written by: Angel, Cordyfan, Izzy, Isabel Evans, Ivy & Thalia

SPECIAL FEATURES:

NC-17 Part:
Auskopplung der Hochzeitsnacht von Max & Liz


Der Nachthimmel wurde vom vollen Mond hell erleuchtet. Die Häuser der kleinen Straße, in silbernes Licht getaucht, wirkten nicht mehr ganz so verkommen. Die Vorhänge der erleuchteten Fenster blähten sich im warmen Wind und Gespräche drangen auf die Straße. Die Wärme der Spätsommernacht schien nur durch weit geöffnete Fenster erträglich zu sein und dennoch war ein Haus verschlossen. Nur ein schwacher Lichtschein drängte durch die sorgfältig zugezogenen Vorhänge.

Das Innere des Hauses war spartanisch eingerichtet. Ein braunes Sofa mit dazugehörigem Sessel stand auf dem nackten Dielenboden in dem geräumigen Wohnzimmer. Eine kleine Lampe daneben und der Fernseher, nicht weit davon entfernt, spendeten nur dürftig Licht.

Der schwache Duft von Kaffee schwebte von der angrenzenden Küche herüber. Die gedämpften Stimmen wurden fast vom Fernseher übertönt. Drei junge Männer starrten angespannt auf den flimmernden Bildschirm.

„Ja.“ Michael sprang auf und sah die anderen beiden Männer triumphierend an. „Ich wusste, dass sie es schaffen. Gewonnen.“
Kyle löste unwillig seinen Blick vom Fernseher und sah ihn an. „Buddha sagt: Erinnere dich daran, dass Stille manchmal die beste Antwort ist.“

„Kyle.“ Unwillig noch mehr zu hören, stöhnte Max auf. „Kannst du nur einmal nicht diesen glatzköpfigen, fetten Mann zitieren.“

„Ihr müsst zahlen.“ Michael verschränkte die Arme vor der Brust und sah Kyle herausfordernd an. Dieser stand kopfschüttelnd auf und stellte sich kampflustig ihm gegenüber. „Bist du dir sicher, dass ich eine Woche lang kochen soll, Guerin?“

„Du hast verloren. Außerdem muss Max dir helfen und er kann kochen.“ Mit leerem Blick starrte Isabel die beiden an. Sie strich sich das mittlerweile wieder lange blonde Haar aus dem Gesicht, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Buch in ihrem Schoß widmete. „Du hättest nicht wetten sollen, wenn du nicht bereit warst, deinen Teil der Abmachung zu erfüllen.“

„Isabel hat Recht.“ Seufzend strich Max sich über sein Gesicht. Die letzten Wochen hatten ihn sichtlich gezeichnet. Das Haar reichte fast zum Nacken und ein 3 Tage Bart ließ ihn wesentlich älter wirken. Müdigkeit zeichnete sich auf den ehemals jungenhaften Zügen, obwohl sie in den letzten Nächten gut geschlafen hatten.

Ein Dach über dem Kopf, ein eigenes Bett, warmes Wasser … alles Luxus, den sie zu Beginn ihrer Reise nicht vermisst hatten. Die ersten Tage waren romantisch, mit Abenteuern und Träumereien gefüllt. Michael war wohl der Einzige, der sie auf dem Boden der Tatsachen hielt. Sie alle hatten sich in den letzten Wochen verändert, manche mehr, manche weniger.

Sein besorgter Blick wanderte zu Isabel. Die Beine an ihren Körper gezogen, saß sie im Sessel und las ein Buch. Kein seltener Anblick, wie Max zugeben musste. Es schien, als würde sie auf diese Art versuchen, etwas Ruhe vor dem Chaos zu finden, das ihr Leben geworden war.

„Sei einmal auf meiner Seite.“ Schwungvoll drehte Kyle sich zu ihr um und versuchte, einen Mitleid erregenden Eindruck zu machen. Hoffnungsvoll beobachtete Max das Gesicht seiner Schwester. Mit seinem Witz schien Kyle der Einzige zu sein, der ab und zu ein Schmunzeln auf Isabels Lippen zauberte. Auch er wirkte älter, erfahrener und dennoch war der Junge, der seine Schwester damals dazu anstiftete, ihm Streiche zu spielen, noch vorhanden.

Trotz scheinbar endloser Stunden, gefüllt mit buddhistischen Zitaten, die an allen Nerven zerrten, hob Kyle die Stimmung, die mit jeder Sekunde, jeder Meile, die sie sich von Roswell entfernten, gesunken war.

Doch diesmal schien es nicht zu wirken. Isabel schüttelte nur den Kopf und verbarg ihr Gesicht hinter dem langen Haar. Wie ein Vorhang, der die Schauspieler vom Publikum trennte, schien sie sich vom Rest ihrer kleinen Gruppe zurückzuziehen.

„So nicht.“ Michael machte einen Schritt auf Kyle zu und versuchte, ihn zu schnappen, aber dieser war schneller und entwischte ihm. Schnaufend blies Michael sich eine Strähne aus dem Gesicht und kniff die Augen zusammen. „Ich kann die Küche nicht mehr sehen. Du hast verloren und wirst kochen.“

„Wir!“ Mit einem frustrierten Seufzer erhob Max sich von der Couch. Kopfschüttelnd überlegte er, warum die beiden sich ständig gegenseitig aufzogen, wurde aber aus seinen Überlegungen gerissen, als Kyle an ihm vorbei rannte und auf die Treppe zum Obergeschoss zusteuerte.

„Könntet ihr aufhören.“ Isabels genervte Stimme ließ Kyle stoppen und Michael nutzte das zu seinem Vorteil. Bevor jemand eingreifen konnte, hatte Michael ihn am Kragen gepackt.

„Buddha sagt: Sei achtsam mit dir selbst. Sei achtsam mit anderen.“ Kyle hob lehrmeisterisch den Finger, um seine Worte zu unterstreichen. „Buddha wollte sich aber auch nie vorm Küchendienst drücken.“ Unbeirrt hielt Michael den kleineren Mann fest.

Gespielt ernst hob Kyle die Hand. „Friede oh Krieger. Lass Friede walten und uns betrinken!“

„Sicher doch und die Nacht höre ich das Schnarchen von dem Dicken vom anderen Ende der Straße.“ Michael verzog angewidert das Gesicht und lockerte seinen Griff.

„Dann Saft für dich, mein großer missmutiger Freund.“

Amüsiert beobachtete Max, wie Michaels Blick zum Kücheneingang wanderte. Manche Dinge änderten sich eben nie. Maria war und blieb ein Hurrikan, wenn ihr Temperament mit ihr durchging. Und im Moment saß sie allein mit seiner Frau in der Küche. Ein guter Grund genau diesem Raum fern zu bleiben.

Seine Frau …
Ein warmes Lächeln schlich sich auf Max` Lippen. Sie hatte ihn wirklich geheiratet. Trotz allem was geschehen war, was er ihr angetan hatte, willigte sie ein, das Leben mit ihm zu verbringen. So glücklich ihn das machte, so sehr belastete es ihn auch.

Viel Schmerz und Misstrauen hatte zwischen ihnen gestanden. Drei Jahre voll Fehlhandlungen und Geheimnissen konnte man nicht an einem Tag aufarbeiten. Aber die Zeit, die sie auf so engem Raum verbracht hatten, schien diese Aufgabe zu erleichtern. Geheimnisse gab es keine mehr, weder zwischen ihm und Liz, noch in der Gruppe. Es war einfach nicht möglich.

Sein Lächeln wich, als er ihr angespanntes, trauriges Gesicht sah. Nichts versteckte mehr die Gefühle, die sich auf ihrem Gesicht spiegelten. Das lange Haar war einem modischen kurzen Schnitt gewichen und schien etwas dunkler zu sein.

Ihre Augen richteten sich auf die Tasse, während sie Maria lauschte. Ein schwaches Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, als Maria wie verrückt mit den Händen in der Luft rumfuchtelte, um zu unterstreichen, was sie erzählte. Liz sagte etwas und Maria verstummte augenblicklich.

„Es ist einfach …“ Seufzend drehte sie die Tasse in ihrer Hand hin und her. „Manchmal wünschte ich, ich könnte anrufen und fragen, wie es ihnen geht. Vielleicht …“

„Hör auf dich zu quälen.“ Mit einem mitfühlenden Lächeln legte Maria ihre Hand auf Liz`. „Es gibt soviel, was wir mit ihm erlebt haben.“ Ihr Blick schweifte in die Ferne und ein breites Grinsen erhellte ihr Gesicht. „Kannst du dich noch erinnern, wie er mich damals verteidigt hat?“

„Ja.“ Ein verträumtes Lächeln erschien auf Liz` Lippen. „Er hat gejammert wie ein kleines Kind, als der Junge ihn geschubst hat.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Aber er war einmalig. Ich hab nie jemanden kennen gelernt, der so offen gezeigt hat, wenn ihm der Po wehtat.“

„Gott, erinnere mich nicht daran.“ Gespielt theatralisch legte Maria sich die Hand an die Stirn. „Ich fass es immer noch nicht, dass er sich die Hosen runter gezogen hat, nur um uns den blauen Fleck zu zeigen.“

Das Lächeln verschwand von Liz` Gesicht. „Ich vermisse ihn.“ Sie leerte ihre Tasse. „Wenn ich nur nicht …“

„Nein.“ Energisch schüttelte Maria den Kopf. „Du hast getan, was du tun musstest und wir haben eine reale Chance, unser Leben zu ändern.“ Ihr Blick schweifte ins Wohnzimmer, wo sich alle wieder hingesetzt hatten und aufmerksam die Szenen auf dem Bildschirm verfolgten. „Vielleicht solltest du …“

„Nein. Er hat gesagt, dass ich niemandem davon erzählen darf.“

„Er ist aber nicht hier und er muss sich auch nicht mit Visionen, dem FBI und der Angst um eine außerirdische Invasion befassen. Ich finde, du solltest es erzählen.“ Kopfschüttelnd stand Liz auf und ging zur Kaffeemaschine. Wortlos goss sie sich eine weitere Tasse Kaffee ein und Maria fragte sich, ob es wirklich gut war, dass ihre Freundin soviel von dem teuflischen Gebäu trank.

Die Schatten unter ihren Augen wiesen auf wenig und schlechten Schlaf hin. Sie hatte Gewicht verloren und mit dem kürzeren Haar wirkte sie noch jünger als ihre 19 Jahre. Sie schien krank und nach Marias Einschätzung, war sie es auch.

Was als hilfreiche Fähigkeit begann, zehrte an Liz` Kräften. Die Visionen, wesentlich zahlreicher und intensiver, hinterließen ihre Spuren. Ihre Haut war blass, was Maria gar nicht von ihr kannte. Die großen braunen Augen glänzten nur selten und wenn möglich, schien sie noch stiller geworden zu sein.

