien er begriffen zu haben, dass sie zwar körperlich zusammen viel Zeit verlebt hatten, aber seelisch wohl nicht. Wie er das Ganze gedanklich auswerten sollte, darüber konnte er nicht mal annähernd nachdenken und er hatte auch keine Zeit, um das in diesem Moment zu tun. Auch er packte schnell seine und Liz` Klamotten ein, aber im Gegensatz zu Maria penibel. Danach setzte er sich zu Liz, die ihn schutzsuchend anschaute. Er erwiderte den Blick zwar äußerlich ruhig, aber nicht besonders entgegenkommend.

Kyle saß auf seinem Bett. Die Vorhänge waren noch zugezogen und das Licht fiel nur spärlich zwischen die beiden Stoffbahnen in das Zimmer. Doch er mochte es so. Es zeigte seine düstere, hoffnungslose Stimmung.

„Schon wieder müssen wir flüchten, schon wieder, schon wieder, schon wieder!“ Frustriert schlug er auf die Bettdecke ein, die zerwühlt auf dem Bett lag. Dazwischen fand er mit seiner Faust das Buch, wobei er hoffte, es würde ihn auf den richtigen Weg bringen. In diesem Buch handelte es sich um die Lehren Buddhas und er schlug es auf, eine willkürliche Seite. Diese zwei Minuten wollte er sich gestatten, bis er wieder auf der Flucht war.

„Messe deinen Erfolg daran, was du für ihn aufgeben musstest!“

Es stimmt. Für seine Sicherheit, ebenso für die der anderen, hatte er ein ruhiges, bescheidenes Leben aufgegeben. Aber dafür hatte er etwas anderes bekommen: Freundschaft! Sie war nicht so zerbrechlich, wie die normalen Collegefreundschaften, da es um ihr Leben ging. Sie war stärker, fester und das gab das Gefühl der Sicherheit. Auch wenn Liz das kurzzeitig erschüttert hatte, glaubte er noch immer daran und das hielt ihn aufrecht.

Er stand auf und packte seine paar Habseligkeiten. Das dauerte nicht länger als 5 Minuten. Ein letztes Mal schaute er sich im Zimmer um.

„Machs gut, altes Haus. War schön mit dir.“ Mit einem schiefen Grinsen zog er die Tür hinter sich zu.

Isabel brauchte schon etwas länger zu packen. Von allen hatte sie die meisten Kleider, Klamotten und Schminksachen sowie anderen diversen Schnickschnack. Früher hätte sie sich auf ihr Bett gesetzt, in Ruhe ausgesucht, was sie denn auf ihre Reisen mitnehmen sollte, aber es war ja keine Vergnügungsreise, sondern raue Wirklichkeit. Sie sollten mal wieder alles stehen lassen und wieder gab es keine Möglichkeit, ein vernünftiges Leben aufzubauen und somit zerschlug sich ihre Chance, Kontakt mit Jesse aufzunehmen und ihr chaotisches Leben in Ordnung zu bringen. Im Gegensatz zu Maria schaffte sie es nicht, ihre Tränen aufzuhalten. Sie suchten sich unaufhörlich einen Weg über ihre Wangen und fielen dann auf die Sachen, die sie in die Koffer packte.

„Verflucht!“ Ihre Wimperntusche ruinierte gerade das blaue Seidenkleid, welches sie von Jesse zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Es wäre für sie ein leichtes gewesen, mittels ihrer Kräfte die Spuren zu beseitigen, aber die Verunreinigung allein bedeutete schon so etwas wie ein Vorzeichen und es schien ihr kein Gutes zu sein.

Trotzig wischte sie die Tränen weg und machte mit dem weiter, was sie kurz hatte innehalten lassen und nachdem sie fertig war, warf sie keinen Blick mehr zurück.

Michael fing beim Wohnzimmer an, weil er sich dort gerade befand und die anderen packten. Er war wie die anderen auch innerlich in einer Extremsituation. Es fiel ihm nicht leicht, sein Unbehagen und seine Aufgewühltheit zu kaschieren. Als er vom FBI hörte, schien es nur so in seinen Ohren zu klingeln und er wäre … nein … er war sofort panisch aufgesprungen. Er wusste, das war keine akzeptable und vernünftige Reaktion gewesen und er schalt sich dafür. Aber was war schon vernünftig? Nichts von alledem. Sie flüchteten und flüchteten und er hatte Angst, wohin all das führen würde. Seine Hand strich leicht über die Möbel, über die Wände und alles wurde wieder trist und grau. Die kleinen Spuren der Verbesserung durch die Renovierung verschwanden sofort. Dann suchte er die Badezimmer auf, zwei an der Zahl und setzte sie wieder in den ursprünglichen Zustand zurück. Sie waren, als sie hier einzogen, heruntergekommen und dreckig gewesen, Fliesen waren von den Wänden gefallen, die Bodenfliesen waren teilweise aufgeplatzt und die Toilettenschüssel war gerissen. Ein Anblick, der bei Maria einen halben Herzkasper ausgelöst und Michael zu einem Grinsen verleitet hatte.

Ebenso ging er durch die anderen Räume und versuchte sich seine Bestürzung, die sich breit machte, nicht anmerken zu lassen. Er wollte nichts fühlen.
Als er fertig war, standen alle bereits im Flur. Er warf einen letzten prüfenden Blick in jeden Raum und schloss als Letzter die Tür.

Außer Liz, die von Max gestützt wurde, trug jeder sein Gepäck selbst zum Auto. Kyle schaute sich mehrmals unwillkürlich um, er vermutete hinter jedem Laternenpfahl oder hinter jeder Litfasssäule einen FBI Agenten. Maria verlor vor Nervosität beinahe ihren Koffer und stieß fast mit Isabel zusammen, die aber nichts dazu sagte. Sie war selbst damit beschäftigt, eine Gefahr auszumachen, die sich aber nirgends zeigte. Max half Liz beim Einsteigen und nachdem von allen das Gepäck verstaut war, setzten sie sich in den Van. Niemand hinderte sie und alle atmeten halbwegs erleichtert auf, als Kyle den Wagen anließ.

„Wohin soll es gehen?“ Kyles Blick in den Rückspiegel richtete sich auf Max.

Dieser überlegte einen kurzen Augenblick.

„Fahr auf den Highway 95, Richtung Washington D.C.!“

Kyle nickte und versuchte ruhig und kontrolliert zu fahren, er wollte kein Aufsehen erregen. Wenn sie von der Polizei angehalten wurden, war das FBI ihnen schneller auf der Spur, als ihnen lieb war. Auch wenn sie inzwischen unverkrampfter mit der Situation umgingen als zu Beginn, war die Gefahr keineswegs geringer. Wer wusste schon, ob das FBI nicht hinter einer Ecke lauerte und nur auf einen geeigneten Moment wartete, um loszuschlagen.

"Was ist da drin im Haus eigentlich passiert?" Angriffslustig richtete Michael seinen Blick auf Liz. "Erklär mir das, Parker. Wer hat dir das Recht gegeben, Gott zu spielen und über mein Leben zu entscheiden?"

"Wie konntest du so etwas Wichtiges vor uns verheimlichen?" Zum ersten Mal seit langer Zeit funkelten Isabels Augen wütend. "Das ist völlig inakzeptabel."

"Ach, haltet doch die Luft an." Beschützend rutschte Maria neben Liz und zog sie in ihre Arme. "Anstatt dankbar dafür zu sein, dass sie euer Leben gerettet hat, kläfft ihr sie an wie zwei Hunde."

"Hat sie das?" Michael fuhr wütend zu ihr herum. "Ich lebe … ja, aber WIE? Wir rennen vor ein paar Erdlingen weg! Ich meine, wir könnten sie einfach so ausschalten. Aber anstatt unser Leben zurückzuholen, verstecken wir uns wie ängstliche Kinder. Ich sehe einfach nicht, wofür ich dankbar sein soll! Alles, was von ihr kommt, ist Ärger."

Anklagend richtete sich sein Blick auf Liz, die mit geschlossenen Augen gegen Maria lehnte. "Hätte Max sie sterben lassen, wären wir gar nicht in dieser Situation."

Mit einem lauten Klatschen landete Marias Hand in seinem Gesicht. Isabel sog scharf die Luft ein und Kyle schlingerte einen Moment auf der Straße, bevor er den Van wieder unter Kontrolle hatte. Die Spannung war greifbar und für einen Moment herrschte die Ruhe vor dem Sturm, doch Michael war zu aufgebracht, um das zu spüren.

"Ich habe doch Recht." Sein Blick wanderte suchend zu Isabel. "Du warst meiner Meinung."

"Das ist jetzt nicht wichtig." Max` Stimme schnitt mit einer beängstigenden Ruhe durch den Van. Liz zuckte neben ihm zusammen und rutschte näher an Maria.

Endlich richtete er seinen Blick auf Liz. Sanft, aber bestimmt zog er sie aus Marias Umarmung, bis sie aufrecht saß. "Erzähl alles von Anfang an. Sie haben das Recht, alles zu erfahren."

Plötzlich kam der Van zum Stehen. Verwundert richteten sich alle Blicke zum Fahrersitz, wo Kyle sich umgedreht hatte. "Dreht sich wieder mal alles um deine Wünsche, El Presidente? Das letzte Mal hat es euch drei fast das Leben gekostet und ...“

"Es war ihre Schuld." Isabel warf Liz einen anklagenden Blick zu. "Tess wäre doch verschwunden?" Nach Bestätigung heischend sah sie zu Max.