Derart in Gedanken versunken, bemerkte sie die Veränderung nicht sofort. Erst das Zerschellen der Tasse auf dem Boden holte Maria zurück in die Gegenwart. Mit einem Schrei stand sie auf, um Liz zu helfen, die sich krampfhaft an der Anrichte festhielt.

Der Kaffee breitete sich zu ihren Füßen wie eine Blutlache aus. „Max!“ Panisch versuchte Maria sie festzuhalten, ohne Erfolg. Langsam entglitt sie ihrem Griff.

Und dann wurde sie aus ihren Armen gerissen. Ein gequältes Stöhnen löste sich von Liz` Lippen, als Max sie hochhob und zum Sofa trug. Ihr Kopf rollte kraftlos mit jeder Bewegung hin und her und kam erst zur Ruhe, als er durch ein Kissen gestützt wurde.

Hilflos kniete Max vor ihr auf dem Boden. Ihren Kopf in seinen Händen, versuchte er, eine Verbindung herzustellen. „Liz sieh mich an. Du musst mich ansehen.“

Ihr Körper bäumte sich auf und versuchte sich, seiner Berührung zu entziehen. „Nein.“ Ein heiseres Flüstern löste sich von ihren Lippen und Angst zeichnete sich auf ihrem Gesicht.


„Hey, was haben wir denn da?“ Rotes, langes Haar wirbelt durch die Luft, als das Mädchen sich umdreht. Mit angsterfülltem Blick versucht sie einen Schritt zurückzuweichen, doch der feste Griff um ihren Arm hindert sie daran. „Nicht so schnell, meine Schöne. Wir wollen uns doch erstmal besser kennen lernen."

Alkoholdurchtränkter Atem streift ihre Wange. „Nein.“ Angewidert versucht sie den Kopf zur Seite zu drehen, um den wulstigen, feuchten Lippen auszuweichen, aber ohne Erfolg. Ein zweiter Mann taucht neben ihr auf und versperrt ihr den Weg. Das Geräusch reißenden Stoffes und der Wind auf ihrer entblößten Haut, verängstigen sie mehr, als alles zuvor.

„Hilfeeeeee!“


„Liz … Liz …“ Eine Hand schlug sanft gegen ihre Wange. Sie spürte, wie einzelne Strähnen an ihrer Stirn klebten und auch ohne die Augen zu öffnen, wusste sie, dass fünf Augenpaare sie anstarrten. „Komm schon, Liz … es gibt nur eine Zeit, in der es wesentlich ist, aufzuwachen. Diese Zeit ist jetzt.“

Ein schwaches Lächeln erschien auf ihren Lippen und sie öffnete langsam die Augen. „Immer der Buddhist.“ Sie verzog das Gesicht, als ein stechender Schmerz durch ihren Kopf fuhr.


Opening Credits


Die heiße Sommersonne strahlte auf den Asphalt der staubigen Landstraße und reflektierte die Hitze. Max, Liz und die anderen befanden sich nun bereits seit Wochen auf der Flucht. Sie blieben nie länger als ein paar Tage am selben Ort und meistens übernachteten sie in schäbigen Motels am Rande der Highways. Seit sie Roswell vor einigen Wochen den Rücken gekehrt hatten, lebten sie eigentlich in der ständigen Angst davor, gefunden zu werden.

Sie hatten die Landstraße verlassen, um an einer der Tankstellen mitten im Nirgendwo von Pennsylvania zu tanken und sich etwas zu Essen zu kaufen. Eigentlich mochten sie dieses Junk-Food nicht, doch seit sie Roswell verlassen hatten, um auf der Flucht vor dem FBI unterzutauchen, hatten sie sich an den Geschmack des Essens, welches in den Tankstellen verkauft wurde, gewöhnt. Alle, bis auf Maria, die immer noch richtiges Essen bevorzugte.

Doch das spielte im Moment keine große Rolle. Liz, die seit ihrer letzten Vision völlig erschöpft hinten im Van lag, bereitete ihnen allen große Sorgen. Auch wenn sie immer wieder sagte, dass es vorbei ginge und sie sich schon wieder erholen würde, wussten alle, dass dies eine Lüge war. Es äußerte sich zwar niemand zu Liz, doch allen war klar, wie es um Liz bestellt war.

Jede neue Vision raubte ihr mehr Kraft und die Flucht strengte sie noch zusätzlich an.

Während Michael zur Zapfsäule ging, um den Van wieder voll zu tanken, hatten sich Isabel und Kyle in der Tankstelle umgesehen. Unauffällig hatten sie die Zeitungen überflogen, ob etwas von ihrer letzten Rettung veröffentlicht worden war, aber offensichtlich war das nicht der Fall oder das FBI hatte eine Nachrichtensperre verhängt. Eigentlich war es auch egal, denn sie würden sowieso nirgends lange bleiben und solange sie sich durch das Land bewegten, konnte sie das FBI nicht finden.

Nachdem sie die Zeitungen unauffällig durchstöbert hatten, gingen sie zu den Regalen mit dem Junk-Food hinüber. Es war mittlerweile schon so eine Art Ritual geworden, das sie in jeder Tankstelle tätigten. Isabel kümmerte sich um die Getränke, Kyle um das Essen.

Isabel nahm einige Flaschen Cherry Coke aus dem Regal und legte sie in den Korb, den sie immer mit sich trug, wenn sie und Kyle sich um die Nahrungsreserven der Gruppe kümmerten. Schließlich holte sie noch einige Flaschen Wasser für Maria und Kyle aus dem Regal und wandte sich freundlich lächelnd an den jungen Mann hinter der Kasse.

"Haben wir noch genug Tabasco Sauce?", rief Kyle von hinten.

"Ich weiß nicht, aber ich denke mal, wir können davon nie genug haben. Nimm einfach noch ein paar Fläschchen mit, Kyle. Du weißt, wie Michael ist, wenn er seine geliebte Tabasco Sauce nicht bekommt."

Während Isabel und Kyle im Laden der Tankstelle waren, hatte Max Maria mit einem Blick zu verstehen gegeben, dass sie ihm kurz nach draußen folgen sollte. Er wollte nicht vor seiner Frau darüber sprechen, wie groß seine Angst um sie war.

Maria strich Liz mit einem feuchten Tuch über die Stirn und nickte Max zu. Dieser verließ den Van durch die seitliche Schiebetür und entfernte sich einige Meter von ihm. Selbst in ihrem geschwächten Zustand konnte Liz immer noch sehr gut hören und das, was er Maria mitzuteilen hatte, war vorerst nicht für ihre Ohren bestimmt. Sie war viel zu edel und gut, um den anderen zu offenbaren, dass sie unter den Visionen litt, doch jeder wusste es. Es wagte nur niemand etwas zu sagen, aus Angst, Liz würde sich dann noch mehr verstellen, als sie es ohnehin schon tat.

Maria beugte sich zu Liz hinab und während sie ihr mit dem feuchten Tuch über die Stirn wischte, flüsterte sie:
"Keine Angst, Liz. Es wird alles wieder gut. Die letzte Vision war einfach zu stark für dich. Wir kümmern uns um dich." Dann steckte sie ihren Kopf hinaus zu Michael, der gelangweilt neben dem Van lehnte und auf die Zapfsäule starrte.

"Hey, Spaceboy, könntest du mal kurz auf Liz aufpassen bitte. Ich muss nur schnell mit Max sprechen."

Michael murmelte nur etwas und Maria deutete dies als Ja.

"Ich komm gleich wieder, Chica. Michael passt solange auf dich auf."

Liz nickte nur schwach und sah Maria an. Sie wusste genau, was Max wollte und warum. Seit sie auf der Flucht vor dem FBI waren, hatte Liz bemerkt, wie sich Max, Maria und die anderen um ihr Wohlergehen bemühten. Sie wollte es zwar nicht, und es war ihr unangenehm, dass sie ihnen jetzt zusätzlich Probleme machte, doch sie musste sich eingestehen, dass die letzte Vision heftiger war, als alle bisherigen. Sie hatte das Gefühl, als ob jemand auf ihrem Schädel Schlagzeug spielte und wenn sie eine Vision hatte, dauerten die Nachwehen dieser immer länger an.

Dass sie sich verändern würde, wusste sie, doch sie wusste nicht, was dies mit sich brachte und es konnte ihr auch niemand dabei helfen. Der Einzige, der vielleicht annähernd verstehen konnte, was mit ihr vorging, war Kyle. Er dagegen schien sich nicht zu verändern - zumindest bisher nicht. Seit jenem Tag, als sich ihre Kräfte entwickelt hatten, fragte sie sich oft, in welche Richtung diese Veränderung ging. Inwieweit würde sie sich noch verändern und wie viel Menschliches würde noch bleiben?

Maria ging auf Max zu, während der kleine Steinchen vor sich hertrat, um seinen Frust, Ärger und vor allem seine Furcht loszuwerden. Er hatte keine Angst vor dem FBI oder gefangen zu werden, nein, seine Sorge galt Liz. Immerhin hatte die letzte Vision sie sehr geschwächt. Die Flucht und diese Visionen konnten nicht gut für sie sein und wenn er ihr schon nicht den Schmerz durch die Visionen nehmen konnte, so konnte er ihr zumindest die Strapazen dieser Flucht nehmen. Vielleicht währte dies nur kurz, aber wenn sich seine Frau dadurch wieder erholen würde, wäre es dies wert.

"So kann es nicht weitergehen, Maria. Du, ihr alle, seht doch, wie schlecht es Liz geht. Wir müssen was unternehmen."

"Und was schlägst du vor? Sie zu einem Arzt bringen vielleicht?"

"Nein, nichts in dieser Richtung. Ich dachte eher daran, dass wir vielleicht dieses Leben für eine Weile aufgeben könnten. Zumindest bis es meiner Frau etwas besser geht."

"Also ich wäre dafür, aber wie willst du Michael davon überzeugen? Ich meine, du weißt, wie paranoid er ist."

"Das kläre ich schon. Ich wollte nur erst mit dir sprechen, weil du neben mir Liz am besten von allen kennst. Wenn auch dir die Veränderung an ihr aufgefallen ist, dann steht für mich fest, dass wir handeln müssen. Ich meine du, ich, jeder von uns sollte mittlerweile begriffen haben, dass all dies sie auf Dauer umbringen wird. Sie schläft kaum noch eine Nacht richtig, auch wenn sie mich vom Gegenteil überzeugen will."

"Ich stimme dir zu, Max, zumindest was das Schauspielern von Liz angeht. Wir müssen sie wohl dazu zwingen, diese Tatsache einzusehen."

In dem Augenblick kamen Isabel und Kyle aus der Tankstelle heraus, voll beladen mit Essen und Trinken. Als Max seine Schwester und Kyle sah, winkte er sie zu sich und Maria. Kyle und auch Isabel ahnten, worum es ging, denn Max hatte den ganzen Tag schon Andeutungen gemacht, dass es so nicht weitergehen konnte. Und an dem Gesichtsausdruck von Max erkannte Isabel, dass es ihrem Bruder offenbar Ernst war. Er würde eine Entscheidung notfalls erzwingen, nur damit sich Liz etwas erholen konnte.

Aber auch Isabel war das Leben zwischen Van und dreckigen Motels leid und sehnte sich danach, endlich zwei Morgen hintereinander im selben Bett aufzuwachen. Vielleicht könnte sie dann auch irgendwie mit Jesse und ihren Eltern Kontakt aufnehmen, denn sie hatte unendliche Sehnsucht nach ihnen. Inzwischen bereute sie es, dass sie Jesse bei ihrer Flucht gebeten hatte, nicht mitzugehen. Damals erschien es ihr eine richtige Entscheidung zu sein, doch heute nach einer wochenlangen Flucht quer durch das ganze Land, sehnte sie sich nach der Kontinuität, die ihr Jesse gegeben hatte.

Kyle ahnte ebenso, was Max wollte, wenn er das Ganze auch aus einem etwas anderen Blickwinkel sah. Vor 2 Jahren noch war er ein normaler Teenager mit normalen Ängsten und Sorgen gewesen, doch das hatte sich von einem Augenblick zum nächsten geändert. Damit kam er eigentlich gut zurecht, zumindest, nachdem er über alles nachgedacht und seine Antworten im Buddhismus gefunden hatte.

Ein paar Monate später, sah das schon wieder anders aus, als er und auch die anderen erfuhren, dass die übrigen Mitglieder der Spezialeinheit ihn und alle eliminieren wollten. Zum damaligen Zeitpunkt war sein Leben noch niemals zuvor so bedroht gewesen, wie am Tag seiner Abschlussfeier.

Und nun befand er sich mitten im Nirgendwo, auf der Flucht vor dem FBI, zusammen mit den einzigen Leuten, die ihn zumindest halbwegs verstanden. Max würde das nun alles riskieren, indem er, um seine Frau zu schützen, sich wieder niederlassen wollte.

Max drehte sich zu Michael, der das alles bisher beobachtet hatte und an der offenen Tür des Van's lehnte und öfter hineinsah, um zu schauen, ob es Liz besser ging oder wenigstens nicht schlechter. Was hatten Max und die anderen da zu besprechen? Wenn es auch um seine Zukunft ging, sollte er doch zumindest dabei sein. In dem Augenblick, als er wieder mal eine seiner Schimpftiraden gegen Max loslassen wollte, rief ihn dieser zu sich und den anderen.

Michael schlurfte scheinbar gelangweilt zu Max, Maria, Isabel und Kyle und stellte sich zu ihnen. Sie standen in einer Art Kreis beisammen und alle sahen Max an. Sie warteten darauf, was er zu sagen hatte.

"OK, Leute, wir müssen uns unterhalten!", setzte Max an und sah jedem von ihnen in die Augen, während er dies sagte. Er wusste, wie Maria und er stimmen würden, wenn es zur Entscheidung käme. Ihm war außerdem klar, wie Michael stimmen würde und deshalb musste es ihm gelingen, wenigstens Isabel oder Kyle zu überzeugen.

"Die Sache ist die, um es schnell zu machen, wir alle wissen, wie schlecht es Liz geht und wir alle wissen, dass es von Vision zu Vision schlimmer wird. Ich werde nicht tatenlos mit ansehen, wie meine Frau immer mehr leidet und sich auf dieser Flucht auch noch verausgabt. Ich schlage vor, dass wir uns irgendwo niederlassen, denn Liz hält diese Doppelbelastung nicht aus. Die Visionen kann ich ihr nicht nehmen, aber ich kann ihr diese Flucht ersparen und das habe ich auch vor. Ich denke, ihr alle stimmt mit mir darin überein"

"Und wo, Max? Hast du vergessen, dass die Leute von der Spezialeinheit uns jagen?"

"Das habe ich nicht vergessen, Michael, aber du musst verstehen, dass es hier um Liz geht."

"Ach so, weil es um Liz geht, bist du bereit, uns alle zu gefährden", fauchte Michael ihn an.

"Mal ganz ruhig, Michael. Siehst du nicht, wie es ihr im Moment geht? Bist du wirklich so blind oder was ist los?" mischte sich nun Maria ein. "Ich bin bereit das Risiko einzugehen, wenn wir Liz dadurch helfen."

"Also habt ihr das schon im Vorfeld ohne mich entschieden? Und ich soll bloß noch ja sagen, oder was? Max, das ist nicht fair!"

"Nichts ist entschieden, Michael, wir sprechen nur darüber", mischte sich nun Isabel ein, die wie schon so oft in der Vergangenheit die Vermittlerin zwischen Max und Michael spielen musste. "Wenn es Liz hilft, bin ich dafür, dass wir uns niederlassen. Denk nur mal, was Liz alles für Risiken für uns eingegangen ist. Ich denke, jetzt wäre es an der Zeit, dass wir das auch für sie tun."

"Also, ich will sicher kein Spielverderber sein, Leute, doch ich muss mich Michaels Meinung anschließen. Und ihr wisst, wie selten so etwas ist. Ich bin dagegen. Das FBI jagt uns, wir haben Killer, die uns töten wollen im Nacken und ihr wollt euch irgendwo niederlassen, damit uns diese Typen schneller finden. Ich mache mir auch Sorgen um Liz, wirklich, doch ich mache mir auch Sorgen um mich selbst und um euch. Wenn wir uns niederlassen, wird uns das FBI früher oder später finden."

"Sie werden uns so oder so irgendwann finden, Kyle. Oder wie lange glaubst du, können wir dieses Versteckspiel noch durchhalten?"

"Das sind ja sehr weise Worte, Maria, aber ich denke doch, dass wir sicherer sind, wenn wir dieses Versteckspiel, wie du es ausdrückst, weiterspielen."

"Welch eine Seltenheit, dieser Buddhafanatiker stimmt mir zu. Ich glaube, dann muss ich meine Meinung doch noch mal ändern, denn wenn der und ich einer Meinung sind, dann kann doch was nicht stimmen. Aber jetzt Scherz beiseite, ich bin dagegen, dass wir uns niederlassen."

"Auch wenn ich es ungern zugebe, so muss ich Michael diesmal zustimmen. Ich finde auch, dass wir uns nicht niederlassen sollten, egal wo. Wir würden dadurch nur ein viel zu leichtes Ziel bieten."

"Kyle, das hätte ich nicht von dir gedacht. Aber ich lasse jedem von euch eure Meinung, wir werden abstimmen was wir machen, doch ich stimme dafür. Meine Frau braucht Ruhe."

"Ich stimme Max zu. Liz braucht dringend Ruhe und die findet sie auf dieser Flucht nicht. Ich bin auch dafür, dass wir uns niederlassen."

"Dann bleibt wohl alles wieder an mir hängen. Ich soll wieder mal die entscheidende Stimme sein. Leute, wisst ihr eigentlich, wie sehr das nervt? Ich meine, warum muss ich mich immer zwischen euch entscheiden? Ich will das nicht mehr."

"Izzy, niemand ist dir böse, egal wie du dich entscheidest. Stimmt`s, Michael?"

"Natürlich, auch wenn ich jetzt schon weiß, dass sie sich für dich entscheidet, aber nicht wegen Liz, sondern aus Loyalität zu dir."

"Das hilft uns nicht weiter. Ich bin auf Max` Seite, da hast du Recht, Michael, aber nicht aus Loyalität zu ihm, sondern weil ich finde, dass Liz es verdient hat. Außerdem sollten wir ihr, wenn wir können, eine der Bürden abnehmen. Ich stimme auch mit Ja. Wir sollten uns niederlassen. Außerdem bin ich diese ewige Flucht leid. Ich kann nicht mehr mit euch allen in einem Van durchs Land ziehen. Ich brauch auch mal wieder meine Ruhe.

Habt ihr euch eigentlich mal gefragt, wie es mir geht? Ich habe Jesse zurückgelassen wegen dieser Flucht. Wenn wir uns niederlassen, kann ich ihn vielleicht wieder sehen."

"Damit wäre es entschieden, Leute. Wir haben 3 Stimmen dafür und 2 dagegen. Ich schlage vor, dass wir uns in der nächsten Großstadt niederlassen."

"Und welche wäre das?"

"Philadelphia."

"Oh Mann, die Stadt der Unabhängigkeit unseres Landes. Vielleicht finden wir dort auch unsere Unabhängigkeit."

"Das ist nicht witzig, Kyle. Also wir fahren nach Philly. Das ist hiermit entschieden."

Michael grummelte zwar noch etwas, als sie alle zum Van gingen, aber schließlich beruhigte auch er sich.

"Ich zahle nur schnell noch die Tankrechnung, dann können wir losfahren!", murmelte er, während er in die Tankstelle ging, um zu bezahlen.


„Maria, wir müssen langsam zur Arbeit“, meinte Michael mit einem gereizten Tonfall und begann mit den Schlüsseln zu klappern. Sie hatten sich die letzten Male schon Ärger eingefangen, weil sie und ihr Chef etwas andere Vorstellungen von Pünktlichkeit hatten. Früher wäre ihm egal gewesen, ob er zu spät kam oder nicht, doch in ihrer aktuellen Situation brauchten sie das Geld.

„Ich komm ja schon.“ Maria warf Liz, die mit geschlossenen Augen auf dem Sofa lag, noch einen letzten, besorgten Blick zu, ehe sie Michael aus der Tür folgte. „Bis nachher“, rief sie abschließend in Runde.

Max, Kyle und Isabel hatten sich etwas von Liz abgewandt und standen in der Mitte des Raumes. Alle drei waren darauf bedacht, keine lauten Geräusche zu machen und unterhielten sich nur im Flüsterton.

„Ihr beide solltet zur Kirche gehen, ich bleibe hier bei Liz“, warf Max ein und schaute immer wieder zu seiner Frau hinüber. Seine Augen verdunkelten sich, als er sah, dass sie die Augen öffnete und gleichzeitig das Gesicht verzog. Die Kopfschmerzen machten seiner Frau von Vision zu Vision stärker zu schaffen und nichts konnte seine Angst um sie beschreiben.

„Nein, Max, es ist besser, wenn du mit Kyle gehst“, widersprach Isabel und sah ihren Bruder warnend an. Sie hatte jetzt keine Lust auf eine Diskussion und Liz würde es ganz bestimmt nicht gut tun, wenn Max sie mit seiner Sorge in den Wahnsinn treiben würde.

„Isabel, ich will Liz jetzt nicht alleine lassen!“ Nach Verständnis suchend sah er Isabel an und strich sich eine Strähne seiner schwarzen Haare aus dem Gesicht. Er hatte sich gerade von ihr erhofft, dass sie ihn verstehen und unterstützen würde.