"... diesmal soll es wohl unser Leben sein." Nur mit Mühe presste Kyle die Worte zwischen zusammengepressten Zähnen durch.

Kopfschüttelnd zog Maria Liz wieder zu sich. "Vielleicht sollten wir uns trennen." Hilflos sah sie zu Kyle. "Ich meine, hinter uns sind sie ja nicht her."

"Liz bleibt." Ohne sie anzusehen äußerte Max die Worte und Kyle ballte die Hände zu Fäusten.

"Warum? Gibt es etwas, das du noch nicht von ihr hast?" Sein besorgter Blick wanderte zu der zierlichen Brünetten. "Oder macht es dir Spaß, sie leiden zu sehen?" Ein trockenes Lachen löste sich von seinen Lippen.

"Das hat er gar nicht gesagt." Wütend fuhr Michael auf. "Wir haben ein Recht alles zu erfahren. Schließlich geht es um unser Leben!"

"So besonders seid ihr nicht. Liz war bereit alles aufzugeben, damit Millionen von Menschen leben können. Dass sie euch dabei gerettet hat, ist wohl eher ein kleiner Nebenverdienst."

"Es reicht." Das Flüstern ließ alle Köpfe herumfahren. "Ich erzähle euch alles, aber hört auf zu streiten. Das hilft uns nicht weiter."

"Liz ...", Maria strich ihr besorgt über den Arm, "… du brauchst nicht …"

"Doch!" Mit Mühe richtete sie sich auf. "Kyle könntest du weiterfahren? Ich finde es nicht gut, dass wir hier stehen."

Nach kurzem Zögern nickte er. "Sicher."

Es herrschte gespanntes Schweigen, das nur vom Anspringen des Motors unterbrochen wurde.

"Wir warten, Liz." Max` kühle Stimme schnitt durch die Stille und unwillkürlich zuckte sie zusammen.

Sie straffte die Schultern und ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. "Alles begann an dem Abend, als du für mich gesungen hast. Maria, Alex und ich waren bei einer Wahrsagerin. Sie konnte dich sehen." Ihr Blick wanderte kurz zu Max. "Sie wusste, dass unsere Beziehung etwas Besonderes war und sie sagte mir, dass du diese Liebe über alles andere stellen würdest."

Nach Unterstützung suchend, wanderte ihr Blick zu Maria. Diese nickte ihr aufmunternd zu, was von Michael mit zusammengekniffenen Augen bemerkt wurde.

"Als ich an diesem Abend zu Hause war, blitzte es. Zumindest hielt ich es für ein Gewitter, aber dann erschien Max an meinem Fenster." Sie schloss die Augen und rief sich den Abend noch einmal ins Gedächtnis.

"Er sah älter aus, hatte lange Haare mit grauen Strähnen und er trug Leder." Wieder wanderte ihr Blick zu Max. "Ich hielt ihn zuerst für einen Formwandler … doch er konnte mir beweisen, dass er das nicht war."

"Wie?" Mit zusammengekniffenen Augen hatte Michael sich vorgebeugt.

"Er sagte mir, dass mein Max für mich singen würde … mit einer Mariachi-Band. Und es stimmte. Das war mir Beweis genug."

"Was wollte er?" Max löste den Blick nicht einmal vom Fenster.

"Er wollte, dass ich dafür sorge, dass du mich nicht mehr liebst und dich Tess zuwendest." Sie schluckte, um den bitteren Nachgeschmack loszuwerden, den diese Worte verursacht hatten. "Die Welt … sie …"

"Sie ging unter, weil Tess einfach in seiner Realität verschwand." Maria drückte Liz aufmunternd die Hand und nickte ihr zu.

"Genau." Die zierliche Brünette atmete tief durch. "Er wusste nicht, was wir jetzt über Tess wissen und dachte, es sei die beste Art, die Erde zu retten. Ich konnte doch nicht mein Glück über das Leben von Millionen von Menschen stellen." Bittend sah sie sich in der kleinen Runde um.

"Ich versuchte es, indem ich Tess half, sich etwas interessanter zu machen. Aber es funktionierte nicht." Gequält schloss sie die Augen, als die Erinnerungen jener Tage sie zu überwältigen drohten.

Wieder ging ihr Blick zu Max, doch er starrte immer noch aus dem Fenster. "Ich versuchte es so schmerzlos wie möglich zu machen und eine zeitlang sah es so aus, als hätte es geklappt. Er verschwand … begann sich vor meinen Augen aufzulösen."

Max kniff die Augen zusammen, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Die Worte damals, fühlten sich an, wie ein Dolch, der in sein Herz gestoßen wurde. Und jetzt wurde die Erinnerung wieder so lebendig, als würden sie wirklich in seinem Zimmer stehen.

"Anstatt mir damals diese Lüge zu erzählen, hättest du die Wahrheit sagen können." Nur mit Mühe gab er seiner Stimme einen festen Klang. "Aber das war nie eine Option für dich. Hab ich Recht?"

"Ja." Fest starrte sie auf seinen Hinterkopf. "Du hättest ihn sehen wollen und das wäre euer beider Tod gewesen. Und ich wollte nicht, dass dir …", ihr Blick wanderte zu Michael und Isabel, "… oder euch beiden etwas passiert."

Einen Moment lang starrte sie Michael fest in die Augen ... versuchte ihm so zu erklären, was sie getan hatte. "Es wirkte nicht. Er wurde wieder fest, wenn man das so sagen kann. Ich war bereit aufzugeben, doch er blieb hartnäckig."

Ein leichtes Zittern ging durch ihren Körper und sie schien in sich zusammen zu sinken. Wieder bot Maria ihre Unterstützung und etwas Trost.

"Er sagte, dass Michael in seinen Armen gestorben sei ... kurz bevor er zu mir kam. Isabel war schon zwei Wochen vorher getötet worden. Von Maria, Kyle und Alex hat er kein Wort erwähnt und ich denke nicht, dass sie irgendwo ihr Leben genossen."

Sie richtete ihren Blick auf den abgeblätterten Himmel des Van. "Was hätte ich denn tun sollen? Wenn das Leben aller davon abhing, ob Max mit Tess zusammen war oder nicht, dann hatte ich keine Wahl."

Bedauernd strich Maria ihr übers Haar. "Aber sie ist trotzdem weg."

Mit Tränen in den Augen sah Liz sie an. "Ja, aber es muss ..." Eine steile Falte bildete sich auf ihrer Stirn und ein aufgeregtes Glitzern erschien in ihren Augen. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch bevor auch nur ein Ton ihre Lippen verlassen konnte, griff sie sich an den Kopf.

Mit einem Stöhnen schwankte sie leicht, bevor sie direkt in Marias Arme fiel. "Ava ... "


Mit einer Papiertüte auf dem Arm geht Ava eine dunkle Gasse entlang. Mülltonnen, Pappkartons und alte Zeitungen liegen verstreut an beiden Seiten. Der faule Geruch von verfallenen Lebensmitteln hängt in der Luft.

Papier raschelt leise und sie bleibt kurz stehen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht verfolgt wird. Als sie niemanden entdeckt, setzt sie ihren Weg fort.

Plötzlich wird sie von hinten gepackt. Jemand stülpt ihr einen Sack über den Kopf, bevor sie ihren Angreifer erkennen kann. Ein harter Gegenstand trifft ihren Hinterkopf und alles um sie herum wird schwarz.


"Liz?" Marias tränenerstickte Stimme drang langsam an ihr Ohr. "Seid ihr jetzt zufrieden?"

Nur vage spürte Liz, wie der Van zum Stehen kam. Augenblicke später, stieg der bekannte Geruch von billigem Aftershave in ihre Nase. "Komm schon, Parker. Wir brauchen dich. Du kannst uns jetzt nicht einfach allein lassen. Du bist noch nicht bereit für ein zweites Leben."

Nur widerwillig öffnete sie die Augen. Kyles besorgtes Gesicht war über sie gebeugt und er versuchte, sie aufmunternd anzulächeln. "Viel besser."

"Ava!" Mit Mühe richtet Liz sich auf. "Sie wird entführt. Wir müssen ihr helfen!"

"Verrate mir eines Liz. Wieso sollten wir Ava helfen? Ich meine, nach allem was damals mit Rath und Lonnie passierte", fragte Michael sie wütend. Doch ein Blick von den anderen genügte, um ihm zu signalisieren, dass es nicht der richtige Augenblick war, um darüber zu streiten.

Sie standen auf einem der vielen Rastplätze, welche sich entlang des Highways befanden. Kyle hatte den Van schnellstens auf den nächstgelegenen gesteuert. Immerhin machte auch er sich Sorgen um Liz.

Jedem schien deutlich zu werden, dass diese Visionen heftiger wurden. Oder hatte dieser Zusammenbruch einen anderen Grund? Sie sahen die anderen Autos an sich vorbeifahren und Michael schaute sich auf dem Rastplatz um. Paranoia begann sich bei ihm, aber auch bei den anderen, bemerkbar zu machen.

Als ein schwarzer Mercedes heranfuhr und in einiger Entfernung der Gruppe zum Halten kam, wurde Michael richtig nervös.

"Kommt schon, Leute, wir sollten weiterfahren. Wir können es uns nicht erlauben, länger hier zu bleiben. Oder habt ihr bereits vergessen, dass wir verfolgt werden?" Seit dem Anruf von Jim und seiner Warnung glaubten sie, überall Agenten des FBI zu sehen. Unter normalen Umständen wären solche Gedanken lächerlich, aber keiner von ihnen war derzeit in der Lage, die Dinge rational zu sehen.