„Das verstehe ich ja“, sagte Isabel und ihre Stimme bekam einen sanfteren Klang, „aber du hilfst ihr am besten, wenn du dem Mädchen aus ihrer Vision beistehst.“ Manchmal kam man bei Max nur weiter, indem man an seine Hilfsbereitschaft appellierte, wenn er auch anfangs nicht begeistert von der Idee gewesen war, sich als Retter aufzuspielen.

„Hey, stopp mal ...“, schaltete sich Kyle ein und zog die Aufmerksamkeit auf sich. „Es wäre das Beste, wenn ihr beide geht. Ihr habt eure Kräfte, also könnt ihr euch besser wehren, wenn es gefährlich wird.“

„Klar, Kyle, du bist auch so schwach und hilflos“, murmelte Isabel leise zu sich selbst. Das konnte ja noch eine lange Diskussion werden, wenn das so weiterging.

„Und du kümmerst dich dann um Liz, oder wie?“, fragte Max mit hochgezogenen Augenbrauen. Er war von dem Gedanken alles andere als angetan, Kyle und Liz allein zu lassen. Bisweilen stiegen in ihm immer noch unwillkürlich Erinnerungen in Verbindung mit dem seelischen Schmerz bei dem Moment hoch, als er die beiden zusammen in Liz’ Bett gesehen hatte. Inzwischen verstand er sich halbwegs gut mit Kyle, dennoch verspürte er ab und zu einen leichten Stich, wenn er die beiden miteinander herumalbern sah. Freunde würden sie niemals werden können.

„Genau, aber nicht so, wie du wieder denkst, Evans!“ Kyle versuchte sein Bestes, um Max zu beruhigen. Er konnte ja seine Eifersucht nachvollziehen, die hin und wieder auftauchte, aber nun ging es schließlich um Wichtigeres – das Leben einer Unschuldigen stand auf dem Spiel. „Außerdem geht es im Moment ja wohl kaum um unsere Differenzen, oder? Wie auch Buddha sagte: ‚In Auseinandersetzungen mit deinen Lieben sprich nur über die aktuelle Situation. Lasse die Vergangenheit ruhen.’"

„Hört auf, ihr beide!“, fuhr Isabel die Männer an. „Wir haben keine Zeit, um hier eine Ewigkeit zu diskutieren.“ Ansonsten würden sie zu spät kommen und Liz hatte die Schmerzen der Vision umsonst ertragen müssen.

„Eben und genau deshalb werdet ihr beide jetzt zur „Gloria dei Church“ gehen!“, bestimmte Max mit etwas lauterer Stimme. Er war immer noch der Anführer, auch wenn er es nicht mehr sein wollte, aber wenn es um Liz ging, war die Lage anders.

„Max, nein!“ Liz’ schwache Stimme sorgte dafür, dass sich alle drei zu ihr umdrehten. Max eilte zu ihr und hockte sich neben das Sofa. Liz hob ihre Hand und strich zärtlich durch seine Haare. „Du musst gehen, du musst dem Mädchen helfen.“

„Liz, ich ...“, begann Max, wurde jedoch direkt von ihr unterbrochen.

„Bitte“, sagte sie diesmal mit etwas mehr Nachdruck in ihrer Stimme. „Bitte geh, ich komme schon klar!“

„Bist du dir sicher?“, wollte er mit leiser Stimme wissen und streichelte sanft ihre Wange. „Einer muss bei dir bleiben, falls du wieder eine Vision bekommst.“

„Isabel kann doch hier bleiben. Außerdem kommen zwei große, starke Männer in so einer Situation immer besser, du weißt schon, wegen des Droheffekts“, versuchte sie zu scherzen. Ihre braunen Augen flehten ihn an, ihrem Wunsch nachzukommen.

„Okay“, gab er sich geschlagen und wandte sich zu Isabel und Kyle um, die abwartend einige Schritte hinter ihm standen. „Lass uns gehen“, bedeutete er Kyle und drehte sich noch einmal kurz zu Liz. „Ich bin bald wieder zurück!“ Mit diesen Worten gab er ihr einen kurzen Kuss auf die Stirn.

Kyle und er nahmen ihre Jacken, die sie am Morgen achtlos über die Küchenstühle geworfen hatten und gingen zur Tür. Max warf Isabel noch einen letzten Blick zu, ehe er die Wohnung verließ, welchen diese nickend erwiderte.

Sie und Max brauchten nicht viele Worte, um sich zu verständigen. Und seine Botschaft war eindeutig gewesen. „Pass auf sie auf.“

Die Sorgen, die ihr Bruder sich um Liz machte, rührten sie. „Ich mache dir einen Tee“, meinte sie mit leiser Stimme zu Liz. Diese nickte nur kurz und schloss wieder stöhnend die Augen. Die Kopfschmerzen würden sie irgendwann noch einmal umbringen.

Isabel setzte das Wasser auf und holte die Teebeutel aus dem Schrank. Tee mit Honig war immer das Rezept ihrer Mutter gewesen, wenn sie sich als Kind mal nicht gut gefühlt hatte. Auch wenn es nichts Besonderes war, hatte es ihr doch immer ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit gegeben. Etwas, was sie selten gehabt hatte. Und jetzt verspürte sie diese Gefühle noch weniger. Seit sie sich niedergelassen hatten, fühlte sie sich wieder etwas besser, doch die Angst, dass das FBI jeden Moment vor der Tür stehen könnte, verschwand nie. So wie es aussah, war sie dazu verdammt, ein Leben in Angst führen zu müssen – ohne eine Chance, dies je ändern zu können.

*****

„Michael, wann verstehst du endlich, dass das hier ein einfacher Van ist und keine Rennmaschine, um eine neue Bestzeit zu fahren?“, fragte Maria gereizt und warf Michael einen giftigen Blick zu. So sehr sich auch ihr Leben geändert hatte, Michaels Fahrstil war eine der wenigen Sachen, die gleich geblieben waren. In Roswell hatte sie sich oft darüber aufgeregt, besonders als Michael sie nach Marathon, Texas entführt hatte. Sie hatte damals mehr Angst gehabt, er könnte das Auto ihrer Mum kaputt fahren, als um sich selbst, weil sie von einem Alien entführt wurde.

„Als ob ich das nicht merken würde“, murmelte Michael genervt und starrte auf den Tacho. Er fuhr doch gar nicht so schnell, wieso regte Maria sich jetzt darüber auf? Vielleicht sollte er etwas vermitteln ... „Willst du vielleicht fahren?“

„Gerne, dann erhöht sich wenigstens die Chance, dass wir heil in der Bar ankommen“, antwortete Maria und sah Michael neben sich zusammenzucken. Die Antwort hatte er nicht hören wollen.

„Das war ironisch gemeint. Ich fahre!“ Er sah Maria noch einmal an, um mit seinem entschlossenen Blick sein Statement zu untermauern. Anschließend legte er eine Metallica CD ein und drehte die Lautstärke nach oben. So musste er sich wenigstens auf keine erhitzte Diskussion einlassen, und dank ihm, hatte Maria inzwischen auch gelernt, Metallica zu lieben.

Philadelphia rauschte nur so an ihnen vorbei, als sie auf dem Highway 76 durch die ganze Stadt fuhren. Es war ein sonniger Tag gewesen und viele Leute waren noch unterwegs, um in einem kleinen, gemütlichen Straßencafé die warme Sommernacht zu genießen.

Maria hatte Philadelphia von der ersten Minute an gemocht – es war so ein großer Kontrast zu Roswell. Kein Vergleich zu der Ruhe und Behäbigkeit der Kleinstadt.

In ‚Philly’, wie es eigentlich offiziell genannt wurde, herrschte immer Leben, auch wenn es bei weitem nicht so ausgeprägt war, wie beispielsweise in New York, wo Tag und Nacht etwas los war. Es war in dem Punkt ruhiger, nur nachmittags und abends herrschte richtig viel Betrieb, morgens und in der Nacht war es meistens eher ruhiger.

Eine Gänsehaut lief ihr jedoch über den Rücken, als ihr Weg zwangsläufig an dem ‚Quarter Master Depot’ der US Army vorbeiführte. Die Erinnerungen an ihren letzten Tag in Roswell waren noch frisch und sie konnte sie nicht ganz abschütteln, nur zwischendurch verdrängen. Sobald sie jedoch an dem Depot vorbei gefahren waren, flogen die Fragen nur in ihrem Kopf umher. „Was wäre wenn ...?“ Sie hatten das FBI zwar abgelenkt, doch ihr wurde durch solche Kleinigkeiten wieder bewusst gemacht, dass sie nie mehr ein normales Leben führen konnte.

Ihr Blick wanderte zu Michael. Seine Gesichtsmuskeln hatten sich auch beim Passieren des Militärgeländes angespannt und entspannten sich erst wieder, als dieses mehrere hundert Meter hinter ihnen lag.

Michael war der Grund gewesen, weshalb sie ihr altes Leben in Roswell hinter sich gelassen hatte. Abgesehen von der Tatsache, dass er ihr manchmal immer noch gehörig auf die Nerven ging, hatte sie diesen Entschluss nie bereut, ganz im Gegenteil, sie würde sich jederzeit wieder so entscheiden, wenn sie es müsste.

Ihr Leben hatte sich zwar von Grund auf verändert, doch hatte sie auch eine Menge gewonnen. Das Zusammenleben mit fünf Leuten auf einmal war nicht immer einfach und oftmals anstrengend, aber es verhieß immer Abwechslung. Ein bedeutsamer Nebeneffekt war, das sie mit Michael zusammen war und seitdem sie unterwegs waren, war ihre Beziehung enger, enger als sie es in Roswell jemals hätte werden können. Er ließ sie endlich näher an sich heran und versteckte sich nicht mehr so oft hinter der Steinmauer wie früher, auch wenn er nie der Typ Freund sein würde, der permanent seine Gefühle in die Welt hinausposaunte. Seinerzeit hatte sie immer gedacht, dass jemand wie Max der Richtige für sie wäre, doch mit der Zeit merkte sie immer mehr, dass Michael viel idealer für sie war. Ein Freund, der ihre Stimmungen akzeptierte und sich davon nicht so leicht einschüchtern ließ, sondern ihr gehörig Kontra gab.

Inzwischen waren sie beim Civic Center angekommen und hatten nur noch ein kleines Stück des Weges zu fahren, bis zu der Bar, die genau zwischen dem Civic Center und der 'University of Philadelphia' lag. Seit einiger Zeit jobbten sie dort als Barkeeper und Kellnerin.

Als Michael auf dem Parkplatz fuhr, konnte Maria schon sehen, dass in der „Devina-Bar“ wieder einmal Hochbetrieb herrschte, wie es für diese Zeit normal war. Es war eine typische Studentenkneipe und sie genoss es, dort zu arbeiten. Es war oft stressig, aber niemals langweilig und die männlichen Studenten gaben für ein nettes Lächeln ihrerseits reichlich Trinkgeld. Außerdem war es ein schönes Gefühl, wenn Michaels Blick sich verfinsterte, sobald er sie bei den harmlosen Flirts beobachtete.

„Na dann mal los“, meinte sie aufgekratzt und sprang aus dem Van. Beiläufig griff sie nach Michaels Hand und verschränkte ihre Finger mit seinen. Er schenkte ihr eines seiner viel zu seltenen Lächeln und sie begaben sich ins Hinterzimmer, um sich ihre schwarz-rote Arbeitskleidung anzuziehen.

Maria war noch damit beschäftigt, ihre Sachen ordentlich aufzuhängen, als sie die ungeduldige Stimme von Jack, einem der Kellner, vernahm.

„Jennifer, kommst du endlich?! Wie lange brauchst du denn zum Umziehen, verdammt?“ Bei seinem Tonfall konnte sie nur noch die Augen verdrehen und war froh, dass sie nicht in der Haut von dieser Jennifer steckte.

Die Tür flog auf und Jack steckte seinen Kopf hinein. „Jennifer, falls du es nicht mitgekriegt hast, ich habe dich gerufen“, sagte er und warf Maria einen entnervten Blick zu. Sie wollte gerade den Mund öffnen, als Michael sie warnend anstieß.

Ihre Lippen klappten wieder zu und ihr fiel siedend heiß ein, dass sie besagte Jennifer war.


„Wir müssen unsere Ausweise fälschen! Wenn wir unsere Namen nicht ändern, hat das FBI uns sofort gefunden, außerdem bekommen wir unter 21 keinen Job.“ Nickend und leise murmelnd stimmten alle Max zu.

„Aber lass nicht wieder Michael unsere Namen ändern, wie in Las Vegas!“, forderte Maria und warf ihrem Freund einen leicht wütenden Blick zu. ‚Margarita Salt’, das war damals die Höhe gewesen!

„Ich fand sie eigentlich ganz witzig“, äußerte sich Isabel und warf Maria einen belustigten Blick zu. „Allerdings ist es mir auch lieber, wenn ich das erledige. Ausweise raus.“

Diese leuchteten alle einmal kurz silbrig auf, als Isabel eine kurze Bewegung mit ihrer Hand vollführte. „Okay, und vorlesen ... Ich heiße ab sofort Laura Stone.“

„Daniel Meyer“, antwortete Kyle und runzelte die Stirn bei diesem Allerweltsnamen.

„Jessica Holden und darf ich euch meinen Mann Christian vorstellen?“, stellte Liz Max und sich amüsiert vor.

„Jennifer Jackson ... Danke Izzy!“ Zufrieden sah Maria Isabel an. Dieser Name war viel besser, als ihr erster, gefälschter aus Las Vegas.

„Peter Johnson“, grummelte Michael. Er konnte sich nicht helfen, er fand diese Namen etwas spießig.


„Ich komme ja schon.“ Es war gar nicht so einfach, sich an eine völlig neue Identität zu gewöhnen. Maria konnte nur hoffen, dass es ihr mit der Zeit leichter fallen würde. Doch nun musste sie erst einmal die durstige Meute draußen zufrieden stellen. Mit einem Lächeln auf den Lippen stürzte sie sich enthusiastisch in die Arbeit.

*****

Max und Kyle verließen das Haus und machten sich joggend auf den Weg zur Kirche.

Da sie inzwischen häufiger Menschen zu Hilfe geeilt waren, waren sie ein gut eingespieltes Team.

Solche Aufgaben erforderten höchstes Vertrauen in die andere Person, denn man musste sich auf diese verlassen können. Wenn etwas schief ging und Max seine Kräfte einsetzen musste, um sie zu retten, dann würden sie dem FBI auffallen und die wären schneller anwesend, als sie entwischen könnten. Sie müssten sich dann abermals eine neue Identität zulegen und er gewöhnte sich gerade an Daniel Meyer. Irgendwo da draußen lauerten sie, das FBI, und der ständige Gedanke daran, hing ihnen wie eine dunkle Wolke über den Köpfen.

Zügig bogen sie ab in eine dunklere Gasse. Sie mussten sich beeilen, denn einen genauen Zeitpunkt hatten sie nicht bekommen.

Es kam selten vor, dass sie länger als eine Viertel Stunde warten mussten, denn zumeist stand die Tat kurz bevor.

Kyle gefiel der Gedanke, dass sie vielen Menschen helfen konnten und er beeilte sich, um sie zu retten. Daran war seine Verwandtschaft nicht ganz unschuldig. Sein Vater war Sheriff, nun wieder Deputy und sein Großvater war ebenfalls ein Sheriff gewesen, sodass er einen gewissen Instinkt hatte, Menschen helfen zu wollen, sofern ihm das möglich war. Er behauptete zwar immer wieder, dass er kein Polizist werden wollte, was auch immer noch der Wahrheit entsprach, aber das Gefühl Gutes zu tun, befriedigte ihn sehr.

Er hatte Angst um seine Freunde. Er war mitgefahren, weil er sich vielleicht auch veränderte und er glaubte, sich unter seines Gleichen wohler zu fühlen.

Kyle wollte keinen seiner Freunde in den Händen des FBI`s wissen, sodass er strickt gegen eine feste Niederlassung gewesen war, doch es kam immer wieder zu Unruhen in der Gruppe und es war nicht gerade leicht, so lange auf den paar Quadratmeter Raum, tagein, tagaus auszuhalten. Privatsphäre war ihm vollkommen fremd geworden und er konnte kaum seinen buddhistischen Gebeten nachgehen, und wenn, dann nur stumm. Er begriff, dass es Liz mit festem Wohnsitz besser erging und trotz seiner Bedenken, lief es gut und es gab keine Anzeichen vom FBI. Das Einzige was er bedauerte, war seine eingeschränkte Hilfstätigkeit, denn sie fuhren nicht mehr durch die Lande, sondern blieben in der Nähe von Philadelphia und Umgebung.

„Hey, Evans! Alles okay bei dir?“ Kyle schaute Max forschend an.

Dieser war die ganze Zeit im gleichen Tempo neben ihm her gejoggt und hatte seinen Blick nicht von der Straße gewandt. Seine Gedanken schienen wieder einmal bei Liz zu hängen und er gab sich die Schuld an allem. Eine riesige Last war ihm von den Schultern gefallen, als bei Liz die grünen, elektrisierenden Blitze aussetzten. Endlich konnten sie sich wieder nahe sein.

Zuerst schienen die Visionen eine Gabe des Himmels, doch jede weitere Vision setzte ihr mehr zu. Sie schien sich in die Sache hineinzufühlen. Sie fühlte das, was das Opfer fühlte. Es war in der letzten Zeit, vor ihrer Niederlassung in Philadelphia, öfter zu Ohnmachtsanfällen gekommen und diese unerträglichen Kopfschmerzen setzten ihr auch sehr zu. Es war jetzt kaum besser, sondern eher schlimmer, aber die Herumreiserei hatte die Gruppenstimmung öfter auf den Nullpunkt gebracht. Jetzt hatte jeder ein Zimmer, in dem man sich zurückziehen konnte.

Er war sofort dafür gewesen, sich einen festen Wohnsitz zu suchen.

„Wir sind gleich da, Max!“, rüttelte Kyle ihn aus seinen Gedanken.

„Hmm, ja!“ Max nickte leicht, den Blick weiterhin starr nach vorn gerichtet.

„Sonst alles okay bei dir?“, hakte Kyle nach.

„Ja, geht schon. Lass uns das hier nur schnell hinter uns bringen. Ich will wieder zu Liz.“ Endlich blickte Max Kyle beim Reden an und sie sahen sich einen Moment schweigend an. Beide wussten, dass es nicht so weiter ging und sie machten sich Sorgen, was wohl passieren würde, wenn es sich nicht besserte.

„Ja, diese Visionen tun ihr nicht gut!“, sprach Kyle den Gedanken von beiden aus.

„Ich … es ist alles …“ Max warf frustriert die Hände in die Luft und ließ sie mit einem traurigen Blick wieder sinken. Michael hätte sicherlich etwas aus Versehen explodieren lassen und so war Kyle insgeheim dafür dankbar, dass er mit Max fortgegangen war.

„Mach dir keinen Vorwurf! Ohne dich wäre sie gar nicht am Leben!“, versuchte Kyle ihn aufzumuntern und boxte ihn gegen den Arm. Max war nicht darauf vorbereitet und torkelte etwas zur Seite. Er verlor an Geschwindigkeit, um sich wieder zu fangen und Kyle drehte sich zu ihm um. „Komm, Evans! Wir haben eine Mission zu erfüllen!“ Max wiegte den Kopf hin und her und Kyle meinte, dass er ein leichtes Grinsen in seinem Gesicht gesehen hatte. Er hatte die Mission 'Max-Aufmuntern' sehr gut gemeistert.

Max schaute Kyle nur kurz an und dieser schenkte ihm ein Lächeln, das eher einer Grimasse glich. Kyle führte sich bisweilen auf wie Alex. Er war der Spaßvogel schlechthin und immer versuchte Kyle die Stimmung in der Gruppe oben zu halten, auch wenn sie wieder stundenlang im Van durch das Land gezogen waren, um irgendein unbekanntes Dorf zu erreichen, wovon Liz eine Vision hatte.

Er war dagegen, doch sie hatten es demokratisch abgestimmt und sie waren überstimmt worden. Er war sich immer noch sicher, dass das hier keine weise Entscheidung war.

Max dagegen wollte nicht herzlos erscheinen, doch er musste auch an das Wohl der anderen denken. Es war nun mal seine Aufgabe, als König, auch wenn sie eine Art Demokratie eingeführt hatten, das Richtige zu entscheiden. Er wünschte niemanden, nicht seinem schlimmsten Feind, die Torturen im ´Weißen Raum`. Das hatte wirklich kein Lebewesen, das fühlen konnte, verdient. Egal was es getan hatte.

Der Kirchturm der Gloria die Church wurde vom Mond beschienen und so war der Platz vor der Kirche gut beleuchtet. Auf dem Gehweg stand ein Mädchen mit langem rotem Haar und lehnte lässig gegen eine Straßenlaterne. Sie schien nicht sonderlich beunruhigt, sondern eher aufgewühlt. Sie blickte auf ihre Armbanduhr und stampfte wütend mit dem rechten Fuß auf. Danach flog ihr Blick die Straße entlang, erst rechts und dann links. Es war niemand auf der Straße unterwegs. Nicht einmal ein Auto war zu sehen. In der Ferne bellte ein Hund und sie murmelte leise etwas vor sich hin.

„Hey, was haben wir denn da?“ Rotes, langes Haar wirbelte durch die Luft, als das Mädchen sich umdrehte. Mit angsterfülltem Blick versuchte sie einen Schritt zurückzuweichen, doch der feste Griff um ihren Arm hinderte sie daran. „Nicht so schnell, meine Schöne. Wir wollen uns doch erstmal besser kennen lernen."