Maria und Kyle, die sich um Liz gekümmert hatten, blickten Michael, Max und Isabel fast Hilfe suchend an. Max war immer noch wütend über die Lügen, die Liz ihm fast zwei Jahre lang erzählt hatte, er konnte jedoch nicht umhin, zu bemerken, wie schlecht es ihr ging. Aber es galt hier und jetzt das Gesamtgeschehen abzuwägen und so gab er Michael mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie weiterfahren würden.

Mit einem Satz riss Michael die Fahrertür auf und war schon auf dem Fahrersitz, noch ehe die anderen überhaupt reagieren konnten.

"Na toll!", murmelte Kyle, als er sah, dass Michael bereits hinter dem Steuer des Van's war.

"Hey, Spaceboy, aber nicht so rasen! Wir wollen doch nicht von der Highway Patrol aufgehalten werden!", meinte Maria, die Liz in den Van half.

"Musst du eigentlich immer nur an mir rummeckern?", maulte Michael zurück. Isabel, die diese ewigen Streitereien zwischen Michael und Maria nicht mehr ertragen konnte, setzte sich neben Michael auf den Beifahrersitz und sah ihn böse an.

"Könnt ihr beiden nicht endlich mal Ruhe geben? Eure ständigen Streitereien nerven langsam. In einem hat Maria allerdings Recht, du fährst auf alle Fälle nicht schneller als erlaubt, Michael. Egal was passiert. Wir wollen schließlich nicht auffallen."

"Schon gut, schon gut", murmelte Michael vor sich hin.

Max saß neben Liz auf der großen Rückbank, während Kyle und Maria nebeneinander saßen.

Michael startete den Van und fuhr wieder auf den Highway zurück. Sie hatten noch eine lange Strecke vor sich, bis sie Washington D.C. erreichen würden. Die erste Stadt durch die sie fahren müssten, war Baltimore. Da der Highway quer durch Baltimore verlief, mussten sie diesen nicht verlassen.

Nachdem sie etwa fünf Minuten schweigend den Highway entlang gefahren waren, ergriff endlich Michael das Wort. Es war immer noch die Sache mit Ava offen und warum ausgerechnet sie ihr helfen sollten.

"Woher willst du wissen, dass Ava nicht in Rath und Lonnies Plan eingeweiht war?"

Liz sah Max mit ihren traurigen Augen an. Sie wusste, dass er mehr als nur aufgebracht war.

"Weil ... Ava ... uns ... doch ... damals ... geholfen ... hat!", stotterte sie und sah dabei die ganze Zeit in Max` Gesicht. Seine Gesichtszüge verrieten keinerlei Regung. Er starrte einfach stur geradeaus und wollte sie nicht ansehen.

"Max, bitte. Wenn Ava damals nicht gewesen wäre, wärst du in NYC gestorben. Sie war es, die mir zeigte, wie ich dir helfen konnte. Ich weiß, dass du wütend bist über die Sache mit deiner Zukunftsversion, aber deshalb darfst du es doch nicht an Ava auslassen. Sie kann nichts dafür, dass ich dich verraten habe und ich finde, wir sollten ihr helfen. Bitte, Max, sag doch auch etwas dazu."

Max drehte seinen Kopf und blickte Liz lange schweigend an.

"Ich finde, wir sollten Ava helfen. Sie schien mir nicht so wie Rath und Lonnie zu sein. Und vergiss nicht, wenn sie nicht gewesen wäre, wärst du jetzt tot!", mischte sich Isabel ein.

"Und du erinnerst dich bitte daran, dass wir sie erst zwingen mussten, es uns zu erzählen. Ich bin dagegen!", versuchte Michael die anderen zu überzeugen.

"Auch wenn ich Ava nicht voll traue, immerhin ist sie das Double von Tess, so bin ich auch dafür, ihr zu helfen. Ich denke, deshalb leben wir auf dieser Welt, um denen zu helfen, die sich nicht selbst helfen können. Und dieses Mal ist es Ava, die unsere Hilfe braucht!", meinte Kyle. Er hatte zwar auch wegen der Ähnlichkeit mit Tess einige Vorbehalte, doch er konnte nicht zulassen dass jemand anderes litt.

"Ich stimme Spaceboy zu. Ich meine, Tess hat uns verraten. Sie hat Alex getötet und uns alle manipuliert. Woher wissen wir, dass Ava nicht dasselbe macht? Ich bin dagegen, aber das könnt ihr euch sicher schon denken." Maria konnte einfach die Sache damals mit Tess und Alex nicht verwinden und es schmerzte sie, dass Tess es tatsächlich kurzzeitig geschafft hatte, Max und Liz auseinander zu bringen.

Während sie über Avas Rettung diskutierten, näherten sie sich der Skyline von Baltimore.

Max hatte bisher noch kein Wort gesagt. Eigentlich hatte er schon eine ganze Weile geschwiegen und Liz schaute ihn immer wieder mit flehenden Augen an. Sie wusste, dass es in ihm brodelte und er versuchte die Fakten und Ereignisse zu ordnen, die nun ein völlig neues Bild ergaben.

Seine eigene Frau hatte ihn belogen. Und nicht nur das, sie hätte ihn vermutlich auch weiter belogen, wenn Isabel nicht diese Schuldgefühle in Liz` Unterbewusstsein gefunden hätte.

"Bitte, Ava ist wichtig. Ich meine, Tess war wichtig, das hat mir zumindest Future-Max so gesagt ..." Liz wollte den Satz gerade beenden, als Max sie mit kalten Augen ansah.

"Ich stimme meiner Frau zu. Ich denke, wir sollten Ava helfen. Vielleicht kann ich mich so für ihre Hilfe damals bedanken", dann wandte er sich Liz zu und beugte sich zu ihr hinab, bis er nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt war, "Ich möchte nie wieder etwas über meine Zukunftsvision hören. Ich kann es nicht vergessen, dass du mich belogen hast und das fast zwei Jahre lang."

"Na toll. Wir helfen dem Double einer Verräterin, die möglicherweise viel schlimmer ist als Tess. Aber es wäre ja auch mal ein Wunder gewesen, wenn ihr meiner Meinung gewesen wärt", grummelte Michael vor sich hin, während sie schließlich durch Baltimore fuhren und nicht mehr weit von ihrem Ziel Washington D.C. entfernt waren.

"Halt dich zurück, Michael. Wir haben abgestimmt und uns entschieden. Wir werden Ava helfen."

Kyle wollte etwas sagen, doch ein Blick von Max genügte, um ihn zum Verstummen zu bringen. Jedem war bewusst, warum Max so wütend war und keiner wollte es riskieren, diese Wut abzubekommen. Also schauten sie schweigend aus den Fenstern, während die Häuser von Baltimore an ihnen vorbei zogen.

Schlussendlich erreichten sie die Stadtgrenze von Baltimore und fuhren weiter Richtung Washington D.C.

Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis sie es erreichen würden und dann wäre es nur noch ein kurzer Weg zum dortigen Flughafen. Von dort aus würden sie nach L.A. fliegen, um bei Cal Langley Rat und Hilfe zu finden. Cal müsste ihnen sagen, was mit Liz geschehen sollte, denn diese Visionen und ihre Folgen waren einfach nicht normal, selbst für Aliens nicht. Zusätzlich würde ihnen Cal bei der Suche und Befreiung von Ava helfen müssen. Er war schließlich ihr Beschützer, und wenn einer wusste, wo sich Ava derzeit aufhielt, dann Cal.

Die restliche Fahrt verbrachten sie schweigend, auch wenn Liz immer mal wieder versuchte, Max` Aufmerksamkeit zu erregen. Sollte er sie anschreien, toben, seiner Wut freien Lauf lassen, alles war ihr lieber, als dass er diese in sich hineinfraß. Das konnte nicht gut sein, weder für ihn noch für ihre Beziehung. Aber Max ignorierte sie weiterhin.

Nach einer ganzen Weile erreichten sie schließlich Washington D.C., fuhren vom Highway 95 hinunter und bogen, auf den Interstate 50 in Richtung National Ronald Reagan Flughafen von Washington D.C. ab. Sie verließen den Interstate 50 und durchquerten Washington. Sie kamen am Brendwood Park vorbei und bogen auf den Highway 395 in Richtung Süden. Am Capitol angekommen, überquerten sie den Potomac River, der Washington ursprünglich von Virginia trennte.

Am George Washington Memorial Parkway ließen sie den Van stehen und stiegen auf die Bahn um, die sie die letzten Meter zum Terminal des Flughafens bringen sollte. Sie würden den Van hier in Washington zurück lassen, da es mittlerweile zu gefährlich war. Er war einer der wenigen Hinweise auf ihre Vergangenheit in Roswell.

Hätten sie keine Paranoia gehabt, wären sie sich vielleicht der Orte gegenwärtig geworden, die sie eben gesehen hatten. Sie waren an den Machtzentren der USA vorbeigefahren und sie hatten die amerikanische Geschichte gespürt, die von den ganzen Monumenten ausging. Doch im Augenblick verspürte keiner von ihnen das Verlangen, sich dieses besonderen Momentes gewahr zu werden.

Als sie den Flughafen endlich erreichten und sich bei einer der Airlines die Tickets nach L.A. kauften, hatten sie alle irgendwie das Gefühl beobachtet zu werden. Auch wenn sie sich dies nur einbildeten, so war dieses Gefühl da und ihre Anspannung wuchs mit jeder Minute.

"Kommt schon, Leute, wir müssen uns beeilen. Der Flieger startet gleich!", rief Kyle. Sie rannten zur Passkontrolle und zur Gepäckabgabe.

"Die Pässe, bitte", meinte der freundliche Beamte, doch Michael und die anderen achteten nur auf die zwei anderen Uniformierten, die neben dem Beamten, der die Pässe überprüfte, standen.

Michael zeigte ihm seinen Pass, ließ jedoch die beiden Cops nicht einen Moment aus den Augen.

"In Ordnung, Sir!" Der Beamte nickte und Michael passierte.

Das Gleiche ergab sich auch bei den anderen und so eilten sie zum Flugzeug, nachdem sie sämtliche Formalitäten erledigt hatten.

Die Anspannung und Nervosität von ihnen ließ erst etwas nach, als sie schließlich im Flugzeug Platz genommen hatten. Aufgrund von Michaels guter Planung, hatten sie alle Plätze in der ersten Klasse. Geld spielte für sie bekanntlich keine Rolle. Michael hatte einfach ein paar 1 $ Scheine in 100 $ Scheine verwandelt und so saßen sie nun alle in bequemen Sitzen der ersten Klasse und mussten nicht wie die Ölsardinen gequetscht nebeneinander sitzen.

Michael und Maria hatten eine Reihe für sich, während Max und Liz die Reihe vor ihnen hatten und Isabel und Kyle in der Reihe hinter ihnen saßen.

Obwohl Michael nichts mehr von der Zukunftsversion und Liz` Entscheidung, alles für sich zu behalten erwähnt hatte, wusste Maria, dass er immer noch ziemlich wütend war. Was ihn aber am meisten ärgerte, war die Tatsache, dass auch Maria ihn die ganze Zeit belogen hatte.

"Wie konntest du nur? Ich dachte, du würdest mir vertrauen, aber offensich einen waren wir damals gerade m eigentlich, was das über unsere Beziehung aussagt?"

"Hey! Jetzt mal ganz ruhig, Spaceboy. Zum einen waren wir damals gerade mitten in einer unserer Trennungsphasen und zum anderen brauchst du über Vertrauen nicht zu sprechen. Weißt du was, Michael? Es ist immer dasselbe mit dir. Jeder andere macht Fehler, außer der große Michael Guerin. Ich sage dir jetzt mal was! Liz ist meine Freundin und zwar schon sehr viel länger als du mein Freund bist, und es ging Liz damals überhaupt nicht gut. Sie hatte sich Vorwürfe gemacht, nachdem sie Max dazu gebracht hatte, sich von ihr abzuwenden. Und ich war eine Freundin für sie und habe sie getröstet. Und was kannst du sagen, außer dass du ständig gegen jeden und alles bist. Manchmal bist du ein echtes Kind, Mickey G. Wenn etwas nicht so geht, wie du es willst, dann kennst du nur ein Mittel, aber das ist nicht immer richtig.

Und außerdem, was hätte ich denn sagen sollen? Ach übrigens, Leute, da war plötzlich eine Zukunftsversion von Max in Liz` Zimmer und hat ihr erzählt, dass die Welt untergeht, wenn sie und Max zusammen bleiben. Was hättet ihr dann gemacht? Was hättest du dann gemacht? Du hättest Liz` Plan sicher zugestimmt. Es stört dich ja nur, dass du nichts von all dem wusstest!", fauchte Maria zurück.

Sie hatte das Gefühl, dass sie Liz verteidigen müsste, denn offenbar wollte niemand von den anderen einsehen, dass Liz damals dachte, sie hätte richtig gehandelt. Future-Max hatte ja nicht ahnen können, Tess könne mit ihnen ein doppeltes Spiel treiben. Und Michael war derjenige gewesen, der mit aller Gewalt mehr über sich erfahren wollte, um schließlich nach Hause zurück zu kommen.

Liz hatte weniger Glück als Maria, da Max sie bereits seit Stunden ständig ignorierte. Sie hatte versucht mit ihm zu sprechen, aber er reagierte nicht, wenn sie etwas sagte. Schließlich sah sie ein, dass sie Max Zeit geben müsste sich zu beruhigen. Vielleicht könnten sie später einmal in aller Ruhe über die vergangenen Geschehnisse sprechen, aber im Moment begriff Liz, dass es keine gute Idee war. Max war noch zu aufgewühlt, als dass man vernünftig mit ihm sprechen könnte. Sie hatte ihn eigentlich nur ein einziges Mal so wütend erlebt, und das hatte indirekt auch etwas mit ihrer Lüge über Future-Max zu tun.

Damals ging es um die Spaltung der Gruppe, kurz nach Alex` Tod. Liz hoffte nur, dass die Vorkommnisse der letzten Stunden und Tage nicht wieder zu einer Spaltung führten. Mit diesen Gedanken schlief sie letztendlich ein. Sie war von den letzten Stunden doch sehr müde und fühlte sich innerlich leer.

Während Michael und Maria sich wie immer stritten und Max Liz ignorierte, saß Kyle nervös auf seinem Sitz. Er wusste nicht, was mit ihm los war, doch er fühlte sich eigenartig, irgendwie nervös und aufgekratzt in einem. Es war fast so, als ob er zuviel Kaffee getrunken hätte.

Seine Sinne waren geschärfter als sonst und er fühlte sich, wie vor einem großen Kampf. Das Adrenalin floss nur so durch seinen Körper und er wusste nicht mal weshalb. Die Anspannung der Flucht war, seit sie sich sicher im Flugzeug befanden, weg und doch lag irgendetwas in der Luft.

Er schloss seine Augen und versuchte durch Meditation seine innere Ruhe wieder zu finden, doch je mehr er meditierte, desto unruhiger wurde er. Schließlich merkte er, dass diese Unruhe nicht von ihm ausging, sondern von den anderen. Es war fast, als ob er die Schwingungen und Stimmungen aller Anwesenden im Flugzeug spüren konnte.

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, denn er glaubte, durch seine langjährige Meditation endlich eine höhere Bewusstseinsebene erreicht zu haben. Es war fast, wie Buddha es lehrte. Wenn man sich nur lange und ausgiebig genug konzentrierte, konnte man seine Bewusstseinsebene verlassen und auf eine höhere Ebene kommen.

Auch Isabel war eingeschlafen. Der Stress und die Anspannung der Flucht machten sich auch bei ihr bemerkbar und so war sie bereits kurz nach dem Start eingeschlafen.

"So habe ich das doch nicht gemeint, Maria. Es tut mir Leid, dass ich dir Vorwürfe gemacht habe. Ich war einfach nur wütend auf Liz und ich glaube, es sind mir wieder einmal meine Nerven durchgegangen. Ich weiß doch, dass du mich nicht absichtlich belogen hast und ob du es mir glaubst oder nicht, ich weiß auch das Liz Max nicht absichtlich belogen hat. Ihr dachtet, ihr macht das Richtige, doch im Nachhinein muss ich leider sagen, dass es das nicht war."

"Schon gut, Spaceboy. Wenn ich dich nicht schon so lange kennen würde, würde ich jetzt echt wütend auf dich sein, aber ich weiß ja, dass du sehr oft erst handelst und dann denkst."

"Hey, was soll das denn heißen?"

Maria beugte sich zu Michael hinüber und küsste ihn innig, bevor sie ihm dann in die Augen schaute.

"Nichts, Spaceboy. Sieh es einfach als Kompliment. Komm mal mit, ich will dir was zeigen!" Und mit diesen Worten zog Maria den völlig perplexen Michael hinter sich her. Beide verschwanden den Gang hinunter und Kyle sah ihnen mit einem Grinsen hinterher. Das konnten auch nur Maria DeLuca und Michael Guerin, sich minutenlang streiten und dann wieder vertragen. Für die beiden war das fast so etwas wie ein Vorspiel.

Kyle nahm sich eine der Zeitungen und begann diese durchzublättern. Nicht das er großes Interesse an den Artikeln gehabt hätte, aber er musste sich irgendwie ablenken. Diese Energie oder was immer das war, was durch seinen Körper strömte, irritierte ihn. Und da er mit Meditation kein Glück hatte, wollte er sich nun mit den Artikeln in der Zeitung ablenken.

Max hatte die ganze Zeit entweder stur geradeaus geschaut oder aus dem Fenster. Erst als er merkte, dass Liz schlief, sah er sie wieder an. In seinen Augen spiegelte sich jedoch nicht nur die Wut, sondern auch noch immer die Enttäuschung wieder.

Einige Stunden später landete das Flugzeug auf dem Flughafen von L.A.

Nachdem sie ausgecheckt hatten und in der großen Ankunftshalle des Flughafens waren, besprachen sie die weitere Vorgehensweise.

"Und was jetzt, El Presidente?", wollte Kyle wissen.

"Ich schlage vor, das wir zuerst ...", doch Max kam nicht dazu, den Satz zu beenden, denn Liz, die neben ihm stand, wurde von einer weiteren Vision heimgesucht. Zuerst klammerte sie sich immer fester an seinen Arm, doch schließlich fiel sie in sich zusammen und kauerte auf dem Boden.


Der Raum ist nur mit einem Stuhl, auf dem Ava mit Händen und Füßen gefesselt sitzt, ausgestattet. Daneben ist ein kleiner Tisch zu sehen. Die Wände sind, wie eigentlich alles in diesem Zimmer, ziemlich heruntergekommen. In Avas Gesicht sind deutlich etliche Blutergüsse zu sehen und eine große Schramme "ziert" ihre Stirn. Durch den Knebel in ihrem Mund ist nur ein leises Wimmern und Stöhnen zu hören.