Alkoholdurchtränkter Atem streifte ihre Wange. „Nein.“ Angewidert versuchte sie den Kopf zur Seite zu drehen, um den wulstigen, feuchten Lippen auszuweichen, aber ohne Erfolg. Ein zweiter Mann tauchte neben ihr auf und versperrte ihr den Weg. „Na, meine Kleine! So allein hier nachts auf der Straße?“

Der erste Mann hielt sie fest, als der zweite auf sie zu kam und ihr die Worte entgegen hauchte. Der Gestank war widerlich und sie verzog die Nase. „Gefalle ich dir nicht, du kleine Hure?“

Der erste Mann stimmte in das Lachen des zweiten mit ein und sie wurde unsanft in die Dunkelheit gezogen, weg vom Licht der Straßenlaterne und der Möglichkeit, dass jemand sie sehen könnte. Sie wollte sich nicht kampflos dem versoffenen Pack überlassen, so oft schon hatte ihre Mum aus der Zeitung von vergewaltigten Mädchen vorgelesen und immer wieder hatte das Mädchen sie ausgelacht. So etwas würde ihr nie passieren.

Das Mädchen boxte dem Mann, der ihr am nächsten stand, mit dem Ellbogen in die Seite. Dieser wich zurück, doch sie konnte ihren Triumph nicht feiern, denn sie hatte den anderen nicht bedacht. Dieser stand immer noch vor ihr und warf ihr einen bösen Blick zu: „Sei ruhig, Schlampe! Dann lassen wir dich am Leben!“ Der Mann kam näher und presste seine rauen Lippen auf ihren Mund. Er ließ abrupt von ihr ab, als sie ihn in die Lippe biss, holte aber mit der Hand aus und ließ sie hart auf ihre linke Wange sausen. Ihr Kopf flog nach rechts und ihr wurde schwindelig.

Der erste Mann hatte sich inzwischen erholt und hielt das Mädchen wieder fest. Sein Kompagnon trat vor sie, griff ihr an den Kragen ihrer Bluse und zerriss diese.

Die kühle Luft ließ das Mädchen noch mehr erschaudern und es war keine Spur von ihrer Selbstsicherheit mehr vorhanden. Sie konnte sich körperlich nicht gegen die beiden wehren und so gab es nur noch diesen einen Strohhalm, an den sie sich klammern konnte.

„HHHIIILLLFFFFEEEEE!“

Gerade rechtzeitig, bevor die Männer dem Mädchen noch weiteres antun konnten, schossen Max und Kyle hinter einem Gebüsch hervor und Kyle schlug dem einem der Männer zielgenau ins Gesicht. Dieser taumelte rückwärts und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Nase: „Scheiße!“, murmelte dieser und Tränen rannen seine Wangen hinunter.

Max hatte währenddessen dem ersten Mann das Mädchen entrissen und sie etwas unsanft zur Seite geschubst. Er holte zum Schlag aus und vergrub seine Faust im Bauch seines Gegners. Dieser versuchte mit einer Hand Max zu ergreifen, während er sich krümmte und den Bauch hielt. Max sprang einen Schritt zurück und entwich dieser.

Sofort blickte sich Max nach dem Mädchen um. Sie lag wenige Meter auf dem Gehweg vom Schauplatz entfernt. Er musterte sie scharf. Er konnte keine äußerlichen Verletzungen wahrnehmen und so drehte er sich nach Kyle um. Dieser wurde gerade attackiert, doch Kyle schlug dem Angreifer mit seiner rechten Faust gegen das Kinn und der Mann fiel. Im letzten Moment konnte er noch ein Stück von Kyles Pulli erfassen. Bei der Gegenwehr von Kyle zerriss der Pulli und der Mann fiel endgültig um.

Max vernahm ein Schnaufen hinter sich und drehte sich um. Der Mann starrte ihn mit großen Augen an. Schnell rappelte er sich auf und verschwand im Schatten der Kirche. Der andere kroch auf allen Vieren davon.

Kyle warf ihnen ein selbstzufriedenes Grinsen hinterher: „Sagt ruhig weiter, dass die Space-Heroes in der Stadt sind!“ Er lachte laut auf und wurde unsanft von einer Hand weggezerrt.

„Spinnst du Kyle? Das war wohl gerade ein wenig zu auffällig! Space-Heroes? Das FBI hat sich nicht zur Ruhe gesetzt.“

Kyle warf Max einen entschuldigenden Blick zu und dieser ließ von ihm ab.

Suchend blickten sie sich nach dem Mädchen um, doch sie war nicht mehr da. In der Ferne sah man eine Gestalt laufen. Sie schien vor ihnen geflüchtet zu sein. “Also dankbar sind sie ja nicht gerade!“, maulte Kyle und drehte sich um, alles in ihm wollte wieder nach Hause.

Max drängte ebenfalls zur Eile und sie rannten mehr zu ihrer Unterkunft, als dass sie joggten. Kyle erinnerte sich auf dem Rückweg zufrieden an die Debatte, als sie beschlossen hatten, dass sie anderen Menschen helfen wollten.


Im Nirgendwo hielt ein kleiner Van an und von außen vernahm man besorgtes Gemurmel. Ein junger dunkelhaariger Mann stieg aus und half einer Frau, gleichermaßen dunkelhaarig, aus dem Wagen. Sie begaben sich ein Stück weiter, wo sie sich übergab.

Es erschienen noch 4 weitere Personen aus dem Bus und blickten allesamt besorgt zu der Frau, außer ein junger Mann, er hatte eine Blondine im Arm und beschäftigte sich mit der Umgebung.

„Hey, Max, so geht das nicht weiter!“, brüllte Maria vom Van aus und löste sich aus Michaels Umarmung. Sie trat einen Schritt in Richtung Max und Liz.

„Ich weiß! Doch was sollen wir machen?“, fragte er zurück. Er hatte Liz in den Arm genommen und schleppte sie sicher zurück zum Van.

Sie setzte sich in die Tür und stierte auf den Boden. Die anderen beobachteten sie einen Moment schweigend.

„Ich bin dafür, dass wir dem besagten Mädchen helfen!“, nahm Kyle das Wort auf und blickte in die Runde. Isabel nickte leicht, Max und Michael dagegen schüttelten energisch den Kopf und Maria und Liz nickten ebenfalls.

„Es ist viel zu gefährlich, Kyle! Das FBI wird die Spur verfolgen. Wir erregen damit viel zu viel Aufmerksamkeit!“, meinte Max bestimmt.

„Max, wir tun etwas Gutes! Wir helfen! Ist es nicht das, was du immer wolltest? Menschen helfen?! Die Visionen müssen doch einen Grund haben“, ergriff Isabel das Wort und schaute ihren Bruder scharf an.

Doch dieser schien für kein Argument offen und schüttelte weiterhin den Kopf. „Keiner soll im weißen Raum enden! Niemand!“, sagte er etwas zu laut und die Mädchen schraken zusammen.

„Ich gebe Maxwell Recht! Vergesst es! Es erregt zu viel Aufmerksamkeit! Ich habe keinen Bock, den Rest meines Lebens auf der Flucht zu verbringen und noch jemanden dabei zu verlieren!“ Michael blickte bei den Worten Maria in die Augen und sie verstand seine Angst. Sie ging wieder den Schritt zu ihm zurück und nahm ihn in den Arm. Bestimmt drückte Michael Maria an sich und atmete ihren Duft ein. Dieser beruhigte ihn und so verhinderte sie unwissend die Explosion eines nahe gelegenen Steinhaufens.

„Lass uns abstimmen, wie wir es auch schon bei Tess getan haben. Da wir aber 6 Leute sind, hoffe ich mal wir sind in der Überzahl“, meinte Liz ruhig und alle blickten sie an. Sie schaute hoch und in ihren Augen war weiterhin der Schmerz von der letzten Vision zu sehen.

Dieser Anblick ließ Max` Herz schmerzhaft zusammen zucken und sein Blick wurde traurig. „Okay! Ich stimme dagegen! Wir helfen den Leuten aus deiner Vision nicht!“, fing Max an und Michael nickte: „Ich schließe mich Maxwell an!“

„Ich halte im Notfall immer zu meinem Bruder und bin deshalb auch fast mit ihm nach Antar geflogen, obwohl ich mich auf der Erde zu Hause fühle. Doch ich möchte ebenfalls helfen. Ich möchte in diesem Leben Gutes tun! Irgendwie fühle ich mich an Alex` Tod mitschuldig und ich möchte dadurch etwas gut machen. Also, ich stimme dafür!“ Bei den letzten Worten wurde ihr Blick glasig und Michael spürte ihre Verkrampfung. Er löste sich kurz von Maria und gab Isabel einen sanften Kuss, der sie wieder sichtlich entspannte.

„Ich möchte auch helfen! Ich bin dafür!“, sagte Maria mit etwas zu hoher Stimme.

Liz nickte und murmelte ein: „Ja ich auch!“ Alle Blicke fielen jetzt auf Kyle.

„Was meinst du, Kyle?“, fragte Isabel ihn neben sich und er erwachte aus der Erstarrung. „Die Visionen haben einen Grund! Ich bin dafür, dass wir helfen!“

Max atmete schwer aus und blickte jeden nochmals an, bevor er sagte: „Also 4 dafür und 2 dagegen. Wir werden diesem Mädchen aus Liz` letzter Vision helfen und auch anderen, wenn sie welche benötigen!“

Alle nickten leicht, außer Michael, der wütend Maria los ließ und sich entfernte. Dort stieß er wütend gegen einen Stein, der noch im Flug explodierte.

„Michael!“, ertönte es scharf hinter ihm, als er sich umdrehte. Max warf ihm einen warnenden Blick zu.

„Lass uns einsteigen und weiter fahren. Ich habe Hunger!“, murmelte Michael nur.

„Du hast immer Hunger, Spaceboy!“ Maria nahm seine Hand und zog ihn mit sich auf die Rückbank.


„Es ist und bleibt gefährlich.“ Unbehaglich zupfte Max an seinem Kragen.

„Das haben wir bereits geklärt, El Presidente. Darum ja die Abstimmung.“ Kyle schüttelte frustriert den Kopf. Selbst jetzt, Wochen später, schien das Thema noch nicht vom Tisch zu sein. „Selbst Isabel war dafür.“

„Ich sag ja nicht, dass es falsch ist, es ist einfach …“ Sein Blick fiel auf das Haus und er kniff die Augen zusammen. „Wieso ist alles dunkel?“ Vorsichtig um sich schauend, bewegten sie sich auf das Haus zu.

Als sie dort angekommen waren, drückte Kyle Schulter zuckend die Tür auf und blieb stehen. „Scheint so, als würden die beiden schlafen.“ Er trat einen Schritt zur Seite und ermöglichte Max somit einen Blick auf das merkwürdige Bild zu werfen.