Obwohl Max immer noch wütend auf Liz war, machte er sich Sorgen um sie. Er nahm sie in seine Arme und strich ihr beruhigend die Haare aus der Stirn.

"Bist du jetzt zufrieden?", fauchte Maria ihn an.

"Das hilft uns jetzt sicher, Maria. Schuldzuweisungen sind im Augenblick das was wir brauchen. Herr Gott noch mal, meine Frau leidet. Können wir diesen Streit auf später verschieben? Da wäre ich euch sehr dankbar."

"Jetzt auf einmal ist sie wieder deine Frau. Warum hast du sie dann während des ganzen Fluges über ignoriert? Es ist schon eine große Leistung jemanden 6 Stunden völlig zu ignorieren."

"Könnten wir das später besprechen? Wir haben jetzt Wichtigeres zu tun!", mischte sich Isabel ein. Wie sie es doch hasste, immer diejenige zu sein, die alle wieder zur Vernunft bringen musste.

"Ava!", keuchte Liz, die sich langsam wieder auf ihre Beine stellte. "Sie ... hat Angst. Wir müssen ihr helfen."

"Was ... ich meine, was hast du gesehen?", wollte Michael wissen. Wenn es etwas mit Ava zu tun hatte, konnte es eigentlich nichts Gutes bedeuten. Er und Maria waren immer noch der Meinung, dass sie mit ihrer Hilfe für Ava einen großen Fehler machten. Doch auf ihn hörte ja wie so oft niemand.

"Ich schlage vor, wir bringen Liz in ein Motel, während ihr beide, du und Michael, zu Cal fahrt", meinte Max schließlich zu Isabel, während er Liz stützte.

"In Ordnung, Max. Und was sollen wir ihm sagen?"

"Das ist mir egal. Ihr werdet schon die richtigen Worte finden. Ich vertraue ganz auf Michaels Überzeugungskraft und deine rationale Art. Ihr müsst Cal nur dazu bringen, uns mit Liz und mit Ava zu helfen. Das ist alles."

"Gut, machen wir. Auch wenn ich das mit Ava am liebsten vergessen würde!", mischte sich Michael ein.

"Michael, du und Isabel werdet Cal beides ausrichten. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt. Ich will meine Schuld bei Ava begleichen und das ist mein letztes Wort zu dieser Diskussion."

Michael und Isabel nahmen eines der Taxis, die vor der Flughalle standen und fuhren in Richtung Villa von Cal Langley. In der Zwischenzeit nahmen Max, Kyle und Maria das Gepäck der Gruppe und Liz und begaben sich nach draußen. Dort bestiegen sie eines der Taxi Van`s und ließen sich in eines der Motels der Stadt fahren.

*****

Auf dem Weg zu Langleys Anwesen dachte Michael nach. Innerlich war er zu aufgewühlt, denn er war mit der ganzen Situation nicht zufrieden. Warum musste nur so ein Chaos herrschen? Eigentlich war er ohne große Erwartungen mit der Truppe mitgezogen. Ja, er hatte schon erwartet, dass die Stimmung nicht besonders gut sein würde, sie waren ja immerhin auf der Flucht vor Leuten, die sie umbringen wollten, aber das die Stimmung so dermaßen im Keller war, war kaum auszuhalten. Ein Seufzen ertönte. Eigentlich sollten sie ja gerade jetzt zusammenhalten, aber irgendwie schien dies nicht möglich. Alle waren unzufrieden, hatten Angst und konnten kein normales Leben führen. Und dann kam auch noch die Sache mit Liz hinzu.

Erst schienen ihre Visionen ja nützlich zu sein, aber nun, nun waren sie völlig außer Kontrolle geraten. Wenn er Liz anschaute, dann konnte er sagen, dass sie von Mal zu Mal schlechter aussah.

Er schaute aus dem Fenster des Taxis. Es kam auch noch die eine Tatsache ans Licht, die Liz vollkommen verschwiegen hatte. Mit den Händen fuhr er sich durch seine Haare, so wie er es immer tat, wenn er angestrengt nachdachte.

Die Sache mit Maria machte ihm zudem zu schaffen. Sie hatten sich vor kurzem versöhnt - bei diesem Gedanken huschte ihm ein kurzes Grinsen über die Lippen - doch die Sache mit Liz entfernte sie wieder voneinander.

Irgendwie hatte er ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Nein, er konnte nicht sagen, dass er ohne Vorurteile zu Cal auf dem Weg war.

Isabel musterte Michael von der Seite. Er hatte sich verändert. Die vorher jungenhaften Züge waren männlich geworden. Bartstoppeln umrahmten sein Gesicht, er sah älter aus.

Sie seufzte und dachte an die anderen, vor allem an Liz. Sie sah gar nicht gut aus, als sie sie am Flughafen verlassen hatten. Kyle und Maria waren bei ihr geblieben, während Max ihnen aufgetragen hatte, zu Cal zu fahren.

Das Taxi kam zum Stehen und sie stiegen aus. Michael gab dem Fahrer Geld und winkte ihm zu, als sein Handy klingelte. Kyle meldete sich und erzählte ihm, in welches Hotel sie fahren müssten, wenn sie ihre Aufgabe erledigt hatten. Nach dem Telefonat drehte er sich zum Haus um.

Beeindruckt und mit offenem Mund blieb er stehen, als er das Anwesen sah. Es war ziemlich prunkvoll und irgendwie protzig. Der Mann hatte anscheinend Geld.

„Du kannst den Mund wieder zu machen, die Fliegen wollen bestimmt nicht deinen schlechten Atem riechen.“ Isabel grinste.

Er klappte den Mund zu, wurde etwas rot und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Okay, dann lass uns die Sache mal angehen.“ Er stapfte vor und Isabel konnte nur die Augen verdrehen.

Sie konnte nicht anders, als das schöne Haus samt Grundstück zu bewundern. Sie meinte sogar einen Pool gesehen zu haben. Max hatte das alles beschrieben, aber dass es so schön aussehen würde, hatte sie nicht gedacht.

Gerade als Michael auf den Klingelknopf drücken wollte, wurde ihnen geöffnet. Er kniff die Augen zusammen und blickte in das Gesicht des Mannes, der wohl Cal sein musste.

Er hatte einen nackten Oberkörper und eine kurze, beige Hose an. Eine Sonnenbrille saß auf seiner Nase, in der Michael sich spiegelte. In der rechten Hand hielt er einen mit Früchten geschmückten Cocktail. Er trank aus dem Strohhalm und zog seine Augenbrauen hoch.

„Woher ...“

Cal zeigte nach oben auf die Überwachungskamera.

„Was wollt ihr hier?“, fragte er etwas unfreundlich und stützte eine Hand in die Hüfte.

Michaels Miene wurde wütend, doch bevor er seinen Mund aufmachen konnte, kam ihm Isabel zuvor. Zum Glück, denn er wäre auch nicht sehr freundlich gewesen.

„Hallo, wir sind Isa…“, fing Isabel freundlich an, wurde jedoch unterbrochen.

„Ich weiß, wer ihr seid, Isabel und Michael. Was wollt ihr von mir?“

„Woher ...?“

„Ich spüre es einfach, wenn ein Alien in der Nähe ist, okay?“

Isabel nickte und versuchte, ruhig zu bleiben. Michael schnaufte, doch sie hielt ihn mit einer Handbewegung zurück.

„Wir sind hier, um dich etwas zu fragen.“ Isabel ging an ihm vorbei in sein Wohnzimmer und setzte sich auf das Sofa. Michael folgte ihr etwas verdutzt.

Cal setzte sich ihnen mit düsterer Miene gegenüber.

„Es geht um Liz. Sie ist die, die Max geheilt hat. Na ja, jetzt hat sie Visionen bekommen, Kräfte, mit denen sie anscheinend nicht umgehen kann. Jedenfalls hält ihr Körper es nicht aus. Sie hat Schmerzen und wird vielleicht sterben. In diesen Visionen sieht sie Ava, die andere Tess, sieht, wie sie gequält wird. Wir müssen ihr unbedingt helfen. Liz hat wie gesagt höllische Schmerzen bei den Visionen ...“

„Redet die immer so viel?“ Cal zeigte auf Isabel.

Michael fing an zu grinsen, wäre er nicht so furchtbar unfreundlich, würde er irgendwie Sympathie für ihn empfinden.

Isabels Gesicht wurde rot. „Wir haben ein Problem und brauchen deine Hilfe, verstehst du das nicht?“

„Doch, ich verstehe es, aber ich werde euch nicht helfen. Max hat es verbockt und Ava konnte ich noch nie leiden.“ Er kratzte sich an seiner Glatze. „Außerdem bin ich nicht euer Babysitter.“ Er stellte sein mittlerweile leeres Glas auf dem Tisch ab.

„Aber du bist dazu da uns zu helfen, oder?“ Isabel stand auf.

„Ja, aber ich bin nicht dazu da, den Mist, den ihr verbockt habt, wieder gerade zu biegen. Wenn die Kleine stirbt, ist das euer Problem und Ava interessiert mich nicht.“ Er stand auf, nahm das Glas und ging in die Küche.

Dort nahm er eine Karaffe aus dem Kühlschrank und schenkte sich ein neues Glas ein. Er lehnte gegen den Schrank und schaute aus dem Fenster hinaus.