Liz lag immer noch auf der Couch und schlief, Isabel auf dem Boden davor, ihre Augen geschlossen. Sie hielt eine Hand der zierlichen Brünetten.

„Ist der Boden nicht etwas zu unbequem, um darauf zu schlafen?“ Kyle sah Max fragend an. „Vielleicht sollten wir sie in ihr Zimmer bringen.“

Nickend ging Max zu ihnen und kniete sich neben seine Schwester. „Isabel?“ Als sie nicht reagierte, löste er vorsichtig die Hände der beiden voneinander.

„Musste das sein?“ Die gezischten Worte ließen ihn zurückfahren und unsanft auf seinem Po landen. „Ich hatte sie gerade erreicht.“

„Ruhig, Prinzessin.“ Kyle zog sie auf die Beine und half ihr, sich auf einen Sessel zu setzen.

Stöhnend rieb Isabel sich ihren Rücken. „Ein Teppich wäre hier nicht schlecht. Der Boden ist ziemlich hart.“

„Wenn du nicht allein schlafen willst, brauchst du es nur zu sagen.“ Gespielt anzüglich zwinkerte Kyle ihr zu. „Ich wärm dir gern das Bett.“

„Furchtbar witzig.“ Wütend funkelte Isabel ihn an. „Sie ist nicht aufgewacht seit ihr gegangen seid. Ich hab mir Sorgen gemacht und wollte wissen was los ist.“

Jegliches Lächeln war aus Kyles Gesicht verschwunden. „Sie ist nicht aufgewacht?“ Besorgt schaute er zu Liz. „Du meinst, sie schläft seit wir weg sind?“

„Nein. Ich meine, sie ist einfach zusammengeklappt. Sie hat sich hingesetzt und ich war nur kurz in der Küche, um ihr ein Glas Wasser zu holen.“ Ihr Blick wanderte zu dem kleinen halb getrockneten Fleck vor der Küchentür. „Als ich wieder raus kam, klappte sie förmlich in sich zusammen und kippte vorn über.

Ich hab das Glas fallen lassen und konnte sie gerade noch auffangen.“ Ihr Blick wanderte zu Max, der sich auf die Couch gesetzt hatte und besorgt seine Frau musterte. „Ich hab versucht, sie zu wecken, aber sie ist nicht wieder zu sich gekommen.“

„Und was genau hast du da gemacht? Ich glaube kaum, dass es ihr hilft, wenn du dir eine Erkältung einfängst.“ Kyle sah sie strafend an.

„Ich dachte, dass vielleicht ihre Träume etwas Aufschluss geben, aber …“ Hilflos zuckte sie mit den Schultern. „Es war alles so durcheinander.“ Sie kniff die Augen zusammen und versuchte das Chaos in ihrem Kopf zu sortieren. „Und irgendwie merkwürdig.“

Wieder ging ihr Blick zu Max. „Ich habe Alex gesehen und er sah wütend aus und machte ihr Vorwürfe, dass es ihre Schuld sei, dass er tot ist.“ Sie atmete tief durch und richtete ihren Blick auf die Tür. „Michael lag in deinen Armen. Er war tot und du hast versucht ihn zu heilen, aber es ging nicht.“

„Wo warst du?“ Kyle musterte besorgt das blasse Gesicht. „Kannst du das zeitlich einordnen? Irgendein Anhaltspunkt, wann das geschehen könnte?“

Erschöpft schüttelte Isabel den Kopf. Ihr ängstlicher Blick wanderte zu Max. „Denkst du, dass das eine Vision war? Werden wir so sterben?“ Ein leises Schluchzen löste sich von ihren Lippen. „Ich will nicht allein sterben. Es war so dunkel und kalt und feucht.“

Sanft legte Kyle ihr den Arm um die Schultern und zog sie an sich. Ein Verdacht regte sich in ihm und für einen Moment zog er in Betracht, über den merkwürdigen Vorfall von vor zwei Jahren zu reden. Doch was konnte er darüber erzählen? Nichts … nichts was wirklich einen Sinn ergab. „Was machen wir jetzt?“

„Vielleicht etwas Tee? Wir könnten alle einen gebrauchen.“ Max sah Kyle bittend an. „Könntest du?“

„Sicher.“ Da er Isabel nicht allein lassen wollte, zog er sie auf die Füße und nahm sie mit in die Küche. Er versicherte sich, dass sie ordentlich saß, bevor er Wasser in einen Topf füllte und ihn auf den Herd setzte.

„Da war noch mehr.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber in dieser Stille wirkte es wie ein Schrei. Mit zusammengekniffenen Augen sah er die Blondine an. „Blutroter Himmel, die Erde war aufgewühlt und erinnerte eher an eine Mondlandschaft, als an einen bewohnten Planeten. Überall lagen Leichen und es roch nach verbranntem Fleisch.“

Ein kalter Ausdruck erschien in ihren Augen, als hätte sie jedes Gefühl abgestellt. „Es sah aus wie der Weltuntergang.“ Ihr Blick wanderte zu Kyle. „Liz ist völlig aus dem Gleichgewicht, aber wieso tendiert das in derart dunkle Abgründe? Wieso träumt sie solche Dinge?“

„Hältst du es für einen Traum oder eine Vision?“ Kyle drehte ihr den Rücken zu und nahm drei Tassen aus dem Schrank.

„Einen Traum.“ Bedrückt schaute Isabel auf ihre Hände. „Sie versucht etwas zu verarbeiten und wahrscheinlich sind diese Visionen dran schuld, dass sie es nur dann machen kann, wenn sie schläft.“

„Woher willst du das wissen?“ Kyle reichte ihr eine Tasse dampfenden Tee. „Vielleicht suchen die Vorahnungen sie schon im Schlaf heim."

Entschlossen schüttelte sie den Kopf. "Ich kenne das. Als ich klein war ... bevor wir sprechen konnten und uns über das austauschen konnten, was wir erlebt hatten, hab ich immer und immer wieder von Krach und hellem Licht geträumt."

"Ich auch." Max rieb sich müde über sein Gesicht und ließ sich auf den Stuhl neben seiner Schwester sinken. "Allerdings kann ich mich nur an Gefühle erinnern. Panik und Angst." Sein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her. "Was ist los?"

Kyle stellte vor Max eine Tasse auf den Tisch und bezog wieder seinen Platz an der Anrichte. "Ich denke, Liz muss etwas für ihr seelisches Gleichgewicht tun. Vielleicht sollte ich ihr zeigen, wie man meditiert."

"Noch ein Buddhist?" Spöttisch lächelnd nahm Max einen Schluck aus seiner Tasse. "Ich halte das für keine gute Idee."

"Ich schon." Isabel sah ihren Bruder eingehend an. "Das war beängstigend. Sie ist völlig durcheinander. Etwas spiritueller Einklang würde ihr vielleicht helfen."

Schulter zuckend stieß Kyle sich ab und ging zur Tür. "Es sollte ihre Entscheidung sein. Ich kann sie zu nichts zwingen und du kannst es ihr nicht verbieten. Sie soll lediglich einen Weg finden, ihren Mittelpunkt wieder zu finden. Vielleicht geht es ihr danach besser." Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ er den Raum.

Isabel sah ihm nach, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. "Er hat Recht, Max. Im Moment ist ihr Kopf ein beängstigender Platz. Etwas Klarheit würde helfen." Sie stand auf. "Wir sollten morgen mit ihr reden. Ich hab das Gefühl, dass da mehr dahinter steckt."

"Isabel, ich ..." Hilflos sah er seine Schwester an.

"Ich weiß. Es ist nicht leicht, aber für Liz ist es vielleicht die letzte Hoffnung." Ihr Blick viel auf die zierliche Brünette. "Nimm deine Frau und geh ins Bett. Heute können wir nichts mehr machen."

Mit einem tiefen Seufzer erhob sich Max und folgte der Aufforderung seiner Schwester. Im Wohnzimmer angekommen, hob er Liz vorsichtig auf seine Arme und trug sie die Stufen hinauf in die Etage, in der die Schlafzimmer lagen. Er entkleidete sie sorgfältig, legte sie in die Mitte des Bettes und deckte sie zu, bevor er sich selbst für die Nacht fertig machte.

Ein leises Seufzen entwich ihren Lippen, als er sich neben sie unter die Decke kuschelte und ihren warmen Körper an sich zog. Der sanfte Duft nach Lavendel stieg von ihrem Haar auf und erinnerte ihn an die erste Nacht ihrer Ehe, wo er mit ihr in seinen Armen eingeschlafen war ... ihre Hochzeitsnacht.

*****

Die Nacht für Liz war aufreibend gewesen. Die Kopfschmerzen und die Visionen quälten sie unendlich. Als der Morgen graute hatte sie es nicht mal in Erwägung gezogen, aufzustehen, aber sie hatte es geschafft, allein Max zuliebe. Wenn sie nur daran dachte, was sie nun ihm, nein, allen eröffnen musste, dann würde sie am liebsten im Boden versinken. Aber blieb ihr eine Wahl? Innerlich zog sie jede Möglichkeit in Betracht, doch mit einem Blick auf Isabel war ihr bewusst, dass es kein Geheimnis mehr war, dass nur sie und Maria teilten. Isabel war in ihren Träumen gewesen und wusste Bescheid.

Alle saßen sie nun in der geräumigen Küche, Maria, Michael, Kyle, Isabel und Max, neben beziehungsweise ihr gegenüber. Inzwischen war Liz es gewohnt, dass alle sie mit Samthandschuhen anfassten, aber dieses Mal half es ihr nicht weiter. Konzentriert wandte sie sich dem heißen Gebräu zu, was gemeinhin Kaffee genannt wurde, dank Kyles außergewöhnlichen Kochkünsten jedoch höchstens für das Spülbecken tauglich war. Als sie daran nippte, verzog sie das Gesicht.

"Also so schlimm ist er nun wirklich nicht!", entrüstete sich Kyle empört, hustete aber selbst nach dem ersten Schluck.

"Wenn dein Kaffee niemanden umbringt, grenzt das an ein Weltwunder!" Maria schob ihre Tasse entschieden in die Mitte des Tisches. Niemand würde sie dazu bringen, es freiwillig zu trinken.

"Ich würde damit keinen umbringen wollen, ich befolge die Lehren Buddhas, das solltest du mittlerweile verinnerlicht haben."

"Wer es noch nicht wissen sollte, nach den endlosen Vorträgen, die du uns mittlerweile gehalten hast, Kyle, jetzt wissen es spätestens alle. Aber das interessiert mich jetzt nicht besonders. Ich will wissen, was Liz gestern in ihren Träumen gesehen hat!" Michael lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fixierte Liz.

"Ein Holzhammer ist nichts gegen dich, Spaceboy!" Maria zog eine gekonnte Schnute.

"Mich interessiert, warum Isabel und ich dran glauben müssen!", beharrte Michael und verschränkte seine Arme.

Isabel schaute wie alle anderen auf Liz. Sie war unfreiwillig Mitwisserin des Geheimnisses geworden und konnte sich nach der Nacht ein Bild um die Geschehnisse mit Max, Kyle und Tess in Zusammenhang mit Future-Max machen und sie war aufgebracht darüber. Aufgebracht, weil sie ihn verschwiegen hatte. Dass sie es getan hatte, um die Welt zu retten, war zwar in Isabels Augen löblich, aber Vertrauen wäre besser gewesen. Sie musste es wissen, nachdem sie Jesse monatelang belogen hatte. Es führte zu nichts, außer zu Problemen und davon hatten sie schon unendlich viele. Es ging sie alle an, Michael und sie besonders und Liz hatte sie wissentlich übergangen.

Liz überhörte die Frage, wenn es denn eine war. Sie klang eher wie ein Befehl und Michael war geübt darin, Befehle zu geben, er versuchte es täglich aufs Neue. Sie zeichnete mit ihrem Zeigefinger das hässliche, verblasste Blumenmuster auf der verschnörkelten Porzellantasse nach. Dabei versuchte sie bewusst ihre Finger ruhig zu halten. Sie registrierte die Spannung, die im Raum wie ein Nebelschwaden daher zog, beinahe körperlich und selbst Max, der scheinbar ruhig auf seinem Stuhl saß, konnte sich kaum bezähmen.

“Aber er weiß ja nicht, was ich getan habe, ich will es ihm nicht sagen!“ Liz bedeckte ihre Augen kurz mit ihrer Hand. Sie fühlte sich so elend wie sie aussah. Strähniges kurzes Haar, der ehemalige Glanz darin war völlig verflogen, ebenso wie in ihren Augen. Sie sah müde und aufgebraucht aus.

Michael riss sie aus den traurigen Gedanken. "Spuck´s schon aus, Liz!"

"Nein!" Es kam schwach aus ihrem Mund und sie vermied es, jemanden anzusehen.

"Vielleicht ist es wichtig! Wir müssen es wissen!" Max versuchte es zaghaft, es tat ihm weh, sie so zu sehen, körperlich am Ende und ihrer Nerven beraubt.

"Mein Gott, ihr seht doch, wie sehr sie es mitnimmt. Warum lasst ihr ihr nicht Zeit?" Maria stand abrupt auf und ihr Stuhl kratzte über den gelben Linoleumboden. Das Geräusch ließ Liz gequält aufblicken.

"Setz dich, Maria!" Michael zog sie am Arm wieder auf ihren Stuhl, grober als beabsichtigt, doch Maria folgte entnervt.

"Sei achtsam mit dir selbst. Sei achtsam mit anderen." Kyles Worte wurden entweder übergangen oder mit einem Augenrollen beantwortet, nur Michael fluchte drohend: "Wir können ja mal sehen, wie das ist, wenn ich dich so achte, wie mich selbst ...!"

"Schluss jetzt." Max wandte sich wieder seiner Frau zu. "Niemand will dich drängen, Liz, aber es ist nicht ganz unwesentlich, was du in deinen Visionen oder Träumen siehst, das weißt du. Ich wünschte, du hättest sie nicht oder ich könnte sie dir nehmen, damit du ruhiger leben kannst, aber ich kann es nicht und von daher bleibt uns nicht viel."

"Nein, es war nicht wichtig, es gehört der Vergangenheit an!" Liz schüttelte zaghaft den Kopf, die Kopfschmerzen hatten eine neue Dimension angenommen, welches sie dem momentanen Stress zuschob.

"Wenn du es nicht sagst, werde ich es tun!" Isabels Stimme war leise, doch standhaft und Liz blickte auf. Ihre Augen suchten die von Isabel, doch sie erkannte darin nur Unverständnis, gepaart mit sorgsam gezügelter Wut. Sie hatte sich mehr erhofft und fragte sich unwillkürlich, auf wessen Hilfe sie noch bauen konnte, wenn sie um ihr Geheimnis wussten - alle sicher nicht, vielleicht nur Maria, da sie schon früher eingeweiht worden war.

Sie traf ihre Entscheidung und im hintersten Blickwinkel ihres Gehirns gruben sich die Erinnerungen aus, die tags zuvor ihre Träume heimgesucht hatten.

Sie erinnerte sich noch genau an diesen Tag und ihre Augen verklärten sich sichtlich. Sie war glücklich gewesen. Maria und Liz waren von der Wahrsagerin heimgekehrt, die ihr offenbart hatte, dass sie in absehbarer Zukunft heiraten würde. Glücklich vor sich hinsinnierend, mit einem Schleier auf dem Kopf, hatte sie über ihre Zukunft nachgedacht und ...

Michaels Stimme riss sie aus ihrem Tagtraum.

"Schaffen wir´s noch?"

"Reiß dich zusammen!" Max` Stimme hatte einen warnenden Unterton angenommen. "Liz?"

Es war eine Aufforderung, der sie nachging.

"Ein paar Monate vor Alex` Tod bekam ich abends Besuch. Ich ..." Ihre Stimme stockte und sie zwang sich einen Schluck vom spülwasserähnlichen Kaffee zu schlucken. Max strich beruhigend über ihren Oberschenkel und streifte sie mit einem warmen, beruhigenden Blick.

"Ob er das auch noch tut, wenn er weiß, um was es geht?" Liz wischte die Frage im Kopf wie eine lästige kleine Fliege beiseite und setzte ihren Bericht fort.

"Max, du hast mir doch an einem Abend ein Ständchen gebracht, du erinnerst dich doch sicherlich?" Sie beachtete sein kurzes Nicken. Er verstand nicht, worauf sie hinauswollte, sie sah es an seinem verwirrten Blick.

"Ich war an dem Abend nicht allein auf dem Balkon. Es war jemand bei mir. Du warst bei mir."

"Liz, klar, ich stand ja unten." Max lachte leicht nervös, immer noch nach einer Erklärung hinter ihren Worten suchend.

"Ja und nein. Du standest unten und bei mir oben. Du bist aus der Zukunft zu mir gekommen."

"Was erzählst du da?" Max wollte es nicht glauben.

"Es stimmt, Max. Du bist zu mir gekommen und hast mir erzählt, dass Michael und Isabel sterben werden. Du hast sie in deinen Armen gehalten, als es passierte. Es war schrecklich."

"Ich verstehe nicht. Wie kann ich aus der Zukunft gekommen sein?"

Seine Frage verhallte ungehört, alle fuhren erschreckt auf. Ein penetrantes Geräusch ertönte immer wieder, bis sich Kyle bewusst wurde, dass es sich dabei um „La cu caracha“ handelte, seine eingespeicherte Handymelodie.

"Ich muss die Melodie ändern!", kam ihm in den Sinn, bevor er aufstand und ins Wohnzimmer eilte, um das Gespräch anzunehmen, gefolgt von Isabel, Michael und Maria. Nur Max und Liz blieben zurück.


"Ich glaube das nicht. Wieso erzählst du es mir erst jetzt?" Unter der Oberfläche von Max Gefühlen sprudelte es hoch und es interessierte ihn keinen Deut, wer am anderen Ende von Kyles Handy war. Das Einzige, was ihn bewegte, war, dass seine Frau ihm etwas Bedeutsames verschwiegen hatte.

"Weil du es mir verboten hattest. Ich meine natürlich du aus der Zukunft."

"Und was hat er dir noch alles erzählt?" Max sprach von sich absichtlich in der 3. Person, er war noch nicht überzeugt, doch er wurde es mit den nächsten Worten, die aus ihrem Mund kamen.

"Die einzige Möglichkeit, die Welt vor den Skins zu retten, bestand darin, die königlichen Vier zu erhalten. Da wir beide uns aber liebten und Tess außerdem keine reelle Möglichkeit erhielt, in unserer Gruppe zu sein, würdet ihr auseinander brechen und somit auch die Welt zerstört werden. Du hast mich faktisch dazu überredet, dass wir uns trennen sollten, damit ich dich mit Tess zusammenbringen konnte. Das habe ich getan. Ich liebte dich, aber ich musste es tun!" Sie schaute ihn mit großen Augen an, sie waren mit banger Hoffnung gefüllt, die ihr im Nu zerstört wurden.

Max blickte sie an, ihm kamen die Bilder in den Sinn, von ihm und Tess, von Liz` Trennung und die inszenierte Bettszene mit Kyle. Er schluckte die verbitterten Worte herunter und zog sich für einen Moment in sich zurück, um sie dann mit leisen, aber harten Worten zu beschuldigen.

"Liz, ich erinnere mich, dass wir sehr verliebt waren. Es war eine sehr schöne Zeit und ich habe nie verstanden, warum du das damals getan hast. Warum hast du kein Vertrauen zu mir gehabt? Ich habe dir vertraut! Du mir nicht!"


In der Zwischenzeit hatte Kyle das Gespräch angenommen.

"Ja?"

"Kyle?" Die Stimme klang sehnsuchtsvoll und sehr bekannt.

"Dad!" Kyle wusste nicht, was er sagen sollte, so schön war es, die Stimme seines Vaters zu hören. Es war der Augenblick und es bedeutete ihm mehr, als er jemals würde sagen können.

"Kyle, mein Gott, es ist wunderbar, dich zu hören. Geht es dir gut? Sind die anderen auch in Ordnung?"

"Ja, ja, uns geht es gut, dir auch? Was gibt es neues in Roswell?" Kyle war begierig, mal etwas Normales zu hören und kein Aliengerede, kein „wohin sollen wir nun flüchten“ und „welchen Job muss man nun annehmen“ und Gott und die Welt belügen.

Das warme Gefühl bei der Stimme seines Vaters löste die Erinnerungen aus, die er gerne annahm. Er dachte an die Thanksgiving Tage, die sie in den Jahren zuvor gemeinsam verbracht hatten oder auch Weihnachten oder auch nur einfache Mahlzeiten. Er wünschte sich, er wäre wieder daheim, um den Geruch seines Zuhauses zu riechen, um mit seinem Vater ein Footballspiel zu sehen. Doch daraus würde nichts werden, das machten ihm die nächsten Worte seines Vaters klar.

"Es ist jetzt sehr wichtig, Kyle, dass du mir zuhörst. Sie wissen, wo ihr seid. Das FBI hat durch irgendwelche Zufälle und Zeugenberichte erfahren, wo ihr euch aufhaltet. Ihr solltet ganz schnell verschwinden! Beeilt euch!"

Kyle wurde blass und den anderen wurde mulmig bei dem Anblick. Sie ahnten nicht, worum es ging, aber das es etwas Schlimmes war, das war ihnen klar. Kyle beendete das Gespräch und versicherte vorher seinem Vater, dass sie aufpassen würden, als es an der Tür klopfte. Niemand kam dazu, eine Frage zu stellen und auch Kyle war einfach nur sprachlos und verängstigt und noch bevor er Max warnen konnte, war dieser an der Tür und öffnete sie.