Isabel war ihm gefolgt, ebenso Michael.

„Aber wir können sie doch nicht einfach sterben lassen.“ Isabel wurde lauter.

Cal schaute nicht auf.

„Hey, ich rede mit dir, hörst du mir überhaupt zu? Du musst uns helfen, du bist unser Beschützer, du wurdest geboren, um uns zu helfen.“

„Okay, wir haben es erst auf die freundliche Art versucht, jetzt kommen härtere Seiten.“ Michael schob Isabel zur Seite. Wut zeichnete sich in seinem Gesicht ab.
„Du wirst uns helfen, ob du willst oder nicht.“ Michael nahm ihm das Glas, woraus er getrunken hatte, aus der Hand, stellte es ab und baute sich zu seiner vollen Größe auf.

Er packte Cal`s Kragen und zog ihn zu sich heran. „Oder magst du Schmerzen?“ Ein böses Grinsen zierte sein Gesicht. „Glaube mir, ich scheue vor nichts zurück.“

Isabel stellte sich neben ihn. „Wir könnten auch Max holen und dann befiehlt er es dir. Dann kannst du nicht mehr nein sagen.“

„Nein, ich werde euch nicht mehr helfen, selbst wenn ihr mich noch so sehr bedroht. Ich habe schon genug getan. Wisst ihr eigentlich, was ich für ihn, für euch, aufgegeben habe? Könnt ihr euch auch nur annähernd vorstellen, was für ein Leid ihr mir angetan habt?“

Cal packte Michaels Hände und zerrte an ihnen, um sich zu befreien.

„Max hat mich als König sehr enttäuscht. Er hat nur das getan, was für ihn persönlich wichtig war. Das Leben anderer, das er damit zerstörte, indem Fall meines, interessierte ihn gar nicht. Dass ich schon ein Leben lang auf diesem Planeten gefesselt bin und meine Heimatwelt vermisse, fand gar keine Beachtung. Ihr seht nur eure mickrigen Probleme und sonst nichts.“

„Mickrig?“ Michael wurde lauter.

„Wir sind auf der Flucht und werden vielleicht bald umgebracht. Das nennst du mickrig? An jeder Ecke könnte ein FBI Agent stehen und jede Sekunde könnten wir bereits tot sein. Das ist gewiss kein kleines Problem.“

„Aber ihr habt es euch selbst zuzuschreiben, weil ihr unvorsichtig wart. Ihr musstet ja so viele Leute einweihen und derart viel Trubel veranstalten. Das ihr damit auch mich in Gefahr bringt, ist euch mal wieder völlig egal. Mein Leben lang bin ich schon von meiner Familie getrennt. Ihr habt immerhin euch. Ich habe alles für euch aufgeben müssen, weil ich dazu auserkoren war, auf dem Raumschiff zu bleiben, das euch zur Erde geflogen hat.“

„Na, das habt ihr ja toll hinbekommen! Um ein Haar wären wir alle draufgegangen“, antwortete Michael ironisch.

„Ich habe für euch alles zurückgelassen und wisst ihr was? In keinster Weise wurde ich überhaupt nur gefragt, ob ich dieses Leben leben wollte. Und wenn, ich hätte mit nein geantwortet. Meine Familie, meine Kinder, sind mir wichtiger. Außerdem hatte ich noch nicht einmal das Vergnügen, als Halbmensch hier geboren zu werden. Nein, ich muss dieses beschissene Leben ohne Geschmack überstehen. Das ganze Geld, was ich habe, nützt mir rein gar nichts. Ich kann essen und trinken, was ich will. Ich schmecke rein gar nichts.

Gerade, als sich ein paar Geschmacksknospen gebildet hatten und ich wenigstens Zitronen schmecken konnte, ist mir euer toller König über den Weg gelaufen. Er hat alles zerstört mit seiner egoistischen Art und Weise. Einen tollen Anführer habt ihr da. Er hat mich nur für seine Zwecke benutzt.“

In Isabel brodelte es. Sie hasste es, wenn man schlecht über ihren Bruder redete. Doch bevor sie auch nur irgendetwas sagen konnte, kam ihr Michael mit seiner impulsiven Art zuvor.

„Wie kannst du es wagen, so über ihn zu reden?“, brüllte Michael ihn an.

Cal ging wieder ins Wohnzimmer.

Michael folgte ihm lauten Schrittes, Isabel direkt neben sich.

„Er musste doch seinen Sohn retten.“ Isabel legte Michael beruhigend eine Hand auf die Schulter, Cal ein wenig verstehend.

Aber Michael war in einem Zustand, indem er nicht mehr zu bremsen war. Sie konnte regelrecht das Feuer in seinen Augen lodern sehen. Er war außer Kontrolle.

Michael hob seine rechte Hand und hielt sie auf Cal gerichtet. Dieser seufzte nur und beförderte Michael sowie auch Isabel mit nur einer Handbewegung aus seinem Wohnzimmer hinaus und ein lautes Klirren ertönte, als sie durch die Fensterscheiben des Hauses flogen.

Isabel hatte geglaubt, ihr Ende würde nahen, als sie mitbekam, dass Cal es war, der sie durch die Luft hatte fliegen lassen. Sie spürte die harte Fensterscheibe an ihrem Rücken, die durch den Druck nachgab und in tausend kleine Einzelteile zersprang. Schmerz durchdrang ihren Körper, als sich die kleinen Scherben in ihre Haut bohrten. Krampfhaft versuchte sie ihre Augen geschlossen zu halten, damit kein Splitter hinein geriet. Ebenso hielt sie während des Fluges schützend ihre Arme vor den Kopf und landete dann ziemlich unsanft auf dem Rasen, knallte mit ihrem Kopf auf und sah für einen Moment Sterne.

Als sie sich aufrichtete und die Glassplitter aus ihrem Gesicht wischte, schnitt sie sich an den Handinnenflächen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht sank sie zurück und meinte, jeden Knochen in ihrem Leib zu fühlen. Was für ein toller Tag! Sie hielt sich ihren Rücken und blickte zur Seite.

Was sie sah, wunderte sie und für einen Moment zweifelte sie an ihrem Verstand. Sie war schon versucht, sich ihre Augen zu reiben, aber dies wäre wohl das Schlimmste, was sie hätte tun können.

Alex saß neben ihr auf dem Rasen ...

Michael blieb für einen Moment liegen. Er konnte es nicht fassen. Wie hatte er das gemacht? Sicher, Cal`s Kräfte waren bestimmt besser ausgebildet als seine, aber er hatte sie nur mit einer Handbewegung in das so genannte Abseits gedrängt? Michael stützte sich hinten auf und spürte ebenfalls die kleinen Splitter des Glases, ignorierte jedoch den Schmerz und stand auf.


Da saß tatsächlich Alex neben ihr, sie konnte nicht anders, als staunen. Wieso gerade jetzt? Tränen sammelten sich in ihren Augen, als sie sich an ihre gemeinsame Zeit erinnerte.

„Alex ...!“ Sie berührte ihn.

„Ja, ich bin hier. Isabel, du hast dich verändert, du bist nicht mehr dieselbe wie früher. Du bist nicht mehr du. Ihr alle habt euch sehr verändert. Früher warst du nicht so zornig.“

„Aber die Zeiten haben sich verändert. Ja, ich habe mich verändert, das haben wir alle, aber Liz am meisten. Ich bin enttäuscht. Ich dachte, ich würde sie kennen, habe ihr vertraut, doch sie hat uns etwas Lebenswichtiges verschwiegen. Das hätte auch schief gehen können. Und das ist es ja auch, du musstest sterben." Tränen rannen ihre Wangen hinab.

Alex berührte ihr Gesicht und wischte ihre Tränen weg.

"Ja, aber Liz ist nicht Schuld daran, dass ich gestorben bin." Alex blickte ihr in die Augen. Sie sprachen so viel Wut und so viel Trauer aus.

"Doch, dass ist sie. Sie ist Schuld, dass du sterben musstest. An ihren Fingern klebt dein Blut." Isabel wurde lauter.

Michael hatte sich aufgerichtet und war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als zu hören, was Isabel sagte.

"Nein, das stimmt nicht. Tess hat mich getötet, nicht Liz. Sie war es nicht und das weißt du auch."

"Aber wenn sie uns das mit Future-Max nicht verschwiegen hätte, dann wäre das gar nicht passiert, dann wärst du jetzt nicht tot."

"Aber sie musste so handeln. Future-Max hat ihr befohlen, niemandem etwas zu sagen. Du weißt doch. dass er aus der Zukunft kam. Und diese war nicht sehr rosig. Khivar kam auf die Erde und hat einen bitteren Krieg entfacht. Es war ein Massaker, sehr grausam. Die Welt, so wie wir sie kennen, existierte nicht mehr, nur noch Verwüstung.
Kurz bevor er in der Zeit zurückreiste, hielt er Michael tot in seinen Armen. Zwei Wochen zuvor dich. Am Ende waren nur noch Max und Liz übrig. Ich konnte nun auch in diese Zukunft blicken. Ich sehe noch Khivars böses Lächeln, höre sein Lachen. Es machte ihm am meisten Spaß euch, Michael und dich, zu töten."

Alex schloss schmerzhaft seine Augen. Er hörte immer noch Isabels Schreie, sah, wie alles Leben aus ihr wich.
"Glaube mir, diese Zukunft hätte dir nun wirklich nicht gefallen."

"Aber du warst bei mir, oder? Bis zuletzt."

"Ja."

"Wenigstens das hatte ich in dieser Zukunft, während ich jetzt nichts habe."

"Aber das ist doch nicht wahr. Du hast deinen Bruder, Michael, Maria und Liz."

"Aber Liz ist Schuld, dass du sterben musstest."

"Nein, sie ist Schuld, dass ihr lebt. Tess hat mich getötet. Sie allein trägt die Schuld und niemand anderer. Sie hat mich gemindwarped. Mein Gehirn hat das nicht mehr ausgehalten und so bin ich gestorben. Liz war immer wie eine Schwester für mich, ich weiß, sie hat mich geliebt wie ihren Bruder. Sie hat auch sehr unter meinem Tod gelitten, leidet auch heute noch. Sie war immerhin meine beste Freundin neben Maria. Und ich war ihr bester Freund. Auch sie hat sich schon genug Vorwürfe gemacht."

Isabel senkte ihren Kopf. Es stimmte, Liz hatte auch sehr gelitten. Sie sah noch das Bild vor sich, wie Liz an seinem Grab kniete und bitterlich geweint hatte.

"Mach ihr das Leben nicht noch schwerer. Sie leidet schon genug. Auch sie hat viel aufgegeben, viel für euch riskiert. Weißt du eigentlich, wie schwer es ihr gefallen ist, Max von sich zu stoßen? Den, den sie am meisten liebte, wehtun zu müssen? Es hat ihr fast das Herz herausgerissen. Und jetzt wird sie von euch mit Füßen getreten, jetzt wo sie eure Unterstützung braucht, seid ihr nicht für sie da. Sie bricht in sich zusammen und ihr tut nichts, um ihr zu helfen. Im Gegenteil, ihr tretet sie noch tiefer."

Isabel bekam Gewissensbisse. Es stimmte alles, was Alex sagte und von dieser Seite aus, hatte sie es noch nicht gesehen. Alex war Liz ebenso wichtig gewesen wie ihr, sie kannte ihn schon länger als sie. Und Liz ging es ja momentan wirklich schlecht, physisch wie auch psychisch. Und was taten sie? Nichts, sie sorgten wirklich dafür, dass es ihr schlechter ging. Sie fühlte sich mies.

„Liz trägt wirklich keine Schuld an meinem Tod, das war ganz allein Tess.“

„Ja, ich verstehe, ich habe falsch gedacht. Die Situation momentan ist einfach nicht leicht für mich.“

„Ich kann das nachempfinden. Habe keine Angst vor der Zukunft, du wirst nie allein sein. Es wird immer einer bei dir sein, der dich liebt. Ich werde immer bei dir sein.“ Er legte seine Hand auf ihr Gesicht. Sie fühlte seine Wärme, auch wenn dies eigentlich nicht möglich war.

Aber er war schließlich auch nur eine Einbildung. Er erschien immer dann, wenn es ihr besonders schlecht ging. Aber er wusste alles. War er wirklich nur eine Einbildung?

Sie blickte hoch und sah, wie sich sein Erscheinungsbild auflöste.

„Ich werde immer da sein, wenn du mich brauchst.“

„Neeein. Geh nicht.“ Sie streckte ihre Hand nach ihm aus, aber er war fort.

Isabel rappelte sich auf.

Sie blickte hoch und sah, wie Michael sich durch die Glasscherben einen Weg zu Cal gebahnt hatte.

„Das ist nicht das Ende. Max wird kommen und dir befehlen, was wir wollen. Du hast keine Chance, du musst früher oder später Liz und Ava helfen, ob du es nun willst oder nicht.“

Cal Langley gab jedoch nicht klein bei und Michael brodelte innerlich immer mehr. Bald würde er nicht mehr unter Kontrolle zu halten sein. Isabel stellte sich neben ihn.

„Wenn ihr das macht, werde ich das Pod Squad töten. Zur Not auch durch die Hände anderer. Und glaubt mir, ich habe schon meine Mittel.“ Er stützte seine Hände wieder in die Hüfte.

In Michael brannte eine Sicherung durch, Isabel hörte es beinahe.

Er brummte laut und wollte näher gehen, wenn nötig würde er ihn mit seinen eigenen Händen erwürgen. Falls seine Kräfte nicht funktionierten, würde er sich anders zu helfen wissen. Michael war immerhin deutlich kräftiger als Cal. Zur Abwehr hielt er eine Hand hoch.

Die Luft summte, sie vibrierte förmlich, Michaels Wut war deutlich spürbar. Einige Dinge explodierten, Lampen, Steine ... seine Wut war fast nicht mehr einzudämmen.

Er wollte gerade auf Cal losgehen, als Isabel sich in den Weg stellte.

„Lass es, es hat doch eh keinen Sinn ihn anzugreifen. Was willst du tun? Ihn umbringen? Er ist unsere einzige Chance Liz und Ava zu retten. Wir brauchen ihn. Komm, lass uns später noch mal mit Max zurückkommen. Er wird schon wissen, wie man mit ihm umgeht.“

Michael nahm seine Hand hinunter und blickte sie an. Sie hatte Recht. Was nützte es, wenn er ihn jetzt tötete.

„Gut, wir kommen wieder.“ Michael drehte sich um, Isabel hakte sich bei ihm ein und sie verließen gemeinsam das Trümmerfeld

Sie gingen die Hauptstraße entlang und pfiffen sich ein Taxi heran, stiegen ein und fuhren zum Motel.

*****

Der Rest der Clique stand vor dem Motelzimmer. Liz hing kraftlos in Marias Armen und ihr Gesicht wies Spuren von Schmerzen auf, die sie versuchte, zu verbergen. Max, Kyle und Maria folgten dem davon fahrenden Taxi mit ihren Blicken.

Max machte sich seine Gedanken. Michael und Isabel würden Cal kaum überreden können, dafür müsste er ihn wohl wieder zwingen und jede Faser seines Körpers lehnte sich dagegen auf. Cal war danach dermaßen wütend gewesen und er konnte es ihm nicht einmal verübeln. Er konnte es sich nur vorstellen, was er ihm mit seinem Befehl angetan hatte. Es war sicher kein Spaß, ohne Geschmack und Gefühle zu leben.

Heimlich beobachtete Max seine Frau, da er immer noch wütend war und sich nur vergewissern wollte, dass es ihr gut ging. Er liebte sie immer noch, das würde er immer tun, aber er konnte ihr nicht verzeihen - noch nicht.

„Maria, Liz sollte sich etwas hinlegen“, kam der Vorschlag von Kyle, der Liz sehr besorgt musterte. Mittlerweile verstand er, was damals los war, als er und Liz Max vortäuschten, dass sie miteinander geschlafen hätten. Sie hatte eine unglaubliche Bürde getragen und er fand ihre Stärke sehr imponierend. Sie in einem derartigen Zustand zu sehen, tat ihm weh und die Reaktion von Max trieb ihn auf die Palme. Typische Reaktion eines Aliens.

„Ja, ich bringe sie hinein! Ein gewisser Ehemann ist sich ja zu fein dafür“, brummte Maria sauer und ging mit Liz in das Motelzimmer. Die Tür hatte Kyle für sie aufgehalten. Leise schlüpfte Max mit hinein und Kyle folgte ihm, nicht ohne ihm einen bösen Blick zuzuwerfen.

„Komm her, Liz! Leg dich hin, versuch etwas zu schlafen“, sprach Maria leise auf ihre beste Freundin ein und führte sie zum Doppelbett, das mitten im Zimmer stand. Außer diesem war der Raum nur noch mit einem Sessel und einem Minifernseher ausgestattet. Eine Tür führte ins angrenzende Bad. Es gab nicht einmal einen richtigen Kleiderschrank. Doch sie hatten ja auch nicht vor, lange zu bleiben.

Maria bedauerte es sehr, dass sie sich abermals auf der Flucht befanden und jeden Tag in einer anderen Gegend verbrachten. Doch mit ihren grünen Freunden musste es wohl so sein und mit Liz musste auch endlich was geschehen. Das stand für sie definitiv fest. Diese Visionen würden sie eines Tages umbringen und der Tag lag nicht all zu fern in der Zukunft. Sie wünschte sich, dass sie ihrer Freundin mehr helfen könnte, doch außer ihr beizustehen, konnte sie wohl nichts mehr tun. Max würde sie nur zu gern einmal sein außerirdisches Hirn waschen und es wieder richtig herum in den Kopf einsetzen. Das alles trieb sie wirklich zur Weißglut.

Maria zog Liz die Schuhe von den Füßen und die Jacke aus. Danach half sie ihr, sich bequem auf das Bett zu legen und deckte sie leicht mit der dünnen Decke zu. Danach drehte sie sich kurz um und sah die zwei Männer da stehen.
Max` Blick war weiterhin wütend und kühl, aber Sorge sah sie trotz allem darin. Es würde sich sicherlich wieder legen, aber für sie war die Wut zum falschen Zeitpunkt vorhanden. Liz hätte seine Unterstützung gut gebrauchen können. Der Streit und die Ablehnung schwächten sie nur noch mehr.

Sie warf ihm daraufhin einen sehr wütenden Blick zu und gestikulierte wild mit ihren Händen, um irgendwie ihre Wut raus zu lassen: „VERSCHWINDET! Sie braucht ihre Ruhe und kein Gefühl, dass sie im Zoo liegt. Du, Max, scheinst ja nicht weiter an ihrer Genesung mithelfen zu wollen! Geht raus und macht weiß Gott was! Liz braucht ihre Ruhe und ich werde sie pflegen“, donnerte Maria wütend und hüpfte vor den Jungs auf und ab. Liz lag nur weiterhin schwach im Bett und bekam wenig davon mit. Sie hatte ihren Ehemann belogen. Bei der Trauung hatte sie ihm doch ewige Treue geschworen und ihm in jeder Lebenslage beizustehen. Sie hatte ihn verraten und bezahlte mit seiner Verachtung. Es zerbrach ihr schon so oft geflicktes Herz.

Der Rumpelstilzchentanz wäre lustig gewesen, wenn die Situation nicht so ernst wäre. Bedrückt verließ Kyle das Motelzimmer als Erster. Max blieb unschlüssig am Bettende stehen und blickte zwischen Maria und Liz hin und her.
Liz öffnete die Augen und ihre Blicken trafen sich. Liz` Augen waren feucht und sie sah ihn tief traurig an. Sie bettelte um Vergebung, doch Max ließ sich nicht erweichen. Er drehte sich abrupt um und folgte Kyle.

Maria schloss die Motelzimmertür etwas zu heftig und eine Erschütterung durchfuhr die beiden. Sie schaute einen Moment zur Tür und fischte in ihrer Jackentasche herum. Erleichtert zog sie die kleine Flasche mit Zypressenöl heraus und atmete den Duft tief ein. Langsam spürte sie die wiederkehrende Ruhe, die sie in der letzten Zeit kaum einen Moment gehabt hatte.
Die Flucht aus Roswell war von Anspannung und Angst gezeichnet, sodass sie immer öfter an der Flasche roch. Doch es beruhigte sie immer wieder. Noch einmal atmete sie den Duft ein, schloss dann die Flasche rasch und drehte sich mit einem leichten Lächeln auf den Lippen um.

Liz hatte wohl ihren Handgriff bemerkt und wusste genau, was Maria getan hatte. Doch es war für alle nicht leicht und so ließ sie sich von der Sache nichts anmerken. Das Öl war nicht weiter schädlich, also konnte sie es weiterhin beruhigt nehmen. Eine aufgeregte Maria war für alle in der Gruppe immer ein Grund zur Nervosität, sodass eine ruhige bei weitem angenehmer war.

„Hör mir zu, Maria!“ Liz streckte ihre rechte Hand nach Maria aus, die sie entgegennahm und sich aufs Bett setzte. „Es tut mir Leid, dass du wegen mir Streit mit Michael hast. Es reicht schon aus, dass Max und ich welchen haben.“
Maria sah in Liz` traurigen Blick und sie verfluchte Max innerlich nochmals. Sie musste unbedingt mit ihm reden, wenn er diese Art und Weise Liz gegenüber nicht bald einstellte.
„Maria, verzeih mir. Ich hätte dich damit nicht belasten sollen und dazu zwingen sollen, Michael anzulügen. Es tut mir wirklich Leid. Verzeih mir! Durch diese Sache, durch die Veränderung der Zukunft, mussten schon so viele leiden. Verzeih!“

Liz weinte und Maria zog sie in ihre Arme. Fest drückte sie sie an sich und ließ sie erstmal ein wenig Erleichterung finden. Die Zeiten waren wirklich hart. Vor drei Jahren erschien ihr Leben so langweilig und ein Ereignis hatte alles verändert. Nein, keineswegs bereute sie ihre Entscheidung, mit der Gruppe gegangen zu sein, doch diese Momente ließen sie manchmal an die alten Zeiten denken.

Nachdem Liz sich beruhigte hatte und die erste Flut der Tränen versiegt war, grinste Maria sie an. Es war dieses zweideutige Grinsen, das der besten Freundin verriet, was sie bei der Versöhnung gemacht hatten.
Liz` Augen wurden immer größer und sie nickte nur immer schneller: „Oh nein. Ihr habt? Im Flugzeug? WOW! War es schön?“ Liz musste heftig schlucken, doch es zauberte ihr ein vages Lächeln auf die Lippen.
Bei jedem Ausruf hatte Maria heftig genickt und sich über die veränderten Gesichtsausdrücke in Liz` Gesicht amüsiert. „Ja! Er ist immer noch der Beste!“ Maria lächelte geheimnisvoll und ihr Blick wurde glasig.
Liz wurde wieder ernst und ließ sich im Bett zurück sinken. Die Anstrengungen forderten ihren Tribut und sie fiel in einen leichten Schlaf.
Maria saß im Sessel und erinnerte sich zurück, an das besagte Ereignis im Flugzeug und ihr Lächeln wurde breiter. Für ein paar Augenblicke waren die aktuellen Ereignisse in Vergessenheit geraten.

*****

Der Himmel war Wolken verhangen und es war äußerst einsam in der Gegend. Niemand außer Kyle und Max war zu sehen.
Max trat gegen kleine Steine, die dann durch die Luft flogen. Er kämpfte mit dem inneren Konflikt. Kyle dagegen schritt erst stumm neben Max auf und ab, doch dann konnte er sich nicht mehr beherrschen und es brach wie eine Sturmflut aus ihm heraus. Es klang, als ob er es Monate mit sich herum getragen hatte und nun endlich loswerden konnte.

„Sie leidet wegen dir! Oder wegen deiner Zukunftsversion. Die Visionen werden sie ins Grab bringen und wer ist Schuld? Du, Evans! DU! Aber wer steht ihr nicht bei? Du, Evans! Sie braucht jetzt ihren geliebten Mann. Und rate mal wer das ist? Du, Evans! Also komm von deinem Ich-bin-ein-verletzter-und-betrogener-Alien-Trip runter und kümmere dich um sie. Sie braucht dich! Nichts gegen Maria, aber sie will DICH! DICH, EVANS! Verdammt noch mal! Beweg deinen Alienarsch da hinein oder soll ich dich treten?“

Die Sturmflut fegte an Max vorüber, als ob er nichts davon mitbekommen hatte. Das dachte Kyle zumindest in dem Moment. Deshalb gab er vorläufig auf und wollte zum allgemeinen gelangweilten Plausch überwechseln: „Hast du Hunger, Evans?“

Max hatte am Anfang der Wortflut aufgehört gegen die Steine zu kicken und nur die Moteltür beobachtet, während Kyle neben ihm wild mit den Armen gefuchtelt und ihn angebrüllt hatte.
„Halt dich daraus, Valenti! Das geht dich überhaupt nichts an!“, brummte Max Kyle böse an.

Kyle sah ihn erst verblüfft an und dann änderte sich seine Gesichtsmimik in einen ernsten Ausdruck: „Was ist los, Evans?“

Max schaute nun das erste Mal seit Beginn ihres Wortgefechts Kyle an und ließ die Bombe platzen. „Sie hätte zu mir kommen sollen!“

Daraufhin explodierte Kyle förmlich. Er giftete ihn an: „Wieso? Hab ich was verpasst? Bist DU etwa der Mittelpunkt unserer Erde?“

Max schaute ihn kurz überrascht an, ließ seinen Blick aber dann in Straßenrichtung wandern und starrte auf die gegenüberliegende Häuserreihe. Kyle fuhr fort: „Ist dir eigentlich klar, was du von ihr verlangt hast? Ich meine, deine Zukunftsversion? Sie hat dem Menschen wehgetan, der ihr mehr bedeutet, als ihr eigenes Leben. Sie hat so viele Versuche unternommen, dir weh zu tun und sie schnitt sich dabei immer mindestens genau so schlimm ins eigene Herz. Du bist so verdammt egoistisch. Sie braucht dich, aber nein, Mister-ach-so-enttäuscht schiebt die eingeschnappte Nummer. Dir ist echt wirklich nicht mehr zu helfen."
Abrupt drehte Kyle sich um und hoffte, so irgendetwas in Max geweckt zu haben. Hoffentlich dachte er einmal drüber nach. Seine Gedankenspanne war momentan kürzer, als die Höhe eines Fingerhuts.

„AAAAAAAAHHHHH!“

Max und Kyle erwachten aus ihren Gedanken und blickten zur Motelzimmertür. „Liz!“, stieß Max aus und stürzte ins Zimmer mit Kyle auf seinen Fersen.
Sein Blick schweifte durchs Zimmer. Liz lag vor Schmerzen gekrümmt auf dem Bett. Sie hatte ihre Knie an die Brust gezogen. Mit den Händen hielt sie ihren Kopf fest und jammerte leise vor sich hin.
Maria stand neben dem Bett und blickte hilflos auf Liz herab. Ihr Gesicht zeigte deutlich ihre Angst und Sorge um Liz.


Der verschwommene Umriss eines Schildes wird immer klarer, die weißen Buchstaben immer schärfer.

Jefferson Blvd.

Graue, verkommene Wände werden nur von zersplitterten Fenstern unterbrochen. Die Türen sind vernagelt oder durch Gitter versperrt ... alle bis auf eine.

Sie steht offen und führt direkt zu einer Metalltreppe, die aussieht, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Der schwere Geruch von Tod und Verwesung hängt in der Luft und wird stärker, je höher man steigt.

Hämisches Gelächter und harte Worte dringen durch die Stille. Den Stimmen folgend, erreicht man eine Art Lagerhalle. Der Boden ist schmutzig und mit Unrat übersäht. Ein einzelner Stuhl steht in der Mitte des Raumes und Ava ist daran gefesselt.

Die Frau, die neben ihr steht, küsst den Mann leidenschaftlich, während dieser sein Opfer genau betrachtet. „Tu es!" Mit einem bösartigen Grinsen, das seinem Punkeraufzug gerecht wird, holt er aus ...